Ketten-Kuchen 

Es ist Sonntag, 14.45 Uhr. Nach dem Nachtdienst ist ja mitunter auch vor dem Nachtdienst, ich habe bereits gefrühstückt, nachgeschlafen, geputzt und auch mich selber geputzt. Bald. um genauer zu sein in 1,5 Stunden, schon muss ich wieder in die Arbeit, aber so ganz sang- und klanglos möchte ich diesen Tag dann doch nicht verstreichen lassen. Also beschließe ich, mir noch einen Kaffee und Kuchen zu gönnen und fahre in die Stadt, um mic auf die Suche nach einem kleinen hübschen Café zu begegeben.

Wer diesen Blog schon länger liest, weiß vielleicht, dass ich mich bemühe, recht bewusst zu konsumieren, verpackungsarm, regional, fair usw. Ich unterstütze lieber den lokalen Einzelhandel als große Ketten. Es gelingt nicht immer, aber ich versuche es. Ich steige also mit all meinem gepackten Zeug für die Nachtarbeit gegen 15.30 Uhr an einer beliebten Münchner Flaniermeile aus dem Bus, wo ich schon die ganze Fahrt über gegrübelt habe, welches Café denn passen könnte. Doch mein Gehirn ist scheinbar heute schon zu sehr vom Schlafmangel vernebelt, mir fällt nichts ein. Direkt neben der Haltestelle sehe ich ein Café, in dem ich einmal sehr lecker mit einer Freundin frühstücken war, das könnte doch mal wieder…? Die Kuchen sehen auch recht lecker aus. Irgendwie kann ich mich dennoch nicht entschließen dort zu bleiben und beschließe, nochmal ein Stück die Straße entlangzugehen. Als nächstes laufe ich an einer Kaffeehaus-Kette vorbei (nein, nicht die große Amerikanische, da laufe ich sowieso meistens vorbei, weil mir die Kuchen dort noch nicht einmal schmecken.). Ich gehe kurz hinein und betrachte die Auslage, die allerdings gerade gereinigt wird. Hm, das trifft durchaus meinen Geschmack, mir wäre heute nach irgendetwas mit Kalorien, vielen Kalorien und Kalorien gibt es in der Auslage reichlich, aber hm, es ist ja eine Kette. Also eigentlich nicht, eigentlich suche ich ja wirklich so ein kleines, süßes, kuschliges Caféchen. Andererseits, weiter unten die Straße, da wäre ja auch noch ein anderes Café, zwar auch Kette, aber immerhin eine Münchner Kette, das könnte vielleicht? Außerdem ist es direkt bei der Ubahn, ich könnte ruckzuck in die Ubahn springen und zur Arbeit fahren. Also laufe ich ein ganzes Stück weiter die Straße entlang, inzwischen ist es bereits 15.50 Uhr und mir bleiben noch vielleicht 40 Minuten für meinen Kaffee und den Kuchen. Ich komme an einem großen Platz an, doch der Platz ist bei dem schönen Wetter voller Menschen. Auch die Plätze in dem Café sind alle besetzt und ich bin ehrlich gesagt gerade zu müde für Menschen. Bei dem vorigen Café war fast die Hälfte der Tische frei, das kommt mir doch eher entgegen. Allerdings wäre um die Ecke noch ein recht angesehenes großes Münchner Café, die Kuchen dort sind zwar teuer, aber sehr großartig, ich hab da einmal an meinem Geburtstag für die Arbeit Großeinkauf gemacht. Das wäre doch auch mal wieder was… Ich laufe also noch das eine Stückchen, aber das andere Cafe ist genauso viel wie das erste auf dem großen Platz. Entnervt gebe ich auf, inzwischen ist es 16.05 Uhr. Und so laufe ich den ganzen Weg die Straße entlange zurück und…
… verspeise in 20 Minuten meinen Strawberry-Cheesecake in eben jenem Ketten-Café, welches ich vor einer halben Stunde etwa schon einmal betreten habe.

