Sehnsucht

Ich würde ja so so so gerne wieder mehr und regelmäßiger bloggen, aber erstens würde ich so so so so gerne auch wieder mehr und regelmäßiger lesen-stricken-nähen-Sprachen lernen-mich politisch engagieren und da beißt sich die Katze zum ersten Mal in den Schwanz und zweitens wenn ich dann überlege, worüber ich bloggen soll, dann beißt sich die Katze zum zweiten Mal in den Schwanz.

Ich schreibe gerne über Alltägliches, Geschichten aus dem Leben. Ein Großteil meines Alltags spielt sich in der Arbeit ab und wahrlich, da gäbe es wirklich reichlich Geschichten zu erzählen, ich habe bei uns in der Arbeit ein Buch eingeführt, wo jeder seine lustigsten Erlebnisse mit den Jungs eintragen kann, dieses Buch wird zu 90 % von mir befüllt, anyway, aber Arbeitsinhalte sind eben nicht immer so wirklich blogbar. Das Tagebuchbloggen ist meistens schon auf ein Mindestmaß an Vertraulichkeit heruntergebrochen. Arbeitsthemen sind also superspannend und ich würde gerne sehr viel mehr darüber schreiben, so kunst- und dennoch respektvoll, wie es seinerzeit z.B. Frau Ami getan hat, aber dann ist doch wieder die Hemmschwelle zu hoch. Und als reinen Berufsblog möchte ich das hier auch im Grunde auch nicht haben, Frau Ansku ist noch mehr als ihr Job, auch wenn das momentan vielen – inklusive mir selbst – etwas unglaublich erscheint, ich rede glaube ich auch in der Freizeit zu 60% über meine Arbeit. Nun ja, ich versuche da wieder hinzukommen.

Andererseits nutze ich die Anonymität des Internets gerne, um über Dinge zu schreiben, die mich sehr bewegen, die mit mir zu tun haben. Ich finde es gut, neue Meinungen und Eindrücke dazu zu bekommen, bestenfalls per Kommentar, und das Schreiben selber hilft mir auch, vieles nochmal von einem neuen Gesichtspunkt zu sehen. Dann wieder denke ich, oh das große böse Internet und Du weißt ja dann letzten Endes dann doch nie, wer Deine Seelenergüsse liest und was, wenn das dann doch alles zu viel und zu intim ist…?

Ich würde gerne wieder sehr viel mehr über Literatur und Musik bloggen, wie ich es schon einmal getan habe. 2009 oder so, das ist lange her. Aber dazu müsste ich erstmal lesen und schon sind wir wieder bei Punkt eins, dem mit der Katze und dem Schwanz.

Mir fehlt das Bloggen, sehr sogar, ich würde wirklich gerne wieder täglich, oder zumindest alle zwei Tage etwas schreiben, aber ach, ich weiß auch nicht.

Deshalb lasse ich hier mal ein musikalisches Lebenszeichen. Mein derzeitiger musikalischer Liebling ist Ella Henderson. Ich war total happy, als meine Gesangslehrerin zustimmte, dass wir “Ghost” singen, aber eigentlich finde ich das ganze Debütalbum ziemlich großartig, unter anderem “Yours”.

Ella Henderson – Yours

Tagebuchbloggen Mai ’15

Diese Monatsfünften haben es scheinbar in sich, wieder einmal bin ich nicht dazu gekommen, rechtzeitig tagebuchzubloggen. Deshalb muss ich mal wieder nachliefern, reichlich spät, aber hey, besser spät als nie. 

6:30 Weckerklingeln. Eigentlich wollte ich vor der Arbeit noch einkaufen gehen, aber wie das so ist mit dem “eigentlich” am Morgen sitze ich um 7:22 Uhr noch Kaffee trinkend auf der Couch. Immerhin fertig angezogen. Wie üblich zu spät komme ich in der Arbeit an und mache mit der Kollegin Übergabe. Ich bin so müde, dass ich kaum die Augen offen halten kann. 
Der Dolmetscher für meinen Problemjugendlichen verspätet sich, statt um 10 Uhr erscheint er um 11.30 Uhr. Davor trinke ich Unmengen von Kaffee und versuche mich auf irgendeine andere Arbeit zu konzentrieren, aber weitestgehend erfolglos. Das bisschen Haushalt wird so nebenbei erledigt, um 10 Uhr kommt die Kollegin und ich habe endlich jemanden zum Quatschen. 

Dann kommt der Dolmetscher, das Gespräch verläuft so semi-erfolgreich. Danach bin ich ersteinmal durch mit den Nerven und muss mal raus. Gottseidank ist hinterm Haus die Heide, die hat mir schon so manchen Tag gerettet. 

Gegen 14 Uhr ziehe ich mit zwei Jungs los zu einem Vorstellungsgespräch in einer Wohngruppe. Auf dem Weg gibt’s gratis von mir noch ein kurzes Briefing, wie sie sich bei dem Gespräch Verhalten sollen. Schon beim ankommen bemerken die Jungs die benachbarte Autowerkstatt: Oh, da können wir dann später Ausbildung machen! Ja meine Herzen, genau so stelle ich mir das vor. 

Wir müssen ein wenig auf die Kollegin warten, in dieser Zeit erzählt mir C., dass er ja anfangs in Deutschland nur sehr wenig gesprochen habe, da er sich nicht getraut habe. Aber jetzt sei er viel sicherer und traue sich mehr zu. Dennoch findet er es gut, dass seine Betreuerin bei dem Gespräch dabei ist, denn er braucht ja noch Rat und Unterstützung, wie er sich in Deutschland verhalten solle, was er tun und was er lieber lassen soll. Ich sage tröstend, dass das ja wohl ganz natürlich sei, er ist ja noch nicht sooo lange in Deutschland und da müssen alle Jungs noch viel lernen: ” Schau, C.,  wenn ICH nach Nigeria” – ich blicke zu K. – “oder nach Afghanistan fahren würde, dann wäre ich ja auch fremd dort und bräuchte Hilfe, was ich tun oder lassen soll…?” Beide Jungs winken mit der Hand ab und lachen lauthals los: “Ist dort alles egal, Ansku, dort keine Kontrolle, keine Polizei. In Nigeria und Afghanistan jeder kümmert sich um sich selber, Du kannst machen, was Du willst…” Äääh, ok, vielleicht schlechtes Beispiel. Alles klar Jungs, die naive Betreuerin hat mal wieder erst gesprochen und dann gedacht. :)

Das Gespräch verläuft dann auch sehr positiv, ein angenehmer Höhepunkt dieses Tages. Dann verlassen wir die Einrichtung wieder, beide Jungs sind sehr begeistert und sind in Gedanken eigentlich schon eingezogen. Wir fahren eine Station mit der Bahn und ich verabschiede mich von den Jungs, denn ich habe Feierabend und will noch schnell ein zwei Kleinigkeiten im nahegelegenen Einkaufstempel einkaufen. Ich habe eigentlich reichlich Zeit, bevor heute Abend die Lieblingschefin-Freundin zu Besuch kommt. Aber wenn man dann so unterzuckert und gehirnentleert durch den Supermarkt rennt, dass der “kleine” Einkauf mal eben eine knappe Stunde dauert, wenn man auf der Suche nach einem Stück Parmesan dreimal zwischen käsetheke und Kühlregal hin- und herrennt, wenn man dann statt mit zwei drei Kleinigkeiten mit einem halben Großeinkauf inklusive schokomarienkäfern als mitgebsel an der Kasse steht und wenn man dieselbe Frau aus der Obst- und Gemüseabteilung, die einem am Anfang den letzten Topf Koriander gerettet hat, am Schluss des Einkaufs nach 15 Minuten hektischem Suchen sehr verwirrt nach Sesam fragen muss, dann kommt man durchaus in Zeitnot. 

Die Busfahrt zurück dauert eine halbe Ewigkeit, so dass ich schließlich 20 Minuten vor der verabredeten Zeit Zuhause bin. Ich habe gerade einmal Zeit das Bad zu putzen, um die Einkäufe zu verstauen reicht es nicht mehr, da die Lieblingsfreundinn überpünktlich ist. Aber dank meiner offenen Küche kann ich ganz entspannt mit dem kochen beginnen und wir unterhalten uns nebenbei. Es gibt zuerst Rucola mit Tomaten und Parmesan und danach sesamtofu mit Kokossauce und Brokkoli (wobei der Sesam nicht am Tofu kleben bleiben will und deshalb an den Brokkoli wandert) und es wird ein sehr netter und entspannter Abend mit gutem Essen und guten Gesprächen. Erst um 0.15 Uhr verabschiedet sich die Chefin, nicht ohne sich vorher versichert zu haben, dass ich am nächsten Tag keinen Frühsienst habe. “Oh gut, dann muss ich kein schlechtes Gewissen haben, dass ich dich vom schlafen abhalte…!” 

Tagebuchbloggen April ’15, II

So, nach einem heute nachgeholten Osterfest und endlich auch für mich ein wenig Feiertag und Entspannung, fühle ich mich nun endlich in der Lage, die Ereignisse des gestrigen Monatsfünften nachzuliefern. Jeden 5. des Monats fragt Frau Brüllen: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Wie bereits gesagt, es war ein denkwürdiger Monatsfünfter, ein denkwürdiger Arbeitssonntag und ein denkwürdiges Osterfest – alles in einem.

Der Tag fing damit an, dass ich mal wieder nicht schlafen konnte und mich – obwohl ich bereits um 23.30 Uhr im Bett war – um 0.10 Uhr immer noch herumwälzte. Ich schlich zwischen Bett und Fernseher hin und her, versuchte es mehrmals mit Fernsehen, dann doch wieder mit Einschlafen, aber ohne Erfolg. Also zog ich gegen 0.30 Uhr um vor den Fernseher und sah mir bis 2.00 Uhr „Nirgendwo in Afrika“ an. Der Film hat mich sehr berührt, ich musste immer wieder daran denken, dass vor gerade einmal 70-80 Jahren eine Menge Deutsche ins Ausland flüchteten, teilweise sogar bis nach Afrika und Amerika, und dort wohlwollend aufgenommen wurden. Und jetzt, wo ein paar Flüchtlinge aus Krisengebieten unsere Hilfe brauchen, gibt es eine Mordsdiskussion, ob Deutschland überhaupt in der Lage ist, „so viele“ Flüchtlinge aufzunehmen. Und das bei unseren Demografieproblemen… Aber anyway, ich schweife ab.

Irgendwann konnte ich dann doch einschlafen, nur um gegen 7.30 Uhr schon wieder aus dem Schlaf hochzuschrecken. Dieser verf****te Vollmond. Ich stand dann irgendwann gegen 8.00 Uhr auf, duschte, zog mich an, packte ein wenig für die Arbeit ein – Proviant, Meßbecher, Küchenwaage – eventuell will ich heute mit den Jungs backen und machte mich schließlich dann doch zu spät auf den Weg zur Arbeit. Gottseidank habe ich gestern mit dem Kollegen vereinbart, dass ich erst um 10.00 Uhr kommen muss und wir dann gemeinsam mit den Jungs frühstücken.

Nun hatte ich aus diversen Gründen ja etwas Schiss vor diesem Tag, denn dieses war der erste große Feiertag, den ich in der Arbeit verbracht habe. Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht. Wie es sein würde, am Feiertag so völlig ungewohnt nicht mit meiner Familie zusammen zu sein; wie es sein würde, alleine in der Arbeit zu sein; wie ich ein schönes Feiertagsprogramm für die Jungs auf die Beine stellen könnte und so weiter. Aber eigentlich erwiesen sich diese Bedenken alle als unbegründet, denn es war ein wunderschöner Tag mit den Jungs und – das sei vorweggenommen – ich hatte ja Tagdienst, also gab es dennoch abends ein Ostermahl mit meiner Familie. Und bisher war dieses Arbeitswochenende auch echt gut gelaufen: bereits gestern, am Ostersamstag, hatte ich alleine mit acht Jungs einen Ausflug zum Bowling gewuppt und es hat allen – inklusive der Betreuerin – ziemlichen Spaß gemacht. Die Vorzeichen standen also gut, dennoch war ich etwas nervös, wie dieser Tag sich entwickeln würde.

