Neu laufen lernen

Ich hab im letzten halben Jahr viel in meinem Leben verändert. Nein, eigentlich habe ich mich verändert und das ist ja die größte Änderung, die es im Leben geben kann. Ich habe eine großartige Hilfe gefunden, die mich mit vielen meiner Themen so viel weitergebracht hat, ich habe an Glaubenssätzen gearbeitet, die noch aus meiner Kindheit stammen und so verstaubt waren wie ein ganzer Heuboden. Ich habe Verhaltensweisen, die nicht mehr zu mir passten, über Bord geworfen oder versuche gerade, sie über Bord zu werfen. Das ist ziemlich großartig, eine große Veränderung und erste Schritte sind schon sichtbar.

Aber es ist auch ein Haufen harte Arbeit. Dadurch, dass sich so vieles verändert hat, hat sich auch mein Blickwinkel verändert und dadurch, dass sich mein Blickwinkel auf Familie, auf Freundschaften, auf Beziehungen, auf andere Menschen, auf mich verändert hat, spüre ich sehr intensiv, dass sich auch mein Alltag verändert hat. Und das ist zuweilen recht anstrengend. Ständig hinterfrage ich: Ist das noch die alte Ansku oder die neue? Passt das noch zu mir? Bin das wirklich ich? Das gefühlt 10 mal, 20 mal, 50 mal am Tag, es macht auch nicht Halt vor Sonntagen oder vor Urlauben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss vor allem in Beziehungen zu anderen Menschen völlig neu laufen lernen, ich muss Beziehungen und Freundschaften neu definieren, vielleicht aber auch ein wenig mich neu definieren. Und Verhaltensmuster sind hartnäckig und zäh, sie sind Jahre und Jahrzehnte einstudiert und lassen sich nicht einfach so über Bord werfen, sie kleben an Dir. Und wenn Du gerade denkst, Du hast sie erledigt, kommen sie durch eine Hintertür zurück, wenn Du am allerwenigsten damit rechnest.

Klar, keiner sagte mir, dass es leicht werden wird, die meisten Veränderungen sind harte Arbeit und klar, am Ende steht etwas Schönes, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber momentan ist es manchmal doch recht anstrengend, Ansku zu sein. 

You live, you learn. 

Tagebuchbloggen April ’16

Es ist wieder so weit, Frau Brüllen fragt wie jeden Fünften des Monats “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?”

Ich wache auf vom Gezwitscher der Vögel draußen, was ja irgendwie schon schön ist, und meiner drückenden Blase, was weniger schön ist und weil <6,5 Stunden Schlaf halt dann doch wieder nicht so schön sind. Aber ich drehe mich nochmal um und dämmere noch etwas vor mich hin, auch wenn die Blase weiterhin ziept und meine Chefin mich im Traum als ich sie etwas wegen der Abrechnung fragen will, in die sie mich heute einarbeiten wird, nur wütend anknurrt: Lass mich schlafen! Dito, aber nein, mein iPhone, äh, Wecker klingelt um 6.45 Uhr. Um es auszustellen muss ich aufstehen und gehe halt dann doch endlich mal auf die Toilette. 

Während ich zwei Becher Kaffee trinke (die Milch musste weg, aber ich gelobe Besserung, echt!!), meinen halben Kühlschrankinhalt für die Arbeit einpacke, in der Hoffnung, dass die gefräßigen Kollegen mich darin unterstützen, den Kühlschrank bis zur Abreise nach LONDON (!!!) morgen leerzufuttern und eine Ewigkeit über meine Kleiderwahl an diesem eigentlich warmen, aber für eine Frostbeule wie mich doch gefährlichen Frühlingstag sinniere, kommt mir eine Konversation mit meinem Opa vom Sonntag in den Sinn: Ich erzählte ihm, dass ich diese Woche Frühdienst habe und um 8.00 Uhr in der Arbeit sein muss. Großes Entsetzen, so früh! Als ich dann erzählte, dass ich dafür um 6.30-6.45 Uhr aufstehen muss, war es ganz aus. In Gedanken gab ich ihm aber dennoch Recht, so ganz meine Zeit ist das gerade auch nicht. Aber anyway, ich fühle mich heute sogar halbwegs fit, die Abrechnung kann kommen. 

Den Weg zur Arbeit verbringe ich mit Bloggen und ein bisschen weinen angesichts der Preise für meine neue Monatskarte. 

