Von der Kunst, mehrere Hobbys zu vereinen

Es ist Samstag morgen, 8,30 Uhr. Ich schlage die Augen auf und versuche, mich zu besinnen. Wer bin ich, wo bin ich und wenn ja, wie viele? Langsam begreife ich, dass ich nicht vom Weckerklingeln geweckt wurde, sondern von selber die Augen aufgeschlagen habe. Es ist Samstag, oh ja, Samstag! Ich schließe die Augen wieder, entspanne mich und freue mich, dass ich nun zwei Tage Zeit habe. Keine Pläne, keine Termine. Ich kann mich also ganz und hingebungsvoll meinen Hobbys widmen. Diese sind, wie dem geneigten Leser vielleicht bewusst ist, zum ersten das Lesen, zum zweiten das Nähen und zum dritten ganz neu: Seit zwei Wochen habe ich das Häkeln für mich entdeckt, ein sehr nettes Hobby, beispielsweise für Fahrten zur Arbeit, da ist’s etwas umständlich die Nähmaschine ständig mitzuschleppen. In allen drei Bereichen liegen angefangene „Projekte“ bereit und warten darauf, dieses Wochenende weitergebracht zu werden, aber das stört mich nicht, ich habe ja Zeit und kann den ganz lieben langen Tag handarbeiten. Ich lächele in mich hinein bei dem Gedanken, wie viele und welch tolle Dinge heute wohl entstehen werden, bei so viel Zeit. Dann aber denke ich kurz nach und beschließe, dass es noch zu früh ist, um aufzustehen, ich könnte ja einfach einmal den Morgen lesend im
Bett verbringen. So wie ich es schon seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe. Ich wühle also das angefangene Buch unter den Wollbergen, etwa zehn
Brillenetuis, einem Paar Socken und dem Stapel Zeitschriften NEBEN meinem Nachttisch hervor – und stehe dann doch erstmal auf, um mir einen Kaffee zu machen. Müde tapse ich zur Maschine und drücke das Knöpfchen, als mein Blick auf die Nähmaschine fällt. (Aufgrund meiner etwas beengten Wohnsituation steht direkt neben der Kaffeemaschine die Nähmaschine.) Das ist nicht immer vorteilhaft, so auch jetzt: Ich beschließe spontan, dass ich ja während der Kaffee durchläuft, schnell mal das gestern begonnene Nähprojekt fertigmachen könnte… – Nicht, dass der Kaffee tatsächlich so lange brauchen würde zum Aufbrühen, immerhin habe ich eine tolle neue Kapselaschine – ich trinke ihn einfach später kalt.
Natürlich zickt die Nähmaschine bei der 7. Naht mal wieder, irgendein Problem mit dem Unterfaden. Ich verliere die Geduld und erinnere mich wieder, dass ich ja eigentlich lesen wollte, nehme meinen kalten Kaffee und gehe wieder ins Bett. Aber irgendetwas stört mich, es ist so ruhig hier. Ich brauche etwas Unterhaltung, also schalte ich den Fernseher an, um wenigstens kurz eine Kaffeepause lang zu checken, was so los ist in der Welt. Soviel Zeit muss sein, am Samstag, zum Kaffeetrinken. Natürlich ist wie zu erwarten das Fernsehprogramm Samstag morgen genau wie das Samstag nachmittag: unterirdisch schlecht. Mein Blick schweift genervt im Zimmer herum und fällt auf das am Abend zuvor beim Einschlafen einfach auf den Boden geworfene Häkelzeug. Ich merke, dass ich nur mein Nachthemd anhabe und meine Füße inzwischen bereits ganz schön kalt sind, also schlüpfe ich ganz einfach unter die Decke und fange an zu häkeln. Es ist so gemütlich und so kuschelig, richtiges Wochenendfeeling! Die Minuten verstreichen, eine Stunde verstreicht. Plötzlich bekomme ich einen Panikanfall! Ich wollte doch dieses Wochenende GANZ viel Nähen! Projekt Y wartet dringend auf seine Fertigstellung, ein paar Zuschnitte, die quasi „nur noch“ zusammen genäht werden müssen, verstopfen den sowieso schon übervollen Schreibtisch, die liebste Freundin hat Geburtstag und braucht noch ein Geschenk und ach! – eigentlich wollte ich ja endlich endlich die Patchworkdecke fertig stellen! Schliesslich ist es JETZT bitterkalt draußen und in einem Monat ist auch schon wieder Frühling. Ich springe wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett, denke dieses Mal gottseidank daran, mir etwas überzuziehen und setze mich ins Nähstübchen. Der Nähtisch gleicht einem Bombenkrater, diverse angefangene, zugeschnittene oder unzugeschnittene Stofffetzen bilden ein fast schon biblisches Sodom und Gomorrha, es ist eigentlich nicht mehr möglich zu sagen welches Teil zu welchem Projekt gehört. Seufzend