Nur geträumt 

Die erste Nacht in London hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu essen. Ich war unglaublich dick, aufgedunsen, aufgequollen. So dick dass ich mich nicht mehr bewegen konnte, aber das war okay. Ich sass da und aß einfach immer weiter, als hinge mein Leben davon ab und das tat es in gewisser Weise auch: Es war kein Heisshunger, keine Sucht, es war ein tiefes Bedürfnis zu essen, davon hing mein Leben ab. Ohne Essen hätte ich keine Energie und ohne Energie könnte ich nicht weiter existieren. Das war mir sonnenklar. Dann kamen mehrere Leute und redeten wild auf mich ein, ich müsse doch endlich aufhören zu essen, meine Gesundheit sei in Gefahr. Ich könne mich ja jetzt schon nicht mehr bewegen, wenn ich noch weiter äße, dann würden meine Organe versagen, ich müsse doch um Himmels Willen aufhören zu essen! Ich aber wusste genau, dass es anders herum war, dass das Essen mir Energie gab und mein Überleben sicherte. Dass ich eingehen würde wie ein Luftballon, in den man mit einer Nadel piekst, wenn ich aufhören würde zu essen. Dass ich auch die Menge, die vielen verschieden Farben, Sorten und Geschmäcker und die Fülle brauchte und dass ich mich gerade ziemlich wohl mit mir und meinem Körper und meinem vielen Essen fühlte. Weil das ganze Leben so bunt und vielfältig war und aus so vielen verschiedenen Geschmäckern bestand. Und so war es sehr leicht, diese Leute reden zu lassen und einfach weiterzuessen. Ich wusste, dass ich das einzig Richtige tat. 

Als ich nach diesem Traum aufwachte, erwachte ich mit einem unglaublich zufriedenen Gefühl. Dieser Traum lässt sich momentan auf verschiedene Bereiche meines Lebens übertragen und gab mir das großartige Gefühl, einige gute Entscheidungen getroffen zu haben und einige Weichen richtig gestellt zu haben, egal was andere dazu sagen. Für mehr Farbe, mehr Geschmack, mehr Fülle, mehr Lautstärke, mehr Leben. Großartig. 

Abschiede

Gestern Abend haben wir Abschiedsparty gefeiert, mit allen Betreuern, Unterstützern und Freunden, und natürlich mit den vielen vielen Jugendlichen, die während dieser fast drei Jahre bei uns gewohnt haben. Es war eine großartige Party, wir haben schon öfters Ehemaligen-Partys gefeiert, aber diese war die beste. Tolle Stimmung, tolle Jugendliche und -ähöm – wir hatten „ein bisschen“ zuviel Essen und hätten damit locker nochmal so viele Leute durchfüttern können. 

Aber da waren auch so viele Abschiede und dadurch wird der große Abschied nächste Woche, der Schlussstrich, irgendwie realer. Und noch etwas trauriger. 

Da waren ca. 40-50 (Fünfzig, ist das zu fassen? Fünfzig Jungs, die wir ein Stück weit begleitet haben. Fünfzig!) wunderbare große, kleine, intelligente, coole, witzige, fordernde, schnelle, langsame, nachdenkliche, tatkräftige, hilfsbereite, selbstbewusste, schüchterne, laute, leise junge Menschen, die einen sehr weiten Weg gegangen sind und ihren Weg auch weiter gehen werden. Die sich so unglaublich entwickelt haben, so toll Deutsch gelernt haben und zum Teil schon nach nur zwei oder drei Jahren auf dem Weg in die Selbstständigkeit sind. 

Da war der albanische Junge, der 2014 bei uns wohnte, zwischenzeitlich abgeschoben wurde und jetzt aber mit Arbeitsvisum wieder zurück ist und nächste Woche seine Ausbildung anfängt.

Da war der eritreische Jugendliche, mit dem es kurz vor seinem Auszug vor ca. einem Jahr etwas Ärger gab und der uns deshalb nie besucht hat. Der gestern am wildesten von allen getanzt hat und uns erklärte, er habe sich alles noch einmal gut überlegt und die Probleme von damals seien deshalb gewesen, weil er neu war und nicht verstanden habe, wie es hier in Deutschland funktioniert und es sei doch gut gewesen, dass wir damals so streng mit ihm waren und überhaupt, hier sind die besten Betreuer und dieses Haus sei das beste. 