Um 8.00 Uhr bin ich halbwegs pünktlich in der Arbeit und mache Übergabe mit der Kollegin vom Nachtdienst. Als diese gegen halb neun das Haus verlässt, komme ich kaum dazu, etwas aufzuräumen und meine ToDos für den Tag zu überblicken, da ist schon meine Chefin da. Ich weise sie dezent darauf hin, wie unfreundlich sie letzte Nacht zu mir war, sie darauf: Wenn Du mich auch mitten in der Nacht mit solchen Fragen störst!

Den restlichen Morgen, ach eigentlich Tag, verbringe ich mit:

  • Wäsche aufhängen und dabei unterbrochen werden – ich weiß schon nicht mehr von was
  • Mir die Abrechnung erklären lassen
  • Dabei gefühlt 1000 Mal vom Telefon unterbrochen werden, u.a. von der Kollegin, die am Mittag einen Arzttermin mit einem Jugendlichen hat, für welchen uns in letzter Minute der Dolmetscher abgesprungen ist
  • Neuen Dolmetscher organisieren
  • Weiter Abrechnung einarbeiten
  • Den Jugendlichen informieren, dass der Arzttermin stattfindet
  • Weiter Abrechnung machen
  • Mich wundern, warum der Jugendliche statt bei Arzt plötzlich bei uns vor der Türe steht
  • Wieder Kollegin über die Planänderung informieren
  • Weiter Abrechnung machen
  • Nochmal gefühlt 1000 Mal vom Telefon unterbrochen werden
  • Die Abrechnung fertig machen 
  • Die angefangene Wäsche fertig aufhängen 
  • Übergabe machen 
  • Die neue Kollegin bitten, ob sie für mich meinen Jugendlichen zum Fussballtraining bringen kann
  • Die neue Kollegin einarbeiten, wie man einen Jugendlichen neu aufnimmt
  • Den neuen Jugendlichen zusammen mit der neuen Kollegin in Empfang nehmen
  • Dabei gefühlt 1000 Mal von wasauchimmer unterbrochen werden 
  • Die Neuaufnahme alleine beenden müssen, weil es schon so spät ist und die Kollegin mit meinem Jungen zum Fußball geht. 
  • Etwas essen
  • Literweise koffeinfreien Kaffee für den Placeboeffekt trinken, aber ich glaub Placebo wirkt nur, wenn man es nicht weiß 
  • Echten Kaffee trinken, weil Placebo nicht wirkt und mein Kopf nur noch Matsche ist
  • Froh sein, dass echter Kaffee wirkt
  • Bürobedarfabestellung vorbereiten
  • Einen Lachkrampf bekommen, weil äü😉
  • Stellungnahme fürs Jugendamt schreiben 
  • Dabei gefühlt 1000 Mal …
  • Anschreiben für Jugendamt und Vormund dazu verfassen  

Ich verlasse die Arbeit zusammen mit meiner Chefin zu einer Zeit, die ich hier leider nicht nennen darf, da wir sonst Probleme mit dem Arbeitszeitengesetz bekommen würden. Ist es nicht immer so vor dem Urlaub? Wir haben denselben Heimweg und sehen uns beide immer wieder seufzend an: Morgen um diese Zeit… Weil es schon so spät ist und wir beide keine Lust zum Kochen, sondern nach diesem langen Tag einfach nur Lust auf Fett und Fleisch haben, kehren wir auf dem Heimweg noch beim McDonalds ein. Das Gespräch kreist immer wieder um London, um unseren gemeinsamen Urlaub, was wir alles machen wollen. Morgen um diese Zeit…!

Als wir uns im Bus dann verabschieden, ist es schon dunkel. Wir sehen uns an und sagen beide gleichzeitig: Morgen um diese Zeit sitzen wir ja schon im Flieger! Dann müssen wir beide ganz doll grinsen. Morgen! 

Kaugummi 

Ich hab ja eine komplette Schulzeit ohne Kaugummiflecken überstanden, wie auch immer ich das geschafft habe. Und dann musste ich 33 Jahre alt werden, um diesen Kelch endlich auch einmal in Empfang nehmen zu dürfen. Ich mit Jugendlichem unterwegs zum Arzt, Jugendlicher kauft Kaugummi, Jugendlicher schenkt mir Kaugummi, Jugendlicher will mir die halbe Dose in die Hand kippen, ich handele Jugendlichen auf zwei Kaugummis runter, stecke einen sofort in den Mund, stecke den anderen in die Hosentasche, vergesse Kaugummi in der Hosentasche, ziehe abends Hose aus, vergesse immer noch Kaugummi in der Hosentasche, stecke Hose mit vergessenem Kaugummi in der Hosentasche in die Waschmaschine. 

