Für Wortteufel

Rouva Wortteufel on toivonut yhden kirjoituksen suomeksi, siis tästä se tulee:

(Frau Wortteufel hat sich einen Beitrag auf Finnisch gewünscht, hier kommt er:)

Ajatelin laittaa tähän yhden suomen kielen kielivoimistelun, kun kuulin sen vasta viime päivinä ja minusta se kuulostaa erittäin hauskalle.

(Ich habe neulich einen finnischen Zungenbrecher gehört, den ich bis dato noch nicht kannte und finde den so lustig, dass ich ihn hier aufschreiben wollte.)

Kokko, kokoo koko kokko kokoon!
– Koko kokkoko?
– Koko kokko.

(Kokko, sammele das ganze Mittsommerfeuer zusammen! – Das ganze Mittsommerfeuer? – Das ganze Mittsommerfeuer.)

ja vähän laajempaa:

(oder auch etwas ausführlicher:)

Koko kokko kokoo koko kokkoa koko kokolla,
koko kokolla kokoo koko kokko koko kokkoa.

(Die ganze Gruppe sammelt das ganze Mittsommerfeuer mit der ganzen Gruppe, mit der ganzen Gruppe sammelt die ganze Gruppe das ganze Mittsommerfeuer. koko = ganz, kokko = 1. Mittsommerfeuer; 2. altes Wort für ‚Gruppe‘)

Ein Wochenende, eine neue Fremdsprache

Dieses Wochenende: Lektion 1 – Eine Münchnerin lernt Frängisch.

Weinberg = Wengert, soviel hab ich immerhin schon behalten, aber ich denke mal, dabei wird es nicht bleiben. Eine Fremdsprache Eine Sprache aus der Provinz Ein deutscher Dialekt mit einem å und diesem wunderschön gerollten r! Da konnte ich nicht anders, das hat mein Herz im Nullkommanix erobert.

Und der Zaubertrank bei Asterix heisst„Mäddschigg-Schoppe“, ist das nit doll??

Wunderbares und Kurioses aus der bunten Welt der Sprache – Syntaktische Varianz

So, Sonntagabend, das Wochenende ist vorbei und es ist Zeit für eine neue Lektion in Sachen Sprachwissenschaft. Frau Ansku macht heute mal wieder den Erklärbären! Sind denn auch alle da? Heute etwas ganz speziell für Frau Wortteufel, weil ihr das Thema so sehr gefallen hatte und weil es auch eines meiner Lieblingsthemen ist. Es klingt zuerst vielleicht verwirrend, ist aber ganz doll spannend, also nicht erschrecken, sondern freuen, staunen und bis zum Schluss lesen! 😉

Eigentlich versteckt sich hinter dem hochtrabenden Begriff „syntaktische Varianz“ nichts spektakuläres, es geht im Prinzip nur um den ganz normalen Sprachwandel, der schon immer passiert ist und auch heute noch passiert. Wir SpraWis versuchen nur, das Ganze in bestimmte Strukturen und Kategorien einzuteilen.

Ihr habt sicherlich alle schonmal von diesen ominösen Sprachen gehört, in denen ein Wort einen ganzen Satz enthält. Und Ihr habt Euch sicherlich alle auch schonmal gewundert, warum zum Beispiel Chinesisch so anders ist als Deutsch, Englisch, Französisch und „unsere“ hier so bekannten Sprachen. Das liegt daran, dass diese Sprachen einen unterschiedlichen Sprachbau haben, man kann sie anhand ihres Sprachbaus in vier Typen einteilen.

