Jugendarbeit

Vor langer Zeit, als ich noch in der Krippe mit den herzallerliebsten Kollegen arbeitete und mehr oder weniger erfolgreich kleine Kinder hütete, Windeln wechselte und versuchte, 3jährigen auf ungefähr 10 verschiedene Arten das Wort „Orange“ näherzubringen – Die Orange ROLLT. Die Orange ist ORANGE. Die Orange fühlt sich WEICH an. Die Orange SCHMECKT SÜß etc.  – da fand ich diese Arbeit unglaublich erfüllend. Nicht zuletzt deswegen fing ich auch noch einmal an, zu studieren und habe diesen Entschluss bekanntermaßen nie bereut. Irgendwann zu dieser Zeit führte ich ein interessantes Gespräch mit einer Erzieherin dort. Aus irgendwelchen Gründen kamen wir auf Jugendliche zu sprechen und ich sagte zu ihr, dass ich das Gefühl hätte, ich könne niemals und NEVER EVER mit Jugendlichen arbeiten. Zu laut, zu anstrengend, zu rebellisch, zu verschwörbelt, zu störrisch, zu ungezügelt, zu sehr heute-so-und-morgen-doch-wieder-so, zu sehr in ihrem eigenen Kosmos, zu… Vermutlich hat das auch etwas mit meiner Vergangenheit zu tun, ich bin in der Schule auch bisweilen gemobbt worden, aber nein, das könnte ich nicht, never ever. Andere vielleicht, denen viel Spaß auch, aber ich nicht.

Die Kollegin pflichtete mir dann bei, sie hätte auch das Gefühl, dass sie das nicht könnte und fügte noch hinzu, sie hätte das Gefühl, dass man für diese Art der Arbeit eine besondere Begabung, Fähigkeit oder was weiss ich bräuchte. Sie hätte das übrigens auch in ihrer Ausbildung gemerkt, da hätte sichunter ihren Mitschülerinnen/ Mitazubis ziemlich klar gezeigt, wer in die Richtung Jugendarbeit geht und wer nicht.

So verblieben wir und lange Zeit war ich dieser Auffassung. Ich bin eher für die Arbeit mit kleinen Kindern geeignet, irgendetwas wo man schöne Spiele spielen, basteln, singen und mit den Kindern die Welt entdecken kann, das wäre es.

Irgendwann einige Jahre später – ich war inzwischen wild entschlossen, wirklich „etwas Soziales“ zu machen und zwar etwas mit kleinen Kindern und Sprache als Idealkombination – fand ich mich durch einen komsichen Zufall in der Hausaufgabenbetreuung einer Hauptschule in einem kleinen hübschen Vorort der großen Stadt wieder und fand dort neben meiner Abneigung gegen Teenies auch alle meine Vorteile bestätigt wieder, Widerworte, ein mehr als rüder Umgangston, ich alleine gegen eine ganze Horde Wildgewordener, es waren ein paar harte Monate bis zu den Sommerferien.. Wobei zu meiner großen Überraschung die wirkliche Härte dabei nicht die pubertierenden 7. und 8. Klässler, sondern die „süßen Kleinen“ aus der 5. und 6. waren, aber die dafür umso heftiger. Besonders hart waren übrigens auch die letzten Wochen vor den Ferien, wo doch eigentlich in der Schule nicht mehr viel läuft, sollte man meinen, aber genau das wurde zum großen Problem, und letztendlich lief wirklich im wortwörtlichen Sinne gar nichts mehr. Es gab auch Erfolgserlebnisse, kleine, die etwas Luft verschafften, aber wie gesagt, es waren ein paar harte Monate.

Auch ungefähr zu derselben Zeit fand ich mich plötzlich in der Teenie-Hölle wieder, einem Wohnprojekt für Jugendliche. Zwei 17- bis 19jährige, 24/ 7 unter meiner Aufsicht. Eigentlich so gar nicht meine Altersgruppe und somit auch absolut nicht meine Baustelle, man erinnere sich nur an das Gespräch mit der Kollegin. Aber ich war eben jung plan- und orientierungslos und brauchte das Geld wollte das mit dem „Sozialen“ einmal ausprobieren. 😉 Also probierte ich es aus. Und wieder erlebte ich mein blaues Wunder, diesmal allerdings in der umgekehrten Richtung: Es lief wunderbarst. Abgesehen von der Tatsache, dass mein mühsam geplantes und mühsam gekochtes Essen regelmäßig den Weg in den Mülleimer fand, da es mit Tiefkühlpizza einfach nicht konkurrieren konnte, hatten wir so gut wie keine Probleme, erstaunlich oft kamen die Jugendlichen sogar von sich aus zu mir um mit mir zu plaudern und schienen mich ehrlich zu mögen. Man bot mir nach kurzer Zeit sogar eine Urlaubsvertretung für einen der festangestellten Mitarbeiter an. Es war anstrengend, aber es war auch eine sehr schöne Zeit und ich war danach durchaus einigermaßen stolz auf mich und auf „meine“ Jugendlichen, die wie ich feststellte in ihrem Herzen doch wirklich feine und anständige Menschen waren, auch wenn sie das nicht immer so zeigen konnten. 😉