Das Ende der Geschichte: Tiefkühltruhe bringt rein gar nichts, Nagellackentferner funktioniert besser, aber auch nicht zufriedenstellend, Haarspray  hat dann endlich nach 30 Minuten Pulen und Kratzen Besserung gebracht und am besten weichen Sie vor dem (erneuten) Waschen die Stelle nochmal 15 Minuten mit Spülmittel ein. 

Für Sie getestet

Herzlichst, Ihre Frau Ansku

(Was hab ich geflucht.)

Schwimmen

Gestern musste ich in der Arbeit eine Entscheidung treffen, ob wir einen Jugendlichen aufnehmen oder nicht. Der Fall hörte sich recht kompliziert an. Meine Chefin hatte frei, ich war alleine und konnte mich mit niemandem absprechen. Grundsätzlich erstmal kein Problem, wir können in solchen Situationen ohne Probleme die Chefin anrufen, auch wenn sie frei hat, und es besprechen. Trotzdem dachte ich mir, ich habe inzwischen ja doch zwei Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel, ich darf und kann die Entscheidung grundsätzlich auch alleine treffen, also treffe ich sie auch alleine. Und ich wollte natürlich auch meine Kollegin an ihren freien Tag nach dem Nachtdienst nicht stören. Aber ich kam zu keiner Entscheidung, so sehr ich auch hin und her überlegte. Irgendwann rief ich dann doch meine Chefin an und noch während ich ihr alles erzählte, spürte ich plötzlich die Gewissheit, wie meine Entscheidung ausfallen würde und ja, sogar musste. Meine Chefin hat das dann auch bestätigt. Als ich den Telefonhörer auflegte, fragte ich mich wie meine Entscheidung wohl 1. ausgefallen und 2. entstanden wäre, wenn da keine Chefin im Hintergrund gewesen wäre, wenn ich wirklich auf mich alleine gestellt gewesen wäre, wenn z.B. ich die Chefin gewesen wäre.  1. kann ich beantworten, nämlich vermutlich genauso. Über 2. musste ich etwas nachgrübeln, aber dann dachte ich auf einmal, dass es mir vielleicht sogar leichter gefallen wäre. 

Ich denke die Situation ist recht bezeichnend für so viele Ebenen in meinem Leben. Ich weiß, dass ich in der Lage bin, Entscheidungen zu treffen, wenn es nötig ist. Ich treffe ständig beruflich und privat Entscheidungen und ich stehe auch zu meinen Entscheidungen. Ich weiß auch, dass ich gute Entscheidungen treffe. Aber die besten Entscheidungen treffe ich scheinbar immer erst dann, wenn ich komplett auf mich alleine gestellt bin. Sobald da irgendjemand im Hintergrund ist – totale Blockade. 

Ich gehör’ wohl zu den Personen, die man immer noch erst einmal richtig ins Wasser schubsen muss,  damit sie schwimmen lernen. 

Zur Last

Ich rufe meine Mutter an, denn es war ausgemacht, dass ich heute wieder Auto fahre. Wir hatten gestern telefoniert und bereits darüber gesprochen, dass es mir – obwohl ich letzte Woche ja schon alleine gefahren bin – doch noch mal gut tun würde, mit jemandem zusammen zu fahren, zur Sicherheit, zur Hilfestellung und – vor allem – zum Runterkommen. Ich weiß aber, dass meine Eltern heute viel zu tun haben. 

Ich sage also: Mama, ich hätte folgenden Vorschlag: Ich komme nach meinem Friseurtermin zu Euch und wenn es gerade bei Euch reinpasst, dann wäre es super, wenn jemand mit mir fahren könnte, aber wenn nicht, dann fahre ich halt alleine. Hab’ ich ja schon gemacht, kein Problem, alles easy. 

Meine Mama geht gar nicht auf meinen Vorschlag ein, sondern antwortet nur ganz sanft: Ist Dir eigentlich schon einmal aufgefallen, dass Du ständig versuchst, niemandem zur Last zu fallen? Aber dass Du dabei ständig Deine Bedürfnisse hintenan stellst? 

Punkt. Ich schnappe nach Luft und kann erstmal nichts mehr sagen. Ich weiß genau, was sie meint. Ich weiß sogar ganz genau, woher das herrührt, warum ich das nicht kann, meine Bedürfnisse laut und klar äußern. 

Aber es ist so so schwer, etwas daran zu ändern. 

Themen

Schon spannend, mit welchen Themen man von seiner Umwelt konfrontiert wird, wenn man selber gerade mitten in so einem Thema steckt. 

