Wenn ich nachdenken will

Wenn ich einmal richtig in Ruhe nachdenken will, die Gedanken kreisen lassen, mir den Kopf zerbrechen und das Hirn zermartern, dann gehe ich ins Theater. Oder in ein Konzert. Ganz gut geeignet sind auch Oper, Varieté, Zirkus… eigentlich alles, was etwas kulturelles, zu konsumierendes bietet. Das was da vorne auf der Bühne passiert, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Person oder die Personen könnte/n einen Kopfstand machen (gut, im Zirkus passiert das häufiger), sich die Seele aus dem Leib singen (also wortwörtlich), oder sich um Kopf und Kragen spielen (und dann eben ohne diese dastehen): Sobald mein Hintern das Kissen des weichen Sessels berührt, sobald das Licht ausgeht, und die Vorhänge der Bühne aufgehen, geht auch mein Kopf an. Erst gestern habe ich während einer – wirklich sehr tollen, rasanten und ergreifenden Vorstellung des Cirque Eloize – ungefähr 10 Arbeitsprobleme gelöst von vorne bis hinten durchgewälzt. Wie bekomme ich meinen Jugendlichen in eine Ausbildung ohne ihn zu überfordern? Wie schaffe ich etwas mehr Motivation? Welche Auswirkungen werden die anstehenden Veränderungen auf mich, auf unser Team, auf die Einrichtung haben? Was steht alles auf meiner To Do Liste for morgen und oh, ich hab ja einen Punkt vergessen aufzuschreiben! Auch Raum für Selbstzweifel ist dann reichlich gegeben, während vorne auf der Bühne gerade eine spektakuläre Trampolinnummer geboten wird. Immer nur hereinspaziert!! (Gut, angesichts dieses Maßes von Körperbeherrschung, Koordination, Eleganz und Kunst, angesichts dieser grandiosen Inszenierung kann man dann allerdings doch auch mal ehrfürchtig im Sessel zusammensinken, bei mir würde es schon am ersten Punkt scheitern. Aber ich glaube, das ist okay so.)

Dabei gehe ich ja eigentlich wirklich gerne in kulturelle Veranstaltungen. Ich mag Musik, ich mag Theater, Kunst. Ich würde wirklich sehr gerne konzentriert der Vorstellung folgen, ich habe wie man vielleicht schon erkennen kann, eine Menge Respekt und Anerkennung für Künstler. Es interessiert mich und ich beiße mich jedes Mal wieder in den Hintern, weil ich viel zu selten ausgehe. Ich bin leider die Person, die es als allerletzte mitbekommt, wenn in dieser Stadt etwas geboten wird, etwas passiert. Aber es ist jedes Mal dasselbe. Wenn ich mal in Ruhe nachdenkenwill, gehe ich ins Theater. Oder in ein Konzert. Oder in den Zirkus.

Gestern habe ich mich gefragt, warum das so ist, und dabei festgestellt, dass solche Veranstaltungen eine der wirklich wenigen Gelegenheiten sind, an denen wir noch dazu verdammt sind, einfach mal stillzusitzen und nichts zu tun. Nichts mal schnell noch nebenbei erledigen, nichts um die Hände zu beschäftigen. Nichts. Nur zusehen. Ich habe dann weitergedacht und festgestellt, dass ich selbst zuhause sehr selten einfach nichts tue. Irgendwas ist ja bekanntlich immer. Selbst wenn ich einen Film schaue, mache ich nebenbei etwas, zum Beispiel stricken. Oder aufräumen, oder abspülen, ähäm. Auch wenn ich „nur“ auf dem Sofa sitze, habe ich immer etwas um mich abzulenken, zum Beispiel so wie jetzt bloggen. Vielleicht ist es dieses ungewohnte Stillsitzen, dieses zur Ruhe kommen, dieses Nichts tun, was den Kopf anspringen und plötzlich dann umso aktiver arbeiten lässt. Und vielleicht, ganz vielleicht, werde ich mir in Zukunft mal gelegentlich ein paar wirkliche Momente der Stille in die vorweihnachtliche stille Zeit einbauen. Und einfach mal nichts tun.