Kurze Zeit später durfte ich endlich anfangen zu studieren und entdeckte – ich beschrieb es schon einmal – circa 1.567 ganz neue, ganz spannende Tätigkeitsfelder neben der Arbeit im Kindergarten. Ich schwankte sehr zwischen meinem ursprünglichen Vorhaben und den vielen vielen neuen verlockenden Angeboten, wollte mir aber erstmal alle Wege offenhalten. Und plötzlich war wieder alles ganz ganz anders. Als ich ein Praxisprojekt für Sprachförderung in einem Kindergarten machen durfte, wähnte ich mich bereits am Ziel meiner Träume. endlich durfte ich machen, wovon ich schon SO lange geträumt hatte. Doch das Projekt entwickelte sich irgendwie gar nicht so sehr zum Ziel aller Träume. Es war zwar nett, aber es war auch irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Wir kamen immer als Fremde in die Gruppe, was nach kurzer Zeit dazu führte, dass die Kinder – naturgemäß – ihre Grenzen gnadenlos austesteten und wir vier Studentinnen nach jeder Stunde uns mit hochrotem Kopf anblickten und eigentlich nur froh waren, eingermaßen unser Programm über die Bühne bekommen zu haben. Call it blöder Zufall oder Opfer der Umstände (wir hatten wirklich nur sehr wenig Zeit), aber irgendwie fühlte ich mich danach so gar nicht mehr nach kleinen Kindern. Zu laut, zu störrisch, zu…, Sie wissen schon. Ich war, nun ja, einigermaßen verwirrt.

Durch wieder einen dieser komischen Zufälle kam ich im folgenden Semester zum Jugendknastprojekt bei der Lieblingsdozoentin. Mit viel Neugier, aber auch mit einer gehörigen Portion Herzflattern ging ich zum ersten Mal ins Gefängnis. Und liebte dieses Projekt von der ersten Stunde an. Auch dort habe ich bisher nur nette Jugendliche getroffen, offener und toleranter als mancher Erwachsene.

Dieses Semester ist vorerst das letzte an der Uni, im Herbst steht ein Praxissemester an und ich darf in Vollzeit arbeiten und eine soziale Einrichtung kennenlernen. Seit Freitag habe ich die Zusage für einen Praktikumsplatz in einer Einrichtung für Anti-Aggressions- und Anti-Gewalt-Training für Jugendliche. Ich freue mich unglaublich, habe schon eine Menge Vorschusslorbeeren bekommen, dass ich genau geeignet für diese Art der Arbeit wäre, und ich glaube, dass ich dort eine Menge an Fähigkeiten und Kompetenzen lernen kann, die mir früher (siehe Hauptschule…) gefehlt haben. Ich glaube, dass es eine gute Entscheidung war. Das Praktikum bedeutet nicht, dass man sich endgültig für eine Richtung oder ein Arbeitsfeld entscheidet, aber für den Moment fühlt es sich genau richtig an. Und das ist das, was zählt. Ich mag Babys und kleine Kinder natürlich nach wie vor, ich liebe sie und sie können so tolle Dinge, aber vielleicht, ganz vielleicht bin ich doch dieser Typ für die Jugendlichen? Wer weiß es.

Und ebenfalls seit Freitag sitze ich nun hier, erinnere mich sehr lebendig an das Gespräch mit der Kollegin vor vielen Jahren und staune, wie viel inzwischen passiert ist und wie komisch, wie verschwurbelt, wie laut, wie ungezügelt und wie spannend das Leben manchmal so spielt und wo es einen immer wieder plötzlich, einfach so und ohne vorher zu fragen hinverschlägt.

Look how far you’ve come.

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Ein Gedanke zu „Jugendarbeit“

  1. Das klingt doch wunderbar ! So weit wäre ich auch gerne mal mit meinen Überlegungen bzw. hätte auch gerne mal das Gefühl, daß sich alles richtig anfühlt.
    Noch habe ich nicht wirklich einen Plan, wie es nach den Kindern weitergehen soll, aber vielleicht ergibt es sich ja auch nach und nach wie bei Dir.

    Liebe Grüße vom Land,

    Katrin

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