Das Flüstern

Warum nur fällt es so schwer zu sagen, nein, stopp, ich kann nicht mehr, es geht nicht mehr. Ich hab da dieses Wochenende lange drüber nachgegrübelt, während ich mal wieder das x-te Wochenende hintereinander und mit Magenschmerzen in der Arbeit saß. Und dann hab ich die Notbremse gezogen und hätte es doch als ich den Telefonhörer aufgelegt habe, beinahe wieder rückgängig gemacht. Weil Aufgeben gilt nicht. Da sitzt so eine Stimme in meinem Kopf, die immerzu flüstert: Aufgeben gilt nicht, Aufgeben geht nicht. Aber warum eigentlich? Ich glaube, dass in mir immer noch so tief verankert ist, dass es ein Zeichen von Schwäche ist, nein zu sagen. Dabei weiß ich natürlich glasklar, dass es genau das nicht ist. Aber es scheint tiefer in mir drin zu sein, als ich vermutet habe, dieses Flüstern. Und es kostet so viel Kraft das zu überwinden, wenn die Kraft eh schon nur noch gering ist.  

Ich frag mich, ob das nicht in uns allen so drin steckt, eine Ausgeburt der Leistungsgesellschaft, dieses Streben danach immer zu funktionieren, immer gerade zu stehen und zu sagen, ja klar, komm, geht schon noch. Dieses „geht schon noch“ ist auch so eine Sache, es geht um die eigenen Grenzen. Ich behaupte meine Grenzen recht gut zu kennen, zum Beispiel brauche ich einen Tag pro Woche ohne Termine und Verpflichtungen und seien das auch nur Treffen mit Freunden. Andererseits aber ist mein zweites Lebensmotto sozusagen: „Eeeeiner geht noch, eeeeiner geht noch rein….“ und das wird mir zwischendurch immer wieder zum Verhängnis. „Nur noch“ die eine Überstunde, „nur noch“ hier schnell was erledigen, und ach ja, „nur noch“ hier einen Gefallen für X und da einen Gefallen für Y, weil das ist ja nicht viel und tut mir nicht weh und danach ist ja dann auch Ruhe im Karton. Und so weiter und so weiter. Wie wäre es, stattdessen einfach einmal „nein“ zu sagen und dann dafür beim nächsten Mal ausgeruht und mit frischer Kraft wieder da zu sein? 

Aufgeben gilt halt manchmal doch.  

Erinnerungen an Freitagabend

Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, Erinnerungen, Ausschnitte, Momentaufnahmen von so einem Abend festzuhalten. Eigentlich habe ich gelernt, dass es gar nicht gesund ist, in solche Geschichten allzu tief einzusteigen. Gefühle wie Wut, Trauer etc. sollte man natürlich unbedingt zulassen, aber danach ist es auch wichtig, Fernseher und Internet wieder auszuschalten, sich nicht bis ins kleinste Detail immer wieder mit dem Geschehenen zu beschäftigen und sich auch wieder anderen Dingen zuzuwenden zu können. Aber das SZ Magazin hat ein paar Ausschnitte aus dem Chaos festgehalten und ich finde es recht beeindruckend.

Mein Bild, das mir vermutlich sehr lange nicht aus dem Kopf gehen wird, ist das meines Jugendlichen der ins Büro gestürmt kommt und mich fragt: Ansku, kannst Du mir erklären, was da passiert ist? Wir suchen gemeinsam im Internet nach Informationen, zu dem Zeitpunkt gibt es aber so gut wie nichts konkretes. Noch während der Suche stürmt der Jugendliche wieder raus. Kurze Zeit später finde ich alle Jugendlichen vor den Fernseher wieder, keiner sagt ein Wort, alle starren auf den Bildschirm und die Nachrochtensprecher. Obwohl sie nicht verstehen, was gesagt wird, verstehen sie doch alles. Einige hängen zudem an ihren Smartphones und scrollen sich durch Facebook, wo bereits die ersten Videos von den Schüssen kursieren. Schau Ansku, da! 

Mein Junge fragt mich: Wer hat das gemacht? Kommen die aus Afghanistan? Oder aus Syrien? Er zeigt mir eines der Videos und versucht vergeblich, das Bild größer zu zoomen, um irgendetwas und irgendjemanden zu erkennen. Ich sage, dass ich es nicht weiß, man weiß das erst wenn die Polizei den oder die Täter gefasst hat. 

Trotzdem kommt die Frage noch zweimal, dreimal. Wer ist das? Woher kommen die? Immer wieder. 

Gänseblümchen

Ich übe mich gerade in positiven Gedanken, weil mir gesagt wurde ich würde durch zu viele negative Gedanken negatives anziehen und wenn ich mich auf die positiven Dinge fokussiere, kommt auch positives zurück.

Was soll ich sagen? Bis jetzt die ganze Woche nur Probleme, Rückschläge, Schwierigkeiten und Ausfälle. 

Aber ach ja, beinahe vergessen: Ich bin ein Gänseblümchen. 