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Was Du kannst und was ich kann

Manchmal gibt es so Wochen, da läuft eigentlich alles wunderbar und trotzdem hocken immer wieder die kleinen bösen Monster Selbstzweifel auf Deiner Schulter und flüstern Dir Sätze voller Ironie und Spott ins Ohr, stellen immer wieder dieselben höhnischen Fragen: Kannst Du das? Bist Du gut genug? Bist Du wirklich gut genug? Und Du sagst hundertmal haut ab zu Ihnen, es hilft nichts, sie flüstern hundertundeinmal ihre unheilvollen und zerstörerischen Formeln in Dein Ohr. Aber es gibt Wege, sie zum Schweigen zu bringen, hier exemplarisch an einem von vielen Beispielen dargestellt:

Meine Kollegin und ich ergänzen uns in den kleinen und größeren Alltagsbewältigungsdingen meist recht perfekt. Da wir meistens nur zu zweit sind in der Einrichtung mit unseren sieben Jungs, ist das ziemlich wichtig.. Was sie vergisst, bemerke ich und was ich vergesse, daran denkt sie. Vor kurzem fragte mich jemand, dem ich ein wenig von unserer Arbeit berichtete und davon, dass es momentan doch etwas trubelig ist mit vielen kleinen und großen Sorgen um Schul- und Ausbildungserfolge, wie ich mir denn in dieser Situation nur freinehmen könnte. Meine Antwort: Weil ich meiner Kollegin 100%ig vertraue und weiß, dass sie in der Lage ist, die Dinge gut zu lösen, sollte es nötig sein.

Es gibt manchmal so Tage, wo ich mit mir selber nicht so ganz eins bin, Tage an denen ich so viel vergesse und übersehe, dass ich ernsthaft an mir zweifele, für diese Arbeit geeignet zu sein. Ich verfalle dann immer recht schnell dem Glauben, dass alle anderen das besser könnten als ich. Alle. Ausnahmslos. Und meine Kollegin sowieso. Alle sind schneller, konzentrierter, engagierter, fleißiger, eloquenter, reaktionsschneller, entscheidungsfreudiger als ich. Wirklich alle, auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben, aber es ist so. Ich weiß es. Mein Anteil an unserer bestehenden Einträchtigkeit und Harmonie schrumpft an solchen Tagen exponentiell, während der des anderen Partes, sprich in diesem Fall meiner Kollegin, hundertfach potenziert in die Höhe schnellt.

Die letzte Woche war wieder so eine Woche. Aber dann plötzlich beim Familienessen inmitten all dieser Selbstzweifel. berichteten mein Bruderherz und seine Freundin, die gerade dabei sind ihre neue Wohnung einzurichten, dass sie völlig verschiedene Arten hätten, ein Loch in die Wand zu bohren. Die liebste Schwägerin in spe ist dabei die Pragmatikerin, es muss schnell gehen und deshalb nimmt sie erst den 4er Bohrer, dann den 8er Bohrer. Mein Bruder ist der Perfektionist. Er überlegt erst, dann nimmt er erst den 4er Bohrer, dann den 6er und zum Schluss den 8er. Um das perfekte Loch zu bekommen. Und das ist aber ganz genau so gut so, denn ganz genauso ergänzen sich die beiden und harmonieren. Der eine kann dies besser, der andere kann das besser. Was man ja eigentlich jedem Kindergartenkind versucht zu vermitteln, ist doch für uns selber so unglaublich schwer zu erinnern und zu beherzigen. Das Loch jedenfalls hält, was es halten soll.

Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Meine Kollegin ist die Pragmatikerin, ich bin die Perfektionistin. So wie auch mein Bruder, die Gene oder so. Und das ist ganz genau gut so. Das eine kann sie besser und das andere kann ich besser und das ist es, was uns ausmacht. Weswegen wir so harmonieren. Ich hatte es nur vergessen. So einfach und doch so unglaublich schwer zu erinnern und zu beherzigen.

Und das Monster auf der Schulter war einen Abend lang bis zur nächsten Gelegenheit mit einer anderen Person und/ oder Situation endlich einmal wieder still.

