.

Ich habe nach über drei Jahren einen Bekannten wiedergetroffen, mich mit ihm verabredet und ihn gestern dann gesehen. Wir hatten uns viel zu erzählen, es war eine lange Zeit. Wir sprachen über Arbeit, über zuviel Arbeit, über Privates, über alles mögliche. Es ging ihm nicht gut, das merkte ich ziemlich schnell. Es gab ein Wort das andere. Er sagte, dass dies ein sehr bemerkenswertes Jahr sei, weil da gerade so viele Umbrüche sein. Ich stimmte zu, er fragte sehr erstaunt: Bei Dir auch? Warum? Ich war etwas unsicher und antwortete ausweichend. Und da platzte es plötzlich aus ihm heraus, er könne ja jetzt einfach offen mir sagen, was los sei. Und er erzählte mir seine Geschichte der letzten Jahre und noch darüber hinaus, seine Geschichte, über den langen Weg zu sich selber. Er erzählte über das Gefühl nicht dazuzugehören, er erzählte darüber, wie es ist nicht zu wissen, wer man ist und was man sucht. Und ich. ich hörte zu. Ich hörte zu und fühlte es in mir beben, da waren plötzlich so viele Gemeinsamkeiten, dass es mich beinahe umriss. Nur manchmal lächelte ich ihn aufmunternd an oder sagte ihm, ich könne ihn so sehr verstehen, ich wüsste genau wovon er sprach. Ich konnte ihn so verstehen, mehr als er zu dem Zeitpunkt wissen konnte, und das nach drei Jahren. Ich konnte ihn so sehr verstehen, dass ich an manchen Stellen beinahe kniepern musste. Aber ich weinte nicht, ich hörte einfach zu, die ganze Geschiche lang. 

Dann erzählte ich ihm meine Geschichte. Und er verstand. 

Go with the flow

Ich tue mich noch recht schwer mit diesem „Fokus verändern„. Manchmal funktioniert es recht gut, manchmal gibt es Tage die sind zäh, sehr zäh. Ich versuche, ich tue, mache, gehe raus, verabrede mich, aber manchmal hilft einfach gar nichts. So sehr ich auch dagegen ankämpfe. Ich mag nicht mehr kämpfen. 

Heute war ich zum ersten Mal nach drei Wochen erkältungsbedingter Pause wieder laufen. Das erste Drittel der Strecke „lief“ sehr gut, es war toll wieder draußen zu sein. Im zweiten Drittel würde es zäh. Es war immer noch gut zu laufen, aber es wurde anstrengend und ich merkte auch, dass meine Erkältung mir doch noch ein klein wenig in den Knochen steckt. Ich kämpfte, keuchte, fand nicht meinen Rhythmus, jeder Läufer kennt das nach drei Wochen Zwangspause. Ich versuchte mich aufs Atmen zu konzentrieren, auf die Bewegung um meinen Rhythmus zu finden, aber es lief nicht. Dann plötzlich drifteten meine Gedanken ab zu veganer Ernährung, dass ich ja durchaus sehr gerne in Beisammensein mit Vegetariern/ Veganern sehr neugierig bin und gerne deren Gerichte ausprobiere und es mir meistens auch gut schmeckt, ich aber für mich selber gerade mir nicht vorstellen könnte, meine Ernährung komplett umzustellen … Und während ich so meinen Gedanken hinterher hing und grübelte, warum das so ist, merkte ich, dass ich auf ein Mal ganz ruhig lief, es war überhaupt kein Kampf mehr, kein Gekeuche, es war viel leichter, locker, fluffig, im Flow. Und ich hatte nichts dazu getan, es war einfach so passiert. 

Aha, dachte ich mir. So geht das also mit dem Fokus verändern. 

Halb voll oder halb leer

Eine Bekannte von mir sagte neulich (in einem anderen Zusammenhang), sie sei eine „schreckliche“ Jugendliche gewesen. Sie habe die Nächte durchgefeiert und durchgesoffen, ihre Eltern hätten nicht gewusst wo sie ist und sie sei mit 17 Jahren schwanger geworden. Ein Paradebeispiel also einer „schwierigen“ Jugendlichen. Und trotzdem sei aus ihr etwas geworden.