mache ich mich ans Sortieren und finde hier zwei Teile, die zusammengehören, dort zwei angefangene Taschen und so weiter. Artig nähe ich die gefundenen Teile auch gleich zusammen, einfache und meist gerade Nähte, das sind Routinearbeiten, das geht mit links… Ich schweife mit den Gedanken ab und mir fällt dieser tolle gehäkelte Loop ein, den ich neulich im Internet gesehen habe. Das könnte doch… Das müsste man doch so herum….? Moment! So schwer kann das doch nicht sein, das muss ich – jetzt! – wissen. Ich MUSS das ausprobieren! Also renne ich zurück zu meinem Bett, wo ich aus einer Tüte das einzige noch unangetastete Knäuel Wolle hervorfische. Der erste Versuch scheitert, beim circa achten Versuch entsteht tatsächlich ein recht ansehnlicher Loopschal. Ich bin ziemlich begeistert, allen voran von meinen Handarbeitskünsten und arbeite emsig weiter. Inzwischen ist es zwölf Uhr und ich beginne mich zu fragen, was ich eigentlich bisher an diesem Tag gemacht habe. Plötzlich habe ich gar nicht mehr sooo viel Zeit, jedenfalls weniger als noch vor drei Stunden. Dabei bin ich noch nicht einmal zum Lesen gekommen. Und genau das beschliesse ich nun endlich nachzuholen, überhaupt werde ich langsam bereits wieder müde. Ich lese ja auch wirklich gerne und mit grossem Interesse Fachbücher und tue das bisweilen auch in meiner Freizeit, völlig entspannt ohne Stress und Druck für die nächste Prüfung möglichst viel in möglichst kurzer Zeit möglichst effektiv aufnehmen zu müssen. So gemächlich bleibt sowieso mehr hängen. Also besänftige ich mein schlechtes Gewissen über mein erbärmliches (Frei-) Zeitmanagement mit einer feinen Tasse Tee sowie einem Fachbuch und krieche mit beidem wieder unter meine kuschelige Bettdecke, etwas Bildung am Wochenende, soviel Zeit muss sein… Aber halt!!!! Apropos Zeitmanagement – bevor ich anfange mich in mein Buch zu vertiefen, könnte ich ja noch „ganz schnell“ das Vlies auf die Stoffzuschnitte aufbügeln, dann könnte das doch schon einmal trocknen…? Also nochmal aufstehen, Bügelbrett aufbauen, Bügeleisen an und schnell ein paar Zuschnitte gebügelt. Dabei vergeht auch „nur“ eine Folge Greys Anatomy, ohne McDreamy kann ich einfach nicht bügeln und da ich ja nun schon einmal Eisen und Brett hervorgekramt habe, kann ich ja auch gleich die Bügelwäsche insgesamt erledigen. Jetzt endlich kann ich ins Bett. Ernüchtert stelle ich fest, dass Freizeit ganz schön anstrengend ist. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es inzwischen 14.30 Uhr ist. Ich schlage mein Fachbuch auf… und schlage es wieder zu, weil mein Suppenkoma so massiv zuschlägt, dass ich mich auf kein Wort mehr konzentrieren kann. Ich schließe die Augen und so bedauerlich das ist, ich muss leider einsehen, dass ich zu mehr als noch ein paar Häkelreihen einfach gerade nicht mehr fähig bin. Dabei fallen mir die Augen zu und als ich sie abermals öffne, geht bereits die Sonne unter und ich hechte entsetzt ins Nähstübchen, um wenigstens vor Einbruch der Dunkelheit noch ein paar Nähte zu schaffen, schließlich hatte ich für dieses Wochenende NICHTS vorgenommen außer zu nähen, weil ich unter der Woche selten bei Tageslicht nach Hause komme und so schrecklich ungerne bei Dunkelheit nähe. Das geht einige Zeit gut, bis… ha! Sie ahnen es: Die 7. Naht… der Unterfaden…

(…)

Sonntag abend, 20 Uhr. Entnervt häkele ich die letzte Reihe des zweiten angefangenen Loops. Der erste Häkelschal liegt in irgendeiner Ecke, ich beschließe ihn morgen früh auf dem Weg in die Arbeit weiterzuhäkeln. Der Nähtisch sieht aus wie geleckt, endlich sind alle Teile zugeschnitten und sorgfältig sortiert nach Projekt. Das finde ich einen guten Anfang, auch wenn ich mir eingestehen muss, dass weder Projekt Y, noch das Geburtstagsgeschenk für die liebste Freundin und schon gar nicht die Patchworkdecke einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht haben. Gelesen habe ich keine Zeile. Ich seufze und „flüchele“ ein wenig vor mich hin, welche dumme Idee mich vor zwei Wochen dazu getrieben hat, jetzt auch noch mit dem Häkeln anzufangen.

Nächstes Wochenende wird alles anders.

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