Tagebuchbloggen November ’17

Nun habe ich schon einige Zeit lang nicht mehr beim Tagebuchbloggen mitgemacht, aber jetzt reizt es mich mal wieder. Frau Brüllen fragt jeden fünften des Monats: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ und recht hat sie damit. Fragt man sich ja selber doch recht häufig.

Mein fünfter beginnt – nimmt man es mit der Uhrzeit sehr genau – um 0:00 Uhr, ich befinde mich im Nachtdienst, strickend und Gilmore Girls sehend. Alles ist ruhig, die Jungs sind in ihren Betten, irgendwann höre ich, wie einer noch im Bad duscht. Es ist die Folge, wo Lorelai und Christopher in Paris spontan heiraten und ich stelle fest, dass seit unserer Rückkehr sämtliche Filme und Serien, die ich ansehe, in Paris spielen und das ist eine große Ungerechtigkeit, hier herrscht nämlich große Paris-Vermisselung. Die Vernunft siegt dann aber doch und auch ich gehe ins Bett. Die Nacht ist ruhig, aber kurz. Ich erwache mal wieder 45 Minuten vor dem Weckerklingeln.

Ich fahre nach Hause, Kaffee an dem Lippen und frisches vom Bäcker im Gepäck. In der Ubahn sitzen mir gegenüber ein Mann und eine Frau, die sich in einer anderen Sprache unterhalten und ich habe mal wieder Gelegenheit, Sprachen raten zu spielen. Leider bin ich scheinbar ziemlich aus der Übung, erst dachte ich ja Italienisch, aber vermutlich geht es eher in die slawische Richtung. Okay, nächstes Mal wieder. Ich steige um und verbringe die restliche Fahrt mit Nachgrübeln, in der Arbeit stehen Veränderungen an, positive und spannende. Darüber fliegen meine Gedanken zur Einladung fürs Klassentreffen, die ich bekommen habe. Hingehen oder nicht? Den aufgeblasenen Grossmäulern 15 Jahre after nochmal die Meinung geigen oder es einfach gut sein lassen. Vergangen, abgeschlossen, interessiert mich nicht mehr? Leider zählt ja dann doch die Neugier zu meinen hervorragendsten Charakterschwächen, ich ahne worauf es hinauslaufen wird und blicke in den Himmel, der noch einige kleine blaue Flecken zwischen den Wolkenfetzen hervorblitzen lässt.

Zuhause angekommen. Ich bin sehr glücklich, als ich endlich meine Wohnungstür aufsperre, die ich vor ziemlich genau 24 Stunden verschloss. Gestern war Umzugsmarazhon des kleinen Bruders und seiner Freundin, von dort aus entschwand ich direttamente zum Nachtdienst. Umso froher bin ich jetzt über ein paar freie Stunden bis zum nächsten Nachtdienst. Doch ich schaffe es gerade einmal, auf dem Sofa bei einer angefangenen Strickjacke die letzten zwei Reihen aufzutrennen, die Nadeln wieder einzufädeln und zwei Reihen zu stricken. (irgendwann musste es mich ja auch einmal treffen: Wolle ausgegangen, Farbe nicht mehr erhältlich, deshalb jetzt weiter in einer anderen Farbe und Streifen beim Übergang). Dann siegen doch die Hummeln im Hintern, es hält mich nicht mehr auf dem Sofa und ich wage einen Blick aufs Konto. Ich muss dringend was an meinem Finanzkonzept ändern, oder dem was eben scheinbar doch kein Finanzkonzept ist, so kann es nicht weitergehen. Also fange ich an, Unterlagen zu ordnen (als erste Maßnahme gleich mal Geld von der Krankenkasse zurückholen!) und Ideen zu sammeln, zwischendurch hier noch ein wenig aufräumen und da noch ein wenig kruschen. Draußen fängt es an zu regnen.

