Tagebuchbloggen November ’17

Nun habe ich schon einige Zeit lang nicht mehr beim Tagebuchbloggen mitgemacht, aber jetzt reizt es mich mal wieder. Frau Brüllen fragt jeden fünften des Monats: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ und recht hat sie damit. Fragt man sich ja selber doch recht häufig.

Mein fünfter beginnt – nimmt man es mit der Uhrzeit sehr genau – um 0:00 Uhr, ich befinde mich im Nachtdienst, strickend und Gilmore Girls sehend. Alles ist ruhig, die Jungs sind in ihren Betten, irgendwann höre ich, wie einer noch im Bad duscht. Es ist die Folge, wo Lorelai und Christopher in Paris spontan heiraten und ich stelle fest, dass seit unserer Rückkehr sämtliche Filme und Serien, die ich ansehe, in Paris spielen und das ist eine große Ungerechtigkeit, hier herrscht nämlich große Paris-Vermisselung. Die Vernunft siegt dann aber doch und auch ich gehe ins Bett. Die Nacht ist ruhig, aber kurz. Ich erwache mal wieder 45 Minuten vor dem Weckerklingeln.

Ich fahre nach Hause, Kaffee an dem Lippen und frisches vom Bäcker im Gepäck. In der Ubahn sitzen mir gegenüber ein Mann und eine Frau, die sich in einer anderen Sprache unterhalten und ich habe mal wieder Gelegenheit, Sprachen raten zu spielen. Leider bin ich scheinbar ziemlich aus der Übung, erst dachte ich ja Italienisch, aber vermutlich geht es eher in die slawische Richtung. Okay, nächstes Mal wieder. Ich steige um und verbringe die restliche Fahrt mit Nachgrübeln, in der Arbeit stehen Veränderungen an, positive und spannende. Darüber fliegen meine Gedanken zur Einladung fürs Klassentreffen, die ich bekommen habe. Hingehen oder nicht? Den aufgeblasenen Grossmäulern 15 Jahre after nochmal die Meinung geigen oder es einfach gut sein lassen. Vergangen, abgeschlossen, interessiert mich nicht mehr? Leider zählt ja dann doch die Neugier zu meinen hervorragendsten Charakterschwächen, ich ahne worauf es hinauslaufen wird und blicke in den Himmel, der noch einige kleine blaue Flecken zwischen den Wolkenfetzen hervorblitzen lässt.

Zuhause angekommen. Ich bin sehr glücklich, als ich endlich meine Wohnungstür aufsperre, die ich vor ziemlich genau 24 Stunden verschloss. Gestern war Umzugsmarazhon des kleinen Bruders und seiner Freundin, von dort aus entschwand ich direttamente zum Nachtdienst. Umso froher bin ich jetzt über ein paar freie Stunden bis zum nächsten Nachtdienst. Doch ich schaffe es gerade einmal, auf dem Sofa bei einer angefangenen Strickjacke die letzten zwei Reihen aufzutrennen, die Nadeln wieder einzufädeln und zwei Reihen zu stricken. (irgendwann musste es mich ja auch einmal treffen: Wolle ausgegangen, Farbe nicht mehr erhältlich, deshalb jetzt weiter in einer anderen Farbe und Streifen beim Übergang). Dann siegen doch die Hummeln im Hintern, es hält mich nicht mehr auf dem Sofa und ich wage einen Blick aufs Konto. Ich muss dringend was an meinem Finanzkonzept ändern, oder dem was eben scheinbar doch kein Finanzkonzept ist, so kann es nicht weitergehen. Also fange ich an, Unterlagen zu ordnen (als erste Maßnahme gleich mal Geld von der Krankenkasse zurückholen!) und Ideen zu sammeln, zwischendurch hier noch ein wenig aufräumen und da noch ein wenig kruschen. Draußen fängt es an zu regnen.

