Gesamtschule

Mein Beitrag zur aktuellen Bildungsdiskussion:

Wir hatten vor einiger Zeit, in den ersten Wochen des Studiums, in einem Seminar eine Diskussion über Gesamtschulen.  Gerade in letzter Zeit begegneten mir häufig Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, die so eifrig und vehement vom Konzept Gesamtschule sprachen, dass sich zwangsläufig mir der Verdacht aufdrängte, dass es so eine Art sozialpädagogischer Verhaltenskodex ist, für Gesamtschulen zu sein. Den Höhepunkt dieser Beobachtung bildete die Vorlesung eines Professors, in welcher dieser wetterte, dass Bayern so rückständig sei, dass es sämtliche Vorhaben, Gesamtschulen bundesweit einzuführen, blockieren und dass aufgrund dessen auch in Hessen und NRW die vorhandenen Konzepte für Gesamtschulen ad acta gelegt worden sein. (Woraufhin sich mir die Frage stellte, ob Hessen und NRW entgegen aller meiner bisherigen Informationen keine eigenständigen Bundesländer sind, die selber für ihre Bildungspolitik verantwortlich sind und stattdessen unter der Fuchtel der bayrischen Staatsregierung stehen.)

Ich weiss, das das Konzept Gesamtschule anderswo funktioniert, z.B. in Skandinavien. Ich weiss auch um die Vorzüge von Gesamtschulen. Ich weiss aber auch, dass z.B. im Pisa-Land Finnland die Bevölkerung um ein vielfaches homogener ist und dass man außerhalb der Hauptstadt Kinder ausländischer Herkunft oftmals mit der Lupe suchen muss. Und ich bin der Meinung, dass es zumindest für Deutschland nicht funktioniert. Abgesehen davon finde ich einen Ansatz von Gesamtschulen sehr gefährlich, nämlich den, alle Kinder gleich behandeln und somit auch gleich machen zu wollen. Das funktioniert nicht, denn jedes Kind ist anders. Jeder Mensch ist anders. Mein Bruder und ich haben dieselbe Kindheit und dieselbe Erziehung erfahren und trotzdem: Das Bruderherz ist jetzt Physiker, ich bin Sprachwissenschaftlerin. Das Bruderherz war auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium und hat dort (meist ohne zu lernen 😉 )  Mathe und Physik-LKs absolviert, ich hatte Altgriechisch und Geschichte und war glücklich damit. Was hätte es für einen Sinn gemacht, uns den gleichen Lernstoff vorzusetzen und uns gleich zu behandeln. Wer jetzt sagt, dass natürlich auch Gesamtschulen Unterschiede nach Begabung der Kinder machen, dem kann ich leider nur entgegnen: Wenn es anscheinend doch gut ist, Unterschiede zu machen, wozu brauchen wir dann Gesamtschulen? Es scheint so, dass ich das System nicht verstehe, nicht weil ich es nicht verstehen will, sondern weil ich es nicht nachvollziehen kann und die Vorzüge, die andere in diesem Konzept sehen, nicht nachvollziehen kann.

Es ist natürlich nicht so, dass ich unser jetziges Schulsystem bedingungslos toll finde. Wenn jemand für mehr Förderung ist, wenn jemand für eine Reform der Hauptschulen ist, ich bin dabei! Sofort, hier und jetzt!

Nur glaube ich einfach nicht, dass Gesamtschulen die ultimative Lösung aller Probleme sind. Und hoffe doch sehr, dass diese Einstellung NICHT dem sozialarbeiterlichen Verhaltenskodex widerspricht…

7 Kommentare zu „Gesamtschule“

  1. Während der Besetzung, damals noch in der AdbK, hatten wir auch die Disskustion um Gesamtschule; einer kam mit einem schlagenden Argument:

    Nur, weil die Kinder verschieden sind, bedeutet es nicht, dass sie nicht auf dem selben Pausenhof spielen können. Viele Probleme in Deutschland kommen eben daher, WEIL wir ein Schulsystem haben, in dem nicht gelernt wird, wie es ist in einer hetrogenen Gesellschaft zu leben.