(Jedes Mal. Je. Des. Mal.)

Reinigend

Die Woche hatte es in sich, ich bin derzeit völlig alleine in der Arbeit mit sieben Jungs, weil beide Kolleginnen im Urlaub sind. Und obwohl man meinen könnte, es sei Ferienzeit, wird es nicht merklich ruhiger. Die Stimmung ist seit der missglückten Ferienfahrt auch nicht die beste, dazu ein Fall der mich emotional doch mehr beansprucht als ich gerne zugeben möchte usw. Am Donnerstag frohlockte ich gegen Feierabend und schrieb meiner Mutter: Endlich ein Tag ohne Katastrophen und völlig bescheuerte Diskussionen mit der Klientel. 😉 Dazu immer noch der Opa, der sich im Heim, in der Kurzzeitpflege (sehr zu Recht) zu Tode langweilt und den ich natürlich dort auch nicht so hängen lassen will. Man könnte also sagen, es ist grad ein wenig viel los im Hause Ansku. 

Freitag Abend stand ich mit meiner Mutter auf ihrem Balkon und wir sahen uns das Unwetter an, das über die Stadt hinwegfegte. Es war ein drückender Tag gewesen, ich konnte mich zum Ende der Woche hin wirklich nicht mehr konzentrieren und habe tagsüber in der Arbeit nichts wirklich mehr gerissen. Es war ein zäher letzter Tag einer zähen Woche. Wir standen da und beobachteten die Macht und die Gewalt der Natur und waren einfach nur beeindruckt von diesem Spektakel. Ich habe lange nicht mehr so ein Unwetter gesehen. Am Anfang war es ein wenig Wetterleuchten, ein Höhengewitter, doch die Wolken verdeckten die Blitze und man sah nur ein Leuchten. Dann fing es an zu regnen, erst ganz leise, dann heftiger und dann, mit Einsetzen des Sturmes, in voller Wucht. Alles prasselte, stürmte, tobte. Alles was davor war, war auf einmal vergessen. Alles, all der aufgestaute Stress entlud sich auch in mir und auf einmal war ich ganz ruhig und ganz eins mit dieser Welt, obwohl die Welt da draußen so tobte und stürmte. Die Blitze zuckten im Sekundentakt, wie eine Lightshow, der Sturm fegte über uns hinweg, fegte durch die Bäume, es rauschte, zischte, prasselte. Der Hagel schlug auf das eiserne Balkongeländer ein pling pling pling und wir schrieen und quietschten vor Verzückung wenn wieder ein ganz besonders greller Blitz auf dem tiefschwarzen Himnel aufleuchtete. Abgesehen von den Blitzen, die immer wieder den Himmel taghell erleuchteten, immer wieder vorne, hinten, neben uns aufleuchteten und ein bizarres Spiel aus Licht und Schatten auf das gegenüberliegende Haus warfen, konnte man von der Welt da draußen nur noch wenig erahnen, der Regen und der Hagel warfen einen dichten Schleier auf alles, was weiter als die nächste Häuserreihe war. Aber die Welt da draußen war auch in dem Moment irgendwie nicht mehr so wichtig, denn da gab es etwas, was viel mächtiger war als Stress, Sorgen und Arbeit, mächtiger als ich. Die Kraft der Natur, die sich grade ihren Weg bahnte sich entlud mit allen was ihr zur Verfügung stand. 

Dann wurde es ruhiger, der Sturm ebbte ab, nur noch einzelne Blitze zuckten über den Himmel und der Donner grollte in der Ferne noch eine Weile vor sich hin. Auch ich war ganz ruhig und stand noch lange draußen und genoss die frische, kühle, gereinigte Nachtluft. So fühlte ich mich ebenfalls: Frisch, kühl und gereinigt. Und das war ganz großartig. 

Wer hat es verdient? 