Da gibt es zunächst den agglutinierenden Sprachtyp. Der ist zunächst schonmal ziemlich anders, als Deutsch, Englisch oder Französisch, weil alle Endungen an das Wort angefügt werden und man kann sagen, dass (meistens) genau für jede Bedeutung eine Endung an das Wort angefügt wird. (Ich sage hier Endung, obwohl es nicht ganz korrekt ist, denn viele Sprachen fügen solche grammatischen Elemente, sog. Morpheme, auch vor das Wort oder in die Mitte oder… .) Als Beispiel ein finnisches Wort in seine grammatischen Einzelbestandteile zerlegt:

talo „Haus“

talo-ssa „im Haus“ (-ssa Kasus „in“)

talo-i-ssa „in den Häusern (-i- Plural)

talo-i-ssa-ni „in meinen Häusern“ (-ni „mein“)

Ähnlich geht das auch im Ungarischen und im Türkischen, z.B. göz „Auge“, göz-ler „Augen“, göz-ler-i-mi (Auge-Plural-Akkusativ-meine) „meine Augen“ Dadurch sind die meisten Wörter sehr eindeutig identifizierbar und zerlegbar, man kann auch sagen, dass Verhältnis von Endung, die an das Wort angefügt wird und Bedeutung ist genau 1:1, für jede Bedeutung gibt es genau eine Endung, also eine für Plural, eine für den Kasus, eine für den Besitzer usw. wie im finnischen Beispiel.

Sicherlich hat der eine oder andere schon gemerkt, dass da im Vergleich mit der deutschen Übersetzung ziemliche Unterschiede sind. Deutsch gehört nämlich, wie z.B. Englisch, Spanisch, Französisch zum flektierenden Sprachtyp. Hier gibt es nicht mehr für jede Bedeutung genau eine Endung, sondern mehrere Endungen sind in einer zusammengefasst, wie z.B. „den Häus-ern“. Ihr merkt, dass es hier schon sehr viel schwerer ist, die einzelnen Elemente herauszutrennen, denn durch den Plural hat sich auch der Stamm des Wortes verändert (Haus -> Häus-er, sog. Ablaut) UND es kommen noch Endungen für Plural und den Fall hinzu. Überhaupt gibt es ja bekanntlich für die EINE Bedeutung „Plural“ im Deutschen VIELE verschiedene Formen, „Häus-er, Zitrone-n, Auto-s, Tisch-e, Kinder-er“…

Gleichzeitig kann es beim Sprachwandel auch passieren, dass plötzlich zwei Wörter, die eigentlich verschiedene Bedeutungen haben und früher auch mal verschieden aussahen, gen au gleich klingen, z.B. „wir gingen“ und „sie gingen“ Dann muss man plötzlich andere Mittel, hier die Pronomen „wir“ und „sie“, zur Hilfe nehmen, weil ein Satz wie „Gingen zur Kirche“ nicht mehr eindeutig identifizierbar ist. Diese ganz klaren und sauberen Trennungen, wie wir sie vorher beim Finnischen kennengelernt haben, sind also nicht mehr möglich, das schöne Verhältnis von Bedeutung zu Endung 1:1 ist nicht mehr da, sondern es ist entweder 1:n (eine Bedeutung, mehrere Wortformen, z.B. Plural im Deutschen) oder n:1 (eine Wortform, mehrere Bedeutungen, z.B. sie/ wir gingen).

Ein weiterer Typ sind die polysynthetischen Sprachen. Das sind diese sehr lustigen Sprachen, wo ein ganzer Satz in ein Wort gepresst wird und das ist alles wirklich sehr komplex und sehr verwörrend. Fest steht nur, dass hier ganz viele Endungen an ein Wort angefügt werden, manchmal auch ganze Wörter in andere Wörter eingegliedert werden (im Beispiel hier „Wind“ und „bewegen“) und das alles munter durcheinander und heraus kommt dann so ein Ein-Wort-ein-Satz-Dingens. Ich zeig’s Euch mal kurz, bitte nur staunen, sich wundern, aber nicht beeindrucken oder gar erschrecken lassen und einfach weiterlesen!

 kk'o  -aɬts'eeyh-y      -ee  -'oyh
 around-wind     -3SG.Obj-IMPF-move.compact.obj
'The wind is blowing it around' (Der Wind weht es herum)

(Ein Strich bedeutet ein Element, dann könnt Ihr auch in der zweiten Zeile sehen, was die Bedeutung der einzelnen Objekte wäre. Schreiben würde man das normal natürlich alles zusammen. Ach so ja, und solche Sprachen gibt es zu Hauf‘ in Nordamerika (Indianersprachen), im Kaukasus und in Sibirien.)