Ich glaube nicht, dass ich eine „schwierige“ Jugendliche war. Ich war sehr angepasst. Ich kann nicht behaupten, dass ich keine einzige Nacht durchgefeiert hätte, aber es hielt sich sehr im Rahmen. Bevor ich 18 war, hatte ich viele Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Ich habe wenig gute Erinnerungen an meine Schulzeit, was das Soziale betrifft, meine Freunde waren daher hauptsächlich 1. jünger und 2. im Reitstall zu finden. Da war – manche mögen etwas anderes behaupten, aber bei uns war das so – wenig mit wilden Partys, dafür mehr mit morgens früh im Stall die Mistgabel schwingen. Und später, Schlag dass ich 18 Jahre alt wurde, interessierten mich Discos und durchfeiern nicht mehr, denn ab da war es ja erlaubt. Ich war noch nie ein nachtaktiver Mensch. Insofern also sehr „brav“. Meine Eltern wussten immer wo ich war. Es gab eine einzige Regel, was das Weggehen betraf und die hieß: Wir wollen wissen, wo Du bist und wie Du nach Hause kommst. Diese Regel leuchtet mir sehr ein und ich hielt mich stets daran (bis auf ein einziges Mal, das war aber wegen eines Missverständnisses und ich kann mich heute noch daran erinnern, wie panisch vor Sorge meine Eltern waren). Es war meinen Eltern immer wichtiger, dass ich in Gesellschaft nach Hause fahre, als dass ich auf die Minute pünktlich bin, auch hier gab es daher wenig Konfliktpotential. Und eigentlich war ich auch gar nicht auf Konflikte aus, eine sehr angepasste Jugendliche eben.

Wenn ich solche Geschichten höre, egal von wem, dann versetzt es mir immer wieder irgendwo tief innen drinnen einen Stich und ein Gefühl steigt in mir hoch, dass ich vieles versäumt habe, dass ich die besten Jahre meines Lebens habe verstreichen lassen, dass ich meine Jugend nicht ausgelebt habe, dass ich in irgendeiner Hinsicht meine Jugend verpasst habe. Das ist mir jetzt schon mehrmals passiert und ich frage mich, was eigentlich ich glaube verpasst zu haben. Warum wird diese Rebellion von mir so hochstilisiert? Was vermisse ich daran eigentlich? Das Wilde? Die Freiheit? Den ständigen Ärger? Die Rebellion? Oder eher die Gemeinschaft mit (gleichaltrigen) Freunden? Die Lebensfreude? Die Freiheit?

Ich habe jetzt mehrere Tage überlegt und heute dann schoss mir so ein Gedanke durch den Kopf, dass dieses Gefühl, etwas verpasst zu haben, bezogen auf viele Themen eine Tendenz von mir ist. Im Beruf, im Privaten, in der Liebe, in gesellschaftlichen Themen, in ganz alltäglichen kleinen Situationen. Ich kann mich zum Beispiel heute immer noch über die Party vor zwei Wochen ärgern, zu der ich nicht gehen konnte weil ich krank war. Und dann dachte ich mir, dass das doch eigentlich eine ziemlich traurige Einstellung ist. Dass es ja auch so viele tolle Dinge gab. Die durchfeierten Nächte zum Beispiel habe ich vermutlich mehr oder weniger während der Studienzeit aufgeholt, da hatte ich nämlich das soziale Netz, welches mir in der Jugend fehlte. Vielleicht waren meine „besten Jahre“ einfach nicht in der Schule, sondern im Studium. Vielleicht wäre es spannend, mal auf das zu schauen, was da ist und da war. Vielleicht habe ich nicht rebelliert, aber dafür andere Dinge getan, gesehen, erlebt. Und vielleicht wäre es doch irgendwie für mich und meine Seele entspannter, das auch anzuerkennen, mal den Fokus zu verändern.

Und vielleicht wäre ein erster Schritt dahin, den Fokus zu verändern, mal zu sehen dass das Glas nicht halb leer, sondern halb voll ist.

