Der perfekte Moment

Samstag, 14.01.18, irgendwann nachts um vier, in meiner Wohnung, die Luft ist alkoholgeschwängert, die Stimmung ist großartig. Die meisten Gäste haben die Party bereits verlassen, die Geschenke wurden um Mitternacht ausgepackt. Ich sitze mit fünf meiner liebsten Menschen auf dem Sofa und das iPad macht die Runde. Jeder darf sich der Reihe nach einen Song wünschen, die Münchner Freiheit singt voller Inbrunst „Tausendmal Du“ und wir singen noch ein wenig vollerer Inbrunst die ganze Playlist. Ich habe ein wenig Angst, dass gleich die Nachbarn vor der Tür stehen, aber ich kann auch nichts tun, kann die Musik nicht leiser machen; es würde den Zauber des Augenblicks zerstören, würde uns zurück katapultieren in die Realität. Es wird gelacht, es wird gesungen, es ist großartig. Und plötzlich muss ich weinen, weil es so ein perfekter Moment ist.

Weil ich hier bin, genau hier bin und nirgendwo anders. Mit genau diesem Menschen und mit keinen andern; mit Menschen die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Menschen die teilweise lange Anfahrten auf sich genommen haben um mit mir meinen Geburtstag zu feiern. Weil ich diese Menschen – viele Menschen! – zu meinen Freunden zählen darf. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, zu denen es schwer war, Freunde zu finden.

Und weil Menschen, aus verschiedensten Gruppen und von verschiedensten Bekanntschaften, die sich auf dieser meiner Geburtstagsfeier zum ersten Mal sehen, einfach so miteinander feiern, zusammen singen und sich unterhalten, als würden sie sich schon ewig kennen. Was früher auch nicht selbstverständlich war, ich kann mich an mehr als eine abgebrochene Party zu Schulzeiten erinnern, weil Gruppen sich anfeindeten und die Stimmung kaputtmachten. Weil es genau das ist, was ich mir immer gewünscht habe.

Ich weine, weil ich endlich angekommen bin und das in so vielerlei Hinsicht. Im Beruf dort wo ich sein wollte angekommen. Weil ich mich so unglaublich freue über diesen Schritt vorwärts, es ist wie eine Befreiung. Raus aus der Routine, rein in neue und hoffentlich spannende Aufgaben. Und noch wichtiger bei mir angekommen, dort wo ich bin, wirklich ich.

Nachts um vier sitze ich auf meiner eigenen Geburtstagsparty und kniepere ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln, Tränen der Freude und des Glückes. Weil ich endlich im Reinen bin mit einem meiner größten Feinden: Meinen Erwartungen. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass diese Feier so wunderschön wird, so ausufernd, so ekstatisch, und gleichzeitig so harmonisch und gemütlich. Ich habe mit gar nichts gerechnet, ich habe alles auf mich zukommen lassen, meine liebsten Freunde eingeladen und etwas Essen vorbereitet. Und ich weiß, dass das der Knackpunkt war, weil mein bisheriges Leben von Erwartungen bestimmt war, was so oder so und zwar genau so sein musste. Das fing an bei Familie setzte sich fort über Feste und Feiertage, Beruf bis hin zu Freunden und sozialen Kontakten. Ich hatte genaue Vorstellungen was wo wie und mit wem zu sein hatte und wenn diese Vorstellungen, meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, brach innerlich eine Welt zusammen. Und nicht zu vergessen natürlich die Erwartungen an mich selbst. Ich hatte viele Erwartungen, die natürlich qua definitione dazu gestimmt waren, nicht erfüllt zu werden. Wenn Du damit rechnest, dass etwas eintritt, tritt es hundertprozentig nicht ein. Wünsche und Hoffnungen sind etwas anderes, Wünsche und Hoffnungen sind Motoren unseres Handelns, aber Erwartungen sind manchmal schwer wie Blei, sie behindern und versperren die Sicht auf Alternativen, auf Neues.

Bewusst war mir das schon seit ein paar Jahren und so fing ich an, gegen die Erwartungen anzukämpfen und mir einzureden, dass ich ja keine hätte, aber insgeheim war ich dann doch wieder enttäuscht, wenn mal wieder eine meiner Erwartungen nicht erfüllt wurde. Ich weiß gar nicht wann und wo sich die Erwartungen endlich verabschiedeten, ich weiß nur dass aufgrund unserer neuen Familiensituation das letzte Weihnachten sehr anders war als die 33 Weihnachten zuvor. Und dass es für uns alle nicht leicht war, weil gerade Weihnachten in unserer Familie immer mit großen Erwartungen verknüpft war. Mit Ritualen und festen Vorstellungen, mit schöner Athmosphäre, gutem Essen und dem dazu passenden Wein. Und dann war letztes Jahr alles so ganz anders und irgendwie war da kein Raum mehr für Erwartungen. Aber dafür umso mehr Raum für Freiheit, dafür Dinge neu zu gestalten. Alles kann, nichts muss. Und plötzlich, an einem der beiden Weihnachtsfeiertage lag ich dann krank, völlig erschöpft, überarbeitet und alleine in meiner Wohnung auf dem Sofa und dachte mir, dass genau das – krank und alleine – noch vor wenigen Jahren mein persönlicher Weihnachts-Super-Gau gewesen wäre. Krank, hm, blöd, aber das wäre vielleicht noch verkraftbar gewesen. Aber „alleine“ geht gar nicht, Weihnachten MUSS doch mit der Familie gefeiert werden und auf dem Sofa, nein, das geht auch nicht, weil wann, wann bitte ist Zeit, um Zeit mit lieben Menschen, mit Essen und Gesprächen zu verbringen außer an Weihnachten? Wann bitte, doch nicht etwa an allen anderen 364 Tagen im Jahr??? Und dann dachte ich, dass krank, alleine und auf dem Sofa irgendwie doch nicht so schlecht ist wie ich immer gedacht hatte. Endlich habe ich mal Zeit nur für mich. Und besinnlich ist es eigentlich auch. Und so gemütlich, endlich muss ich mal nicht reden (was ich in der Arbeit ja den ganzen Tag tue, manchmal finde ich es dann richtig toll, zuhause nicht mehr reden zu müssen.) Und meine Familie sehe ich dann eben später oder morgen und ich freute mich darauf.

Und plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, wie entspannt es doch ist ohne Erwartungen. Alles kann, nichts muss. Und manchmal springt dann sogar noch etwas dabei heraus.

Wie zum Beispiel so ein perfekter Moment am Morgen des 14. Januar 2018.

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