Dann gibt es noch den isolierenden (manchmal auch analytischen) Sprachtyp, zu dem u.a. Chinesisch, Indonesisch und Vietnamesisch gehören. Hier gibt es fast gar keine grammatischen Endungen mehr, es wird nur ganz selten etwas an das Wort angefügt, um seine Bedeutung zu verändern, daher gibt es zum Beispiel auch keine Fälle. In dem chinesischen Beispiel (von hier zitiert) seht Ihr, dass für jede Bedeutung ein extra Wort steht, auch für grammatische Bedeutungen wie zum Beispiel „Plural“ und „Possession“ (Angabe des Besitzers).

Alle meine Freunde wollen Eier essen.
de péngyou men dōu yào chī dàn.
Ich possessiv Freund Plural alle wollen essen Ei.

Da Sprachen sich wie bereits erwähnt, laufend verändern, passiert es ständig, dass Endungen (z.B. durch schlampige Aussprache etc.) abgeschliffen werden und irgendwann ganz verschwinden. Und wenn sich zum Beispiel in einer agglutinierenden Sprache wie Türkisch, Finnisch oder Ungarisch sehr viele Endungen verschleifen, zusammenfallen oder ganz wegfallen, dann kann es passieren, dass so eine agglutinierende Sprache (irgendwann nach Jahrhunderten und Jahrtausenden) dem flektierenden Sprachtyp (wie Deutsch) zugeordnet werden muss.

Genauso kann sich aber auch eine flektierende Sprache noch weiter abschleifen und irgendwann alle Endungen verlieren und dann ist es eine isolierende Sprache. Englisch ist zum Beispiel gerade in so einem Entwicklungsstadium, denn wenn man sich Altenglisch ansieht, dann gab es da damals noch eine ganze Reihe von Kasus, also so richtig Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ, so wie im Deutschen und jede Menge weitere Endungen und Zeugs. Im heutigen Englisch, das werden alle gemerkt haben, ist davon aber nicht mehr viel zu sehen. Es gibt noch ein paar Reste von diesen alten Kasus, es gibt ja noch z.B. -s für den Genitiv, zum Beispiel „the fathers house“, ansonsten verändert sich am Wort selber nicht viel, ob ich sage „The cat bites the dog.“ oder „The dog bites the cat“. Auch am Verb gibt es fast keine Endungen mehr, lediglich im Präsens hat sich ein einsames kleines -s in der dritten Person erhalten. Ihr seht, die Funktion, die das Wort im Satz erfüllt, wird alleine durch die Wortstellung bestimmt, ob das Wort vor oder hinter dem Verb steht (dagegen hat Finnisch zum Beispiel mit seinen vielen Kasus eine nicht ganz, aber doch ziemlich freie Wortstellung, die Wörter können in den meisten Fällen in beliebiger Reihenfolge stehen). Die Sprache musste quasi für den Wegfall dieser ganzen Fälle, die früher mal die Funktion des Wortes im Satz bestimmt haben, einen anderen Mechanismus finden und das ist jetzt die feste Reihenfolge der Wörter. Das alles snd Folgen des Sprachwandels, festzustellen bleibt hier nur, dass wenn sich am Wort selber nichts mehr verändert, obwohl die Funktion im Satz sich verändert, dann ist die Sprache auf dem besten Weg zu einer isolierenden Struktur wie dem Chinesischen, ist aber dennoch noch keine isolierende Sprache, weil es ja (momentan) noch einzelne Reste von Endungen und Flektionen gibt! Und weil aber im Sprachwandel nicht immer nur etwas wegfällt, sondern auch neues entsteht, kann es auch passieren und ist auch schon passiert, dass so eine isolierende Sprache wie das Chinesische eine 180 Grad Kehrtwendung macht und sich zu einer agglutinierenden Sprache entwickelt und somit schließt sich der ewige Kreis und das nennt man dann „Der große Sprachenzirkel“.