Ich lese mir die Unterlagen zum heutigen Bürgerentscheid in München durch und komme doch zu keinem Ergebnis. Beide Positionen haben ihre Wahrheit, aber welche ist die richtige. Eigentlich aber Ansku, sage ich mir, ist es doch irgendwie bereits klar, wie Du Dich entscheidest. Ich habe Rückenschmerzen und lasse mir eine Badewanne ein, das entspannt etwas. Frischgesäubert will ich mich auf den Weg zum Wahllokal machen. Beim Durchsehen meiner Schminksachen fällt mir auf, dass ich doch einen roten Lippenstift besitze. Ich hatte den völlig vergessen, als ich in Paris zur liebsten Freundin sagte, dass ich keinen roten Lippenstift habe. Mal ausprobieren, oh, gar nicht so schlecht! Mir fällt ein, dass wir von der Reise noch „nacharbeiten“ müssen, wir wollten zwei berühmte Bilder aus dem Louvre nachstellen. Um meinen roten Mund breitet sich ein Grinsen aus und ich beschließe, jetzt einfach so nur mit rotem Lippenstift und ohne sonstiges Make-up zum Wahllokal zu gehen, weil es mir so gut gefällt. Und btw, es ist Sonntag!! Bis ich beim Wahllokal ankomme, bin ich einmal durchnässt.

Mein Essen heute besteht eher so aus Snacks, irgendwie komme ich in letzter Zeit mehr und mehr von den drei Hauptmahlzeiten ab und tendiere zu vier oder fünf kleinen Mahlzeiten. Ich bin mir allerdings nicht sicher wie das entstanden ist: Als magenschonendere Alternative zu drei großen Mahlzeiten oder als Zeichen dafür, dass Essen hier so grad zur Nebensache verkommt, zur „Zwischen-Tür-und-Angel“-Angelegenheit. Auch während des Essens springe ich immer wieder auf, weil mir hier noch etwas einfällt und ich da noch schnell nebenbei… Zuerst gibts ein Croissant, gegen Mittag ein zweites Frühstück mit Rührei und – oh Wunder – nicht versalzen. Ich kann ja prinzipiell recht gut mit Salz umgehen, es gibt nur zwei Dinge, die ich wirklich konsequent jedesmal versalze: Salatsaucen und Rührei. Je. Des. Mal. Also außer heute. Kurz bevor ich das Haus verlasse und wieder in die Arbeit fahre, esse ich noch eine Semmel, das ist die dritte Mahlzeit. Ich bin natürlich zu spät in der Arbeit. Der Kollege übergibt mir, dass drei Jungs noch nicht geputzt haben, zwei von ihnen aber eventuell spät, erst nach 22 Uhr, kommen werden. Das sei ja nicht so gut, das müsse man mal ändern, meint er und ich beschließe für mich, das gleich heute zu ändern und die Jungs anzurufen, damit sie etwas früher kommen. Das mache ich dann auch. Draußen ist es schon wieder dunkel.

Ich telefoniere über eine Stunde lang mit meinem besten Freund, wir haben uns seit Juli nicht gesehen und nicht gehört, seit er wegzog aus München und es ist grandios. Es gibt viel zu erzählen. Danach setze ich mich mit einen Seufzer an den PC und fange doch endlich an, die beiden Berichte (fertig) zu schreiben, die ich seit Wochen vor mir herschiebe. In der Arbeit komme ich nie dazu. Zwischendurch überkommt mich der Hunger, ich mache mir einen Salat (Liebe Kollegen, das mit den Ölflecken im Übergabebuch war ich. Tut mir ehrlich Leid!) und eine aufgewärmte Gemüsesuppe (vierte Mahlzeit). Der Jugendliche kommt heim zum Putzen, früher als erwartet, und oh warte, jetzt sollte ich schnell erstmal mein schmutziges Geschirr in der Küche wegräumen…

Irgendwann sind dann wirklich alle Putzdienste erledigt, alle Berichte fertig (oder so fast, öhöm…), alle Gelder ausgezahlt und alle Anskus… äh, Jungs müde und im Bett. Der Tag endet, so wie er begann: auf einem Schlafsofa im Büro einer Jugendhilfeeinrichtung in einem kleinen alten Häuschen irgendwo in München, wo Kühlschrank und diverse andere Elektrogeräte mich mit ihrem sanften Surren in den Schlaf geleiten.

Mehr Tagebüuchbloggereien finden Sie wie immer bei Frau Brüllen.