Auf dem Weg in die Arbeit sprang ich noch schnell beim Lieblingsbäcker vorbei, um mir einen Cappu mitzunehmen. Der Kunde vor mir kaufte ein Osterlamm und da fiel mir dann auch plötzlich ein, dass ich den Jungs ja eigentlich auch ein Osterlamm mitbringen wollte. Also sah ich schnell in die Auslage – gottseidank, es waren noch Lämmer da – und bestellte noch ein Osterlamm dazu. Beim Umsteigen in die Ubahn musste ich acht Minuten warten, weshalb ich noch einmal schnell vor den U-Bahnhof rannte und mich auf dem Parkplatz nach ein paar Zweigen für einen Osterstrauß umsah, aber keine Chance. Weil aber direkt neben meinem Arbeitsplatz sowieso die schöne Fröttmaninger Heide liegt, machte ich mir wenig Sorgen und ging wieder zurück aufs Gleis. Beim Aussteigen dann machte ich noch einen Abstecher in die Heide. Ich hielt Ausschau nach ein paar Zweigen, an die man die gestern gekauften Ostereier hängen könnte, konnte aber weit und breit nichts Geeignetes finden. Fast schon wollte ich wieder umkehren und in die Arbeit gehen – es war inzwischen schon weit nach 10 Uhr – da entdeckte ich am Wegesrand doch noch einen Strauch mit Zweigen und ein paar Knospen dran. Die Knospen waren miniklein und für mich Botanik-Nerd daher nicht weiter bestimmbar, aber sie sahen nett aus, daher schnitt ich schnippschnapp vier Zweiglein ab und machte mich auf den Weg in die Arbeit.

Dort angekommen war noch alles ruhig, die meisten Jungs in ihren Bett, der Kollege der Nachtdienst hatte, bastelte mal wieder irgendetwas am Laufwerk und erklärte mir, dass die Desktop-Verknüpfung, die ich gestern gebastelt habe aus Gründen nicht funktioniert. Gut, dann eben nicht. Bevor wir anfingen, das Frühstück vorzubereiten, musste ich noch schnell die Osternester für die Jungs fertig basteln. Es sollten noch gefärbte Eier in die Tütchen, dazu hatte ich gestern keine Gelegenheit mehr. Also stellte ich schnell die Zweige in eine Vase, hängte die Tchibo-Ostereier dran, packte bunte Eier in die gestern bereits präparierten Ostertüten und verschloss diese mit Geschenkband. Ich freute mich jetzt schon diebisch auf die Gesichter der acht Jungs. Dann fingen der Kollege und ich an, alle Einkäufe hereinzutragen und das Frühstück vorzubereiten. Kurz bevor wir fertig waren, kamen unsere Nachbarn vorbei, ein Ehepaar aus der näheren Umgebung, die häufig ehrenamtlich uns unterstützen, an Feiertagen Geschenke für die Jungs bringen, Nachhilfe geben und auch sonst irgendwie immer da sind. Sie brachten natürlich auch heute wieder Osternester für die Jungs, also luden wir sie spontan ebenfalls zum Frühstück ein. Schnell schnell wurden dann die letzten Leckereien auf den Tisch gestellt und die Jungs herbeigerufen. Eigentlich wollte ich die Osternester ja verstecken und die Jungs suchen lassen, aber dazu war nun keine Zeit mehr, also fingen wir an zu essen. Während dem Essen sind die Jungs manchmal ganz leise, es herrscht geradezu eine gespenstische Stille am Tisch, dabei ist es sonst eigentlich selten leise bei uns. Ich finde das immer wieder lustig zu beobachten. Aber umso mehr konnte ich mich mit dem Nachbarsehepaar unterhalten und es herrschte eine schöne, angenehme Stimmung am Tisch. Danach verteilten wir die Osternester. Ich fragte zunächst, ob die Jungs über Osterbräuche Bescheid wissen, ja, das hätten sie bereits im Deutschkurs besprochen. Dennoch erklärte ich den Osterstrauß und das Osterlamm und dann verteilten erst die Nachbarn ihre Osternester und danach ich unsere. Die Jungs waren recht erstaunt, dass es zweimal Geschenke gab, freuten sich aber sehr.

Nach dem Essen – inzwischen war es 13.00 Uhr – verschwand der Kollege nach Hause, er hätte ja eigentlich auch schon um 8.30 Uhr Feierabend gehabt, der Nachbarsmann spielte mit den Jungs Jenga und ich stellte kurz eine Spülmaschine an, machte mir noch einen Kaffee und setzte mich dann mit der Nachbarin hin und wir unterhielten uns noch eine Stunde angeregt über Gott und die Welt. Über das Viertel, über Flüchtlingspolitik (s. oben…), über Handarbeiten, über Jobs… Das war richtig gemütlich und österlich, so friedlich und zufrieden! Schließlich, gegen 14 Uhr brachen die beiden auf und ich – da inzwischen todmüde – machte mich an das, was ich mir als zweites großes Projekt für diesen Tag vorgenommen hatte: Einen gründlichen Frühjahrsputz in der Hütte. Für so etwas ist es gar nicht schlecht, alleine im Dienst zu sein und etwas Zeit zu haben. Und eigentlich war es auch genau das richtige, um in Bewegung zu bleiben, alles andere hätte vermutlich nicht verhindern können, dass ich einfach einschlafe nach dem Schlafmangel der vergangenen Tage. Vor allen Dingen hatte ich mir vorgenommen, die Büroschränke gründlich auszumisten, da flog so viel Müll und unnützes Zeug herum, aber noch während ich den Frühstückstisch fertig abräumte, die nicht verputzten Vorräte verstaute, bemerkte ich, dass die Küche es mindestens genauso nötig hatte. Also fing ich an, die Geschirrfächer auszuwischen, den Platz unter der Spüle wo die Töpfe stehen zu schrubben und die Küchenfronten zu putzen. Das alleine kostete schon über eine Stunde. Danach waren die Schränke im Flur an der Reihe. Ich mistete ordentlich aus und warf unter anderem gefühlte 50 Einkaufstüten sowie diversen Kleinkram in den Müll, schüttete gefühlt 10 angebrochene Putzflaschen zusammen und – oha! – schon haben wir wieder Platz im Schrank! Danach war ich eigentlich ziemlich k.o., aber mein Projekt, die Büroschränke waren da noch nicht einmal angefangen. Also gönnte ich mir nur kurz ein Brötchen, etwas zu Trinken, erledigte kurz im Sitzen (!) das Medikamenteneinsortieren und machte mich dann an die Büroregale, die Fächer mit unseren persönlichen Sachen, unsere Geschirrfächer. Inzwischen war es bereits nach 17 Uhr und auch den Jungs war aufgefallen, dass die Zeichen heute auf Saubermachen stehen. Irgendwann, als ich in die Küche kam, um das Putzwasser zu wechseln, fragte mich einer meiner Jungs „Du heute putzen?“ Ich antwortete, dass ich mal alles gründlich saubermachen müsste, ja. Dies wiederum veranlasste den Jugendlichen dazu, sich (unter Lachen) vor den anderen mit seiner fleißigen Betreuerin zu brüsten: „Ja, sehr gut! Sehr gut! Meine Betreuer sehr gut!“ Lächelnd verließ ich die Küche, so eine Aussage zu hören wäre noch vor einigen Wochen undenkbar gewesen.

Bei uns ist Sonntag sowieso Putztag, der Tag wo die Jungs ihre Dienste verrichten und so kamen sie dann auch allmählich einer nach dem anderen und ich musste meine Arbeit immer wieder unterbrechen, um Putzsachen auszugeben, Zimmer zu kontrollieren und Essensgeld – als Belohnung für erfolgreich verrichtete Putzdienste ;) – auszugeben. Aber insgesamt war es sehr dennoch sehr ruhig, die meisten unserer Jungs waren nach dem Frühstück nach draußen verschwunden. Bei dem tollen Wetter! Dann endlich, es war inzwischen schon fast 18 Uhr, in einer Stunde wollte der Kollege wieder zum Nachtdienst kommen, machte ich mich an die wirklich schlimmen Fächer im Büro. Stifte, Trennblätter, Radiergummis, Spitzer, Infomaterial, U-Bahn-Pläne, Prospekthüllen, Bedienungsanleitungen, Ordner, Kaffeepads – alles flog durcheinander. Auch hier räumte ich alles aus, wischte die Regalfächer aus und räumte alles sauber wieder ein. Währenddessen musste ich all den Bürokram auf den Schreibtischen zwischenlagern und natürlich kam genau in diesem Moment ein Jugendlicher herein und brachte mir einen Teller mit Essen -jetzt wo ich weder Platz noch Zeit dafür hatte… Für die Radiergummis, Stifte, Büroklammern etc. nahm ich mir einen kleinen Karton, der bereits zuvor aus einem der Vorratsschränke geflogen war und schwor mir, mich in der kommenden Woche auf die Suche nach einer schöneren Aufbewahrungslösung zu machen, aber trotz des eingerissenen Kartons hatte das Regal schon viel gewonnen, als ich endlich fertig war.

Siedend heiß fiel mir ein, dass ich ja noch den Vormund eines Jugendlichen anrufen wollte, also tat ich das noch schnell. Eigentlich war es schon kurz vor 19 Uhr, der Kollege sollte in Kürze zur Ablösung eintreffen und auch mein Vater rief schon an, ob er mich von der Arbeit abholen solle zum Abendessen. Dennoch setzte ich mich hastig an den PC und schrieb an die Kollegen eine E-Mail mit den wichtigsten Neuerungen des Wochenendes (ich habe nicht nur im Real Life, sondern auch virtuell aufgeräumt und unser Laufwerk gestern gründlich ausgemistet und umstrukturiert), dann war auch schon gegen 19.15 Uhr mein Vater da. Wer nicht da war, war der Kollege. Als der dann endlich eintraf, machten wir eine Blitz-Übergabe und ich verließ fluchtartig das Gebäude.

Zuhause angekommen gab es dann endlich für mich ein Ostermahl und jetzt war dann auch nochmal so richtig Ostern, zumal mit der Aussicht auf einen freien Tag morgen. Mein Arbeitswochenende war überstanden, das erste Ostern in der Arbeit auch und ich war darüber so euphorisch, dass ich den Abend mit meinen Eltern in vollen Zügen genoss. Bei einer guten Flasche Wein erzählte ich ihnen auch von meinen neuesten Urlaubsplänen, diese wurden von meiner Mutter gleich astrologisch überprüft und obwohl ich ja eigentlich todmüde war, wurde es 23.30 Uhr, bis ich mich endlich auf den Weg nach Hause machte. Sofort einschlafen konnte ich auch dort nicht, also trank ich noch ein Gläschen Rotwein und sah ein wenig fern, bis mir dann doch endlich die Augen zuklappten und ich mich ins Bett verzog. (In der Hoffnung auf etwas mehr Schlaf heute nacht).

Ein ganz besonderes Osterfest. In jeder Hinsicht. Und ich bin froh, dass ich es genauso erleben durfte.

Tagebuchbloggen Aprik ’15

Muss leider morgen nachgetragen werden. Der Tage war zu voll und ich bin jetzt zu müde. Was aber festzuhalten ist, dass es ein Ostersonntag in der Arbeit war und ich hatte aus diversen Gründen ziemlich Schiss vor diesem Tag, ein erster großer Feiertag arbeitend, berechne mit Traditionen. Für mich ist sowas schwer auszuhalten. Und dann, letzten Endes war es ein wunderschönes Ostern, ungewöhnlich, ganz anderes als gewohnt, ganz anders als erwartet, aber dennoch wunderschön. 