Ich lese mir die Unterlagen zum heutigen Bürgerentscheid in München durch und komme doch zu keinem Ergebnis. Beide Positionen haben ihre Wahrheit, aber welche ist die richtige. Eigentlich aber Ansku, sage ich mir, ist es doch irgendwie bereits klar, wie Du Dich entscheidest. Ich habe Rückenschmerzen und lasse mir eine Badewanne ein, das entspannt etwas. Frischgesäubert will ich mich auf den Weg zum Wahllokal machen. Beim Durchsehen meiner Schminksachen fällt mir auf, dass ich doch einen roten Lippenstift besitze. Ich hatte den völlig vergessen, als ich in Paris zur liebsten Freundin sagte, dass ich keinen roten Lippenstift habe. Mal ausprobieren, oh, gar nicht so schlecht! Mir fällt ein, dass wir von der Reise noch „nacharbeiten“ müssen, wir wollten zwei berühmte Bilder aus dem Louvre nachstellen. Um meinen roten Mund breitet sich ein Grinsen aus und ich beschließe, jetzt einfach so nur mit rotem Lippenstift und ohne sonstiges Make-up zum Wahllokal zu gehen, weil es mir so gut gefällt. Und btw, es ist Sonntag!! Bis ich beim Wahllokal ankomme, bin ich einmal durchnässt.

Mein Essen heute besteht eher so aus Snacks, irgendwie komme ich in letzter Zeit mehr und mehr von den drei Hauptmahlzeiten ab und tendiere zu vier oder fünf kleinen Mahlzeiten. Ich bin mir allerdings nicht sicher wie das entstanden ist: Als magenschonendere Alternative zu drei großen Mahlzeiten oder als Zeichen dafür, dass Essen hier so grad zur Nebensache verkommt, zur „Zwischen-Tür-und-Angel“-Angelegenheit. Auch während des Essens springe ich immer wieder auf, weil mir hier noch etwas einfällt und ich da noch schnell nebenbei… Zuerst gibts ein Croissant, gegen Mittag ein zweites Frühstück mit Rührei und – oh Wunder – nicht versalzen. Ich kann ja prinzipiell recht gut mit Salz umgehen, es gibt nur zwei Dinge, die ich wirklich konsequent jedesmal versalze: Salatsaucen und Rührei. Je. Des. Mal. Also außer heute. Kurz bevor ich das Haus verlasse und wieder in die Arbeit fahre, esse ich noch eine Semmel, das ist die dritte Mahlzeit. Ich bin natürlich zu spät in der Arbeit. Der Kollege übergibt mir, dass drei Jungs noch nicht geputzt haben, zwei von ihnen aber eventuell spät, erst nach 22 Uhr, kommen werden. Das sei ja nicht so gut, das müsse man mal ändern, meint er und ich beschließe für mich, das gleich heute zu ändern und die Jungs anzurufen, damit sie etwas früher kommen. Das mache ich dann auch. Draußen ist es schon wieder dunkel.

Ich telefoniere über eine Stunde lang mit meinem besten Freund, wir haben uns seit Juli nicht gesehen und nicht gehört, seit er wegzog aus München und es ist grandios. Es gibt viel zu erzählen. Danach setze ich mich mit einen Seufzer an den PC und fange doch endlich an, die beiden Berichte (fertig) zu schreiben, die ich seit Wochen vor mir herschiebe. In der Arbeit komme ich nie dazu. Zwischendurch überkommt mich der Hunger, ich mache mir einen Salat (Liebe Kollegen, das mit den Ölflecken im Übergabebuch war ich. Tut mir ehrlich Leid!) und eine aufgewärmte Gemüsesuppe (vierte Mahlzeit). Der Jugendliche kommt heim zum Putzen, früher als erwartet, und oh warte, jetzt sollte ich schnell erstmal mein schmutziges Geschirr in der Küche wegräumen…

Irgendwann sind dann wirklich alle Putzdienste erledigt, alle Berichte fertig (oder so fast, öhöm…), alle Gelder ausgezahlt und alle Anskus… äh, Jungs müde und im Bett. Der Tag endet, so wie er begann: auf einem Schlafsofa im Büro einer Jugendhilfeeinrichtung in einem kleinen alten Häuschen irgendwo in München, wo Kühlschrank und diverse andere Elektrogeräte mich mit ihrem sanften Surren in den Schlaf geleiten.

Mehr Tagebüuchbloggereien finden Sie wie immer bei Frau Brüllen.

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Aufgewacht

Manchmal, Gottseidank inzwischen seltener und seltener und Gottseidank auch immer kürzer, gibt es noch dunkle Tage, dunkle Stunden. Stunden voller Selbstzweifel, voll „Ich schaff das alles nicht“, voller Hinterherträumen, nein -rennen von Illusionen und voller wirrer Gedanken, die doch rational betrachtet sehr bescheuert sind. Und trotz aller Rationalität, es gibt in diesen dunklen Stunden einfach kein Entkommen, keine Pause, keine Möglichkeit zu entfliehen.