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  2. Was mich jedoch erschreckt ist, dass, wie Du sagst, die Gesamtschule als Komplettlösung für alles genommen wird. Wenn ich mir die Diskusion so in Deutschland anhöre: Die Leute sind sich gar nicht bewußt, was alles schief gehen kann. Gesamtschule- ja. Ein konkreteres Konzept- nein. Es wird nur auf die Pisasieger gezeigt, ohne mal Pisa zu hinterfragen.
    Ich war auf eine Gesamtschule- im Grunde genommen ein gutes Konzept, weil ich dadurch auch mit anderen Leuten, als meinem Umfeld zusammen kam und es mich Verständniss für andere Lebensstile lehrte (z.B., das man auch ohne Abitur glücklich sein kann). Ab einer gewissen Klasse MÜSSEN jedoch die Schülerinnen unterschiedlich gefördert werden- und das erfordert Lehrer, Räume und somit auch Geld.
    Ich denke, es würde für den Anfang reichen, wenn man die gemeinsame Grundschule auf sieben Jahre verlängert und dann nochmal drei gemeinsame Jahre macht, aber schon im Kurssystem. Spätestens mit sechsen/ siebzehn wird klar, wer weitermachen will und wer lieber einen Beruf ergreifen möchte- und dann erübrigt sich das mit der Gesamtschule.

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  3. Das problem ist ja nicht die Gesamtschule an sich, ich finde, es wäre nicht das Schlechteste die weiterführenden Schulen erst nach z.B. der siebten Klasse einzuführen. Nur: es muß ein vernünftiges Konzept von Förderung her, denn sonst besteht die Gefahr, daß sich alle am Schwächsten orientieren. In einer Klasse hat man die Wahl, entweder die Schwächsten hinter sich zu lassen oder aber die Stärksten. Denn bei aller Gleichmacherei ist es nun mal so, daß Klein-Ali mit Migrationshintergrund und ohne Interesse seitens der Familie, Bildung zu fördern (Oder alternativ auch Klein-Kevin aus Familie mit schlagendem Vater und saufender Mutter – Achtung Klischees! Die dienen nur als Beispiel) nicht mit dem Professorentöchterchen Mathilde mithalten kann, die schon als zweijährige Englisch, Chinesisch und Klavier pauken mußte.
    Die alle in einer Klasse: wer aber bleibt zurück? Denn es ist komplett illusorisch zu glauben, daß man ganz plötzlich mit vernünftiger Förderung anfängt, kleine Klassen einführt, und generell ein Konzept hat, um das Zurückbleiben zu verhindern. Die Gesamtschule wird als Allheilmittel propagiert, doch das ist sie nicht, so lange man nicht eine Menge, und damit meine ich eine Menge!, Arbeit und Geld reinsteckt, damit sie funktioniert. Einfach nur zu sagen: „Hey, Gesamtschule, jetzt wird es gerecht, jetzt werden alle ganz gleich behandelt!“ ist in höchstem Maße ungerecht gegenüber den Kindern. Man könnte höchstens noch behaupten, daß eine Gesamtschule echte Demokratie ist: eine Kompromißlösung, die irgendwie für jeden Scheiße ist.

    Förderung kostet viel viel Zeit und Geld: ich kenne eine, die auf der Hauptschule war, Legasthenikerin ist und heute ihren Doktortitel in Kunstgeschichte hat – die Förderung fand nicht seitens der Schule statt, wo die Hauptschulkinder sowieso als Asozial und nicht Lernfähig eingestuft wurden, sondern seitens der Oma, die Jahrelang nachmittags stundenlang mit ihr gepaukt hat. Nur: so viel Engangement bringt nicht jeder auf. Man muß also erwarten, daß es die Schule trägt, aus jedem Kind das Optimale rauszuholen. Aber: Unterricht in Kleingruppen mit intensiver Förderung und das möglichst oft? Wer ist denn bereit, das zu zahlen? Wer ist denn bereit, dafür ein Konzept bereitzustellen, wenn jetzt schon um Kürzungen gebrüllt wird, weil ja alles zu teuer ist und die armen Rentner in Gefahr sind?