 

Traumurlaub

Vorgestern träumte ich, dass ich im Gefängnis eingesperrt war. Warum weiß ich nicht mehr, ich glaube es war eine höhere Macht, eine Diktatur, die mich einsperrte, einfach so, willkürlich. Allerdings nur für ein Wochenende, es war also eine absehbare Zeit. Und tatsächlich, so schlecht war dieses Wochenende nicht. Es war zwar eine große Zelle für alle Eingesperrten und in dieser befanden sich auch nur ein paar alte Matratzen auf dem Boden, aber das empfand ich nicht als schlimm. Und ich hatte sehr nette Mithäftlinge, es gab viele interessante Gespräche und so verging die Zeit wie im Flug. Ich hatte etwas Rückenschmerzen (habe ich tatsächlich!), und die Matratze war sehr alt, weich und durchgelegen, aber dieses Problem löste ich, indem ich einfach auf dem Fußboden schlief, nur den Kopf auf die Matratze gebettet. Ich war eingesperrt, aber es war vollkommen ok. 

Letzte Nacht träumte ich, dass ich mit meiner Familie im Urlaub bin. Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und die Freundi meines Bruders. Wir machten Campingurlaub und wer meine Familie kennt, der weiß dass das recht unwahrscheinlich bis unmöglich ist. Wir sind alles andere als Camper, höchstens noch mein Bruder nebst Freundin. Jedenfalls, wir suchten einen Strand um unsere Zelte dort aufzuschlagen, aber egal wo wir hinkamen, es war tosender Lärm, weil das Meer tobte und die Wellen mit einem ohrenbetäubenden Krach an die Küste schlugen. Es klang jedesmal wie eine Explosion, dabei waren es nur Wellen. Dabei zu schlafen war nicht möglich. Wir zogen weiter und weiter, aber an jedem Ort an den wir kamen, ereignete sich wieder dasselbe Spiel. Irgendwann – endlich! – kamen wir an einen breiten Fluss, der ruhig vor sich hin plätscherte. Die Sonne schien, es war ruhig, wir badeten alle im Fluss und konnten abends endlich in Ruhe schlafen. Aber nach nur einer Nacht mussten wir diese Idylle wieder verlassen und umziehen an einen Ort, an dem es wieder stürmte und tobte und die Wellen dröhnten die ganze Nacht. Ich hielt es nicht mehr aus und versuchte mit all meiner Kraft meine Familie davon zu überzeugen hier wieder wegzugehen und zurück an den ruhigen, sonnigen Fluss zu ziehen, aber keiner reagierte auf mein Bitten und Flehen. Es war unmöglich, sie von meinem Plan zu überzeugen, egal wie viel ich bat, argumentierte, flehte. 

Ich war dann heute morgen zugegebenermaßen doch etwas verwörrt: In der einen Nacht amüsiere ich mich prächtig in Gefängnis und in der nächsten Nacht wird der Familienurlaub zum Albtraum. 

(Traumdeuter gesucht!!!) 

Die Leisen

Ich bemühe mich so sehr, ich habe es so sehr und so oft im Kopf und trotzdem sind es immer wieder die Leisen, die in der lauten schreienden Masse untergehen. Von drei Jungs, die ich zu betreuen habe, gibt es immer zwei, die so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dass der dritte einfach untergeht. Weil das ist ja der Unkomplizierte, Zuverlässige, Selbstständige, der kann ja schon alles. 

Eine etwas ältere Kollegin sagte mir mal in den ersten Wochen in denen ich arbeitete: Es sind nicht die Lauten, die die rebellieren, die die Schwierigkeiten machen, die traumatisiert sind. Die schreien so lange bis sie bekommen, was sie wollen, die kämpfen sich irgendwie durch, die können immerhin ihren Schmerz in irgendeiner Weise artikulieren. Es sind die Leisen, die Angepassten, die Stillen, die bei denen man denkt „läuft doch alles“, die wirklich Probleme haben und leiden. Das hat mich sehr beeindruckt, ich habe danach anders beobachtet und konnte es tatsächlich sehen. Es wurde zu einem Leitsatz meiner Arbeit, aber im Alltag scheitere ich dann doch jedes Mal wieder an der Umsetzung. Oft aus Zeitgründen, aber manchmal auch einfach, weil ich es schlichtweg vergesse, es aus den Augen verliere oder weil ich mich einfach nur ganz banal „über den Moment Ruhe freue, wenn die Schreihälse mal verstummt sind“.