Aber es gibt auch immer ein „Danach“, ein „aufgewacht“. Es ist wie ein zurück ins Leben, ein raus aus dem Nebel. Mein Kopf tickt wieder, er funktioniert wieder wie gewohnt, ich kann ihn benutzen. Es ist wie ein Sonnenaufgang, ein sich lichtender Nebel von Konfusion und Kopfkino und auf einmal sehe ich alles wieder klar und deutlich. Endlich, endlich, ich habe so sehr darauf gewartet. Ich kann mich wieder auf meine Wahrnehmung verlassen, ich kann mich wieder spüren. Ich nehme meinen Körper wahr und auch meine Gefühle. Ich fühle meine Muskeln, meine Fasern, meine Sinne schärfen sich wieder. Es ist wie eine Glocke, die sich hebt. Die drückende Enge verschwindet, ich kann frei atmen und ich kann mich wieder frei bewegen. Aber auch die Stille und das Grau hebt sich, war doch zuvor alles verschwommen, grau und farblos. Jetzt durchdringen die ersten Sonnenstrahlen den zähen Nebel. Sie bringen wieder Farben in das Bild, und die Farben sind so strahlend und schön, dass es mich beinahe blendet; sie bringen wieder Formen und sogar Töne. Ich höre wieder und höre wieder anderen zu; ich schmecke wieder, intensiver als zuvor; ich spreche wieder, spreche frei und direkt aus meiner Seele; ich spreche nicht mehr um irgendetwas gegen die Stille zu sagen, sondern ich spreche wieder um mich mitzuteilen. Ich bin wieder ich. Ich bin kein Höhlkörper mehr, sondern ich bin prall gefüllt. Mit Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Emotionen, Wahrnehmungen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, neben mir zu stehen und mir selber beim Sprechen, Handeln, Agieren zuzusehen. Ich spreche, sehe, handele wieder selber. Das Leben hat mich wieder und ich habe das Leben wieder. Ich fühle mich wieder fest und verankert, fühle wieder eine Verbindung zu meiner Umwelt wo zuvor nur eine graue, nebelige Wand war, durch die alle Sinneseindrücke und alle Wahrnehmungen wie durch einen großen Schalldämpfer auf mich niederrieselten. Auf mich, die ich wahrnehme und gleichzeitig nicht wahrnehme, unfähig auf etwas zu reagieren und wenn, dann nur unter größter Anstrengung. Mittendrin, nur nicht dabei. Aber jetzt ist es vorbei, ich hab’s überstanden und ich bin wieder da und bin froh, dass es vorbei ist.

Ich atme tief durch und ich atme das Leben ein. Ich bin frei, ich bin wieder bei mir. Angekommen in mir. Es ist ein Ankommen, ein Erwachen. Und ich bin sehr dankbar und sehr demütig, dass ich dieses Erwachen immer wieder spüren darf und dass ich anders als vielleicht manch andere das Licht am Ende des Tales sehen darf. Dafür dass das Licht immer heller und schöner wird, und die Dunkelheit immer seltener. Ich glaube fest daran, dass es eines Tages auch keine Täler, keine dunklen Stunden mehr geben wird. Und alleine für diesen Glauben bin ich so unfuckingfassbar dankbar, denn er ist Geborgenheit, Zuversicht, Hoffnung und er ist mehr als die meisten meiner Leidensgenossen haben.

Was bleibt.

„Gutes Essen, schöne Musik, lachen, singen, tanzen, genießen, Kultur, nette Menschen…“

So fasste meine liebe Freundin unsere viertägige Paris-Reise zusammen und dem gibt es wenig hinzuzufügen. Diese Reise war so anders als andere Urlaube. Ich habe keine Postkarten geschrieben, keine Mitbringsel gekauft, keine Lebensmittel mitgebracht für das Nach-Urlaubs-Feeling. Ich habe gerade einmal die Hälfte der Sehenswürdigkeiten gesehen, die ich gerne angesehen hätte. Für mehr war keine Zeit. Stattdessen haben wir uns Zeit genommen, lange geschlafen, gemütlich gefrühstückt, viele Pausen gemacht, die Stadt in unserem Tempo erkundet, Slow-Down praktiziert und dabei ständig gekichert wie so Schulmädchen. Wir haben gefühlt vor jeder Sehenswürdigkeit alberne Photos gemacht und uns dabei die Seele aus dem Leib gelacht. Wir standen einmal bei Montmartre mehr als eine halbe Stunde vor Strassenmusikern, so in den Bann gezogen von der Musik, dass wir völlig vergaßen weiterzugehen zur nächsten Kirche oder zur nächsten Attraktion. Wir machten Selfies vor Moulin Rouge und dem Tour de Eiffel mit einem Baguette in der Hand und amüsierten uns köstlich uns über die verwunderten Blicke der Passanten.