    Und was die Heterogenität angeht: Australien schneidet bei Pisa-Studien auch regelmäßig besser ab, es wird gesagt, daß die Schulen dort deutlich besser sind als hier und Australien ist Einwanderungsland. Noch stärker als Deutschland! Nur wenn ich mir von den Eltern anhöre, was da angeboten wird, angefangen von Musikunterricht, Kurse noch und nöcher, modernste Computer, Sprachunterricht, Ergänzungsunterricht, Stipendien, Lesen, Schreiben und Rechnen schon im Kindergarten…die Schulen, die das leisten sind allerdings nicht unbedingt die staatlichen Schulen, sondern die sauteuren Privaten – und das wird bei den ganzen Statistiken immer ausgeblendet.

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  4. Ich kenne hier einen sehr engagierten Gesamtschullehrer und aus seinen Erzählungen kann ich überhaupt nicht schließen, das Gesamtschule in Deutschland nicht funktioniert, ganz im Gegenteil.
    Leider waren die Hamburger ja zu dämlich um endlich ein fortschrittliches Schulwesen zu bekommen….. per Volksentscheid haben sie sich dagegen entschieden.
    Das Dilemma daran war allerdings, das vor allem die abgestimmt haben, die ihre kleinen Eliteblagen lieber weiter unter sich wissen wollten und die, die davon wirklich profitiert hätten, nicht zur Abstimmung gegangen sind.

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  5. Wegen so etwas sind Volksentscheide halt Murks. Wir gehen ja wählen und geben damit Leuten unser Vertrauen, dass sie sich um solche Themen kümmern sollen. Wesentlich sinnvoller, als wenn ein Haufen uninformierter Bürger über irgendetwas entscheiden sollen, von dem sie keine Ahnung haben.

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  6. Mein Vater ist als Lehrer an ebenso einer Schule ein absoluter Befürworter der Gesamtschule: Sein Credo: die schlauen werden nicht dümmer, wenn sie mit schwächeren Schülern zusammen in einer Klasse sind, die dummen können aber zu den schlauen Schülern aufschauen und sich diese als Vorbild nehmen. (Beispiel aus seiner letzten Klasse: 5. Klasse einer mit Gymnasialempfehlung, 10. Klasse 7 mit Gymnasialempfehlung) Daher war er auch sehr für die Schulreform… Noch ne Anmerkung: Die Schule meines Vaters wird von sehr vielen Kinder MIT Migrationshintergrund besucht!
    PS: Schön, mal wieder von dir zu lesen 😉

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  7. „…dass sich zwangsläufig mir der Verdacht aufdrängte, dass es so eine Art sozialpädagogischer Verhaltenskodex ist, für Gesamtschulen zu sein“

    Ich sag mal: Ja, ist es. Und es ist nicht der einzige. Als Absolventin eines Studiengangs, der, wenn auch völlig anders gestrickt, doch ebenfalls mit dem wunderschönen Wörtchen „Sozial-“ anfängt, kann ich dir versichern, du wirst in den nächsten Jahren noch auf einige andere Bereiche stoßen, in denen sowas wie ein „festgelegter sozialpädagogischer Verhaltenskodex“ oder eine festlegte Einstellung gilt. Und du ziemlich schief angeguckt werden wirst, wenn du es wagst, anderer Meinung zu sein, gar dir eine eigene Meinung bilden zu wollen statt einfach ins gleiche Horn wie die anderen zu stoßen.

    Ich war auf einer Gesamtschule. Aus dem einzigen Grunde, das es in unserer Kleinstadt die einzige Schule war. Allerdings war das so ein Typ Gesamtschule mit getrennten Schulzweigen, also Gymnasial-, Realschul- und Hauptschulzweig, die rundsätzlich nichts miteinander zu tun hatten, außer, das man sich teilweise noch von der Grundschule her kannte. Und später in den höheren Klassenstufen gab es dann auch (aber nur in den „unwichtigen“ Fächern wie Sport, Kunst/Musik und Religion/Ethik) ein Kurssystem, in dem wir klassenübergreifend eingeteilt wurden. Das war es mit der Gesamtschule. Selbst die Lehrer waren größtenteils komplett unterschiedliche, da gab es wirklich sehr viele, die nur im Gymnasium oder nur in der Hauptschule unterrichteten. Im Grunde also eine ziemliche Mogelpackung, die mit dem eigentlichen Gesamtschulgedanken eher wenig zu tun hat.

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