Kurze Zwischenfrage

Ist das eigentlich wieder so ein Murphy-Ding, dass man grundsätzlich wenn man nichts vorhat, überpünktlich aus der Arbeit kommt, sobald aber noch etwas ansteht, man sich verabredet hat, etwas unternehmen möchte, man nicht unter 20 Minuten zu spät aus der Arbeit kommt und auch das nur unter Mühen. Dabei ist es egal, ob ich noch Gesangsunterricht habe oder mich mit dem (back in town, yeah!!!) Bruderherz treffen möchte, Jugendliche scheinen dafür einen siebten Sinn zu haben, wenn ich mich gelegentlich meinem Privatleben widmen möchte und legen dann frühestens so circa 10 Minuten vor Feierabend noch eine Extra-Runde Scheisselkram ein. Und erzählen Sie mir nicht von Zeitpuffer, die man zwischen Arbeit und der Verabredung einplanen kann – ich habe bereits Zeitpuffer von einer Stunde dahinschmelzen sehen als wären es 10 Minuten. 

Da hat doch Murphy seine Finger im Spiel?!? Geht es Ihnen auch so? Und ist das nur bei Sozialpädagogen so oder ist das auch bei anderen Berufen so? 

Auf allen Ebenen

Ich finde sehr spannend zu beobachten, dass wenn es in meinem Leben ein bestimmtes, mitunter auch schwieriges Thema gibt, dass sich dieses Thema immer wieder gerne auf allen Ebenen durchzieht. Privat, beruflich, im Freundeskreis, gesellschaftlich… Immer wieder erlebe ich, dass ich – völlig zusammenhangslos – auf mindestens zwei verschiedenen Ebenen, in zwei verschiedenen Lebensbereichen mit dem Thema konfrontiert werde. Derzeit also Trennung, die Trennung meiner Eltern, die – nun ja, altersentsprechend – an sich kein wirklich schlimmes Thema wäre, weil sowohl ich als auch das Bruderherz inzwischen erwachsen und selbstständig sind. Leider ist es halt doch ein Thema, weil – nun ja – erstens man sieht halt auch als erwachsenes Kind die engsten Familienangehörigen nicht gerne leiden und zweitens, so friedlich wie wir uns das alle vier (!) anfangs vorgestellt und erhofft hatten, läuft es in der Realität (zumindest derzeit) dann halt doch nicht ab. Man ist auch als erwachsenes Kind nie zu alt, wie schon gesagt …. 

Fast gleichzeitig ist es mir jetzt aber auch passiert, dass ich beruflich zum ersten Mal mit einem Jungen zu tun habe, dessen Eltern sich trennen. Unbegleitete Flüchtlinge und Eltern, das ist natürlich immer ein schwieriges Thema, weil die Eltern sind in 98% der Fälle eben nicht da. Weit weg, im schlimmsten Fall auch verschollen oder verstorben oder es ist schlicht aus organisatorischen Gründen nicht möglich, zu ihnen Verbindung aufzunehmen. Eltern sind also immer ein Thema, mal mehr, mal weniger, mal offen und sehr schmerzvoll, mal eher still, leise und verborgen, aber dass ein Jugendlicher von der Trennung seiner Eltern berichtet, daran kann ich mich in drei Jahren Berufserfahrung nicht erinnern. Und das passiert jetzt, wo ich auch privat mit dem Thema konfrontiert bin. 

Das ist tatsächlich nicht das erste Mal, dass dieses Phänomen mir begegnet. Anscheinend muss ich ein Thema immer gründlich durchkauen, es von allen Seiten und auf allen Ebenen beleuchten, um es dann wirklich als abgearbeitet markieren zu können. Ich habe das schon öfters bemerkt und falls sich jemand noch an den Vorfall mit dem Jugendlichen in der Arbeit erinnert, mit dem ich letztes Jahr konfrontiert war, auch da gab es einen Aspekt, einen Moment, wo der Junge eines meiner ganz eigenen Themen gespiegelt hat. Zunächst war mir das völlig unbewusst, deshalb hat mich die Sache zunächst auch so mitgenommen. Als dann dieser eine Aspekt, der mein Thema so sehr spiegelte, herausgearbeitet war, das Thema offen auf dem Tisch lag, ging es mir auch schlagartig mit dem Geschehenen besser. 