Wer ist noch dabei?? Und wer findet das mindestens genauso spannend wie ich?? Macht mir keine Schande, meiner Familie hab ich das schonmal erklärt und die haben es auch kapiert! 😉 😀 Ihr dürft natürlich wie jedes Mal nachfragen, wenn etwas unklar ist.

Ich hoffe, Ihr hattet mal wieder Spaß bei diesem Ausflug in die große bunte Welt der Sprachen. Herzliche Grüße,

Eure Frau Ansku Erklärbär

Auf das Geschlecht kommt es an!?

Letzten Freitag habe ich einen Vortrag über Gender Studies gehört, der allerdings auch nicht viel dazu beigetragen hat, dass ich mich mit diesem größten wissenschaftlichem Übel unserer Zeit Thema besonders anfreunden kann. O!M!G! Dazu aber demnächst mehr.

Einige interessante sprachwissenschaftliche Beobachtungen und Geschichtchen gab es aber dann doch, wie zum Beispiel diese: In Finnland, ganz im Norden in Lappland und um genau zu sein in Rovaniemi gibt es eine Zeitschrift (oder Zeitung? ich weiss es nicht genau) „Lapin kansa“ [Das Volk der Lappen]. Diese Zeitschrift sollte wohl vor einiger Zeit eine neue Chefredakteurin bekommen. Schließlich war dann klar, dass Johanna Korhonen diesen Posten übernehmen sollte. Der Umzug von Helsinki nach Rovaniemi wurde vorbereitet und Johanna wurde groß interviewt. Ja, man freue sich sehr auf den Umzug nach Rovaniemi, die ganze Familie. Ja, auch ihr Partner freue sich sehr. Oh ja, alles ganz wunderbarst und toll und vorfreudig. Der Vertrag wurde unterschrieben, das Interview wurde veröffentlicht, doch wenige Zeit später wurde Johanna entlassen. Der Grund: Man könne ihr nicht vertrauen, denn sie habe verschwiegen, dass ihr „Partner“ eine Frau ist und so eine ungewöhnliche Lebensgemeindschaft wollte und konnte man zudem wohl im konservativen Nordfinnland nicht akzeptieren (obwohl das natürlich keiner zugibt.  😉 ).

Wie kommt das nun?? Wie kann man eine halbe Stunde oder Stunde sich über jemanden, seinen Partner und seine Familie unterhalten, ohne zu bemerken, um welches Geschlecht es sich handelt? Die Antwort: Auf Finnisch kann man. Finnisch ist eine Sprache (fast) ohne grammatikalisches Geschlecht, das bedeutet die Sprache unterscheidet nicht zwischen männlich und weiblich (und sächlich). Da es im Finnischen sowieso (prinzipiell, in der Umgangssprache sieht das dann wieder anders aus) keinen Artikel „der, die, das“ gibt, fällt diese Qualifizierung schonmal weg. „opettaja“ heißt einfach sowohl Lehrer als auch Lehrerin, ebenso das Wort für Partner, Partnerin „puoliso“ (ebenso Ehepartner/in „aviopuoliso“). (Wenn man das sehrsehrsehr betonen will, dass es sich um eine Frau handelt, kann man an die Worte eine aus dem Schwedischen übernommene Endung „-tar“ anhängen, also „opettaja-tar“ für Lehrerin oder „ystävä-tär“ für Freundin, aber macht kaum jemand. Auch gibt es bei einigen wenigen Berufsbezeichnungen verschiedene Worte für Frauen und Männer, aber ansonsten fast keine Möglichkeit zu unterscheiden.)