Montag Abend (nachdem ich dann doch mit dem Auto in die Arbeit gefahren war, alleine, und alles gut ging) meldete sich ein ehemaliger Jugendlicher, der vor ca. zwei Monaten ausgezogen ist. Ich hätte ihm doch beim Abschied gesagt, dass er jederzeit zu mir kommen dürfe, wenn er Probleme habe und ob das immer noch gilt? Ja, natürlich gilt das immer noch. Daraufhin erzählte mir der Junge sehr ausführlich, wie dankbar er sei für all die Hilfe, die er bei uns bekommen hatte. Er fragte mich sogar, ob und wie er etwas jetzt uns zurückgeben könne. Außerdem erklärte er mir, wie wichtig unser Haus und alle Betreuer immer noch für ihn seien, wie tief in seinem Herzen wir alle seien und dass wir immer noch wichtige Gesprächspartner für ihn seien. Um so wichtiger sei es ihm, dass wir wissen, wie dankbar er ist, aber leider sei in der letzten Zeit irgendetwas für ihn in Schieflage geraten. Er habe das Gefühl, dass in letzter Zeit bei seinen Besuchen irgendetwas sich verändert habe, dass vielleicht die Betreuer ihn für undankbar hielten. Ob er etwas falsch gemacht hätte? Auf Nachfrage konnte er dann aber nur zwei konkrete Situationen nennen, die wir dann ziemlich schnell als ziemlich großes Missverständnis entlarvten. 

Ach mein armer kopfkinogeplagter Junge, ich kann dich so sehr verstehen. Ich weiß genau, was in Dir vorgeht, vielleicht mehr als Du selbst. Ich sage Dir aus vollem Herzen, dass Du nichts falsch gemacht hast, dass Du nur genauso gut Kopfkino kannst wie ich in Deinem Alter. Ich versichere Dir, dass all Deine Gedanken und Sorgen, die Du Dir gemacht hast, nur ein Auswuchs Deines Kopfkinos sind und gleichzeitig kann ich Dich so sehr verstehen, weil ich früher – und jetzt auch noch manchmal – genau so bin wie Du. 

Und ja, auch ich kann Situationen heute noch sehr gut “zerdenken”, bis sie nur noch ein auf dem Boden liegendes undefinierbares Knäuel von Gefühlen und Emotionen sind. Ich habe erst einen ganzen Tag lang mir den Kopf zerbrochen über eine Autofahrt von lächerlichen 30 Minuten. Und ich finde es großartig, dass Du gerade jetzt zu mir kommst und mir zeigst, wozu zuviel Kopfkino führen kann. 

Und ja, es ist natürlich einfach, jemand anderem zu sagen, zerbrich Dir nicht deinen Kopf. Und wenn man selber in der Situation steckt, zerbricht man sich eben doch den Kopf. Du über deutsche Umgangsweisen, ich übers Autofahren. Deshalb habe ich Dir gesagt, dass Du anfangen solltest, Deine Gedanken aufzuschreiben, nur für Dich, und sie werden sich ganz von alleine sortieren. Du wirst sehen, es hilft Dir, ich spreche aus Erfahrung. ;) 

Und ja, auch ich habe in dieser Nacht ziemlich mies geschlafen, denn wer mit dem Auto in die Arbeit zum Nachtdienst fährt, muss nach dem Nachtdienst auch mit dem Auto wieder nach Hause fahren. So wie Du in der Nacht davor wegen dieses einen doofen Missverständnisses. Und ich finde es großartig, dass Du ausgerechnet an diesem Abend zu mir kamst und mir auf Deine ganz eigene Art einen Spiegel direkt vor’s Gesicht gehalten hast. 

Die Angst vor der Angst

Autofahren und ich, das war schon immer eine etwas unerfreuliche Geschichte. Kurz gefasst: Den Führerschein habe ich mich erst mit über 20 getraut zu machen, dann auch mit einigen versemmelten Prüfungen und noch mehr Tränen. Danach bin ich ein paar Mal gefahren, einmal mit dem uralten Audi meines Bruders alleine und das Auto ist mir mehrmals plötzlich mit auf der Straße mitten in der Fahrt abgestorben, dann ein paar Mal mit meinem Vater und leider auch mit viel Kritik und Verunsicherung. Tja und dann irgendwann fuhr ich halt gar nicht mehr. Für mehr als zehn Jahre. Immer wieder kam das Thema hoch und ärgerte mich sehr. Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren?

