Ärzteconfusione

Nach einem langen langen Arbeitstag, an dem alles schieflief, was schieflaufen kann, an dem für jedes gelöste Problem zwei neue Baustellen hinzukommen, an dem ich quasi acht Stunden pausenlos am Telefon hing, mit Vormündern, Jugendamt, Jugendgerichtshilfe und vielen vielen Ärzten (!!!) diskutiert und gestritten habe, weil man diese Woche scheinbar beschlossen hat meinen Jugendlichen nur Steine in den Weg zu legen, hechte ich quasi noch 10 Minuten vor sechs in die Praxis des Arztes meines Vertrauens in Schwabing um mein Rezept für die P.ill.e abzuholen, dass ich extra vorbestellt hatte, sage meinen Namen und bitte um das Rezept. Die Arzthelferin schaut hier in der Ablage nach, dort in der Schublade, dann noch irgendwo, kein Rezept. Sie schaut nach ob noch unterschrieben Rezeptvorlagen da sind, dann könnte sie mir das Rezept ja so noch ausstellen, aber nein. Kein Rezept. Die Arzthelferin entschuldigt sich gefühlt 1.637 Mal, fragt ob es dringend ist und schlägt Alternativen vor, wie ich vielleicht doch heute noch ohne Rezept an mein Medikament kommen könnte. Seufzend resigniere ich, nur ein weiterer Fail in diesem ganzen langen Tag der ein einziger Fail ist und bitte noch um einen neuen Termin wegen meines Zehennagels, wo ich ja eh schon mal in der Praxis bin. Die Arzthelferin entschuldigt sich weitere 2.845 Mal, greint zu ihrer Kollegin, das würde ja wohl gar nicht gehen, dass vorbestellte Rezept nicht sofort (!!) ausgedruckt werden. Ich sage ist nicht so schlimm und verlasse die Praxis. Wieder unten auf der Straße denke ich mir, dass da jetzt irgendwas komisch ist, muss aber erst eine halbe Minute grübeln, bis mir auffällt, dass Pi.l.le und Zehennagel in einer Arztpraxis ja irgendwie ungewöhnlich ist, weil sind ja schon zwei verschiedene Sachen… 

Und da durchfährt es mich wie ein Blitz: eigentlich wollte ich das Rezept ja nicht bei meinem Hautarzt abholen, sondern bei meinem GYNÄKOLOGEN! 

Nur zwei Straßen weiter.

(Da war das Rezept dann auch.)

Wunderbares aus der bunten Welt der Sprache und was Sprachwandel mit dem Brexit zu tun hat

Wir fahren durch Finnland, durch die Schäreninseln. Es ist ein leicht bewölkter Sommertag, die Landschaft toll, das Meer wunderbar. Das einzige, was diese perfekte Stimmung trüben könnte, ist der Brexit, der vor zwei Tagen beschlossen wurde und immer noch in aller Köpfe und Munde ist. Plötzlich fragt mein Vater: Ansku, verstehen die Finnen eigentlich die Ungarn? 

Ich fange an zu erklären. Nein, die beiden Sprachen sind gegenseitig nicht verständlich. Die Gemeinsamkeiten beziehen sich lediglich auf einige grammatische Strukturen wie z. B. die Lokalkasus. Und wenn man es weiß, erkennt man bei einigen Wörtern gemeinsame Wurzeln, aber z. B. ‚Baum‘ heißt auf Finnisch puu und auf Ungarisch . Welcher Laie sollte da wissen, dass die mal einen gemeinsamen Ursprung hatten.

Und warum ist das so? Die kommen doch beide aus dem Kaukasus.

Nein, die Urheimat der Finnougrier wird im Ural vermutet. Man geht davon aus, dass das Urvolk vor vielen vielen Jahrhunderten im Ural gelebt hat. Die Finnen sind dann nach Norden gewandert und die Ungarn etwas weiter nach Süden, also ins beutige Ungarn. Und die beiden Sprachen haben sich dann unterschiedlich entwickelt. Das liegt daran, dass sich Sprachen verändern, unterschiedliche Umwelteinflüsse, unterschiedliche Kontakte zu anderen Völkern und Sprachen. Auch so etwas kann Sprache(n) beeinflussen. 

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Etwas später, nach dem Mittagessen, wir fahren weiter über Parainen zurück Richtung Turku. Unsere Tour nähert sich dem Ende, leider. Mama schläft. Plötzlich noch eine Frage von meinem Papa: Ansku, warum verändern sich Sprachen?