Aufgewacht

Manchmal, Gottseidank inzwischen seltener und seltener und Gottseidank auch immer kürzer, gibt es noch dunkle Tage, dunkle Stunden. Stunden voller Selbstzweifel, voll „Ich schaff das alles nicht“, voller Hinterherträumen, nein -rennen von Illusionen und voller wirrer Gedanken, die doch rational betrachtet sehr bescheuert sind. Und trotz aller Rationalität, es gibt in diesen dunklen Stunden einfach kein Entkommen, keine Pause, keine Möglichkeit zu entfliehen.

Aber es gibt auch immer ein „Danach“, ein „aufgewacht“. Es ist wie ein zurück ins Leben, ein raus aus dem Nebel. Mein Kopf tickt wieder, er funktioniert wieder wie gewohnt, ich kann ihn benutzen. Es ist wie ein Sonnenaufgang, ein sich lichtender Nebel von Konfusion und Kopfkino und auf einmal sehe ich alles wieder klar und deutlich. Endlich, endlich, ich habe so sehr darauf gewartet. Ich kann mich wieder auf meine Wahrnehmung verlassen, ich kann mich wieder spüren. Ich nehme meinen Körper wahr und auch meine Gefühle. Ich fühle meine Muskeln, meine Fasern, meine Sinne schärfen sich wieder. Es ist wie eine Glocke, die sich hebt. Die drückende Enge verschwindet, ich kann frei atmen und ich kann mich wieder frei bewegen. Aber auch die Stille und das Grau hebt sich, war doch zuvor alles verschwommen, grau und farblos. Jetzt durchdringen die ersten Sonnenstrahlen den zähen Nebel. Sie bringen wieder Farben in das Bild, und die Farben sind so strahlend und schön, dass es mich beinahe blendet; sie bringen wieder Formen und sogar Töne. Ich höre wieder und höre wieder anderen zu; ich schmecke wieder, intensiver als zuvor; ich spreche wieder, spreche frei und direkt aus meiner Seele; ich spreche nicht mehr um irgendetwas gegen die Stille zu sagen, sondern ich spreche wieder um mich mitzuteilen. Ich bin wieder ich. Ich bin kein Höhlkörper mehr, sondern ich bin prall gefüllt. Mit Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Emotionen, Wahrnehmungen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, neben mir zu stehen und mir selber beim Sprechen, Handeln, Agieren zuzusehen. Ich spreche, sehe, handele wieder selber. Das Leben hat mich wieder und ich habe das Leben wieder. Ich fühle mich wieder fest und verankert, fühle wieder eine Verbindung zu meiner Umwelt wo zuvor nur eine graue, nebelige Wand war, durch die alle Sinneseindrücke und alle Wahrnehmungen wie durch einen großen Schalldämpfer auf mich niederrieselten. Auf mich, die ich wahrnehme und gleichzeitig nicht wahrnehme, unfähig auf etwas zu reagieren und wenn, dann nur unter größter Anstrengung. Mittendrin, nur nicht dabei. Aber jetzt ist es vorbei, ich hab’s überstanden und ich bin wieder da und bin froh, dass es vorbei ist.

Ich atme tief durch und ich atme das Leben ein. Ich bin frei, ich bin wieder bei mir. Angekommen in mir. Es ist ein Ankommen, ein Erwachen. Und ich bin sehr dankbar und sehr demütig, dass ich dieses Erwachen immer wieder spüren darf und dass ich anders als vielleicht manch andere das Licht am Ende des Tales sehen darf. Dafür dass das Licht immer heller und schöner wird, und die Dunkelheit immer seltener. Ich glaube fest daran, dass es eines Tages auch keine Täler, keine dunklen Stunden mehr geben wird. Und alleine für diesen Glauben bin ich so unfuckingfassbar dankbar, denn er ist Geborgenheit, Zuversicht, Hoffnung und er ist mehr als die meisten meiner Leidensgenossen haben.

Was bleibt.