Auch bei den Personalpronomen gibt es für die dritte Person nur ein einziges Wort „hän“, welches dann ‚er, sie, es‘ sozusagen in Personalunion bedeutet.  „Hän käy koulussa.“ kann dann sowohl „ER geht in die Schule.“ als auch „SIE geht in die Schule.“ als auch „ES (z.B. das Kind) geht in die Schule.“ heissen. Aber keine Sorge, meistens wird aus dem Gesprächszusammenhang deutlich, wer gemeint ist. 😉

Ach so, und JA! das ist seeeehr angenehm für den Finnischlernenden.

Zurück zu unserem Interview mit Johanna Korhonen. Man hatte also wohl die ganze Zeit nur über „hän“ und den/ die „puoliso“ gesprochen, und war automatisch davon ausgegangen, dass es sich um einen Mann handeln musste. Zugegebenermaßen soll seitens der Journalisten wohl mal das Wort „mies“ [sprich: mi-es] ‚Mann‘ gefallen sein, und Johanna liess dies unkommentiert so stehen, aber ohne diese Tatsache hätte man wohl eine halbe Stunde lang über jemanden geredet, ohne sich über dessen Geschlecht zu verständigen. Und war dann eben sehr geschockt als dieses Geschlecht des Partners herausgefunden wurde. Die Geschichte ging damals in Finnland ziemlich durch die Medien, auf finnisch gibt es das unter anderem hier. Hach ja, ich liebe die Finnen. 😉

Da fällt mir noch eine kleine Geschichte ein, die mir mal passiert ist. Finnen geben ihren Kinder zuweilen sehr schöne, aber auch für unsere Ohren sehr ungewöhliche Namen, wie „Satu“ [Märchen], „Toivo“ [Hoffnung], „Onni“ [Glück] und bisweilen wird es dann für den ungeübten Finnischlernenden sehr schwierig zu erkennen, ob das ein Jungen- oder ein Mädchenname ist, eben weil diese Worte von sich aus ja kein Geschlecht, keine Unterschiedung nach männlich-weiblich haben. Vor einigen Jahren schrieb ich eine Seminararbeit, in der ich finnische Lernwörterbücher (das sind z.B. die, in denen die Wörter nach thematischen Gruppen geordnet sind) analysieren sollte. Eines dieser Lernwörterbücher war von einer/ einem gewissen „Vuokko H.“ geschrieben und ich konnte nicht sagen, ob sich hinter diesem komischen Namen ein Mann oder eine Frau verbirgt. Zuerst dachte ich, dass es ja für die Arbeit egal ist und fing an zu schreiben. Ziemlich schnell aber bekam ich große Schwierigketien, denn ich konnte ja nicht einfach schreiben „Der Autor beschreibt in seinem Buch…“, denn was, wenn es sich um eine AutorIN handelt? Ich versuchte also, solche Sätze zu vermeiden und schwitzte und bastelte und schrieb in mindestens jedem zweiten Satz „Vuokko H. zeigt, das…“, „Vuokko H. beschreibt…“, „Vuokko H. …“ und Konsorten. Aber es half alles nichts, ich stolperte immer wieder und spätestens bei jedem zweiten Wort Satz über das Possessivpronomen „sein Buch“ oder „ihr Buch“. Schließlich gab ich entnervt auf und schrieb meiner Finnischlehrerin eine verzweifelte Mail und fragte sie, was in aller Welt für ein Name das sei.

Vuokko bedeutet „Anemone“ und ist daher wohl eher ein Frauenname. 🙂

Neues Spielzeug

Ein tolles neues Sprachwissenschaftlerspielzeugwerkzeug gibt es jetzt nicht mehr nur als zentnerschweren Schinken in unserer Institutsbibliothek, sondern auch ganz bequem online und darauf möchte ich kurz hinweisen.