Ein Grund mehr, diesem Tag festzuhalten. Morgen dann. 

Vom Suchen 

Ich dachte, dass ich inzwischen sehr viel gelassener umgehe mit meiner Arbeit als im vergangenen Jahr. Ich dachte ernsthaft, ich hätte Abstand gewonnen und könnte mich zuhause auf andere Dinge konzentrieren als den Job. Es ging mir sehr viel besser, und gerade seit dem Umzug in die neue Wohnung erfreue ich mich lieber an meinem wunderschönen Refugium als daheim noch über die Jugendlichen nachzugrübeln. Aktuell jedoch habe ich wieder so ein Problemfällchen zu betreuen, das ist sehr anstrengend und kostet mich oft in der Arbeit den letzten Nerv. Der Junge ist psychisch krank und ja, ich gebe es offen zu, ich stoße oft an meine Grenzen und merke, dass ich für so etwas nicht ausgebildet bin. Dass er bei uns ist, ist eine Verkettung unglücklicher Umstände, unsere Einrichtung ist dafür nicht ausgerichtet, aber wir versuchen das beste draus zu machen. Es ist wie gesagt und zugegebenermaßen wirklich anstrengend mit ihm, aber dafür sind meine beiden anderen Jungs derzeit recht pflegeleicht, ich bekomme sehr viel Unterstützung von den Kollegen und – das allerwichtigste – wir lachen viel darüber, weil es teilweise alles so absurd ist. Das hilft ungemein. Noch vor einem Jahr hätte mich so ein Fall in tiefe Verzweiflung gestürzt, weil ich dem Jungen nicht oder nicht genug helfen kann, jetzt sehe ich das relativ gelassen. Alles was geht – super! Alles was nicht geht – dann eben nicht. Wer Hilfe nicht annimmt, respektlos ist oder nie zufriedenzustellen ist, der hat eben Pech gehabt. Ich war der Ansicht, dass dies allgemein in meinem Beruf und speziell in diesem Fall die gesündeste Weise ist, damit umzugehen. Auch wenn es wie gesagt oft in der Arbeit an meinem Nervenkostüm gewaltig zerrt, habe ich dennoch bislang seit er bei uns ist kaum etwas davon zuhause gemerkt und konnte mich gut ablenken und mit anderen Dingen beschäftigen: Sport, Stricken, lesen…. Ich dachte, ich werde nicht mehr so schnell so ausgelaugt wie im letzten Jahr und fühlte mich bislang recht gut und gewappnet. 

Seit einer Woche aber sendet mir mein Körper – genauer gesagt meine Ohren – relativ deutliche Signale, dass der Stresslevel zu hoch ist und dass ich schleunigst etwas ändern sollte. Zuerst war ich sehr erstaunt, da ich ja dachte, dass ich einen guten Weg gefunden habe, mit diesen Dingen umzugehen, dann war ich verärgert und JETZT fühle ich mich wirklich gestresst. Und zwar am allermeisten von der Tatsache, dass irgendetwas nicht stimmt und ich nicht weiß was. JETZT schlafe ich wieder schlechter, grübele ständig über die Arbeit und vor allem darüber, was denn nun schon wieder falsch läuft und was ich denn in Gottes Namen noch ändern soll. JETZT fängt alles an, mir zuviel zu werden und JETZT fühle ich mich ziemlich hilf- und ratlos. 

Und nun? 

Tagebuchbloggen März 2015

Jeden 5. des Monats fragt Frau Brüllen: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Nachdem ich im Februar ausgesetzt habe aufgrund von Unblogbarkeit des Tages, bin ich nun wieder dabei. Wenn auch verspätet, der Grund jedoch sollte spätestens am Ende des Posts ersichtlich werden. ;)

4:00 Uhr ich bin wach.
7:36 Uhr zum zweiten Mal wach, fühle mich aber trotz 8 Stunden Schlaf wie von einer Dampfwalze überfahren. Ich möchte nicht aufstehen, sondern nur schlafen, aber das klappt leider auch nicht. Also döse ich noch etwas und fange dann an Tagebuch zu schreiben. Vor der Arbeit muss ich noch Pflegemittel für Kontaktlinsen kaufen und mein Paket von der Post holen. Überweisungen machen und den Hausmeister anrufen. Ganz schön volles Programm für 1,5 Stunden, also muss ich jetzt wohl doch aufstehen.

Nach Plan ist ja doof, deshalb schraube ich spontan das Kopfteil meines Bettes zusammen, das letztes Wochenende geliefert wurde. Danach räume ich auf und gehe kurz ins Treppenhaus, um die Nummer des Hausmeisters aufzuschreiben. Die Wohnungstür habe ich kurz offengelassen und ausgerechnet jetzt läuft im TV irgendein blödes Rapvideo, das jetzt das Treppenhaus beschallt. Wie peinlich, denke ich nur…
Um 9.23 Uhr verlasse ich das Haus. Auf dem Weg zu den Wertstoffcontainern (die ganze große Verpackung vom Kopfteil!) ist es schneidend kalt. Ich überlege kurz ob es sich wirklich lohnt, den Umweg zur Post zu laufen und das Paket zu holen, aber ich habe heute Abend keine Zeit dafür, keine Lust auf die Schlangen am Wochenende und außerdem sehe ich gerade die Tram zur Arbeit davonfahren. Also doch erst zur Post, Gottseidank habe ich heute einen Mitteldienst, da ist es relativ egal wann ich in der Arbeit auftauche.

10.20 Uhr. Ich sitze im Bus zur Arbeit. Mein Paket bei der Post war nicht da, dafür habe ich nochmal eine Stange Geld bei Al.natu.ra gelassen. Hmpf. Zuerst muss ich einige Anrufe erledigen, Arzttermine vereinbaren, Nachhilfe organisieren und mit Kollegen aus einer anderen Einrichtung wegen Informationen zur geplanten Ferienfahrt telefonieren. Aber zuerst einmal esse ich mein Müsli und verziehe mich dann in ein anderes Zimmer zum Telefonieren. Die Nachhilfe erreiche ich nicht, alles andere klappt gut. So richtig kann ich aber auch nicht arbeiten, da beide PCs besetzt sind. Aber gut, heute ist das nicht so schlimm. Ausser den Telefonaten liegt nichts wichtiges an und ich habe eh Kopfschmerzen. Zusammen mit dem Kollegen schreiben wir eine Mail an die Schule, weil die Jungs sich zum xten Mal über das Mittagessen beschweren und ich füge noch ein paar Dinge zu meiner Bestelliste für Bürobedarf hinzu. Ein Jugendlicher kommt aus der Schule und hängt erstmal bei uns im Büro herum und ist frustriert. Das Essen und die Schule überhaupt und ach, der allgemeine Weltschmerz. ;-)

Dann wird es doch noch spannend, das Jugendamt ruft an und will dass wir einen kranken Jungen aufnehmen. Details kann ich natürlich nicht schreiben, die Sache ist aber ziemlich haarsträubend, das muss reichen und nach einigen Telefonaten mit Chefin, ChefChef und Jugendamt ist mein Adrenalinbedarf für diese Woche wieder gedeckt. Dass das Jugendamt das immer wieder so zuverlässig schafft, Wahnsinn.

Heute steigt eine After-Work-Party des Arbeitgebers und die liebste Chefin war eigentlich im Planungskomitee, kann aber nun doch nicht helfen. Ich springe für sie ein und bin kurz nach (hust!) 16 Uhr am verabredetem Treffpunkt im Büro des ChefChefs. Auf dem Weg dorthin brauche ich einen Kaffee und eine Apfeltasche um mich wieder abzuregen wegen dieser Jugendamtssache.

Bei CherChef angekommen geht es nochmal um diese Sache mti dem Jugendamt, dann laden wir einiges an Dekomaterial und Stehtische in den Bus und fahren zur Partylocation. Ich bin ziemlich gespannt, denn die Location hatte ich schon mal im Auge für die Party zu meinem 30. Geburtstag, aber dann hat es nicht geklappt. Es ist dann tatsächlich auch ein sehr netter Raum. Wir dekorieren etwas und unterhalten uns mit der Berufsschulklasse, die heute für das Catering verantwortlich ist. Zielgruppe auf der Sozialpädagogen-Party, haha. :)

Dann ist es schon 18 Uhr und die Party beginnt. Die Gäste trudeln sehr langsam ein, aber es ist so toll, nach langer Zeit die Kollegen aus den anderen Einrichtungen wiederzusehen. Und auch meine Chefin aus dem Praktikum ist da, mit ihr unterhalte ich mich lange. Es wird gegessen, getanzt, geredet, bis lange in die Nacht hinein. Mein 5. März endet so gegen 2.30 Uhr im Innenhof der Partylocation, recht angeheitert mit dem harten Rest der Kollegen. Der ChefChef fragt alle der Reihe nach, welchen Dienst sie morgen haben. Ich bin die einzige, die morgen . nein, heute – Frühdienst hat. Kommentar des ChefChef dazu: Super, alle anderen, die Spätdienste, Nachtidienst oder sogar komplett frei haben, kommentiert nur nur mit: Warmduscher. Einige andere ziehen noch weiter, aber eben, mein 5. März enddet nur wenige Stunden bevor bereits der 6. März beginnt und ich fahre dann wohl doch lieber mit dem Taxi nach Hause. Ziemlich glücklih und zufrieden. Gute (kurze) Nacht!

Von gebrochener Schokolade und gebrochenen Herzen

Neulich im Nachtdienst: K. kommt kurz vor Mitternacht zu mir und möchte einen Schlaftee. Während er den Tee trinkt, unterhalten wir uns noch ein wenig und er erzählt mir viel über seine Familie und fragt mich auch über meine Familie aus. Dann fragt er mich urplötzlich “Ansku, was bedeutet ‘Ich glaube nicht an die Liebe’ ?” Ich bin ziemlich erstaunt und frage, wo er diesem Satz her hat. Daraufhin erzählt er mir, dass er in seinem Heimatland vier Jahre lang eine Freundin hatte, aber als er fliehen musste, hat sie diesen Satz zu ihm gesagt und jetzt ist sein Herz gebrochen. Ich sage “Oh K., was für eine traurige Geschichte!” und versuche ihn damit zu trösten, dass die Freundin das vielleicht aus Enttäuschung und Trauer weil er geht gesagt hat. Dann fällt mir plötzlich noch ein “besseres” Trostmittel ein, ich nehme eine Tafel Schokolade aus dem Vorrat, den wir neulich gespendet bekamen, überreiche sie ihm und lächele ihm aufmunternd zu. Ich sage zu K. “Das ist Medizin für gebrochene Herzen, hilft super, ich hab’s selber schon ausprobiert!!!” Er guckt mich ungläubig an und sagt: “Das ist Schokolade.” – “Nein, nein!” erwidere ich schnell, “das ist Medizin für gebrochene Herzen! Wirklich! Ich hab das auch schon ausprobiert, es hilft wirklich!” K. sieht mich ein wenig verwundert an, lächelt dann aber und nimmt die Tafel. Er betrachtet sie kurz und bricht sie dann in der Mitte durch.

“Deshalb? Weil man das auch brechen kann?”

Momente

Nur ein Moment, nur ein kurzer Augenblick.

Ich sitze auf meinem Sofa, in meiner Wohnung. Meine Wohnung, die ganz alleine mir jetzt gehört. Also nicht gehört, aber es ist meine, nur meine. Es ist 7.30 Uhr, ich trinke Cappucino. Cappucino, den ich mir in MEINER Küche zubereitet habe. Meine Küche. Sie ist klein, aber sie ist meine und ich muss jetzt nicht mehr drei Stockwerke runterrennen, um mir eine Kleinigkeit zu essen zu machen. Die Kaffeemaschine stand nicht in der Küche, die war auf dem Schreibtisch und ständig müsste man aufpassen, dass nichts von dem ganzen Zeug, das da sonst noch herumlag nass wurde. Später muss ich noch einen Reiniger für das Ceranfeld kaufen, aber seit dem Umzug macht mir selbst das Putzen nichts mehr aus. Ich könnte zehnmal am Tag putzen, damit alles so schön und sauber und neu bleibt wie jetzt.