„Gutes Essen, schöne Musik, lachen, singen, tanzen, genießen, Kultur, nette Menschen…“

So fasste meine liebe Freundin unsere viertägige Paris-Reise zusammen und dem gibt es wenig hinzuzufügen. Diese Reise war so anders als andere Urlaube. Ich habe keine Postkarten geschrieben, keine Mitbringsel gekauft, keine Lebensmittel mitgebracht für das Nach-Urlaubs-Feeling. Ich habe gerade einmal die Hälfte der Sehenswürdigkeiten gesehen, die ich gerne angesehen hätte. Für mehr war keine Zeit. Stattdessen haben wir uns Zeit genommen, lange geschlafen, gemütlich gefrühstückt, viele Pausen gemacht, die Stadt in unserem Tempo erkundet, Slow-Down praktiziert und dabei ständig gekichert wie so Schulmädchen. Wir haben gefühlt vor jeder Sehenswürdigkeit alberne Photos gemacht und uns dabei die Seele aus dem Leib gelacht. Wir standen einmal bei Montmartre mehr als eine halbe Stunde vor Strassenmusikern, so in den Bann gezogen von der Musik, dass wir völlig vergaßen weiterzugehen zur nächsten Kirche oder zur nächsten Attraktion. Wir machten Selfies vor Moulin Rouge und dem Tour de Eiffel mit einem Baguette in der Hand und amüsierten uns köstlich uns über die verwunderten Blicke der Passanten.

Keine Postkarten, keine Mitbringsel, dafür viele neue Lieder im Ohr, unvergessliche Erinnerungen und ungefähr 537 alberne Photos.

Was bleibt.

Lebensträume

Ich dachte neulich über Träume nach, dass man so vieles aufschiebt und auf nächstes Jahr, übernächstes Jahr, irgendwann mal… vertagt statt es einfach anzugehen. In den letzten Tagen und Wochen wanderten meine Gedanken immer wieder zu Annie und dass ich sie so gerne einmal persönlich kennengelernt hätte, diese Frau die nur durch ihre Texte so einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Und das ist nun nicht mehr möglich. Und ich dachte mir, ich will nicht mehr aufschieben und vertagen, denn eines Tages kann es selbst zum Aufschieben zu spät sein. Und dann begann ich, meine Träume zu sammeln, die Träume jenseits der Wünsche, die man halt so hat fürs Leben: Kind, Kegel, Haus, Hund usw. Ich meine auch nicht solche utopischen Wünsche, wie z.B. nur für einen einzigen Tag ganz normal sehen zu können. (Ich möchte nur wissen, was ihr seht, was ich angeblich nicht sehe.) Es geht um die Dinge, die ich in diesem Leben noch tun oder erleben möchte. Immerhin, einen Traum hab ich mir ja dieses Jahr schon erfüllt, nämlich tauchen. Aber dann gibt’s noch weitere Träume, nämlich diese:

  1. Ein Reitturnier mitmachen, So richtig schön in schwarz-weissem Reitdress, Pferd herausgewienert, früh morgens um 5 Uhr im Stall und dann Abfahrt zum Turnier usw. Was eigentlich ziemlich lustig ist, denn dafür müsste ich nach 10 Jahren überhaupt mal wieder anfangen zu reiten. Als End-Teenie hatte ich eine beste Freundin, die Pferdewirtin ist und bin so oft morgens in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und auf Turnierplätzen herumgestanden. Allerdings nie als Teilnehmerin, sondern stets nur als Helferlein, in Fachsprache auch als „Turniertrottel“ bezeichnet. Damals fand ich’s toll, rückblickend war’s nicht so toll, aber so oder so hab ich mir schon damals geschworen, dass irgendwann in diesem Leben ICH die Person sein werde, die reitet. Und natürlich eine Schleife gewinnt. 😉
  2. Mir einmal die Haare komplett in einer anderen Farbe färben, aktuell steht wieder wasserstoffblond hoch im Kurs. Eine komplette Typveränderung, dabei mag ich mich und mein Aussehen eigentlich ganz gut leiden. Derzeit sogar mehr als je zuvor. Und trotzdem ist da der Gedanke, mal in eine komplett andere Rolle zu schlüpfen, der immer wieder hochkommt und vielleicht mach ich’s ja irgendwann noch.
  3. Eine richtig lange Reise machen, ca. drei Monate um ein Land oder einen Teil eines Kontinentes einmal richtig zu entdecken. Hier wäre zur Auseahl: Südafrika, Südamerika oder Ozeanien (Samoa, Fiji, Bora-Bora usw.)
  4. Mir ein richtig aufwändiges Kleidungsstück selber nähen, z. B.  ein Dirndl oder einen Mantel/ Trenchcoat.
  5. Für eine NGO-Organisatiob arbeiten, international, zum Beispiel in der Entwicklungshilfe, auch mit Auslandseinsätzen. Auch dieser Wunsch ist zusammen mit Nr 3 somehow ziemlich untypisch, komisch, irreal für mich, weil ich schon ein recht „verwurzelter“ Mensch bin und – zwar durchaus reiselustig – aber dennoch eben auch gerne zuhause, bei der Familie, bei Freunden und irgendwie kosten mich längere Trips doch immer auch eine gewisse Überwindung. Ein bisschen über meinen Schatten springen. Aber anscheinend ist es mal Zeit zu springen, mit gleich zwei Punkten die Reisen betreffen.