Ärzteconfusione

Nach einem langen langen Arbeitstag, an dem alles schieflief, was schieflaufen kann, an dem für jedes gelöste Problem zwei neue Baustellen hinzukommen, an dem ich quasi acht Stunden pausenlos am Telefon hing, mit Vormündern, Jugendamt, Jugendgerichtshilfe und vielen vielen Ärzten (!!!) diskutiert und gestritten habe, weil man diese Woche scheinbar beschlossen hat meinen Jugendlichen nur Steine in den Weg zu legen, hechte ich quasi noch 10 Minuten vor sechs in die Praxis des Arztes meines Vertrauens in Schwabing um mein Rezept für die P.ill.e abzuholen, dass ich extra vorbestellt hatte, sage meinen Namen und bitte um das Rezept. Die Arzthelferin schaut hier in der Ablage nach, dort in der Schublade, dann noch irgendwo, kein Rezept. Sie schaut nach ob noch unterschrieben Rezeptvorlagen da sind, dann könnte sie mir das Rezept ja so noch ausstellen, aber nein. Kein Rezept. Die Arzthelferin entschuldigt sich gefühlt 1.637 Mal, fragt ob es dringend ist und schlägt Alternativen vor, wie ich vielleicht doch heute noch ohne Rezept an mein Medikament kommen könnte. Seufzend resigniere ich, nur ein weiterer Fail in diesem ganzen langen Tag der ein einziger Fail ist und bitte noch um einen neuen Termin wegen meines Zehennagels, wo ich ja eh schon mal in der Praxis bin. Die Arzthelferin entschuldigt sich weitere 2.845 Mal, greint zu ihrer Kollegin, das würde ja wohl gar nicht gehen, dass vorbestellte Rezept nicht sofort (!!) ausgedruckt werden. Ich sage ist nicht so schlimm und verlasse die Praxis. Wieder unten auf der Straße denke ich mir, dass da jetzt irgendwas komisch ist, muss aber erst eine halbe Minute grübeln, bis mir auffällt, dass Pi.l.le und Zehennagel in einer Arztpraxis ja irgendwie ungewöhnlich ist, weil sind ja schon zwei verschiedene Sachen… 

Und da durchfährt es mich wie ein Blitz: eigentlich wollte ich das Rezept ja nicht bei meinem Hautarzt abholen, sondern bei meinem GYNÄKOLOGEN! 

Nur zwei Straßen weiter.

(Da war das Rezept dann auch.)

Wunderbares aus der bunten Welt der Sprache und was Sprachwandel mit dem Brexit zu tun hat

Wir fahren durch Finnland, durch die Schäreninseln. Es ist ein leicht bewölkter Sommertag, die Landschaft toll, das Meer wunderbar. Das einzige, was diese perfekte Stimmung trüben könnte, ist der Brexit, der vor zwei Tagen beschlossen wurde und immer noch in aller Köpfe und Munde ist. Plötzlich fragt mein Vater: Ansku, verstehen die Finnen eigentlich die Ungarn? 

Ich fange an zu erklären. Nein, die beiden Sprachen sind gegenseitig nicht verständlich. Die Gemeinsamkeiten beziehen sich lediglich auf einige grammatische Strukturen wie z. B. die Lokalkasus. Und wenn man es weiß, erkennt man bei einigen Wörtern gemeinsame Wurzeln, aber z. B. ‚Baum‘ heißt auf Finnisch puu und auf Ungarisch . Welcher Laie sollte da wissen, dass die mal einen gemeinsamen Ursprung hatten.

Und warum ist das so? Die kommen doch beide aus dem Kaukasus.

Nein, die Urheimat der Finnougrier wird im Ural vermutet. Man geht davon aus, dass das Urvolk vor vielen vielen Jahrhunderten im Ural gelebt hat. Die Finnen sind dann nach Norden gewandert und die Ungarn etwas weiter nach Süden, also ins beutige Ungarn. Und die beiden Sprachen haben sich dann unterschiedlich entwickelt. Das liegt daran, dass sich Sprachen verändern, unterschiedliche Umwelteinflüsse, unterschiedliche Kontakte zu anderen Völkern und Sprachen. Auch so etwas kann Sprache(n) beeinflussen. 

*****

Etwas später, nach dem Mittagessen, wir fahren weiter über Parainen zurück Richtung Turku. Unsere Tour nähert sich dem Ende, leider. Mama schläft. Plötzlich noch eine Frage von meinem Papa: Ansku, warum verändern sich Sprachen?

Schau Papa, Sprachwandel ist ein ganz langsamer Prozess, über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wir zum Beispiel sprechen ja auch schon ein klein wenig anders als zum Beispiel Deine Großeltern. Wir benutzen zum Teil andere Wörter, oder wir sprechen Wörter anders aus. Oder oder oder. Und, das hab ich ja vorhin schon gesagt, wenn Sprachen sich aufteilen in Dialekte oder neue Sprachen und diese neuen Sprechergruppen dann mit jeweils unterschiedlichen Umwelteinflüssen oder anderen Völkern in Kontakt kommen, dann beeinflusst das die Sprache auch nochmal. Das ist wie gesagt ein ganz langsamer Prozess, über viele Generationen. Du kannst Dir in etwa vorstellen, dass das Altenglisch, das ungefähr im Mittelalter gesprochen wurde, noch ganz anders aussah als unser heutiges Englisch. Da gab es noch eine komplette Verbkonjugation, für jede Person ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie eine andere Endung. Nun, davon ist heute ja vieles verlorengegangen. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass Menschen schlampig sind bei der Aussprache oder eben durch Kontakteinflüsse oder oder oder. Von dieser Konjugation ist heute ja nur noch das -s in der dritten Person Singular erhalten, also he do-es und selbst das ist schon teilweise am Verschwinden! In der Jugendsprache, im Slang, in Songs und Raps geht das -s auch schon langsam aber sicher verloren. 

Mein Papa daraufhin, blitzschnell kombiniert:  Also ist das sprachwissenschaftlich nicht so schlimm, dass die Briten jetzt aus der EU ausscheren? Die bringen uns ja eh nicht weiter!

Genau Papa. Genau deshalb. ;-))