Wahrscheinlich muss das so, wahrscheinlich zieht man, wenn man selber mit einem Thema beschäftigt ist, auch Personen mit demselben Thema an. Anstrengend ist es trotzdem manchmal. Anstrengend, intensiv, aber auch sehr lehrreich. 

Man ist nie zu alt

… um zwischen allen Stühlen zu stehen, wenn die eigenen Eltern sich trennen. Und es ist auch egal, was man dann tut, es ist in jedem Fall genau das Falsche. Irgendjemand heult immer. 

Aber immerhin, ab jetzt werde ich nur noch gemeinsam mit dem besten Bruderherz genau das Falsche tun, der seit dem Wochenende endlich wieder aus London zurück ist. Fühlt sich so viel besser an. 

2,80

Manchmal zeigt sich an £2,80 der Charakter eines Menschen:

Es gibt solche Menschen, die wegen einer Cola für £2,80 einen Aufstand machen. Die nachdem ich sie kostenlos nach London eingeladen habe und drei Tage lang als Touristenführer für sie rumhampelte, die beim Kassensturz auf dem Rückflug noch eiligst anmerken müssen, dass ich ja alleine (ja, weil Du nicht mitwolltest) in einem sauteuren (normale Londoner Preise) Pub eine Cola getrunken hätte und wer weiß, was die gekostet hätte (2,80£), und da ich das aus der gemeinsamen Reisekasse genommen hätte (habe ich natürlich nicht, wohlwissend dass so etwas kommt) und deshalb und noch aus anderen ebenso an den Haaren herbeigezogenen Gründen würde ich ihr ja noch Geld schulden. (Da ich die wirklich sauteuren Zugtickets bezahlt habe, verhält es sich tendenziell eher im Gegenteil, aber ich hatte da natürlich kein Aufheben drum gemacht.)

Und dann gibt es solche Menschen, denen erzählst Du diese Geschichte und plötzlich klingt das alles so absurd, wie aus einer Slapstick-Kommödie, und wir lachen und wir fallen uns in die Arme und wir grinsen uns an und dieser Mensch sagt so Dinge wie: Wir sollten jetzt bald einmal eine RICHTIG teure Cola  trinken gehen, zum Beispiel auf der Dachterrasse des Bayrischen Hofs. 

So Seelenwärmer-Menschen halt. Und Gottseidank sind diese in der Mehrzahl. 

Nur geträumt 

Die erste Nacht in London hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu essen. Ich war unglaublich dick, aufgedunsen, aufgequollen. So dick dass ich mich nicht mehr bewegen konnte, aber das war okay. Ich sass da und aß einfach immer weiter, als hinge mein Leben davon ab und das tat es in gewisser Weise auch: Es war kein Heisshunger, keine Sucht, es war ein tiefes Bedürfnis zu essen, davon hing mein Leben ab. Ohne Essen hätte ich keine Energie und ohne Energie könnte ich nicht weiter existieren. Das war mir sonnenklar. Dann kamen mehrere Leute und redeten wild auf mich ein, ich müsse doch endlich aufhören zu essen, meine Gesundheit sei in Gefahr. Ich könne mich ja jetzt schon nicht mehr bewegen, wenn ich noch weiter äße, dann würden meine Organe versagen, ich müsse doch um Himmels Willen aufhören zu essen! Ich aber wusste genau, dass es anders herum war, dass das Essen mir Energie gab und mein Überleben sicherte. Dass ich eingehen würde wie ein Luftballon, in den man mit einer Nadel piekst, wenn ich aufhören würde zu essen. Dass ich auch die Menge, die vielen verschieden Farben, Sorten und Geschmäcker und die Fülle brauchte und dass ich mich gerade ziemlich wohl mit mir und meinem Körper und meinem vielen Essen fühlte. Weil das ganze Leben so bunt und vielfältig war und aus so vielen verschiedenen Geschmäckern bestand. Und so war es sehr leicht, diese Leute reden zu lassen und einfach weiterzuessen. Ich wusste, dass ich das einzig Richtige tat. 

Als ich nach diesem Traum aufwachte, erwachte ich mit einem unglaublich zufriedenen Gefühl. Dieser Traum lässt sich momentan auf verschiedene Bereiche meines Lebens übertragen und gab mir das großartige Gefühl, einige gute Entscheidungen getroffen zu haben und einige Weichen richtig gestellt zu haben, egal was andere dazu sagen. Für mehr Farbe, mehr Geschmack, mehr Fülle, mehr Lautstärke, mehr Leben. Großartig. 