Für mehr Hier und Jetzt.

Irgend und Etwas

Falscher Beruf?

Falsche Arbeitsstelle?

Oder nur ich selbst (momentan?) falsch?

Das postete gestern eine liebe Bekannte auf Twitter und ich zuckte innerlich zusammen und stellte fest, dass ich mir derzeit auch diese Frage zuweilen stelle. Irgendetwas läuft gerade nicht rund, irgendetwas macht gerade sehr häufig keinen Spaß und irgendetwas lässt in letzter Zeit die Motivation, die Geduld und die Freude an meiner Arbeit schnell gegen null sinken. Leider ist es mehr „irgend“ als „etwas“, ich habe gerade keine Idee was ich ändern müsste/ sollte/ könnte und noch weniger, was der Auslöser ist. Ich könnte mir momentan auch keine Arbeit vorstellen, die mir mehr Freude und Befriedigung bringen würde, das macht die Sache noch schwerer. Vielleicht also doch nur ich (momentan) „falsch“? Ich weiß es nicht, die Antwort auf diese vielen Fragen wird wohl noch eine Zeitlang auf sich warten lassen, aber Sie erfahren sie natürlich als erste. Wenn es sie gibt.

Aber immer in solchen Phasen passieren Gottseidank doch immer wieder so Situationen, wo ich schon extremst genervt in die Arbeit komme, weil ich mir in letzter Zeit mit der liebsten Kollegin urlaubstechnisch nur die Klinke in die Hand gebe und dieses Alleine-Arbeiten mir sehr auf die Nerven geht. Wo sich Probleme über Probleme häufen und ich alleine Entscheidungen treffen muss, die ich nicht alleine treffen will. Wo auch am Abend noch Gruppenabend ist und jeder weiß, dass ein Gruppenabend den man alleine ohne Verstärkung gestalten und durchhalten muss, auf der Sozialpädagoginnen-Superheldinnen-mit-rosa-Superheldinnencape-Challenge mindestens die Stufe V darstellt. Zudem eben diese Sache mit der Gesamtsituation und dem „irgend“ und dem „etwas“.

Und dann gibt es plötzlich ein Telefonat mit der Chefin und ich muss Entscheidungen doch nicht alleine treffen. Dann kochen die Jungs ohne Maulen und Murren ein supertolles afghanisches Essen für den Gruppenabend. Und als ich darauf hinweise, dass wir heute unseren neuen Nachhilfelehrer zu Gast haben und das Wohnzimmer aussieht wie ein Schlachtfeld und das doch vor unserem Gast etwas peinlich aussehen würde, erwidern die jungen Herren (in gespielt schlechtem Deutsch): Natürlich putzen wir das. I am a very fleißig person, you know, ich bin KEIN Ausländer. Und ich muss darüber so sehr lachen, dass ich kaum die Treppe hochkomme.

Okay Ansku, sage ich mir auf dem Heimweg. Diese Momente sind es, die sind es wert. Vielleicht bin ich doch nicht so falsch. Jedenfalls nicht in diesem Job.

Und für den Moment ist da erstmal wieder ein wenig mehr „etwas“ als „irgend“.