Keine Postkarten, keine Mitbringsel, dafür viele neue Lieder im Ohr, unvergessliche Erinnerungen und ungefähr 537 alberne Photos.

Was bleibt.

Lebensträume

Ich dachte neulich über Träume nach, dass man so vieles aufschiebt und auf nächstes Jahr, übernächstes Jahr, irgendwann mal… vertagt statt es einfach anzugehen. In den letzten Tagen und Wochen wanderten meine Gedanken immer wieder zu Annie und dass ich sie so gerne einmal persönlich kennengelernt hätte, diese Frau die nur durch ihre Texte so einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Und das ist nun nicht mehr möglich. Und ich dachte mir, ich will nicht mehr aufschieben und vertagen, denn eines Tages kann es selbst zum Aufschieben zu spät sein. Und dann begann ich, meine Träume zu sammeln, die Träume jenseits der Wünsche, die man halt so hat fürs Leben: Kind, Kegel, Haus, Hund usw. Ich meine auch nicht solche utopischen Wünsche, wie z.B. nur für einen einzigen Tag ganz normal sehen zu können. (Ich möchte nur wissen, was ihr seht, was ich angeblich nicht sehe.) Es geht um die Dinge, die ich in diesem Leben noch tun oder erleben möchte. Immerhin, einen Traum hab ich mir ja dieses Jahr schon erfüllt, nämlich tauchen. Aber dann gibt’s noch weitere Träume, nämlich diese:

  1. Ein Reitturnier mitmachen, So richtig schön in schwarz-weissem Reitdress, Pferd herausgewienert, früh morgens um 5 Uhr im Stall und dann Abfahrt zum Turnier usw. Was eigentlich ziemlich lustig ist, denn dafür müsste ich nach 10 Jahren überhaupt mal wieder anfangen zu reiten. Als End-Teenie hatte ich eine beste Freundin, die Pferdewirtin ist und bin so oft morgens in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und auf Turnierplätzen herumgestanden. Allerdings nie als Teilnehmerin, sondern stets nur als Helferlein, in Fachsprache auch als „Turniertrottel“ bezeichnet. Damals fand ich’s toll, rückblickend war’s nicht so toll, aber so oder so hab ich mir schon damals geschworen, dass irgendwann in diesem Leben ICH die Person sein werde, die reitet. Und natürlich eine Schleife gewinnt. 😉
  2. Mir einmal die Haare komplett in einer anderen Farbe färben, aktuell steht wieder wasserstoffblond hoch im Kurs. Eine komplette Typveränderung, dabei mag ich mich und mein Aussehen eigentlich ganz gut leiden. Derzeit sogar mehr als je zuvor. Und trotzdem ist da der Gedanke, mal in eine komplett andere Rolle zu schlüpfen, der immer wieder hochkommt und vielleicht mach ich’s ja irgendwann noch.
  3. Eine richtig lange Reise machen, ca. drei Monate um ein Land oder einen Teil eines Kontinentes einmal richtig zu entdecken. Hier wäre zur Auseahl: Südafrika, Südamerika oder Ozeanien (Samoa, Fiji, Bora-Bora usw.)
  4. Mir ein richtig aufwändiges Kleidungsstück selber nähen, z. B.  ein Dirndl oder einen Mantel/ Trenchcoat.
  5. Für eine NGO-Organisatiob arbeiten, international, zum Beispiel in der Entwicklungshilfe, auch mit Auslandseinsätzen. Auch dieser Wunsch ist zusammen mit Nr 3 somehow ziemlich untypisch, komisch, irreal für mich, weil ich schon ein recht „verwurzelter“ Mensch bin und – zwar durchaus reiselustig – aber dennoch eben auch gerne zuhause, bei der Familie, bei Freunden und irgendwie kosten mich längere Trips doch immer auch eine gewisse Überwindung. Ein bisschen über meinen Schatten springen. Aber anscheinend ist es mal Zeit zu springen, mit gleich zwei Punkten die Reisen betreffen.