Der World Atlas of Linguistic Structures (WALS) erfasst die Strukturen und Besonderheiten einer unglaublich großen Zahl von Sprachen und hat sie als ein gigantomanisches Kartenwerk herausgegeben. Dort kann man dann nachschauen, wo auf der Welt am häufigsten ungewöhnliche Konsontanten (dies ist die Seite, wo die Karte erklärt wird, bitte hier und bei allen folgenden verlinkten Beispielen weiterklicken auf „show map“) vorkommen, in welchen Sprachen es zum Beispiel welche Arten von Negation gibt und wie diese auf der Welt verteilt sind.

Genauso kann man auch sehen, welche Zahlensysteme wo in der Welt in welchen Sprachen verankert sind. Einige Sprachen verwenden dabei nämlich nur auf die Körperteile ausgerichtete Zahlensysteme, also zum Beispiel das Wort für „fünf“ ist dann das Wort für „Hand“. Ihr merkt wahrscheinlich schon, es gibt teilweise ziemlichen hardcore Linguisten-Stoff, aber wusstet Ihr zum Beispiel, dass in einigen Sprachen der Welt die Worte für „Hand“ und „Arm“ bzw. für „Finger“ und „Hand“ identisch sind?? Oder wieviele Sprachen auf der Welt Töne haben, ähnlich wie ihr es aus dem Chinesischen vielleicht schon gehört habt? Das sind gar nicht so wenige. Wusstet Ihr, dass eine ganze Reihe von Sprachen Worter redupliziert, als einfach dasselbe Wort zweimal hintereinanderstellt, um zum Beispiel Plural auszudrücken? Oder in welchen Sprachen das Genus-System (= Wortgeschlecht, im Deutschen maskulin, feminin, neutrum bzw. „der, die, das“) auf dem wirklich natürlichen Geschlecht basiert (männlich – weiblich – sächlich, wohlgemerkt: basiert! Ausnahmen bestätigen die Regel, wir Deutschen wollen schließlich auch unseren lieben ausländischen Mitbürgern etwas Spaß lassen 😉 ) und in welchen nicht – und welche Sprachen überhaupt nicht nach Geschlecht unterscheiden (in der Karte sind das die mit den weissen Kreisen).

Und in welchen Sprachen fallen eigentlich die Worter für „Blau“ und „Grün“ zusammen und wieviele grundliegende Farbkategorien /Farbwörter haben die Sprachen dieser Welt eigentlich? Ihr werdet staunen, mit wie wenig Farbworten man auskommen kann. Aber wer kann mir nun sagen, wieviele Wörter die „farbwortärmsten“ Sprachen denn nun haben und wo sie gsprochen werden? 😉 Oder welche Sprachen in ihren Pronomen eine Unterscheidung nach Höflichkeit haben (wie zum Beispiel Deutsch „Du“ – höflicher „Sie).

Oder, oder, oder. Schaut es Euch an, es gibt nicht nur linguistischen hardcore-Stuff, sondern viele viele wirklich für jedermann und jederfrau interessante Dinge. Wer findet zum Beispiel heraus, wieviel Kasus (Fälle, engl. case) die kasusreichste/ n Sprache/ n der Welt hat/ haben? Aber genug der Worte jetzt, ich wünsche alle Linguisten, Möchtegern-Linguisten und hoffentlich auch vielen Nicht-Linguisten viel Spaß beim Stöbern, Entdecken und Spielen! Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere in den Kommentaren erzählen mag, was er herausgefunden hat. 🙂

(Und genauso gilt: Wenn etwas nicht klar ist, bitte fragt um Himmels willen in den Kommentaren nach!)