Schau Papa, Sprachwandel ist ein ganz langsamer Prozess, über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wir zum Beispiel sprechen ja auch schon ein klein wenig anders als zum Beispiel Deine Großeltern. Wir benutzen zum Teil andere Wörter, oder wir sprechen Wörter anders aus. Oder oder oder. Und, das hab ich ja vorhin schon gesagt, wenn Sprachen sich aufteilen in Dialekte oder neue Sprachen und diese neuen Sprechergruppen dann mit jeweils unterschiedlichen Umwelteinflüssen oder anderen Völkern in Kontakt kommen, dann beeinflusst das die Sprache auch nochmal. Das ist wie gesagt ein ganz langsamer Prozess, über viele Generationen. Du kannst Dir in etwa vorstellen, dass das Altenglisch, das ungefähr im Mittelalter gesprochen wurde, noch ganz anders aussah als unser heutiges Englisch. Da gab es noch eine komplette Verbkonjugation, für jede Person ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie eine andere Endung. Nun, davon ist heute ja vieles verlorengegangen. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass Menschen schlampig sind bei der Aussprache oder eben durch Kontakteinflüsse oder oder oder. Von dieser Konjugation ist heute ja nur noch das -s in der dritten Person Singular erhalten, also he do-es und selbst das ist schon teilweise am Verschwinden! In der Jugendsprache, im Slang, in Songs und Raps geht das -s auch schon langsam aber sicher verloren. 

Mein Papa daraufhin, blitzschnell kombiniert:  Also ist das sprachwissenschaftlich nicht so schlimm, dass die Briten jetzt aus der EU ausscheren? Die bringen uns ja eh nicht weiter!

Genau Papa. Genau deshalb. ;-)) 

Weil’s menschelt

Oft beschleicht mich, nach 2,5 Jahren Berufserfahrung als Sozialpädagogin das Gefühl, dass meine Arbeit so ungefähr rein gar nichts mit dem zu tun hat, was ich im Studium gelernt habe, die Themen mit denen ich mich beschäftigt habe. Sooft ich auch hin- und herüberlege, ich finde wenig Anknüpfungspunkte zu den hohen im Studium gelernten Theorien, zu den Konzepten. Klar arbeite ich lösungs- und ressourcenorientiert, aber dabei habe ich weniger die gelesenen Bücher im Kopf als eher den gesunden Menschenverstand. Ich denke oft darüber nach, warum das so ist. Ich habe während meiner Zeit an der Uni wilde Diskussionen mitverfolgt zwischen Theoretikern und Praktikern. Es wurde darüber diskutiert, wie man das Studium noch praxisnaher gestalten könnte, um die Studenten auch wirklich auf das echte Berufsleben vorzubereiten. 

Heute stelle ich fest, es geht nicht. Es gibt keinen Weg, keine Möglichkeit, die mich besser auf die Praxis vorbereiten hätte können. Weil es verdammtnochmal eben die Praxis ist und weil es da einen großen unbekannten Faktor gibt, nämlich den Faktor Mensch. Der Mensch ist ein Individuum, jeder anders, jede Reaktion anders, manchmal auch tagesformabhängig. Was einmal funktioniert, kann in der nächsten Woche genau das Falsche sein und dann muss man wieder umschmeißen und nach anderen Lösungen suchen, oft auch eben sehr individuelle. Und das sind dann meistens nicht die Lösungen aus dem Lehrbuch, aber dafür die, die passen. 

Und ja, eben nicht nur dass ich mit Menschen zu tun habe, auch ich bin ein Mensch mit allen Facetten. Das ist der zweite Faktor, nicht so ganz unbekannt, sondern (hoffentlich!) einigermaßen reflektiert, aber dennoch mit Höhen und Tiefen, mit Stärken und Schwächen. Ich bin sicherlich auch manchmal „unprofessionell“ und ab und zu sogar ungerecht. Weil es auch unter den Jugendlichen Menschen gibt mit denen Ich etwas besser kann und solche, mit denen ich etwas schlechter kann. Genauso wie zu jedem Zeitpunkt auf der Straße, im Laden, in meinem eigenen Umfeld. Das ist nicht unprofessionell, sondern menschlich, einzig sich dessen nicht bewusst zu sein wäre unprofessionell. Ich werde auch manchmal laut gegenüber den Jungs, wenn mich etwas aufregt. Das tut mir dann später sehr schnell wieder Leid, aber es ist so. Und es geschieht meistens, weil ich mir ganz einfach aufgrund eines Verhaltens Sorgen um einen Jungen mache. Das ist nicht schön, noch weniger professionell oder streng nach Lehrbuch, aber es ist so. Weil ich mir dann wirklich Sorgen mache, weil mir der junge Mensch am Herz liegt.

Weil ich eben nur ich bin, nicht mehr und nicht weniger. Weil’s menschelt in unserem Job. 

In eigener Sache

Es gibt ein neues Thema in meinem Leben und so langsam fange ich an darüber zu schreiben. Über das Akzeptieren, Annehmen, Integrieren und die Fragen, die sich dabei auftun und das sind nicht wenige. Es gab daher bereits einige verpasswortete Artikel in letzter Zeit, denn noch ist es mir zu früh, das Thema so in aller Öffentlichkeit breitzutreten. Es soll kein Geheimnis daraus gemacht werden, aber ich möchte eben auch nicht, dass jeder beliebige es sehen kann. 

Leider hab ich mich selber bei den Passwörtern etwas gelinkt und aus Versehen die Groß- und Kleinschreibung nicht einheitlich gehalten. Das hat dazu geführt, dass ich Lesern das Passwort gegeben habe und es dann beim nächsten Beitrag doch wieder anders geschrieben habe, dabei wollte ich doch einfach nur ein bleibendes Passwort für alle Artikel zu diesem Thema… 

Also, für die letzten beiden geschützten Artikel und in Zukunft und überhaupt gilt: Erster Buchstabe groß, der Rest alles klein! 