Ich sehe mich weiter im Raum um, ich schaue auf die Bücherwand. So eine, wie ich mir immer gewünscht habe. Nun müssen sich meine Bücher nicht mehr im Schrank verstecken, jetzt kann sie jeder sehen und bestaunen. Ich denke daran, wie ich beim Umzug ein paar verlorene Schätze wiedergefunden habe und mich sehr darüber gefreut habe. Meine Mama hat mir eine Zeitlang mal viel Bücher geschenkt, die in Australien spielten, und ich habe sie verschlungen. Das ist Jahre her, ich habe schon wieder vergessen, um was es genau ging. Ich muss diese Bücher unbedingt bald mal wieder lesen.

Mein Blick fällt auf die Schränke und Kommoden an der Wand bei der Küche. Sie ist genauso geworden, wie ich es mir immer gewünscht habe. Pastellfarben mit weißen Möbeln, Hemnes-Serie, ganz im skandinavischen Stil. Ich muss zum hundertsten Male in dieser Woche ein wenig kniepern, weil es genau so geworden ist, wie ich es mir ausgemalt habe. Weil alles passt, wie ich es geplant habe, ich wollte einen großen Tisch und ein großes Sofa, aber ich wollte auch nicht, dass der kleine Raum zu vollgestellt wird, ich brauche auch Platz und Luft zum Atmen. Die Rechnung ist tatsächlich aufgegangen, und es ist noch reichlich Platz da. In manchen Momenten kann ich das immer noch nicht glauben.

Ich denke daran, dass es irgendwie komisch ist. Ich freue mich über die erste eigene Wohnung und einige Freunde von mir planen gerade zusammen mit ihren Partnern Häuser zu bauen. Ein flüchtiger, etwas bedrückender Gedanke, den ich aber gleich wieder wegwische. Dazu ist es einfach zu wunderschön. Auf diesem meinem Sofa. In dieser meiner Wohnung.

Ich denke daran, dass ich später arbeiten gehen muss und obwohl ich meinen Job natürlich weiterhin sehr mag, ist Arbeiten gehen momentan das letzte, waschechte möchte. Das Problem daran ist das “gehen”, denn um arbeiten zu “gehen” muss ich ja diese Wohnung verlassen… Und mein Sofa, derzeit mein liebster Ort auf der ganzen Welt. Mir ist so sehr nach Einigeln zumute, dass es schmerzt. All die Müdigkeit der vergangene Wochen kommt jetzt zutage, ich will und kann mich nicht mehr bewegen. Ich sitze einfach hier und staune und genieße. Die Welt dort draußen kann sich gerne weiterdrehen und weitertönen, ich staune und genieße.

Und muss zwischendurch ab und zu ein bisschen kniepern vor Glück.

Große Projekte

Ein guter Vorsatz für 2014 könnte auch sein: Näh mal wieder! Nachdem das Nähen im letzten Jahr nahezu flach lag. habe ich wieder so richtig Lust. Die allererste Anschaffung für die neue Wohnung wird ein grooooßer Tisch werden, an dem man nähen, puzzeln, malen, Gäste einladen, ach einfach alles kann. Darauf freue ich mich schon sehr. Ebenso darauf, dass die Stoffe jetzt nicht mehr in Schränken versteckt werden müssen, sondern einen Ehrenplatz in Regalen bekommen, wo jeder sie sehen, bestaunen und gerne auch bestreicheln kann.

In diesem Jahr möchte ich gerne auch endlich mehr Kleidung nähen, um genauer zu sein, ich möchte mir ein hübsches Kleidsche aus Viskosejersey nähen. Dazu habe ich sogar noch einmal in einen Nähkurs investiert. Dieser Nähkurs war heute, leider jedoch sind wir gerade einmal bis zum Zuschneiden gekommen. Dabei hat mich der Nähkurs bereits die halbe Woche in Atem gehalten.

Vergangenen Freitag war ich in der Stadt, dort allerdings hat mich die Jersey-Auswahl in den großen Kaufhäusern nicht so wirklich überzeugt. Also fuhr ich wieder heim und bestellt im Internet, sehr hibbelig, ob der Stoff rechtzeitig ankommen würde. Am Dienstag fragte ich meine Mutter um ein Rädchen fürs Schnittmuster ausradeln und Packpapier und nahm beides mit in die Arbeit. Dort haben wir im Besprechungsraum einen großen Tisch, den wollte ich nutzen um das Schnittmuster auszuschneiden. Nach Feierabend, also nachdem Frau Chefin zur Ablöse gekommen war, verzog ich mich ins Besprechungszimmer und legte los. Leder jedoch vergaß ich, dass so ein Rädchen recht scharf sein kann und dass man dennoch recht heftig aufdrücken muss, um etwas auf dem Packpapier sehen zu können. Als ich gerade meinte, den Dreh raus zu haben, sah man auf dem nagelneuen Holztisch ein liebevoll ausgeradeltes Rechteck. Etwas zum Unterlegen hatte ich komplett vergessen und war auch spontan nicht zu finden, also musste ich zähneknirschend aufgeben. Als ich zurück ins Büro kam, war Frau Chefin recht erstaunt und sagte: So schnell fertig? Warst Du erfolgreich? und ich antwortete mit einem tiefen Seufzer: Nein und beichtete ihr das Unglück. Immerhin hatte ich das Missgeschick nach nur einem Teil bemerkt und der Tisch sind nicht aus wie ein Schnittmuster.

Am folgenden Tag fuhr ich vor der Spätschicht in die Stadt, weil ich mich nun doch entschieden hatte, das Schnittmuster auf Seidenpapier zu pausen. Wie es der Zufall so will, traf ich vor dem Laden wieder meine Chefin. Ich erzählte ihr, dass ich mich jetzt doch für Durchpausen statt Durchradeln entschieden hatte, stammelte irgendetwas von “Ist besser so… für den Tisch” und flitzte schnell in die Nähabteilung. Natürlich fand ich das gewünschte Papier erst im zweiten Kaufhaus, aber anyway, ich konnte loslegen.

Das war dann gestern und ging unerwartet leicht von der Hand, das hätte ich nicht gedachte bei dem Wirrwarr von roten, grünen, blauen und schwarzen Linien auf dem Schnittmusterbogen. Das böse Erwachen kam dann heute im Nähkurs. Ich hatte ein Schnitteil für den Rock in die falsche Richtung verlängert, das muss man auch ersteinmal hinbekommen. Gottseidank hatte ich mich aus verschiedenen Gründen dann doch dagegen entschieden, den Stoff – anders als ursprünglich abgesprochen – schon vor dem Kurs zuzuschneiden. Es wäre eine Katastrophe geworden. ;) Einige andere kleinere Fehler wären dazugekommen und schoon wäre das ganze schöne Projekt für die Katz gewesen. Auch habe ich mir scheinbar ein recht anspruchsvolles Kleidsche ausgesucht – dass es nicht leicht werden würde, wusste ich, aber an einigen Punkten musste selbst meine Nählehrerin heftig überlegen.

Letzten Endes haben wir 2,5 Stunden mit Zuschneiden vertan, ich jedoch empfinde das nicht als verlorene Zeit, denn meine Nählehrerin hat mir sehr ausführlich erklärt, worauf man achten muss und wie ich mich korrekt vermesse und worauf ich beim Zuschneiden achten soll. Tolle Tipps, die ich vermutlich in den nächsten Tagen nochmal gesondert aufschreiben werde, für die nächsten Projekte. Irgendwann. Obwohl wir also ncht einmal ansatzweise das geschafft haben, was wir uns vorgenommen hatten: Ich kann Tante Berta nur empfehlen, die Lehrerin hat sich wirklich viel Zeit für mich genommen

Sie erinnern sich vielleicht an das Projekt Patchworkdecke? Gut, dann wissen Sie ja schon wie es um große Nähprojekte bei Frau Ansku bestellt ist. Irgendwann am Ende wird vermutlich-hoffentlich ein hübsches Kleidsche für Frau Ansku dabei herausspringen, bis dahin jedoch kann es dauern. Bleiben Sie einfach dabei, wenn es demnächst wieder heißt: Frau Ansku und das 9-Monats-Projekt!

Davor wird aber erst einmal umgezogen. Freuen Sie Sich mit mir auf Tische, Regale, viel viel Platz und neue Abenteuer aus dem Nähstübchen!

Gute Vorsätze

Ich wünsche Euch und Ihnen ein frohes, gesundes und glückliches neues Jahr 2015, in dem Träume wahr werden, die Sonne scheint auch wenn sie mal nicht scheint, viele neue Babys geboren werden und auch sonst alles recht plüschig sein wird, ich hoffe Sie sind alle gut rübergerutscht (ohne dabei auszurutschen (so wie ich, zum Glück aber mit glimpflichem Ausgang) und hatten es sehr sehr fein.

Wie üblich gibt es auch dieses Jahr wieder ein paar Vorsätze, nicht sowas wie etwa das schnöde “Friss die Hälfte”, denn sowas klappt bei mir selten bis nie auf Knopfdruck. Oder nur weil Neujahr ist. Um genau zu sein, “Friss die Hälfte” – oder landläufig auch WeightWatchers genannt – habe ich letztes Jahr im August aus einer Laune heraus angefangen und das hat dann auch ziemlich gut funktioniert. Völlig ohne Druck und Vorsätze.
Hier gibt es traditionell also nur “positive” Vorsätze. Erstmal aber erzähle ich, was aus den Vorsätzen des letzten Jahres geworden ist:

1. “Nach London reisen.” Been there, done that. Sogar gleich zweimal und London völlig verfallen.

2. “Berlin sehen und sterben“. Leider auch 2014 nicht in Berlin gewesen. Mag womöglich daran liegen, dass ich das mit der Urlaubsplanung letztes Jahr ein wenig verplant habe…

3. “Urlaub in Finnland machen”. Urlaub? Urlaub?? Siehe Punkt 2.

4. “Stricken lernen”. Bei diesem Punkt kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich diesen Vorsatz eingehalten habe. Ich hänge sozusagen an den Nadeln.

5. Aus 2013 schon stammt dieser Vorsatz: “mal wieder eine Sprache lernen”. Leider auch nicht. Schichtarbeit hat für mich auch einige unübersehbare Vorteile, zu den Nachteilen gehört jedoch auch, dass es mit einem unregelmäßigen ständig wechselnden Dienstplan enorm schwer ist, regelmäßige (!) Freizeitaktivitäten wie Kurse und Gruppen zu planen. Oder ich hab es noch nicht raus, wie auch immer. Neues Jahr, neues Glück.

6. “Ich möchte – jetzt wo monatlich ein festes Gehalt auf meinem Konto eingehen wird – bewusster einkaufen”. Auch diesen Vorsatz habe ich so gut es mir möglich war eingehalten. Ich greife im normalen Supermarkt meistens zu Bio-Produkten (wenngleich ich auch ein gesundes Misstrauen gegenüber dem Siegel “Bio” habe und mich da noch viel mehr informieren muss/ möchte) und wenn ich gerade Zeit habe, mache ich beim Einkaufen auch den Umweg zum Bioladen. Beim Schreiben fällt mir auf, dass ich nicht das Gefühl habe, dass ich deutlich mehr für Lebensmittel ausgegeben hätte als die Jahre davor.
Besonders aber liegt es mir am Herzen, weniger Produkte im Internet zu bestellen und mehr den Einzelhandel zu unterstützen. Dabei achte ich auch darauf, so viel wie möglich in kleinen traditionellen Geschäften zu kaufen und weniger bei großen Ketten. Manche Marken für z. B. Kleidung sind leider nur im Netz bestellbar, aber wo es geht kaufe ich im Laden. Besonders stolz bin ich, dieses Jahr kein einziges Buch beim großen Online-Versandhaus bestellt zu haben. Früher habe ich vor allem Fachbücher ohne groß zu suchen einfach schnell im Internet bestellt, aber meine Buchhändlerin im Lieblingsladen um die Ecke kann das mindestens genau so schnell und meistens plaudern wir beim Bestellen noch etwas, was immer sehr nett ist. Lediglich einmal habe ich ein Buch quasi über das große Online-Versandhaus bei einem Drittländer bestellt, weil ich ein gebrauchtes haben wollte.
Mir ist das sehr wichtig und 2014 habe ich diesbezüglich schon einige Schritte in die richtige Richtung gemacht, aber all das ist noch stark ausbaufähig.