Lustiges und Kurioses aus der bunten Welt der Sprache

Was ist denn eigentlich…? Indogermanistik

Ich hab es ja schon erzählt: Wenn mich Leute fragen, was ich studiere, ernte ich – naturgemäss – immer etwas Verwunderung:“Ich studiere Sprachwissenschaft…“ – „Aha, und WELCHE Sprachen?“ – „… und meine Nebenfächer sind Finnougristik und Indogermanistik.“ Spätestens da hört es dann auf. Finnougristik hört sich zwar komisch an, das Wort enthält eindeutig zuviele Vokale 😉 , aber das kann man noch erklären: „Das ist Finnisch (Finno-) und Ungarisch (-ugris-tik), die gehören zu einer eigenen Sprachfamilie.“ Aber Indogermanistik klingt vermutlich für manche Ohren doch sehr exotisch „Indo-was?“, deshalb versuche ich heute mal für meine werten Leser etwas von dieser Exotik zu nehmen:

Indogermanistik ist eigentlich historische Sprachwissenschaft, die Wissenschaft von der historischen Entwicklung der Sprachen und Sprachfamilien. Daneben ist Indogermanistik aber auch die Sprachwissenschaft der indogermanischen Sprachen (sehr selten gibt es auch die Bezeichnung: Indoeuropäische Sprachen, aber das ist natürlich wiederum ein Politikum 😉 ). Die indogermanischen Sprachen bilden eine große und sehr verzweigte Sprachfamilie mit vielen heute noch gesprochenen, aber auch vielen alten, ausgestorbenen Sprachen, wie z.B. Latein, Altgriechisch, Sanskrit (Altindisch), Tocharisch). Diese Sprachen finden sich im größten Teil von Europa bis hin zum Kaukasus. Das ausgestorbene Tocharisch, was ebenfalls als ein Zweig der indogermanischen Sprachfamilie gezählt wird, wurde sogar noch weiter östlich, vermutlich in der heutigen Monogolei gesprochen. Zählt man dann noch die Verbreitung der indoeuropäischen Sprachen u.a. im Zuge der Kolonisation hinzu, so ist es weltweit die größte Sprachfamilie mit 2,5 Milliarden Muttersprachlern.

Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Man vermutete schon vor langer Zeit, dass alle diese Sprachen einen gemeinsamen Ursprung haben, das Ur-Indogermanische. Das ist eine Sprache, die nach archäologischen, ethnologischen und linguistischen Theorien im 4. Jahrtausend vor Christus in einer Gegend zwischen Ostmitteleuropa und dem Kaukasus gesprochen worden sein muss. Heute kann man das auch beweisen, denn es gibt in der Entwicklung von Sprachen gewisse Regelhaftigkeiten (z.B. sogenannte Lautwandel), anhand derer man zuerst die Ursprachen der einzelnen Familien und dann die gemeinsame Indogermanische Ursprache rekonstruieren kann. Als ein minikleines Beispiel die Tabelle unten:

http://homepages.fh-giessen.de/kausen/wordtexte/Indogerm%20Wortgleichungen.doc
http://homepages.fh-giessen.de/kausen/wordtexte/Indogerm%20Wortgleichungen.doc

(KLICK macht’s groß)

