… und dann haben wir die Kinder eingeschläfert…

Finnisch ist eine grandiose Sprache, wenn man nie wieder Vokabeln lernen möchte. Oder so ähnlich, die Insider hier werden mich wahrscheinlich jetzt für diesen Spruch töten wollen. 😉 Das Schöne an Finnisch ist nämlich – bei allen seinen Sonderlichkeiten und extravaganten Satzkonstruktionen – dass man sich die Wörter sehr einfach und systematisch aus einem Wortstamm ableiten kann. Zum Beispiel heißt lernen auf Finnisch oppia, davon abgeleitet ist das transitive Verb dazu ope-ttaa ‚lehren‘. Davon wiederum lässt sich relativ einfach die Person ableiten, die etwas lehrt: ope-tta-ja ‚der Lehrer/ die Lehrerin‘. Überhaupt ist z.B. diese Endung auf -ja ziemlich häufig in Wörtern zu finden, die einen „Täter“ bezeichnen: teki-jä ‚der Täter‘, autoili-ja ‚der Autofahrer‘, kuljetta-ja ‚der (Bus-)Fahrer‘, hoita-ja ‚der Pfleger‘ usw. An das Wort für ‚lehren‘ kann man aber gleichzeitig auch noch andere Endungen hängen, z.B. opete-lla, was dann bezeichnet, dass etwas ‚häufig/ viel/ intensiv/ immer wieder wiederholt unterrichtet‘ wird, also sozusagen ‚den Schülern ständig und immer wieder das Wissen reinprügeln‘. 😉 Wenn wir jetzt noch einmal zurückgehen zum „Grundwort“ für ‚lernen‘ oppia, dann lässt sich daraus natürlich auch ein Wort für intensiv/ immer wieder etwas lernen oder auch studieren 😉 opi-skella ableiten (das -skella bewirkt dasselbe wie -lla in ope-te-lla, das soll Euch nicht stören), und jemand, der viel und fleißig studiert ist dann ein opi-skeli-ja. Genau dasselbe gilt natürlich auch für andere Wortfamilien, z.B. puhua ‚reden‘, puh-ella ‚viel reden/ immer wieder reden, also plaudern, schwätzen, sich unterhalten‘, puhu-ja ‚der Redner‘, puh-e ‚die Rede‘, puhe-lias ‚redselig, gesprächig‘, puhu-ttaa ‚zum Reden bringen, Anlass zur Rede bieten‘ usw. Mit der Zeit und mit etwas Übung erkennt man relativ leicht das System, was hinter diesem ganzen Wust aus Endungen steht, denn eigentlich jede Endung hat eine bestimmte Bedeutung wie z.B -ja zur Bezeichnung des Täters oder -lla/-skella/-tella zur Bezeichnung einer häufig wiederholten Handlung. Und dann ist es mitunter ziemlich einfach, sich ein unbekanntes Wort in enem Text selbst zu erschließen, wenn man z.B. den Stamm schon kennt und weiß, was die Ableitung bedeutet. Dann muss man nur noch die beiden Bedeutungen zusammensetzen und schon hat man ganz ohne Wörterbuch ein neues Wort gelernt.

Bei mir hat dieses tolle System allerdings mal zeitweise zu größten Irritationen meines Gesprächsgegenübers geführt. Als ich vor zwei Jahren aus Finnland zurückkam und jedem der es hören wollte oder nicht, so fröhlich von dem Leben in einem finnischen Kindergarten erzählt habe, rutschte mir regelmäßig auf Deutsch ein fataler Fehler heraus. ‚Schlafen‘ als intransitives Verb heißt auf finnsich nukkua und wenn man jemanden oder etwas zum Schlafen bringt, also das transitive Verb dazu, dann heißt das nuku-ttaa, also ‚einschläfern‘. Im Gegensatz zum Deutschen unterscheiden die Finnen aber bei ihrem nukuttaa nicht, ob ein Tier ‚eingeschläfert‘ wird oder z.B. ein kleines Kind ‚zum Schlafen gebracht‚ wird. Ich also da so luschtig dabei, unseren Tagesablauf zu beschreiben – Frühstück, Spielen, Mittagessen… – und gleichzeitig krampfhaft versuchend, im Kopf wieder von „Alltagssprache Finnisch“ auf „Alltagssprache Deutsch“ umzuswitchen, und ich schwöre: Jedes, aber auch wirklich jedes einzige Mal, wenn ich beim Punkt „Mittagsschlaf“ angekommen war, rutschte es mir wieder heraus:

„… und dann haben wir die Kinder eingeschläfert…!“

Ein Wunder, dass ich heute noch von der Kriminalpolizei unbehelligt in Finnland einreisen darf. Das war eine gute Verschleierungstaktik, so als harmlose Studentin verkleidet. 8)

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5 Kommentare zu „… und dann haben wir die Kinder eingeschläfert…“

  1. Liebe Kassiopeia, welch wunderbarer Besuch hier! Herzlich willkommen und einen Gruß in die Nachbarschaft. 🙂

    Na, hoffentlich hält die Ruhe dann auch wirklich bis zum nächsten Morgen! Aber so wie ich bei Euch lese, klappt es momentan ganz gut! Bei mir hat das mit dem Einschläfern damals nicht immer so geklappt, das lag aber auch daran, dass es meistens sehr sehr kleine Kinder waren, die sich dann erst an den Kindergarten gewöhnen mussten oder an das Schlafen im Kindergarten gewöhnen mussten oder an das Schlafen in fremden Betten (statt Kinderwagen) gewöhnen mussten usw. usw. Irgendwas war immer, aber das kennst Du ja sicher.

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  2. Danke sehr!

    Genau, die lieben Kleinen, sie schlafen gut oder träumen Schreckliches oder haben Angst oder sind das nicht so gewöhnt oder sind das Gegenüber nicht gewöhnt oder haben schon zuviel geschlafen oder sind schon lange übermüdet oder oder oder 😉

    Und PS. Hier sind es auch sehr sehr kleine Kinder 😉 Aber die Biester wachsen (viel zu schnell)! 😉

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  3. Ach du, das heisst hier immer so. „Das Kind zum Schlafen zu bringen“ wäre auch viel zu kompliziert, da gebe ich dem „einschläfern“ klar den Vorzug. Jeder weiß, was gemeint ist und nach einem anfänglichen Lacher (bitte, immer wieder gerne), merken die Leute schnell, dass ich das Wort tatsächlich benutze und gar nicht als Scherz gemeint habe. Bisher hat sich jeder daran gewöhnt 😉

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