Abschiede

Gestern Abend haben wir Abschiedsparty gefeiert, mit allen Betreuern, Unterstützern und Freunden, und natürlich mit den vielen vielen Jugendlichen, die während dieser fast drei Jahre bei uns gewohnt haben. Es war eine großartige Party, wir haben schon öfters Ehemaligen-Partys gefeiert, aber diese war die beste. Tolle Stimmung, tolle Jugendliche und -ähöm – wir hatten „ein bisschen“ zuviel Essen und hätten damit locker nochmal so viele Leute durchfüttern können. 

Aber da waren auch so viele Abschiede und dadurch wird der große Abschied nächste Woche, der Schlussstrich, irgendwie realer. Und noch etwas trauriger. 

Da waren ca. 40-50 (Fünfzig, ist das zu fassen? Fünfzig Jungs, die wir ein Stück weit begleitet haben. Fünfzig!) wunderbare große, kleine, intelligente, coole, witzige, fordernde, schnelle, langsame, nachdenkliche, tatkräftige, hilfsbereite, selbstbewusste, schüchterne, laute, leise junge Menschen, die einen sehr weiten Weg gegangen sind und ihren Weg auch weiter gehen werden. Die sich so unglaublich entwickelt haben, so toll Deutsch gelernt haben und zum Teil schon nach nur zwei oder drei Jahren auf dem Weg in die Selbstständigkeit sind. 

Da war der albanische Junge, der 2014 bei uns wohnte, zwischenzeitlich abgeschoben wurde und jetzt aber mit Arbeitsvisum wieder zurück ist und nächste Woche seine Ausbildung anfängt.

Da war der eritreische Jugendliche, mit dem es kurz vor seinem Auszug vor ca. einem Jahr etwas Ärger gab und der uns deshalb nie besucht hat. Der gestern am wildesten von allen getanzt hat und uns erklärte, er habe sich alles noch einmal gut überlegt und die Probleme von damals seien deshalb gewesen, weil er neu war und nicht verstanden habe, wie es hier in Deutschland funktioniert und es sei doch gut gewesen, dass wir damals so streng mit ihm waren und überhaupt, hier sind die besten Betreuer und dieses Haus sei das beste. 

Da war der Junge, der sozusagen vor seiner eigenen Familie geflohen ist und der bei uns eine Art Ersatz-Familie gefunden hat, der den ganzen Abend über die lustigsten Sprüche rausgehauen hat, einen nach dem anderen, so dass wir nicht mehr aufhören konnten zu lachen; der meine Persisch-Kenntnisse getestet hat und fast ausflippte vor Begeisterung als ich fünf von sechs Fragen beantworten bzw. die Sätze übersetzen konnte. Der die interessantesten Fragen stellt und mit dem es sich so wunderbar sowohl philosophieren wie auch den sinnlosesten Nonsense reden lässt.  

Da war mein allererster Junge, der mit dem Elefantengedächtnis, der mich gestern daran erinnert hat, wie ich einmal vor knapp drei Jahren – er war zu dem Zeitpunkt gerade mal ca. fünf Monate in Deutschland – mit ihm unterwegs war zu einem Termin und wir zum vermutlich dreiundsiebzigsten Mal über etwas diskutierten und er mich plötzlich mit einem Mal ganz ernst ansah und sagte: Ansku, das ist mein Bier, nicht Dein Bier und ich zuerst so verblüfft war und aus allen Wolken fiel, wo mein Junge diesen Spruch denn wohl aufgeschnappt hatte und dann nicht mehr aufhören konnte zu lachen. 

Da war mein afghanischer Jugendlicher, der sich in seinem jetzigen Wohnheim nicht sehr wohlfühlt, sich sehr über die mangelhafte Betreuung dort beklagte und zu mir sagte: Wohin sollen wir denn jetzt gehen, wenn es das hier nicht mehr gibt? Das war doch unser Zuhause. 

Da waren auch die drei Jungs, die wir später am Abend plötzlich weinend im Zimmet fanden und denen wir auch irgendwie nichts sagen konnten, um den Schmerz und die Angst vor dem (wieder!) Ungewissen zu lindern. Wo der einzige Trost, den wir ihnen geben konnten war, da zu sein, da zu bleiben, jetzt noch, so lange wir es noch können, und Hände zu halten, Tee zu reichen und leise im Takt der Schluchzer über den Rücken zu streichen. 

Da war so viel Liebe, so viel Freude, aber auch so viel Abschied.