Wir betreuen bei uns einen Jugendlichen, D. D. kenne ich seit eigentlich drei Jahren, er war 2014 zum Clearing in der Einrichtung, in der ich damals arbeitete. Der Zufall wollte es, dass jetzt ich in der Einrichtung arbeite, in der D. wohnt und betreut wird. D. ist in jeder Hinsicht ein ganz außergewöhnlicher Jugendlicher. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich in dreieinhalb Jahren Jugendhilfe sehr selten einen so motivierten und engagierten Jugendlichen wie D. erlebt habe. Er ist immer freundlich, immer ausgeglichen, immer höflich, immer hilfsbereit. Er hat super Noten in der Schule und von fünf bis jetzt absolvierten Praktika fünf Angebote für einen Ausbildungsplatz nach Hause gebracht. In den Pfingstferien, während wir die Jungs antreiben mussten, doch wenigstens ein bisschen für die anstehenden Abschlussptüfungen zu lernen, hat D. in der ersten Woche ein weiteres Praktikum gemacht. In der zweiten Woche saß er, wenn ich morgens um 10 oder 11 Uhr in die Arbeit kam, meistens schon eine Stunde am Schreibtisch und hat gelernt. D. hat sich ein unfassbar großes Netzwerk aus Helfern und Freunden aufgebaut und sogar der Asylanwalt unterstützt ihn/ uns immer noch und ist jederzeit ansprechbar, obwohl seine Aufgabe mit Abweisung der Klage gegen den negativen Asylbescheid schon im Februar längst erledigt gewesen war. Unentgeltlich. Integration wie aus dem Lehrbuch also. 

D. ist im Senegal geboren, ist aber ab dem Alter von vier Jahren bei seinem Vater in Zentralafrika aufgewachsen. Er hat keinerlei Kontakt zu Verwandten im Senegal, er weiß gar nicht ob er welche hat, er weiß noch nicht einmal genau, wo er geboren wurde. Von dort ist er 2014 wegen des Bürgerkrieges mit seinem Vater geflohen, hat den Vater jedoch bei der Flucht verloren. D. hat somit keinen Kontakt mehr zu Verwandten, er weiß nicht einmal ob sein Vater noch lebt. Für ihn ist der Senegal ein fremdes Land, er spricht die Sprache nicht und weiss noch nicht einmal wo genau er geboren wurde. Dennoch wurde sein Asylgesuch abgelehnt, die Klage ebenfalls abgewiesen. Er ist somit derzeit ausreisepflichtig, obwohl von einem Therapeuten Reiseunfähigkeit attestiert wurde. Eine Ausbildungsduldung wird ihm ebenfalls seit März von den Behörden verweigert. 

Hierbei handelt es sich um eine Gesetzeslücke im Asylgesetz, denn das Asylgesetz berücksichtigt nur Verfolgung im Heimatland oder – wenn der Asylbewerber staatenlos ist – die Verfolgung in dem Land, wo der Asylbewerber zuletzt seinen Aufenthalt hatte. D. ist aber weder im Senegal verfolgt worden, noch ist er staatenlos. Die Variante „Verfolgung in einem Drittstaat“ wird vom Asylgesetz und auch von den Behörden nicht berücksichtigt. Daher haben wir uns – auch auf Rat des Anwaltes – entschlossen in einer Situation, die ziemlich aussichtslos schien, eine Petition an den bayrischen Landtag ins Leben zu rufen, um auf diese Gesetzeslücke aufmerksam zu machen. Und trotz all dieser Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, trotz all dieser Unsicherheit, ist unser D. immer noch so unglaublich engagiert und motiviert, immer freundlich, fröhlich und hilfsbereit, wenn andere Jugendliche – verständlicherweise – längst das Handtuch geworfen hätten und nichts mehr gemacht hätten. Integration wie aus dem Lehrbuch. Immerhin, einen kleinen Erfolg gibt es inzwischen: der Fall von D. wird jetzt eine Behörde „höher“ behandelt und letzte Woche konnten wir für ihn eine Duldung bekommen. Aber dennoch, leider weiß man ja nie, ob Behörden im nächsten Monat nicht wieder komplett anders entscheiden, deshalb bitte ich auch Sie und Euch, liebe Leser, sehr herzlich darum, uns zu unterstützen und die Petition zu unterschreiben und zu teilen