Die Vorsätze-Bilanz für 2014 ist also durchwachsen, ich nehme daher Vorsatz Nr. 2, Nr. 3, Nr. 5 sotien on Teilen Nr. 6 mit in diesel neie Jahr. Das ist eigentlich schon einiges an Programm, zumal ich zuallererst mir die nächsten Monate meine Wohnung fein herrichten werde, genauso wie ich sie mir seit langer Zeit erträumt habe. Die Tine Wittler in mir drängt sehr danach sich endlich ausleben zu dürfen.

Daneben gibt es also für 2015 nur zwei ganz kleine neue Vorsätze, wobei so ganz neu sind feie auch nicht, sie würden nur bisher nicht aufgeschrieben.

1. eine Fernreise machen. Seit Thailand bin ich da sehr angefixt, am liebsten möchte ich einmal Afrika sehen.

2. mich politisch engagieren. Ob im kleinen Verein, in einer Organisation oder einer Partei steht dabei momentan noch völlig offen. Ich bin ja meistens eher so für das Helfen in meinem kleine Kosmos, aber seit ich das beruflich mache, merke ich immer mehr, wo die dicken Halen im System sitzen und gegen die hilft scheinbar nur Schwarmintelligenz.

Auf geht’s in ein neues spannendes Jahr.

2014 in Zahlen

nun noch der zweite Teil des Jahresrückblickes:

  1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?

Ich gebe eine 9. Das Jahr war toll, aufregend, erfüllt, erfolgreich, phänomenal und glücklich, aber unglaublich anstrengend. Anyway, es hat sich gelohnt.

  1. Zugenommen oder abgenommen?

Abgenommen, es fing an mit WW im August, aber irgendwann war der Stresslevel so hoch, dass es gar kein WW mehr brauchte… Guter Vorsatz für’s neue Jahr, wieder regelmäßiger essen.

  1. Haare länger oder kürzer?

Gleich lang, ich glaube, den Jugendtraum einer Wallemähne bis zum Po muss ich nun endgültig begraben.

  1. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Ich bin keine Studentin mehr, ich bin jetzt eine „Fachkraft“. Manchmal wünschte ich mir für diese neue Rolle noch etwas mehr Weitsicht, aber im Großen und Ganzen habe ich doch wohl einiges an Weitsicht hinzugewonnen.

  1. Mehr Kohle oder weniger?

Mehr!!!!! Und vor allem regelmäßig. Kneif mich doch mal einer, ich kann das auch nach einem Jahr immer noch nicht glauben.

  1. Besseren Job oder schlechteren?

Traumjob. Ich möchte nie wieder etwas anderes machen. Nie wieder.

  1. Mehr ausgegeben oder weniger?

Trotz aller guten Vorsätze zu sparen, natürlich mehr. Mehr Kohle, mehr Schopppööööng!

  1. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?

Neue Kollegen, beste Kollegen die wo gibt. <3

  1. Mehr bewegt oder weniger?

Krankheitsbedingt stark schwankend, aber insgesamt wohl gottseidank doch ungefähr gleichviel. Ich versuche weiterhin ein- bis zweimal die Woche laufen zu gehen.

Und sonst so? Nun, mein Beruf als Weltenretterin bringt es so mit sich, dass ich tagtäglich vieles in Bewegung setze. Meistens zum Guten hin, das freut mich am allermeisten.

  1. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?

Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen. Irgendwas is‘ ja immer… Husdn, Snupfn, trallala!

11. Davon war für Dich die Schlimmste?

Eine Nierenbeckenentzündung und diverse Blasenentzündungen. Ich habe eigentlich auch 31 Jahre lang ziemlich gut ohne Nieren- und Blasenentzündungen gelebt und ich hätte es auch weiterhin tun können. Hättehätte Fahrradkette…

  1. Der hirnrissigste Plan?

Mit 15 Jugendlichen und 3 Betreuern in die Disco zu gehen, das am wenigsten hirnrissigste an dem Vorhaben war noch der Plan, dass der Kollege sich den ganzen Abend an die Bar stellt und bewacht, was die Jungs trinken, um dann in der Location anzukommen und festzustellen, dass die Bar im Viereck und komplett uneinsichtig ist… Aber immerhin hab ich mir dabei das Fremdschämen im Job abgewöhnt.

  1. Die gefährlichste Unternehmung?

Ebenjener Discobesuch, siehe Frage 12.

14. Die teuerste Anschaffung?

Eine Wohnung (auch wenn es erst ab Januar ist, aber dazu gehören natürlich diverse Anschaffungen

Gesangsunterricht

Und noch kurz vor knapp, also vor Jahreswechsel, ein iPad. :D

  1. Das leckerste Essen?

Im Zweifelsfall das Essen von den Jungs, auch wenn’s mir jetzt keiner glaubt, aber vor allem die afghanischen und somalischen Jungs kochen wirklich phantastomanisch. Und ich, ich! ICH! arbeite dort und werde beinahe täglich gemästet… eh… verköstigt. :)

  1. Der beste Sex?

Alle Jahre wieder: Knutschen aufm Oktoberfest. Ich weiß, das klingt irgendwie… traurig, aber das war es ganz und gar nicht. ;)

  1. Das beeindruckendste Buch?

Leider so gut wie gar nicht zum lesen gekommen und deshalb vieles angefangen und dann doch nicht beendet. Ich habe viele beeindruckende Bücher hier liegen, aber eben nicht die Zeit und vor allem die Ruhe, sie zu lesen. Als einige Beispiele seien genannt: Sofi Oksanen: Stalins Kühe. José Samarago: Stadt der Blinde. Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do.

  1. Der ergreifendste Film?

Nur einen Film dieses Jahr gesehen: „The Equalizer“ mit Denzel Washington. Nun ja, es war spannend, ein Thriller eben, aber ergreifend würde ich das jetzt nicht nennen.

  1. Die beste CD?

Ella Henderson: Chapter 1. Ich bin dieser Stimme vollkommen verfallen.

  1. Das schönste Konzert?

Kein Konzert dieses Jahr

  1. Die meiste Zeit verbracht mit?

Den liebsten Kollegen

  1. Die schönste Zeit verbracht mit?

Den liebsten Kollegen, meiner Familie, meinen Freunden

  1. Zum ersten Mal getan?

Da gibt es vieles dieses Jahr:

  • Einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben.
  • Einen Mietvertrag unterschrieben
  • Jemanden vor Gericht angeklagt.
  • Für Jugendliche shoppen gewesen (Rollentausch galore, die Männer shoppen, die Frau bezahlt)
  • Mich zwischen eine Schlägerei unter Jugendlichen geworfen.
  • Gesangsunterricht genommen. Und es keine Minute bereut.
  • Monatsgehalt bekommen. (Und ja, Geld kann doch glücklich machen!)
  1. Nach langer Zeit wieder getan?
  • Beim Kinderarzt gewesen. Also… nicht ich. ;)
  • Eine Abschlussarbeit geschrieben (die erste in sechs Monaten, die zweite in mehr oder weniger zwei Wochen…)
  1. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

Einige durchwachte Nächte im Nachtdienst mit Polizei im Haus, weil Jugendliche nicht nach Hause kamen oder ähnliches. Aber andererseits auch wieder nicht.

Einige durchwachte Nächte wegen Schlaflosigkeit…

  1. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Mich selber. Davon, dass ich für diesen Job nicht komplett unfähig bin.

  1. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Zeit, Zuhören, Aufmerksamkeit

  1. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Zeit, Zuhören, Aufmerksamkeit

  1. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

Sind viele:

„Du hast doch circa 80 % der Töne getroffen.“

„Du bist für mich hier in Deutschland wie eine Mama.“

„Ich wollte Dich mal fragen, wie es Dir geht. Du gefällst mir gar nicht.“ (in einer Situation, in der es mir recht besch…eiden ging.)

„Entschuldige bitte für den ganzen Ärger, den ich gemacht habe.“ (von Jugendlichem, von dem ich noch zu das Anfang des Jahres nie erwartet hätte)

  1. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

weiß ich nicht, aber fragen Sie doch vielleicht mal meine Jungs.

  1. Dein Wort des Jahres?

Mama. (siehe Frage 28 ;) )

  1. Dein Unwort des Jahres?

Pegida (und alles, was damit zusammenhängt)

2014 in Bildern

Es ist wieder soweit. Ein Jahr in Bildern, große und kleine Momente, an die ich mich immer wieder gerne erinnere

Januar

IMG_1947Der erste Arbeitstag. Nachdem es kurz vor Weihnachten noch mit dem Job geklappt hat, darf ich gleich nach Neujahr ran und sogar noch ein bisschen mehr arbeiten als ich eigentlich gedacht hatte. Das Reinkommen in ein völlig neues Gebiet und in so ein großes Team ist anstrengend und fordert viel Energie. Energie, die ich eigentlich in die Bachelorarbeit investieren sollte, die ich ja noch so “nebenbei” schreiben muss. Kaffee steigt auf zum vorherrschenden Thema dieses Jahres.

IMG_2254Darüber geht mein Geburtstag fast ein bisschen unter, aber die beiden allerbesten Freunde schaffen es mit einem furchtbar lieben und überraschenden Überraschungsbesuch, dass der Geburtstag dann doch nicht ganz so untergeht.

Meine Mama schenkt mir die ersten Stricknadeln zum Geburtstag und ab jetzt bin ich zusätzlich zum Nähen und Häkeln auch noch dem Strickvirus verfallen.

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Mein Job hat auch recht angenehme Seiten, zum Beispiel die Jungs zum Schwimmkurs bringen und warten, bis sie fertig sind.

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…. oder leckerstes Überraschungsessen von den Jungs gekocht…

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Februar

Nichts neues im Februar. Arbeit, Arbeit, Bachelorarbeit. Zwischendurch feiern wir die Zeugnisverleihung des Bruderherzens. Ach, was wünschte ich, ich wäre schon so weit…

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Zum Kaffee brauche ich eine Menge Nervenalkohol, äh Nervenschokolade! ;)

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März

Ich habe zwei Wochen Urlaub. Allerdings zum Bachelorarbeit schreiben. Nach einem recht anstrengenden Endspurt ist es aber dann endlich geschafft, der letzte Akt dieses Studiums. Ich bin jetzt fertige Sozialpädagogin, wenngleich auch noch ohne Zeugnis. Ich genieße eine kurze Auszeit: Zuhause und…

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IMG_2393… am Lieblings-Chiemsee in den ersten Frühlings-Sonnenstrahlen.