Da war der Junge, der sozusagen vor seiner eigenen Familie geflohen ist und der bei uns eine Art Ersatz-Familie gefunden hat, der den ganzen Abend über die lustigsten Sprüche rausgehauen hat, einen nach dem anderen, so dass wir nicht mehr aufhören konnten zu lachen; der meine Persisch-Kenntnisse getestet hat und fast ausflippte vor Begeisterung als ich fünf von sechs Fragen beantworten bzw. die Sätze übersetzen konnte. Der die interessantesten Fragen stellt und mit dem es sich so wunderbar sowohl philosophieren wie auch den sinnlosesten Nonsense reden lässt.  

Da war mein allererster Junge, der mit dem Elefantengedächtnis, der mich gestern daran erinnert hat, wie ich einmal vor knapp drei Jahren – er war zu dem Zeitpunkt gerade mal ca. fünf Monate in Deutschland – mit ihm unterwegs war zu einem Termin und wir zum vermutlich dreiundsiebzigsten Mal über etwas diskutierten und er mich plötzlich mit einem Mal ganz ernst ansah und sagte: Ansku, das ist mein Bier, nicht Dein Bier und ich zuerst so verblüfft war und aus allen Wolken fiel, wo mein Junge diesen Spruch denn wohl aufgeschnappt hatte und dann nicht mehr aufhören konnte zu lachen. 

Da war mein afghanischer Jugendlicher, der sich in seinem jetzigen Wohnheim nicht sehr wohlfühlt, sich sehr über die mangelhafte Betreuung dort beklagte und zu mir sagte: Wohin sollen wir denn jetzt gehen, wenn es das hier nicht mehr gibt? Das war doch unser Zuhause. 

Da waren auch die drei Jungs, die wir später am Abend plötzlich weinend im Zimmet fanden und denen wir auch irgendwie nichts sagen konnten, um den Schmerz und die Angst vor dem (wieder!) Ungewissen zu lindern. Wo der einzige Trost, den wir ihnen geben konnten war, da zu sein, da zu bleiben, jetzt noch, so lange wir es noch können, und Hände zu halten, Tee zu reichen und leise im Takt der Schluchzer über den Rücken zu streichen. 

Da war so viel Liebe, so viel Freude, aber auch so viel Abschied. 

.

Letzten Freitag, da hab ich es bemerkt. Als meine Kollegin und ich das vergessene Magnum vom letzten Gruppenabend aßen, da hab ich vom Eis abgebissen, immer die Schokolade und das Eis innendrin zusammen. Meine Kollegin dagegen aß erst die Schokolade außenrum, bevor sie das Eis in der Mitte aufschleckte. Genauso wie ich früher. Früher war es für mich unvorstellbar, Schokolade und Eis zusammen zu essen und siehe da, auf einmal tat ich es, einfach so, ohne viel darüber nachzudenken. Und plötzlich, fast von einem Tag auf den anderen, verändern sich Gewohnheiten. Und verändern sich Menschen.   

Es einfach mal nicht gut sein lassen

Ich habe bisher noch nicht mit vielen Menschen über die Nachricht vom Freitag gesprochen, weil nun ja, es ist noch sehr frisch, ich musste erstmal selber verdauen, ich hatte dieses Wochenende sowieso Dienst und daher wenig Zeit usw. Aber bereits nach einem Tag möchte ich gerne dem nächsten, der mir nach zwei Minuten Gespräch etwas erzählt von „naja, mal schauen, wofür es gut ist“ „jede Veränderung bringt ja auch neue Chancen mit sich“ oder – noch besser – „man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist“ an die Gurgel springen. 

Ja, natürlich, das stimmt alles, aber das kommt später. Als nächster Schritt. Warum muss man alles negative sofort wegwischen, wegtrösten, übertünchen, weitergehen zum nächsten? Sind wir von der Gesellschaft so sehr darauf dressiert, dass alles immer super, besser, toller, optimierter sein muss, dass man inzwischen noch nicht einmal mehr sagen darf: Okay, ich finde es grad obermegasch**ße, dass alles was wir in drei Jahren aufgebaut haben, gerade mit einem Ratsch niedergerissen wird. Unser Haus, das wir selber eingerichtet und aus dem wir ein Zuhause auf Zeit für ca. 50 junge Flüchtlinge in 2,5 Jahren gemacht haben. Unser Team und dass wir es geschafft haben aus sieben sehr (!!!) unterschiedlichen Charaktären in knapp drei Jahren mit nur einer Kündigung ein eingeschworenes Team zu schaffen, in dem jeder den anderen in seiner Andersartigkeit respektiert und in dem wir inzwischen perfekt aufeinander eingespielt sind. 