Wenn ich Freunden, Familie und Bekannten von D. erzähle, wenn ich von der Petition erzähle und bitte, zu unterschreiben und weiterzuverbreiten, dann höre ich immer wieder ein: Oh mein Gott, wenn es einer verdient hat, dass er bleiben darf, dann ja wohl der! Gelegentlich kommen dann noch wütende Kommentare über die ganzen Straftäter, die ja alle bleiben dürfen usw. Das hat mich viel zum Nachdenken angeregt. Wer hat unsere Hilfe, unsere soziale Arbeit eigentlich „verdient“? Ich ertappte mich selber bei ähnlichen Gedanken: der D. der hat es einfach verdient, der hat so viel getan und der lässt sich nicht unterkriegen. Hat das etwas zu tun mit Kooperation, also wieder einmal mit Leistung? Hat der Jugendliche, der brav alle meine Anweisungen befolgt, meine Hilfe mehr „verdient“, als der, der sich wiedersetzt und Probleme macht? Oder ist es nicht eher umgekehrt, haben vielleicht sogar die, die rebellieren, den weitaus größeren Bedarf und daher noch mehr unserer Aufmerksamkeit nötig, also irgendwie auch „verdient“? Verdientermaßen? Sehr oft beobachte ich, dass viele Probleme, viele Konflikte auch auf ein hohes Mass an inneren Konflikten hinweisen. Aber andererseits auch: Stille Wasser gründen tief, darüber schrieb ich schon einmal

Ich finde das eine ganz schwierige Kategorie, denn sie ist wieder durchzogen von unserem allgegenwärtigen Leistungsdenken und ich für mich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Jugendlichen, die ich bis jetzt in den dreieinhalb Jahren betreut habe, meine Hilfe allesamt und in exakt dem gleichen Maße „verdient“ haben. Keiner mehr und keiner weniger. Ein „Vorzeigejunge“ wie D. genauso wie der Junge, der einmal eine Riesen-Schlägerei anzettelte mit Polizeieinsatz und allem drum und dran. Der „kleine“ Y. der zu uns kam und eigentlich noch wie ein Kind wirkte, verloren und fremd, genauso wie R., vor dem sogar unser kleinkrimineller I. Angst hatte, weil er aussah wie ein Schrank von einem Mann. Sie alle haben unsere Hilfe gebraucht und brauchen sie, jeder auf seine Weise, und einfach so damit haben sie sie auch verdient. Weil Hilfe nämlich nicht an Leistung gekoppelt ist. 

Das Nest

Manchmal fliegt das Vögelchen von einem Nest zum anderen. Es probiert hier und dort, welches Nest wohl das kuscheligste sei, es zwitschert mit anderen Vogelfreunden, es fühlt sich wohl und denkt zurück an die schönen Zeiten als alle Vögelchen noch zusammen an heißen Sommertagen im Wasser spielten. Eines Tages gab es eine Vogelhochzeit und viele viele Vögel kamen zusammen, neue und alte Bekannte. Das Vögelchen zog weiter, von Nest zu Nest, es tirilierte hier ein wenig und zwitscherte dort etwas. Es freute sich unbändig, die alten Gefährten von früher wiederzusehen und zwitscherte, was seine kleine Vogelkehle hergab. Es war so schön, das Vögelchen hatte seine alten Freunde sehr vermisst. Und es rief seine anderen Vogelfreunde hinzu, damit sie alle zusammen spielen konnten, weil zusammen ist es am schönsten, dachte das Vögelchen. 
Aber irgendetwas war anders als früher und irgendwie war es nicht mehr ganz so unbeschwert mit den Vogelfreunden von früher wie damals. Das Vögelchen fühlte sich etwas merkwürdig und verwirrt. Auch die anderen Vogelfreunde waren verstimmt, weil die alten Vogelfreunde immer so furchtbar laut zwitscherten und mit ihrem Gezwitschere alles übertönten. Sie wollten irgendwann nicht mehr mitspielen, sondern suchten sich ein schattiges Plätzchen an einem kleinen See, wo sie ungestört für sich ihr leises, sehr harmonisches und friedliches Liedchen zwitschern konnten. 