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April

Back to work. Back to coffee. #iseeghosts

IMG_1976Neuer Job, wenn auch der gleiche wie bisher. Nur eine Kleinigkeit ist anders, ich bin jetzt nicht mehr Aushilfe, sondern staatlich anerkannte Fachkraft. Man könnte meinen, die Jungs würden das anerkennen, jedenfalls bekomme ich immerhin Blumen, aber soweit ist es dann doch nicht. Dafür bekomme ich neue Kollegen, die dann auch umziehen werden in die neue Einrichtung. Irgendwann, wenn die dann mal fertig ist. Doch bis dahin sollte noch einige Zeit vergehen.
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Ich habe endlich wieder Zeit zu nähen und beende das erste große Taschenprojekt. Am Ende des Monats ist Ostern und um mich bei der besten Familie für all die Unterstützung während der langen Studienzeit zu bedanken, darf nun endlich auch einmal ich (als neue “Großverdienerin”) alle ganz fein zum Essen ausführen. Und dabei auch den neuen Mantel und das neue Täschchen.
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Mai

London, Baby! Ich nehme mir für ein verlängertes Wochenende etwas Urlaub und jette zum Bruderherz nach London. Die ersten zwei Tage in dieser großen großen Stadt – und im Regen – finde ich befremdlich, danach finde ich London einfach nur noch großartig.
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Eine Nierenentzündung zwingt mich zu einer Zwangspause. Statt Kaffee Blasen- und Nierentee.

IMG_3680Am Ende des Monats gibt es noch einen Ausflug mit dem Chor zum Gardasee, was sehr sehr schön ist. Allerdings neigt sich die Chorzeit dann auch schon dem Ende zu. Im Juni werde ich kurzerhand aus dem Chor geschmissen.

Juni

IMG_4393Ich bin weiterhin fleissig am Arbeiten, Berichte lesen, Berichte schreiben. Darüber komme ich fast kaum zum Lesen von “richtigen” Büchern, was sehr schade ist, da im Netz die #30TageLesen Challenge läuft. Nun ja, immerhin kann ich mich mit Bildern, wie ich in der Arbeit lese, beteiligen. ;)
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Es wird langsam etwas sommerlicher.

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Juli

… und ich komme doch noch zum Lesen. ;) Und zu Kaffee.

IMG_4202GartyParty, die dritte!!! Meine Urlaubswoche geht mehr oder weniger komplett für die Vorbereitungen drauf, aber dafür wird es ein großartiges Fest! Frau Ansku ist im siebten Deko-Himmel.

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IMG_4468August

Kaffeepause in der Arbeit. #iseefaces

IMG_4725Endlich ziehen wir im in die neue Einrichtung. Der Umzug ist recht anstrengend, das Ankommen mit den Jungs und mit dem neuen, verkleinerten Team dafür umso schöner.

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IMG_4788September

Kaffee in neuem Sterne-Tässchen

IMG_4796Ich würde mir sehr gerne eine Wohnung suchen. Leider jedoch komme ich vor lauter Arbeit kaum dazu. Ich fühle mich ziemlich ausgelaugt und urlaubsreif, aber ein … ähäm … denkwürdiger Wiesn-Besuch mit den liebsten Kolleginnen bringt dann die so dringend benötigte Abwechslung.

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Es herbstelt deutlich sichtbar. Auch auf meiner Jogging-Strecke.

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Oktober

Auf-dem-Weg-zur-Arbeit-Ansku.

IMG_5098Meine Kollegen sind mir inzwischen so sehr ans Herz gewachsen, dass ich für alle erstmal neue Schlüsselbändern nähen muss. Außerdem sollte es auch sozusagen ein paar good vibes bringen, damit wir im neuen Haus endlich eine Schließanlage bekommen. Gut, das mit der Schließanlage hat bis heute nicht geklappt, aber die Kollegen sind dafür umso begeisterter.
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Endlich habe ich auch einmal eine Woche Urlaub und nutze diese, um mal wieder zum Bruderherz nach London zu jetten. London my love!

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… mit durchaus erfolgreichem Shopping-Einlagen…
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… und einer Pint im Pub statt Kaffee. ;)

IMG_5312Und nach einer Reihe von Couriosita unterschreibe ich Ende des Monats endlich den Mietvertrag für meine erste eigenen Wohnung, hell yeah!!!

November

Ich fahre zum Wellnessen und Entspannen mit meinen Eltern ins schöne Niederbayern.
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Hier hole ich mir auch Inspirationen für die Einrichtung der neuen Wohnung. DAS Thema des Monats, endlich darf ich mich so richtig austoben! Vielleicht so???

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Nachtdienst folgt auf Nachtdienst. Am Ende des Monats stehen dann aber zwei wunderschöne Teamtage mit den besten Kollegen. Nur wir und ein Haus mitten im Wald, das ist wunderschön, aber ich merke auch, dass ich nach diesem aufregenden, arbeitsreichen und anstrengenden Jahr mehr als erschlagen bin.

Dezember

Ich spiele für die Jungs noch ein wenig Nikolausine ;) und dann verabschiede ich mich für dieses Jahr von der Arbeit. Endlich Urlaub! 3 Wochen! Darauf einen traditionellen Urlaubs-Anfangs-Kaffee

IMG_6291Ich beschließe, die Vorweihnachtszeit so richtig auszukosten, aber dazu kommt es nicht, da ständig irgendetwas ist. Freizeitstress eben, aber immerhin lenkt mich das gut ab. Dennoch feiere ich mit Kollegen und Jungs nochmal eine wunderschöne Weihnachtsfeier und gehe noch einmal mit den Kollegen aus, was auch sehr toll wird.

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Kaffee im Zug. Ich fahre für drei Tage nach Koblenz, liebe Internetmenschen besuchen.

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Pimp my Weihnachtsbaum. Meine Mutter ist die Beste und bringt mir noch zu Weihnachten die Schokozapfen mit, die es früher in meiner Kindheit immer an Nikolaus gab.
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Leider nicht an Heilig Abend, aber immerhin am zweiten Weihnachtstag bekommen wir hier ein Winterwonderland, das seinem Namen alle Ehre macht. Jetzt bin ich in Weihnachtsstimmung.
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Oh what a year! Anstrengend, aber auch so ereignisreich und toll und glücklich und schön!

Morgen dann noch der Jahresrückblicks-Fragebogen.

Alles gesagt

… zum Thema Flüchtlinge und Rassismus usw:

Was mich daran erschüttert ist, dass durch AfD, Pegida und Konsorten Rassismus quasi wieder “salonfähig” geworden ist. Ich persönlich glaube, der hat in den letzten Jahren nur geschlummert, war aber nie weg. Dabei wird gerne vergessen, dass Deutschland auch durch die wirtschaftliche Ausbeutung Afrikas jahrzehntelang ausreichend Anlass für Kriege und Armut produziert hat. Dabei wird gerne darüber hinweggesehen, dass nach dem zweiten Weltkrieg etliche hunderttausende Deutsche auch auf der Flucht waren und neue Heimaten gefunden haben, wo sie aufgenommen und aufgefangen wurden. So etwas alles wird in diesem Chaos gerne vergessen, stattdessen werden rein innenpolitische Themen wie Altersarmut, Arbeitslosigkeit und Angst vor sozialem Abstieg wild unter einem großen Schlagwort “Überfremdung” vermischt. Das macht mich traurig und wütend. Dieses Land ist eines der reichsten Länder der Welt und könnte so vieles tun und bewegen. Flüchtlinge – davon kann ich inzwischen aus Erfahrung sprechen – sind motivierter als mancher deutsche Jugendliche, der mit 25 noch kraftmeiernd auf Muttis Sofa sitzt. Besonders berührt hat mich, dass ich inzwischen drei Jugendliche kennenlernen durfte, die als Berufswunsch Krankenpfleger angegeben haben, explizit mit der Begründung, dass sie “dieser Gesellschaft etwas zurückgeben möchten”. Flüchtlinge brauchen nur ein kleines bisschen Starthilfe am Anfang, einen sicheren Rückzugsort, einen guten Deutschkurs und das Gefühl, willkommen zu seien. Dann können Wunder geschehen.

Außerdem noch ein paar interessante Zeitungsartikel:

“Ich gehe gegen Pegida demonstrieren, weil…”

Um in diesen feierlichen Tagen nicht allzu negativ oder aggro zu enden: Ich bin grad sehr sehr glücklich, dass in meinem Umfeld so viele wunderbare, tolle, tolerante und herzensgute Menschen sind. Die Flüchtlinge willkommen heißen, die helfen und auch gelegentlich nachfragen, ob wir in der Arbeit Hilfe gebrauchen können.

Euch und Ihnen allen von Herzen: Danke!

Vom Ankommen

Das erste Jahr als Sozialpädagogin ist nun beinahe vorbei. Praktisch ist es für mich vorbei, denn ich habe nun drei Wochen Urlaub. Dann ist es auch rechnerisch vorbei. Dieses Jahr war so voll und so aufregend, so anstrengend und so wundervoll. Mein Kopf ist voll und möchte eigentlich nur noch schlafen, mein Herz ist aber mindestens genauso voll. Und es fühlt sich toll an. Ich arbeite in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und ich liebe meine Arbeit sehr. Es ist genau die Arbeit, die ich machen möchte. Noch als ich anfing, Soziale Arbeit zu studieren, konnte ich mir das alles nicht so recht vorstellen. Schichtarbeit, alleine mit 12 Jugendlichen, diese Verantwortung… Ich war der festen Überzeugung, die Arbeit mit Jugendlichen sei nichts für mich, da bräuchte es schon härtere Charaktäre.

Irgendwann änderten sich meine Vorstellungen, Prioritäten und irgendwann bin ich wohl still und leise in die Jugendarbeit hineingewachsen. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, jemals einen anderen Job zu machen. Ich habe die Zeit im Studium genutzt, um alle möglichen Bereiche auszuprobieren: Bildungsarbeit, Medienpädagogik mit Kindern, Arbeit mit straffälligen Jugendlichen. Nichts davon habe ich bereut, alle Bereiche sind spannend und haben ihren Reiz. Und doch hat mir immer etwas gefehlt. Meistens kommen die Kinder (mit der Schulklasse z.B.) morgens, dann arbeitet man einen halben Tag oder ganzen Tag mit ihnen und so bald man sie ein wenig kennengelernt hat, so bald man zu den eigentlichen Kernthemen vordringt, ist die Gruppe schon wieder weg. Manchmal gibt es noch ein Nachgespräch, aber viel öfters ist es so, dass man nur hoffen kann, dass das Erarbeitete noch einige Zeit vorhält. Zumindest vielleicht bis zum nächsten Monat, nächsten Halbjahr, nächstem Schuljahr? Gerade im Praktikum habe ich ziemlich schnell gemerkt, dass mir das zu wenig ist, es fühlt sich für mich an wie ein “Kratzen an der Oberfläche”. Damit möchte ich nicht diese Arbeit schlecht reden, es handelt sich eher um ein subjektives Empfinden.

Ich stellte also fest, dass das für mich zu wenig ist und habe mich dann doch einmal überwunden und in diesem “schwierigen Bereich” umgesehen. Ziemlich schnell fand ich dann im Dezember 2013 den Job, den ich auch heute noch mache. Es war eine reine Bauchentscheidung, es war eine zufällig entdeckte Stellenanzeige, eine Bewerbung, die ich unter dem Motto schrieb “Mal sehen, was dabei rauskommt”, ein Vorstellungsgespräch, nach dem ich glaubte, dass ich einzig und alleine durch Unwissen und Unerfahrenheit geglänzt zu haben. Und plötzlich hatte ich einen festen Job.

Heute, ein Jahr später, habe ich endlich das Gefühl, in “meinem” Bereich angekommen zu sein. Der Flüchtlingsarbeit, der stationären Jugendhilfe. Es ist wirklich anstrengend, seelisch wie körperlich, aber ich möchte diese enge Bindung mit den Jugendlichen niemals mehr missen. Ich lerne so viel über die Welt dieser Jugendlichen, ich sehe eine Entwicklung in der Zeit, in der sie bei uns sind und ich spiele eine Rolle in ihrem Leben – für mehr als einen Vormittag. Es ist eine sehr enge Beziehung, die mich manchmal verzweifeln und manchmal vor Glück jauchzen lässt. Es ist unglaublich hart, wenn mal wieder ein Sorgenkind nicht auf die Beine kommt und es lässt mein Herz leuchten, wenn mal wieder einer unserer Jungs auf einen guten Weg gebracht ist und in eine neue Einrichtung umzieht. Es ist die schönste Arbeit der Welt.