Für mehr Hier und Jetzt.

Irgend und Etwas

Falscher Beruf?

Falsche Arbeitsstelle?

Oder nur ich selbst (momentan?) falsch?

Das postete gestern eine liebe Bekannte auf Twitter und ich zuckte innerlich zusammen und stellte fest, dass ich mir derzeit auch diese Frage zuweilen stelle. Irgendetwas läuft gerade nicht rund, irgendetwas macht gerade sehr häufig keinen Spaß und irgendetwas lässt in letzter Zeit die Motivation, die Geduld und die Freude an meiner Arbeit schnell gegen null sinken. Leider ist es mehr „irgend“ als „etwas“, ich habe gerade keine Idee was ich ändern müsste/ sollte/ könnte und noch weniger, was der Auslöser ist. Ich könnte mir momentan auch keine Arbeit vorstellen, die mir mehr Freude und Befriedigung bringen würde, das macht die Sache noch schwerer. Vielleicht also doch nur ich (momentan) „falsch“? Ich weiß es nicht, die Antwort auf diese vielen Fragen wird wohl noch eine Zeitlang auf sich warten lassen, aber Sie erfahren sie natürlich als erste. Wenn es sie gibt.

Aber immer in solchen Phasen passieren Gottseidank doch immer wieder so Situationen, wo ich schon extremst genervt in die Arbeit komme, weil ich mir in letzter Zeit mit der liebsten Kollegin urlaubstechnisch nur die Klinke in die Hand gebe und dieses Alleine-Arbeiten mir sehr auf die Nerven geht. Wo sich Probleme über Probleme häufen und ich alleine Entscheidungen treffen muss, die ich nicht alleine treffen will. Wo auch am Abend noch Gruppenabend ist und jeder weiß, dass ein Gruppenabend den man alleine ohne Verstärkung gestalten und durchhalten muss, auf der Sozialpädagoginnen-Superheldinnen-mit-rosa-Superheldinnencape-Challenge mindestens die Stufe V darstellt. Zudem eben diese Sache mit der Gesamtsituation und dem „irgend“ und dem „etwas“.

Und dann gibt es plötzlich ein Telefonat mit der Chefin und ich muss Entscheidungen doch nicht alleine treffen. Dann kochen die Jungs ohne Maulen und Murren ein supertolles afghanisches Essen für den Gruppenabend. Und als ich darauf hinweise, dass wir heute unseren neuen Nachhilfelehrer zu Gast haben und das Wohnzimmer aussieht wie ein Schlachtfeld und das doch vor unserem Gast etwas peinlich aussehen würde, erwidern die jungen Herren (in gespielt schlechtem Deutsch): Natürlich putzen wir das. I am a very fleißig person, you know, ich bin KEIN Ausländer. Und ich muss darüber so sehr lachen, dass ich kaum die Treppe hochkomme.

Okay Ansku, sage ich mir auf dem Heimweg. Diese Momente sind es, die sind es wert. Vielleicht bin ich doch nicht so falsch. Jedenfalls nicht in diesem Job.

Und für den Moment ist da erstmal wieder ein wenig mehr „etwas“ als „irgend“.

Urlaub

Zwei Wochen Urlaub sind vorbei. Ich bin dann mal krank, vermutlich zu viel Entspannung und Erholung.

Aber schön war es, so schön! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal länger als fünf Tage verreist war. In den letzten Jahren war immer entweder die Zeit oder das Budget oder die Motivation über fünf Tage alleine zu sein zu knapp. Aber jetzt eine ganz Woche, ich habe sogar meinen Koffer komplett ausgepackt.

Und ich habe ganz viel Meer geatmet, wie man unschwer erkennen kann:

Outta control

Es gibt so Wochen, da hat man das Gefühl die Welt sei endgültig durchgedreht. Außer Kontrolle geraten. Es passieren so viele Dinge die ich mit meinem Verstand nicht mehr erklären kann und je mehr ich es versuche, desto mehr Dinge werden es. Völlig unbegreiflich, völlig unbezwingbar. Es gibt den normalen Wahnsinn, solche Nachtdienste, wo sechs Jugendliche, in dem Fall Mädchen, im Wohnzimmer stehen und sich anbrüllen, während die siebte heulend auf (!) dem Esstisch liegt. Wo eine Mädchen sich weigert in ihrem Zimmer in ihrem Bett zu schlafen und ich beinahe Gefahr laufe, zusammen mit ihr im Treppenhaus zu übernachten und nachts um eins plötzlich ein Mädchen verschwunden ist. Es gibt aber auch Wochen, da wird der normale Wahnsinn noch getoppt. Da überschlagen sich die schlechten Nachrichten, kommen gefühlt stündlich im Live-Ticker. Ich stehe daneben und sehe zu und versuche zu erfassen, zu begreifen, was eigentlich nicht begreifbar ist. Mit einem Rums wird mir bewusst, was ich bisher zu verdrängen versuchte: Ab nächster Woche wird eine Partei mit zweistelligen Prozentwerten im deutschen Parlament sitzen, die offen dazu aufruft, „stolz“ auf die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen zu sein. Und es bleibt zu befürchten, dass es noch viele mehr sind, die diese menschenverachtende Ideologie teilen, glaubt man den Analysen der Umfragen. Was ist mit unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft passiert? Wo ist mein Deutschland, das ich seit fast 35 Jahren kenne und mag? Es scheint es ist verschwunden: Egal wie sehr wir für unseren senegalesischen Jungen kämpfen, egal wie viele Überstunden wir machen, wie viele Kilometer wir für einen einzigen Besuch der Botschaft in Berlin zurücklegen, es ist niemals genug. Sie finden immer etwas: ein Wort, das sie einem im Mund herumdrehen können, eine Möglichkeit die wir neben all den 4.769 anderen noch nicht ausgeschöpft haben und auf dieser 4.770sten wird dann herumgetrampelt und all die 4.769 davor, die wir ja erfüllt haben, ignoriert. Es ist wie Sysiphos und es ist aussichtslos und wir kämpfen so verzweifelt, so couragiert, aber sie finden etwas, immer. Warum das alles? Wo ist unser Rechtsstaat hin? Wo ist die Menschenwürde? Und wo ist bei all dem die Grenze zum Psychoterror? Eine Freundin erzählt mir eine Geschichte, Freunde von Freunden, ein junges afghanisches Paar, haben ein vier Wochen altes Baby, das hier geboren ist, dieses Baby soll nach Afghanistan abgeschoben werden, obwohl die Eltern hier einen Aufenthalt haben. Sie fragt mich, Ansku was geht hier ab? Was ist nur mit Deutschland los? Ich kann es ihr nicht beantworten. Wie kann so etwas passieren, hier bei uns, wo Kinder ein Recht auf Schutz haben und eine Würde? Würde? Menschenwürde? Ich frage mich, an was die Person gedacht haben muss, die ihrem Stempel unter diesen Ausweisebescheid setzte? An das Kind? An Quoten? An die Bundestagswahl und die Sitzeverteilung im zukünftigen Parlament? Und während ich hier schreibe, ist mein Kopf heiß und schmerzt und meine Ohren drohen gefühlt zu platzen und ich bin zum Umfallen müde und krank, und das wieder einmal vor dem Urlaub. Ich ärgere mich sehr, über mich, weil ich nicht besser auf mich geachtet habe, und über das Kranksein. Aber gleichzeitig, während ich krank bin, muss ich froh, glücklich und dankbar sein, dass ich gesund bin, denn anderswo beendet gerade zeitgleich das Schicksal das Leben einer jungen, stärken, wunderbaren Frau und reißt eine junge Familie auseinander, die doch noch so viel vor sich hatte. Eine Frau, die so sehr gekämpft hat, noch couragierter und mutiger als ich es jemals könnte. Ich denke an die Kinder, wie wird es für sie sein ohne Mutter aufzuwachsen? Was ist nur mit diesem Leben los, dem Universum, dem Schicksal? Gleichzeitig denke ich, dass die Gedanken, die ich mir gerade mache, lächerlich sind im Vergleich zu dem, was die Familie gerade durchmacht. Mein Leben wird weitergehen, es wird von dem Tod eines jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hatte, niemals so sehr betroffen und beeinträchtigt sein wie das des Ehemannes und der beiden Kinder, die sich wenn sie einmal groß sind, aus Bildern an ihre Mutter erinnern werden. Es geht weiter, immer, irgendwie, auch wenn diese Welt gerade wieder einmal dabei ist, durchzudrehen.

Und selbst das ist auf einmal unbegreiflich und absurd.