Und ja, inzwischen kann ich verstehen, warum Menschen auf Groß- und Kleinschreibung verzichten. ;-) 

Von vergangenen Zeiten II 

Ich werde heute das erste Mal nach acht Jahren wieder auf einem Pferd sitzen. Und ich freue mich wie Bolle, ich bin so aufgeregt wie damals als Teenie. Seit zwei Tagen überlege ich, was ich alles noch weiß übers Reiten und ob ich etwas vergessen habe. Aber alles noch da. Ich fürchte nur, der Höllenmuskelkater wird trotzdem nicht ausbleiben. ;-) 

Gestern habe ich meine Pferdesachen vom Speicher geholt, weil ich meine Reitschuhe suchte. Die Reitschuhe sind weiterhin verschwunden, dafür habe ich eine Menge anderer Sachen gefunden. Obwohl ich nie ein eigenes Pferd hatte, nur ein Pflegepferd, besitze ich vielleicht abgesehen vom Sattel so gut wie die komplette Ausrüstung für ein Pferd. Ich gab damals mein gesamtes Taschengeld für Pferdesachen, Decken, Trensen, Longen, Bürsten, Bandagen etc. aus, warum weiß ich bis heute nicht. Jetzt lagen die Sachen acht Jahre lang ungenutzt auf dem Speicher, sind aber noch gut erhalten. Ich konnte sie nicht weggeben, ich habe immer daran geglaubt, dass ich sie eines Tages nochmal brauchen werde, vielleicht eben sogar doch für ein eigenes Pferd. Irgendwann einmal. 
Und dann habe ich gestern alles durchgesehen, die Trensen und die Decken wieder angefasst. Mein erster Impuls war tatsächlich, alles wegzugeben, die Klein-Mädchen-Traum-Pferde-Zeiten sind vorbei, dachte ich. Also habe ich alles schnell wieder weggepackt und in meinem Keller verstaut. Vielleicht könnte ich die Sachen dem Reiterhof geben, auf dem ich ab heute für drei Tage nochmal kurzurlaube. Aber abends dann saß ich auf dem Sofa und dachte plötzlich, nein ich kann es doch nicht weggeben. Es ist ein Teil meiner Jugend, es sind die Erinnerungen an Reitstunden, Reiturlaube, Reiterfreunde, die mich in einer ansonsten doch recht schwierigen Zeit gestützt und gehalten haben. Es wäre wie einen Teil von mir wegzugeben. 

Und dann bemerkte ich noch etwas. Ich spürte, dass der Traum vom eigenen Pferd doch nicht so abgefrühstückt ist wie ich dachte. Nicht jetzt, nicht hier, aber er ist noch da. Neulich sprach ich mit einer Freundin über Träume, aber da fiel mir außer dem einem großen keiner ein, obwohl ich wusste, dass da noch andere Träume sind. Aber die anderen Träume waren unter dem einen und unter den aktuellen Themen und Problemchen so gut verborgen, dass sie mir in der Situation nicht mehr eingefallen sind. Gestern fiel mir zumindest einer wieder ein. 

Irgendwann einmal.  

Von vergangenen Zeiten

Ich bin wieder in Helsinki. Vier Jahre nach dem letzten Besuch, zehn Jahre nachdem ich hier mal vier Monate wohnte. Ich habe mich gefreut, Finnland, Seelenheimat, Zeit zum Auftanken und gerade an Mittsommer. Ich fand diese weißen Nächte immer so großartig, Licht, mehr brauchte ich nie zum Auftanken. 

Und jetzt? Ich komme in meine Stadt und alles ist so fremd geworden, so klein, eine Spur zu klein. Oder bin ich es, die eine Spur zu groß geworden ist, erwachsen geworden ist? Ich mag die Stadt, immer noch, vor allem das Meer. Aber der Zauber ist verflogen, der immer für mich über Helsinki lag. War es der Zauber des Entdeckens, des die Welt-Eroberns, des Zum-ersten-Mal-ganz-auf-sich-alleine-gestellt-Seins? Damals war ich 23, jetzt bin ich 33. Gerade heute sagte ich zu einer Freundin, die ich wiedergetroffen habe – und das war wirklich toll!! – , dass ich froh bin, nicht mehr Anfang 20 zu sein. All diese Unsicherheit, all diese Unerfahrenheit. Vielleicht aber gehört zur Erfahrung auch dazu, dass Dinge ihren Zauber verlören, den Zauber der Unsicherheit und Unbedarftheit, vielleicht sogar ein wenig Zauber des Für-den-Moment-Lebens? 
Ich sitze am Meer und ich höre die Wellen und ich höre in mich hinein. Es ist noch nicht einmal Wehmut da, es ist okay so wie es ist. Es ist einfach nur ein Gefühl des Fremd-Seins in meiner eigenen Stadt. 

Und dann höre ich nochmal und höre, noch ganz zart und fein und leise, ein Gefühl des Wissens, wo ich hingehöre.