Es ist aber auch mehr als das. Es ist nach so vielen Jahren des Suchens auch das Angekommen-Seins, das mich jetzt so zufrieden lächeln lässt. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben. Nach mehr als zehn Jahren in Studentenjobs, immer nur befristet. Immer war ich nur die Aushilfe, die Praktikantin, egal wohin ich ging, es war klar, dass meine Arbeit nur von begrenzter Dauer sein konnte. Ich hatte oft gute Ideen, ich setzte Prozesse in Gang, so bin ich nun mal, böse Menschen bezeichnen das auch als Arbeitstier. Aber immer wusste ich, dass ich diese Arbeit, diese in Gang gesetzten Prozesse nach einem halben Jahr, Jahr oder nach zwei Jahren nicht mehr würde weiterführen können. Ich habe immer Lob bekommen, ich hatte stets hervorragende Arbeitszeugnisse, aber ich hatte auch immer das Gefühl, ich hätte noch viel mehr tun, gestalten, auf den Weg bringen können. Aber alle wissen, dass die Arbeit einer Praktikantin begrenzt ist, die Verantwortlichkeit nur begrenzt ist, alles von den Vorgesetzten unterschrieben werden muss. Das sind formale Prozesse und normale Hierarchien in der Arbeitswelt, nichtsdestotrotz fühlte ich mich immer in meiner Arbeit anerkannt. Für die Dauer eines Praktikums.

Jetzt bin ich zum ersten Mal fester Bestandteil eines Teams. Wenn nicht irgendetwas völlig Unvorhergesehenes passiert, wenn ich nicht irgendeine Riesendummheit mache, dann werde ich meinen Job auch noch im nächsten Jahr haben, im übernächsten Jahr und vielleicht sogar noch in fünf oder sogar zehn Jahren. Das ist für mich wie eine neue Welt, ganz neue Perspektiven. Ich kann zum ersten Mal in meinem Leben – beruflich wie auch privat – planen. Ich kann planen, was ich im nächsten Jahr in der Arbeit an Prozessen in Gang setzen werde und sie werden nicht wieder nach einem halben Jahr im Sande verlaufen. Ich bin nicht mehr nur die Praktikantin, mein Wort hat Gewicht, meine Meinung wird anerkannt und oft auch umgesetzt. Ich kann einen Mietvertrag für eine Wohnung (ab Januar, yeah!!) unterschreiben und muss mir keine Sorgen mehr machen, ob ich in einem Jahr noch das Geld für die Miete aufbringen kann.

In den letzten zehn Jahren gab es zugegebenermaßen einige Umwege, ich möchte keinen davon missen. Ich wurde vor zwei Jahren einmal von einer Bekannten gefragt: Hättest Du das nicht auch gleich auf direktem Wege haben können. Nein, hätte ich nicht. Mit zwanzig war ich noch ein anderer Typ als heute. Es ist nicht so, dass ich so eine Arbeit nicht damals hätte machen können oder machen wollen, aber heute weiß ich, warum ich genau diese Arbeit mache. Und doch ist es nach all diesen Umwegen, diesen vielen Stationen, diesem vielen Ankommen, sich auf Neues einstellen, Beziehungen eingehen und dann nach kurzer Zeit doch wieder das Liebgewonnene Verlassen zu müssen, für mich das schönste Gefühl überhaupt. So angekommen.

Die letzten Tage vor meinem Urlaub haben “meine Jungs” ziemlich entsetzt geschaut, als ich ihnen sagte, dass ich nun drei Wochen nicht da bin. Gleich darauf setzte wütender Protest und wildes Gejaule ein: “Drei Wochen sind viiiieeel zu lange!” “Dann sehe ich Dich ja erst im neuen Jahr wieder!” “Ich werde mit KEINEM anderen Betreuer sprechen, nur mit Dir!” “Ich werde Dich so sehr vermissen.”

Schöner kann man nicht in den Urlaub gehen. So angekommen.

Glauben oder nicht glauben

In unserer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge hat sich bereits nach vier Monaten der eine oder andere Selbstläufer eingebürgert. Die liebste Kollegin hat den Begriff “eiingeschleppt” und irgendwann hat er sich – was auch immer meine Sprachwissenschaftler-Seele sehr erfreut, weil es so wunderbar zeigt, wie Sprache durch den Diskurs sich ständig verändert – verselbstständigt. Unser fast schon “hauseigenes” Wort heisst “zappzarapp”. Um die Bedeutung näher zu erklären, gebe ich hier ein paar Zitate der Jugendlichen:

“Ansku, ich habe ein großes Problem. Meine Schlüssel zappzarapp!”

“Ansku, meine Handy nicht mehr in meine Zimmer. Zappzarapp!”

“Ansku, meine Milch wo ist? Zappzarapp?”

Können Sie schon erraten, was “zappzarapp” bedeutet? Genau, es steht für alles, was in irgendeiner Wiese verschwunden/ verlegt/ verloren/ geklaut oder sonstwie verschollen ist. Also alles, was quasi “nicht auffindbar” ist. Dieser Begriff wird durch die Jugendlichen selber weitergetragen. Kommt ein neuer Junge ins Haus, ist eines der ersten Worte auf Deutsch, die er lernt, wahrscheinlich: “zappzarapp”. Manchmal frage ich mich, ob die Jungs wirklich glauben, dass “zappzarapp” ein deutsches Wort ist. Aber, ist es ja auch. Eigentlich. Oder?

Ich warte jetzt eigentlich nur noch darauf, dass Dritte uns hökscht irritiert fragen, was denn nun dieses “zappzarapp” bedeuten soll.

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Letztes Wochenende hatte ich zufällig genau am Nikolaussamstag Wochenenddienst. Nette Nachbarn haben für die Jungs zwölf Nikolaussäckchen gepackt und am Abend vorher vorbeigebracht (für uns Betreuer war das das eigentlich und das schönste Nikolausgeschenk!). Am Morgen, als alle noch schliefen, habe ich (wie eine NikolAnsku ;) ) die Päckchen vor den Zimmertüren verteilt. Die Jungs sind alle noch kein Jahr in Deutschland und kennen daher keinen Nikolaus, deshalb war ich sehr sehr gespannt, wie sie auf die Überraschung reagieren. Wie immer waren die Reaktionen sehr unterschiedlich: Einige haben die Päckchen einfach ins Zimmer genommen ohne weiter zu fragen. Andere sind irritiert zu mir gekommen und fragten “Ansku, was ist das?” Ich habe dann erklärt, dass am 6. Dezember der Nikolaus (dazu habe ich Bilder gezeigt) für die braven Kinder Süßigkeiten bringt. Die Jungs fragten dann irritiert, ob ich der Nikolaus gewesen sei. “Du hast Süßigkeiten gebracht?” Und obwohl unsere “Kinder” nun doch schon 16 und 17 Jahre alt sind, dachte ich mir spontan, dass es doch nett wäre, wenn sie hier in der Fremde ohne Eltern und Familie noch an kleine Wunder glauben könnten. Wenn sie nach allem was sie erlebt haben nochmal ein wenig Kind sein dürften. Ich habe nur kurz überlegt und habe dann den Verdacht entschieden abgestritten. “Nein, nein, nicht ich! Der Nikolaus hat die Pakete gebracht!” Zu meiner großen Überraschung gab es dann keine weiteren Diskussionen mehr und die Jungs sind ohne weitere Fragen glücklich mit ihrer Schokolade abgezogen.

Jetzt sitze ich hier und rätsele, ob sie mir das tatsächlich abgekauft haben und ob unsere großen 16 und 17jährigen Jungs noch an den Nikolaus glauben. Schön wär’s ja doch irgendwie.

Tagebuchbloggen Dezember ’14

Jeden 5. eines Monats fragt Frau Brüllen: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und hat diesen Tag zum WMDEDGT-Tagebuchblogging-Tag ausgerufen. Hier also der letzte Tagebuchblog für dieses Jahr.

Es ist 0:00 Uhr. Ich möchte eigentlch sehr gerne schlafen, denn in 6,5 Stunden klingelt der Wecker. Aber wie so oft in letzter Zeit finde ich keinen Schlaf. Irgendwann nach langer langer Zeit, ich schätze nach 1 Uhr, klappt es dann und ich schlafe tief und fest. Leider nur piept um 5:55 Uhr eine WhatsApp-Nachricht von einer Freundin und reisst mich brutal aus meinen Träumen. Danach finde ich keinen Schlaf mehr und stehe schließlich um 6:25 Uhr auf. Ich ziehe mich an und mache mir einen Kaffee. Viel zu schnell für mein müdes Gehirn ist es 7:10 Uhr und ich verlasse das Haus. Mit der Tram geht es in die Stadt, wo ich um 7:50 Uhr mit meinem Jugendlichen verabredet bin, um einen Arztbesuch zu erledigen. Das Treffen am vereinbarten Treffpunkt klappt tatsächlich hervorragend und ich bin sehr stolz auf “meinen Jungen”. Zwar bin ich totmüde, aber wir plaudern trotzdem während der Fahrt zum Arzt sehr nett und üben auch ein wenig mit M.s Deutschbuch. M. erzählt mir, dass er heute in der Schule einen Test hat und ich verspreche ihm, dass ich beim Arzt sagen, dass es bitte schnell gehen muss. Derlei Sorgen sind dann doch unbegründet. Als wir in der Arztpraxis ankommen, werden wir gleich ins Behandlungszimmer gebeten. Wir müssen ein wenig auf den Doktor warten, aber dann geht es sehr schnell und wir stehen schon nach kurzer Zeit wieder mit einem Urinsammelbehälter wieder vor der Praxis. Na dann hab ich ja was zu tun, wenn ich eh am Wochenende arbeiten muss…

Wir fahren zurück in die Stadt und ich verabschiede M. in die Schule. Selber fahre ich Richtung Arbeit. Als ich dort ankomme, ist keiner zu sehen und ich stehe erstmal vor verschlossenen Türen. Nach einiger Zeit aber öffnet mir endlich der Kollege mit den Worten: “Ich war kurz auf dem Klo und dachte mir, dass die Ansku sicherlich nicht genau in DEN zwei Minuten kommt…” Naja, für gutes Timing war ich schon immer zu haben. Wir machen eine kurze Übergabe, der Schlüssel fürs Besprechungszimmer ist spurlos verschwunden, einer der Jungs will über Weihnachten auswärts übernachten, die üblichen Dinge eben. Dann verschwindet der Kollege in den wohlverdienten Feiermorgen. Ich hätte eigentlich vor dem Urlaub jede Menge zu tun, aber ich bin so müde und fertig, dass ich kaum die Augen offenhalten kann. Auch die zwei Tassen Kaffee zeigen nicht die leiseste Wirkung, und so – jetzt pssst!!! – lege ich mich kurz auf unser Bett und schließe für eine halbe Stunde die Augen. Danach geht es etwas besser, aber ich beschließe dennoch, dass ich heute in der Arbeit nicht alt werden werde. Es ist 11 Uhr, um 13 Uhr kommt der Kollege zum Spätdienst, dann muss ich glaube ich wieder ins Bett wandern.