 Und ganz plötzlich wusste ich, in welches Nest ich gehöre. Es macht Spaß, das Nest ab und an zu verlassen und mit den lauten Vogelfreunden um die Wette zu Zirpen und ich habe die alten lauten Vogelfreunde nach wie vor sehr lieb, aber mein Nest ist hier, am ruhigen und friedlichen See. Mit der sanften leisen Melodien aus den Kehlen der liebsten Vogelfreunde. Für die paar Tage der Vogelhochzeit genoss ich dieses Gefühl sehr, zu wissen wohin ich gehöre und zu wissen, dass ich das richtige Nestchen gewählt habe. 

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

Einmal, es war so Ende August letztes oder vorletztes Jahr, hat sich in der Arbeit meine humanistische Schulbildung so richtig bezahlt gemacht. Hätte ich ja auch nicht gedacht, aber nicht für die Schule, sondern fürs Leben…!

Ich war im Nachtdienst, es muss gegen Ende des Sommers gewesen sein, das Übliche: Jugendlicher kommt nicht nach Hause. Also rief ich die Polizei, die Polizei kam, nahm die Vermisstenanzeige auf und schaffte es dann plötzlich doch den Jugendlichen auf dem Handy zu erreichen. Die Beamten fragten den Jugendlichen, wo er sei, doch der Junge sagte, er wisse das selber nicht so genau, Westfriedhof, an irgendeiner Trambahnhaltestelle. Wie denn diese Haltestelle hieße, fragten die Beamten nach. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, es war die Haltestelle „Borstei“. Die Beamten sahen einander fragend an: Wo ist das denn? Noch nie gehört, sagte der eine. Ich auch nicht, keine Ahnung, sagte der andere. 

Oh, sagte ich, da kann ich helfen. Ich war sogar schon mal dort. Die Borstei, ein für Arbeiterfamilien erbautes Wohnquartier mit dem Ziel Arbeit, Wohnen, Einkaufen und Freizeit in Einklang zu bringen. LK Geschichte 2000-2002, sogar mit Exkursion und Besichtigung der Anlage. 

Und die Borstei ist übrigens doch noch ein gutes Stück entfernt vom Westfriedhof. 😉

Abkürzungen

Ich weiss nicht warum, aber ich kann Abkürzungen schon in einem geschriebenen Text nicht ausstehen und ganz schlimm wird es, wenn Abkürzungen in die gesprochene Sprache übergehen. Ganz schlimm zum Beispiel: „Sozpäd“. Muss ich jedes Mal schreien, denn ich bin Sozialpädagogin, nicht irgendein „Szpdgl“ mit zehn Knoten in der Zunge. Oder ein anderes Beispiel, einst in einer Nähanleitunge gelesen „Aplis“ für Applikationen. Überhaupt ist in diesem Handarbeitsuniversum im Netz sehr vieles immer „Strickis“ und sonstige „-i’s“, alles sehr süß und sehr niedlich und für „Mädis“. Meistens hab ich mir schon alle Fingernägel blutig gebissen, bis ich zur gesuchten Anleitung vorgedrungen bin. Oder in der Arbeit von meiner Arbeitskollegin: „ich geh‘ nach Milberts“, wenn sie sagen möchte, dass sie von der Einrichtung im Osten München in unsere Einrichtung in Milbertshofen geht. 