So einfach und doch so schwer. 

Hilfe für Anne

Ich poste nicht oft Spendenaufrufe, ich spende auch nur sehr wenig und ausgewählt. Nicht weil ich geizig wäre, sondern einzig und alleine aus dem Grund, dass wenn ich einem etwas gebe, habe ich grundsätzlich ein schlechtes Gewissen gegenüber allen anderen, denen ich nichts gegeben habe. Aber ich sage mir immer öfter in letzte Zeit, irgendwo muss man anfangen und dieses Sache hier ist ein verdammt guter Grund damit anzufangen. Dies hier ist eine Angelegenheit, die mir ziemlich unters Herz geht und dementsprechend auch ziemlich am Herzen liegt: 

Ich kenne Anne nicht persönlich und doch gehört sie seit Anfang meiner Zeit in Klein-Bloggersdorf dazu, damals noch als Frau Giftzwerg. Damals noch als Mama-Blog las ich gerne ihre Geschichten, ihre kritische aber stets wohlwollende, humorvolle Auseinandersetzung mit dem Leben, sich, ihrer Familie. Man las sich gegenseitig und nahm so Anteil am Leben des anderen, auch über große Distanzen hinweg. Anne wohnt mit ihrem Mann, ihren zwei Mädchen und den zwei Hunden im gerade gekauften Traumhaus am Deich. Sie hat sich vor ca. zwei Jahren entschlossen, den mutigen Schritt zu gehen und sich als Tagesmutter selbstständig zu machen und hat in liebevoller Kleinarbeit ein kleines Kinderparadies geschaffen. 

Seit letztem Jahr befindet sich Anne in einer Situation, in der keiner von uns stecken möchte und sollte. Bei ihr wurde Krebs diagnostiziert. Und obwohl zunächst alles gut aussah, die Therapie erfolgreich verlief, ist der Krebs nun zurück und aggressiver als zuvor. Eine Operation ist nicht möglich, da der Tumor zu nahe an der Hirnschlagader liegt. Jetzt beginnt eine neue Therapie, wieder 800 km von zu Hause entfernt. Aber Anne gibt nicht auf, sie kämpft weiter.

Zu all diesen Schwierigkeiten kommen nun auch finanzielle Sorgen. Als Tagesmutter bekommt Anne von der Krankenkasse kein Krankengeld und somit fehlt ihrer Familie das zweite, vor allem für den Hauskredit dringend benötigte Einkommen. Wir, Annes Freunde, haben uns deshalb zusammengetan und eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um Anne und ihrer Familie für das erste Jahr das zweite Einkommen zu ersetzen. Damit die Familie sich völlig auf sich und auf den Kampf gegen die Krankheit konzentrieren kann, damit wieder etwas Zeit und Luft bleibt, um einander festzuhalten. 


https://www.leetchi.com/c/anne-gemeinsamgegenkrebs

Auch wenn dies nur ein kleiner, unbedeutender Blog mit kleiner Leserzahl ist, bitte tun Sie mir den Gefallen und spenden Sie. Es ist auch völlig egal, ob Sie 2 €, 20 € oder 200€ spenden, Hauptsache Sie geben etwas und sorgen anschließend getreu dem Motto „Tue Gutes und sprich darüber“ dafür, dass die Aktion in Ihrem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis weitergetragen wird. Per Mail, per Blog, per Facebook, Twitter oder whatever – Hauptsache möglichst viele Menschen erfahren von Anne! Das Bezahlverfahren ist sicher und absolut simpel, einfach unten auf den „Teilnehmen“-Button klicken!

Gemeinsam gegen den Krebs, gemeinsam für Anne!