Mit dieser Aussicht fange ich dann endlich auch an, einige Anrufe zu erledigen und zwei E-Mails zu schreiben. Unerwarteterweise kommt der Kollege dann auch schon kurz nach 12 Uhr, was sehr gut ist. Wir quatschen ein wenig über meinen bevorstehenden Urlaub, den im Januar nahenden Umzug in die eigene Wohnung und sein Pokerturnier. Dann machen wir die mittägliche Übergabe, kurz danach kommen die Jungs von der Schule. Mehrere Jugendliche kommen ins Büro, um sich mit uns zu unterhalten. M. kommt zu mir und erzählt mir, dass der Test nicht gut gelaufen ist. K. kommt zu mir, möchte eine Schmerztablette und wird reichlich ungehalten, weil ich ihm nicht gleich die ganze Schachtel mitgebe; Aber der Doktor hat doch gesagt, drei Tabletten am Tag! Ja, lieber K., BIS ZU drei Tabletten, WENN Du Schmerzen hast. ;) Beide Jungs jaulen mir die Ohren voll, weil ich ab nächster Woche drei Wochen Urlaub habe: Aber drei Wochen sind viiiiieeel zu lange!!! Ich werd Dich soooooo vermissen…! Ich gebe kurzerhand dem Kollegen die Anweisung, in meinem Urlaub so streng mit den Jungs zu sein, dass sie noch dreimal mehr jaulen, bis ich wiederkomme. ;) Es gibt Schlimmeres in meinem Job…

Und Schlimmeres ist auch schon im Anmarsch. Gerade als der Kollege kurz zwei Minuten aus dem Zimmer ist, passiert eine heftige Rangelei zwischen zwei Jungs, so dass ich dazwischen gehen und beide mit all meiner Kraft trennen muss. Was als kleiner Spaß anfing, ist urplötzlich gekippt und ich bin sehr aufgebracht und schimpfe wie ein Rohrspatz.

Nachdem sich alle wieder etwas beruhigt haben, gehe ich kurz 10 Minuten spazieren, einmal um den Block und durch die schöne Heide. Das ist sehr erholsam und ich schöpfe etwas Energie, um die letzten Anrufe zu erledigen und eine ToDo-Liste für die letzten drei Arbeitstage bis Montag zu schreiben. Eine halbe Stunde später, gegen 15.15 Uhr mache ich dann endlich Feierabend. Ein völlig neues Lebensgefühl, dieser früher Feierabend! Mit Musik im Ohr mache ich mich auf dem Weg nach Haidhausen, ein Geschenk für eine Geburtstagsparty morgen kaufen, ich mache einen Spaziergang durch mein Lieblingsstadtviertel und kaufe dabei Backzutaten für das Plätzchenbacken mit den Jungs am Wochenende, mache einen Termin bei meinem Lieblingsfriseur, kaufe Nikolausgeschenke und dann gehe ich noch kurz auf eine Bratwurst und einen Heidelbeerglühwein beim Weihnachtsmarkt vorbei. Schöner wäre es mit Begleitung, aber ich bin sowieso müde und will nur kurz etwas die schöne Stimmung geniessen. Dann gehe ich heim und möchte etwas Fernsehen. Leider nur schlafe ich mal wieder vor dem Fernseher ein und wache erst um 20 Uhr wieder auf. Ich telefoniere mit meinem Papa, suche vergebens für Opa den Christbaumständer auf dem Dachboden, mache mir ein Abendessen, packe das Geschenk für morgen ein und dann kommt spontan doch noch mein Papa auf ein Bier bei mir vorbei und wir quatschen eine halbe Stunde.

Und dann schreibst Du noch Tagebuch und plötzlich ist es schon wieder 23:12 Uhr und höchste Zeit fürs Bett. Morgen um 6:30 Uhr klingelt… (siehe Seitenanfang)

Tagebuchbloggen November ’14

Jeden 5. eines Monats fragt Frau Brüllen: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und hat diesen Tag zum WMDEDGT-Tagebuchblogging-Tag ausgerufen. Ich finde es immer sehr schön, mal einen Tag aufzuschreiben, was alles so gelaufen ist, deshalb wollte ich es unbedingt nachholen. Hier also zwar leicht verspätet, aber immerhin mein Tagesablauf vom Mittwoch, den 5.11.14

Ich wache morgens relativ ausgeschlafen auf und gehe erstmal joggen. Eigentlich habe ich gar keine Lust dazu, aber was muss das muss. Also einen Kaffee und rein in die Laufschuhe. Unerwarteterweise wird es aber dann doch ein guter Lauf, Durchschnittsgeschwindigeit 6:10 Min pro Kilometer, das ist ein neuer Rekord! Gegen 10.00 Uhr bin ich wieder zuhause, trinke einen zweiten Kaffee und hüpfe unter die Dusche. Nun ja, hüpfen ist übertrieben, ich kann mich nicht so gut aufraffen und so komme ich dann letztendlich doch in Stress, pünktlich in der Arbeit zu sein.Ich habe mich mit dem Kollegen um 12 Uhr noch vor Beginn der offiziellen Schicht verabredet, um noch schnell einen Groß-Groß-Groß-Einkauf beim DM zu erledigen. Es werden tatsächlich fast zwei Einkaufswägen voll mit Toilettenpapier, Schwämmen, Seifen, Waschmitteln, Zahnputzbecher, Spülmittel, Reinigungsmittel und anderem Kram, die wir am Ende in seinen kleinen Flitzer laden. Mit Porsche zum DM, Understatement können wir oder so ähnlich. Ich liebe mein Team und meine Kollegen, sehr, müssen Sie wissen. :) Dann hüpfen wir noch schnell in den GhettoNetto nebenan, um Gewürze und ein Mittagessen zu kaufen. Dabei beschließt der Kollege spontan, mir einen Kinderschokoladen-Schoko-Weihnachtsmann zu schenken und ich beschließe ebenso spontan, ihm einen Kinderschokoladen-Schoko-Weihnachtsmann zu schenken. So eine Überraschung! ;)

Wir düsen im kleinen Flitzer zurück zum Wohnheim, laden aus und ich werde etwas nervös, weil ich in einer Stunde um 14 Uhr mit einem Jugendlichen einen wichtigen Arzttermin habe und der Kollege, der uns ebenfalls begleiten wollte, noch nicht da ist. Schließlich aber taucht er auf, wir gehen gemeinsam zur Ubahn, sammeln noch dort den Jugendlichen ein und fahren zu dritt zum Arzt. Unterwegs lässt der Kollege noch eine Runde Getränke für alle springen. Ich bestelle ein Wasser, bereue die Entscheidung aber sofort, als ich sehe, dass der Kollege sich selber einen Kaffee mitgebracht hat. Ich bin furchtbar müde, Kaffee wäre wahrlich die bessere Entscheidung gewesen. Die Fahrt zum Arzt dauert ziemlich lange und dass erstmal eine Anschlussubahn ausfällt, macht die Sache nicht besser. Um 14.10 Uhr sind wir bei der Arztpraxis, wo die Dolmetscherin bereits wartet. Sie erklärt mir dann, dass sie nur bis 15 Uhr Zeit habe und ich seufze innerlich, aber rede ihr und mir gut zu, dass wir den Termin schon in der Zeit schaffen werden. Nach 10 Minuten warten werden wir dann zur Ärztin hereingebeten. Ich bin sehr froh um die Unterstützung des Kollegen, der sich auf dem Gebiet naturgemäß viel besser auskennt als ich und die Fragen der Ärztin kompetenter beantworten kann. Am Ende gibt es noch ein paar Tests und dann werden wir wieder entlassen.

Der Kollege macht sofort Feierabend, der Jugendliche und ich fahren zurück in die Einrichtung. Auf dem Weg stellt mir der Junge sehr viele Fragen und ich merke, dass es ihn grad sehr beschäftigt, wie es – ganz allgemein, ohne konkreten Anlass – in Zukunft mit ihm weitergehen wird. Ich versuche zu trösten und Sicherheit zu geben, zu erklären, aber am Ende ist dann doch eine Umarmung das Mittel, was am besten hilft.

In der Einrichtung angekommen – es ist inzwischen 16.00 Uhr – fühle ich mich sehr k.o. und kopfschmerzig. Ich hatte immer noch keinen Kaffee, also mache ich erstmal eine kurze Kaffeepause. Aber als das auch nicht hilft, sage ich den Kollegen, dass ich kurz einmal um den Block spazieren gehe. Der Arzttermin hat mich sehr aufgewühlt und nochmal einige meiner eigenen Einschätzungen in Frage gestellt, ich brauche einen freien Kopf. Mit Musik im Ohr, das beste Mittel zum Abschalten, gehe ich eine Runde im Viertel und fühle mich tatsächlich etwas fitter, als ich wieder zurückkomme. Jugendliche kommen, Jugendliche stellen Fragen, Jugendliche haben Redebedarf, Frau Ansku aber hätte eigentlich jede Menge Arbeitsbedarf, der Stapel Papierkram auf dem Schreibtisch ist groß… Allerdings ist es nun schon nach 17.00 Uhr und ab 18.00 Uhr ist unser wöchentlicher Gruppenabend, es lohnt sich schon nicht mehr, noch irgendetwas großes anzufangen. Also beantworte ich Emails und futtere nebenbei den Kinderschokoladen-Schoko-Weihnachtsmann – “der erste dieses Jahr!!!!” (O-Ton Kollege). Ebenfalls nebenei wundere ich mich ein wenig, dass die Jugendlichen, die diese Woche den Auftrag haben für den Gruppenabend zu kochen, um 17.30 Uhr mit vollen Einkaufstüten in das Haus gestolpert kommen. Ich bin sehr gespannt, wie sie das schaffen wollen, dass um 18.00 Uhr das Essen auf dem Tisch steht, aber ich bleibe ruhig. Hier zeigen sich vermutlich bereits erste Anzeichen von beruflicher Abgebrühtheit. ;) Um kurz vor 18.00 Uhr schauen der Kollege und ich in den Gruppenraum/ Küche, wo die Jugendlichen gerade dabei sind, zwei Säcke Zwiebeln für 15 Personen zu schälen. Ich wundere mich noch mehr, was man mit so vielen Zwiebeln kochen will, besinne mich aber dann auf meine berufliche Abgebrühtheit – call it Professionalität ;) – und beobachte das Ganze gespannt. Der Kollege spült ab, denn die Spülmaschine ist mal wieder kaputt und ich helfe dann doch mit Gemüse und Zwiebeln zu schnippeln. So beginnt der Gruppenabend mit gemeinschaftlichem Kochen und Abwaschen – also zumindest den Teil der Jugendlichen, der nicht vor dem Fernseher herumlümmelt. ;)

Schließlich und endlich um 18.30 Uhr köchelt das Essen auf dem Herd und wir setzen uns alle an den Tisch und besprechen die wichtigsten Themen, die anliegen. Sauberkeit, Ordnung, Aufräumen, Teller abwaschen, Regeln für die Benutzung der Waschmaschine. Irgendwie ist es jede Woche dasselbe. Aber anyway, heute läuft es gut, alle hören aufmerksam zu und alle versprechen, in Zukunft besser aufzupassen – oder zumindest so lange die Spülmaschine kaputt ist. Dann gibt es Essen, die Jugendlichen haben wirklich gut gekocht, eine Art Gulasch mit vielen Zwiebeln, aber es schmeckt wirklich gut.

Nach dem Gruppenabend – und nachdem alle gemeinsam aufgeräumt haben !!! – ist es schon fast 20:00 Uhr. Ich versuche noch einen Vormund telefonisch zu erreichen, um mit ihm einiges abzusprechen, das scheitert aber zunächst am Telefon, dann an der Erreichbarkeit des Herren. Da ich morgen als allererstes einen Aussentermin habe, suche ich noch ein paar Unterlagen zusammen und packe sie in meine Tasche. Dann kommt der Kollege zum Nachtdienst. Nach einer kürzeren oder längeren Übergabe – es gibt so vieles zu besprechen – darf ich dann endlich um kurz nach 21:00 Uhr nach Hause. Ich habe sicherlich wieder die Hälfte vergessen dessen, was es zu besprechen gäbe, aber das ist mir jetzt egal. Ich bin müde und will nur noch heim. Zuhause angekommen falle ich dann auch ziemlich umgehend ins Bett, bis dahin ist es allerdings auch schon kurz nach 23:00 Uhr.

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