Ich schweife vom Thema ab, aber jedenfalls: Es muss doch erstmal Platz und Raum und Zeit dafür sein, zu sagen: Ich bin momentan verdammtnochmal erstmal traurig über eine schlechte Nachricht. Es muss doch nicht immer alles supertollperfektwunderbar sein. Es gibt doch auch Situationen, die sind einfach erstmal sch**sse und das hat auch seine Berechtigung und es gibt auch nichts daran schönzureden. Vermutlich ist es in ein oder zwei Wochen wieder gut und es ist wirklich so, dass sich neue Perspektiven auftun usw. Vermutlich. Aber ist das ein Grund, warum man nicht erstmal über einen Abschied traurig sein, trauern darf? Und sei es nur darum, um etwas altes abzuschließen und danach wieder offen zu sein für Neues. Trauer gehört zu einem Abschied dazu, egal welcher Natur er ist, und das ist etwas sehr natürliches und sehr berechtigtes. Ich habe mich nebenbei bemerkt ein paar Mal in den letzten Tagen gefragt, wenn mich dieses Wegreden schon so sehr nervt – und bei mir gibt es keinerlei existentielle Bedrohung, es ist einfach nur ein ideeller Verlust, ein Abschied von einem Lebensabschnitt – wie muss es dann Menschen gehen, doe echte Schicksalsschläge hinnehmen müssen? 

Und dann, nachdem ich bemerkte wie sehr mich diese Wegtrösterei nervt und wie unverstanden ich mich fühlte, war da plötzlich noch eine weitere Frage in meinem Kopf und ich habe mir dann doch sehr überlegt, inwiefern ich selber bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen wegtröste oder stehen lassen kann. Gerade kann ich es beim besten Willen nicht sagen, ich werde in den nächsten Tagen und Wochen aber sicherlich aufmerksam(er) beobachten. Ich glaube gerade wir sozialen Berufe werden in der Ausbildung so sehr mit „lösungsorientiert“ und „ressourcenorientiert“ und was noch alles zugedröhnt, dass wir schon ganz schön konditioniert sind, aus jeder Situation doch noch den letzten tollen Aspekt rauszuziehen. Die letzten Ressourcen anzusprechen, sofort eine Lösung parat haben. Dabei braucht es das manchmal gar nicht, zumindest nichtbimmersten Moment. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Das alles ist durchaus richtig und wichtig, aber eben zur richtigen Zeit. Es einfach mal für den Moment „nicht gut“ sein lassen, die Klappe halten und keine abgedroschenen Phrasen oder Verbesserungsvorschläge anbringen. Aushalten, das es in genau diesem Moment eben mal nicht alles gut ist und das auch signalisieren. 

Das wäre vielleicht ein erster Schritt für mehr Verständnis. 

.

Wenn man Kollegen hat, mit denen man selbst in den härtesten Stunden, wenn die Geschäftsführung das Leben einmal mit dem Rotstift der Keule zuschlägt und von einem Tag auf den anderen die Existenz dessen, was wir seit gut drei Jahren aufgebaut haben, auf dem Spiel steht, wenn man dann mit seinen Kollegen immer noch lachen kann… 

… dann macht das die ganze Sache für den Moment zwar besser, aber gefühlt doppelt furchtbar. 

Sehenden Auges in den Sturm

Ich hab so viel gelernt, ich kenne gefühlt inzwischen jeden Winkel, jedes Fettnäpfchen, jede Situation, die bei mir alte Gefühle oder Verhaltensweisen auslöst.  Jene eben, die ich einfach nicht mehr in meinem Leben will. Und trotzdem ist die Umsetzung oftmals noch so zäh, ich stehe quasi neben mir und schaue mir zu wie ich wieder in dasselbe Fettnäpfchen tappe, in dieselbe Situation gerate, mit denselben Emotionen kämpfe. Gut, jahrelang einstudierte und „bewährte“ Verhaltensmuster lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen ablegen; es braucht Zeit, Zeit zu lernen, Zeit zu heilen, aber trotzdem und generell und so ganz allgemein: 

Ich mag grad nicht mehr, ich bin es grad so leid, alles, und drei Monate Südsee unter einer Palme wären grad eine echte Alternative.

(Deshalb hier grad etwas stiller. In mir tobt es genug.)