Für mich hört sich das alles immer ein wenig (ähäm) „entwicklungsverzögert“ an, wie Kindersprache unter Erwachsenen und ich wundere mich, warum mensch inzwischen noch nicht einmal mehr die Zeit hat, Dinge korrekt zu benennen. Haben wir noch nicht einmal mehr die Zeit zu sprechen, wenn schon für so viele andere Dinge die Zeit fehlt? Oder ist dieses mädchenhafte, auf süß und niedlich machende? Dabei bin ich in keinster Weise ein sogenannter Sprachpurist, der darauf Wert legen würde, dass immer alles zu jeder Zeit korrekt wäre, aber bei gesprochenen Abkürzungen biegen sich mir jedes Mal sämtliche Zehennägel hoch. Ich weiß wirklich nicht, woher das kommt, aber es ist zum Aus-der-Haut fahren. 

In diesem Sinne: „ha-e-ge-de-el“. 😉 

Ein Tisch voller guter Dinge

So ein Tisch in einer Wohnung verkommt ja meistens zur bloßen Ablagefläche. Man kommt nach Hause, die Tasche entweder in die Ecke gepfeffert oder mal eben schnell auf dem Tisch abgeladen. Küchenutensilien, Papiere, alles wofür man/ frau gerade keine Hand frei hat, alles was „später“ noch zu erledigen ist, wofür man jetzt halt gerade keine Lust hat, es aufzuräumen, landet auf so einem Tisch. War der Tisch morgens noch leer, sauber und aufgeräumt, so ist er spätestens abends keines mehr von dreien. Ich glaube ja, Tische sind heimliche Magneten, nur dass sie nicht nur metallische Dinge anziehen, sondern einfach… alle Dinge. 

Gestern Abend wuselte ich durch die Wohnung, machte mir rasch etwas zu essen und sah nebenbei im Fernsehen „Sing meinen Song“ mit Paddy Kelly. Kindheits-Flashback galore. Auf dem Weg vom Sofa zur Küche fiel mein Blick nebenbei auf den mal wieder viel zu vollen Tisch und ich rollte innerlich mit den Augen und dachte mir, dass es dann wohl schon wieder Zeit wäre das Chaos zu lichten. Also aufzuräumen. 

Dann sah ich nochmal hin. Und nochmal. Und da fiel es mir auf: Auf dem Tisch befanden sich zwar die unterschiedlichsten Dinge, die da nicht hingehören, aber (fast) alle Dinge, die sich auf dem Tisch befanden, hatten etwas gemeinsam: Es sind Dinge, die mich glücklich machen, Hobbyutensilien, Kram der mich erdet und der mich auch in gewisser Weise ausmacht: 

Meine beiden Nähmaschinen, daneben Stoffe und Schnittmuster für nächste Nähprojekte, für die ich nie Zeit habe. Neue Sportswear, Blumen – eine ganz dunkle Pfingstrose die meine Mama extra für mich aufgetrieben hat (!), Kopfhörer für tolle neue Musik, rechts das Brotbackbuch, links gegenüber unter dem Geschirrtuch eine Schüssel mit angesetztem Vorteig für den nächsten Tag und ein Tablett mit Sprossen zum Selberziehen für mein Lieblingsbrot. Ganz am Rand vorne ein Sprachführer, denn ich bin nächste Woche ein paar Tage in Rumänien und seit ich Sprachwissenschaft studiert habe, kann ich nicht mehr in ein Land fahren, ohne mich wenigstens ein Minimum in der Landessprache verständigen zu können. Aus Gründen fühlt sich das für mich sehr komisch an, deshalb kaufe ich meistens vor einer Reise einen kleinen Sprachführer. 

Nähen, Musik, Sport, (Brot) backen, Blumen. All das sind einige der Dinge, die mich derzeit glücklich machen, die mich zur Ruhe kommen lassen und mich als Ansku auch beschreiben, dachte ich. Was für eine schöne Sammlung. Ich stand da und betrachtete den Tisch mit all den Dingen und plötzlich hatte ich es gar nicht mehr so eilig mit Aufräumen.