Letztes Jahr unternahm ich einen neuen Versuch. Ich habe eine Fahrstunde genommen, den Fahrlehrer kenne ich über mehrere Ecken, er gab mir die Stunde sogar kostenlos. Ich freute mich unglaublich, endlich Autofahren und gleichzeitig war ich unfuckingfassbar nervös. Die Fahrstunde lief dann dennoch gut, der Lehrer hatte wenig zu beanstanden. Wir vereinbarten, dass ich jetzt selber fleißig fahren sollte um nicht wieder derartig aus der Übung zu kommen. Ja klar, kein Problem, mach ich. Beschwöngt ging ich heim und berichtete von meinen Fahrkünsten. Dann bin ich ein paar Mal mit meinem Vater gefahren. Er fuhr mit mir sonntags auf einen leeren Parkplatz im Industriegebiet, dort durfte ich fahren. Ich war wieder verunsichert, warum traute man mir nicht zu normal auf der Strasse zu fahren. Und unfuckingfassbar ängstlich. Und es kam wie es kommen musste: obwohl wir nur im Kreis fuhren auf diesem leeren Parkplatz, war es furchtbar. Es hagelte Kritik. Weil ich die Kurve 2 km/h zu schnell genommen hatte. Weil ich zu weit links gefahren war, so dass wenn es Gegenverkehr gehabt hätte, ich diesen voll aufs Korn genommen hätte. Oder besser gesagt, auf die Kühlerhaube. Das ging dann so zwei oder drei Mal, danach fuhr ich nicht mehr. Und ärgerte mich wiederum jedes Mal, wenn es u.A. in der Arbeit erforderlich gewesen wäre, aber ich nicht konnte. Mich nicht traute. Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren?

Jetzt, nach immerhin nur einem Jahr, hab ich nochmal einen Versuch unternommen. Ich nahm wieder zwei Fahrstunden – dieses Mal teuer bezahlt bei einem anderen Lehrer, weil es mir vor dem Bekannten zu peinlich war einzugestehen, dass ich nie fahre. Beim ersten Mal war ich viel zu früh an der Fahrschule und musste erstmal eine Zigarette rauchen, um einigermaßen ruhig zu bleiben, beim zweiten Mal war es nicht viel besser. Wieder liefen die Fahrstunden gut. Der Fahrlehrer fragte mich, warum ich so nervös sei, es läuft doch alles gut. Nach zwei Stunden sagte der Lehrer, dass ich jetzt erstmal selber fahren sollte, allerdings darf ich ihn anrufen, wenn es weiterhin Probleme gibt. Ja klar, super, kein Problem. 

Es hat jetzt drei Wochen gedauert seit der Fahrstunde, es gab immer Ausreden. Krank, zu viel Arbeit, zu müde. Aber dieses Wochenende, dieses lange Wochenende wollte ich es endlich schaffen. Ausgemacht war, dass mein Vater und ich fahren und schon als ich aufwachte, könnte ich vor Aufregung kaum stillsitzen. Ich tigerte den ganzen Vormittag durch die Wohnung, wollte meinen Vater anrufen und legte doch immer wieder das Telefon weg. Was, wenn es genauso endet wie letztes Mal? Was, wenn auch dieser Versuch wieder zum Scheitern verurteilt ist? Wir sind dann gefahren, mein Vater und ich. Er hat ein paar  Dinge kritisiert, aber auch viel gelobt. Wir sind – das war ein toller Tipp des Fahrlehrers – lange gerade Strecken gefahren, hauptsächlich Landstraße. Es war alles sehr ruhig und sehr entspannt, vor allem auf der Rückfahrt konnte ich mich endlich entspannen. Und doch wachte ich heute morgen wieder mit Kopfschmerzen auf, weil ich wusste, dass ich heute Nachmittag wieder fahren werde. Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren? 

Und da verstand ich plötzlich: Es ist die Angst vor der Angst. Ich kann mich einen halben Tag vor dem vereinbarten Fahrtermin aufregen bis ins Unermessliche, aber wenn ich dann 15 Minuten gefahren bin, ist alles gut. Ich kann aufwachen mit dem Wissen, dass ich heute Nachmittag irgendwann fahren werde und schon beim Kaffeetrinken Kopfschmerzen vor Nervösität haben. Ich kann aber auch im Auto sitzen und innerlich juchzen vor Freude, weil Autofahren so viel Spaß macht. Und ich kann mich zum 5000sten Mal fragen: Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren? Wird das jemals, irgendwann normal werden? Um dann, nach der Fahrt, zwar ziemlich erschöpft, aber auch glücklich auszusteigen, weil es mit jedem Mal doch ein winzig kleines Stückchen mehr Normalität wird. 
Wenn die Angst vor der Angst nicht wäre.