Bei dem Wort für „Vater“ könnt Ihr erkennen, dass dieses Wort heute in verschiedenen Sprachen viele verschiedene Formen hat. Dennoch klingen die irgendwie alle ähnlich. Wenn man sich nun die Mitte des Wortes ansieht, dann bemerkt man, dass das t aus dem alten indogermanischen Wort in einigen Wörtern erhalten geblieben ist, zum Beispiel im Sanskrit ‚pitar‘, im Griechischen ‚patér‘ oder im Lateinischen ‚pater‘. Im Gotischen dagegen ist an die Stelle des mittleren t’s ein ‚d‘ getreten, das ‚d‘ ist ein stimmhafter Laut geworden. Das passiert ganz natürlich, im Laufe von vielen Jahren. Sprache ist immer einem Wandel unterlegen, auch unsere heutigen Sprachen verändern sich ja noch. Im Englischen heute wiederum ist daraus ein ‚th‘ geworden und im Altirischen ist es ein behauchtes ‚th‘ (nicht wie Englisch, sondern deutlich behaucht: th). Vergleicht man nun das mit der zweiten Zeile und dem Wort für Mutter, welches auch in der Mitte ein ‚t‘ hat, so finden sich diese Ergebnisse durchweg bestätigt. Das Ganze geht natürlich in einem viel größerem Rahmen und wesentlich komplizierter ab, klar oder? Aber letztendlich kann man aus solchen Befunden sog. „Lautgesetze“ über die Entwicklung von Lauten aufstellen und daraus lassen sich mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten, wie die indogermanische Ursprache ausgesehen haben muss. Eine solche Vermutung ist zum Beispiel, dass ‚Vater‘ auf Indogermanisch vor vielen tausend Jahren *pəter geheißen haben muss. Das umgedrehte e in dem Wort ist ein zentraler, fast schon etwas verschluckter Laut, in etwa wie das letzte e im deutschen Verben „spielen“, was ja ausgesprochen wie „spiln“ klingt. Und das Sternchen vor dem Wort bedeutet übrigens, dass dieses Wort in dieser Form von den Forschern so angenommen wird, schriftlich belegt ist es jedoch nciht, weil es natürlich damals vor etlichen tausend Jahren noch keine Schrift geschweige denn Tonbandaufnahmen 😉 gab und uns daher aus dieser Zeit irgendwelche Dokumentationen über die tatsächliche Form dieses Wortes fehlen

Und man sieht, auch bei Verben, Zahlwörtern und Pronomen gibt es große Ähnlichkeiten.

http://homepages.fh-giessen.de/kausen/wordtexte/Indogerm%20Wortgleichungen.doc
http://homepages.fh-giessen.de/kausen/wordtexte/Indogerm%20Wortgleichungen.doc

(KLICK macht’s groß)

Man geht bei all diesen Rekonstruktionen davon aus, dass sich diese Ursprache im Laufe der Zeit auseinanderentwickelt hat und sich dadurch zunächst weitere Ursprachen entwickelt haben. So zum Beispiel das Urgermanische, das Urslavische, das Urkeltische usw. In der Abbildung unten ist links das Schema dargestellt, rechts die chronologische Entwicklung der einzelnen Sprachen und Sprachgruppen, welche Sprache sich zuerst abgespalten hat und so weiter. Aus diesen Ursprachen, die immer noch auf einen Zeitraum von vor ca. 3000-4000 Jahren angesetzt werden, haben sich dann unsere heute bekannten Sprachen entwickelt, also hat sich zum Beispiel das Urgermanische wiederum aufgespalten in verschiedene regionale Untergruppen, zum Beispiel Nordgermanisch, woraus dann Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und Isländisch entstanden, das Westgermanische, woraus u.a. Deutsch, Holländisch und Englisch entstanden und das ausgestorbene Ostgermanisch, wozu Gotisch gehörte. Eine etwas bessere Übersicht über die Mitglieder der einzelnen Sprachzweige gibt es hier.

TITUS Thesaurus indogermanische Texte und Sprachmaterialien
Quelle: TITUS Thesaurus indogermanische Texte und Sprachmaterialien

So, wer ist bis hierhin mitgekommen? 😀 Ich hoffe, ich habe damit ein bisschen Exotik genommen, ein bisschen Neugier befriedigt und ein bisschen Neugier geweckt. 😉 Wer noch mehr wissen will, der frage bitte entweder mich oder konsultiere diesen relativ guten Wikipedia-Artikel Indogermanische Sprachen oder diese Beschreibung des Faches auf der Homepage unseres Institutes.

(Und wie jedes Mal würde ich mich auch jetzt über Feedback freuen, ob das jetzt für Euch interessant oder langweilig, verständlich oder kompliziert, informativ oder zu ausführlich war. Ich bemühe mich sehr, das auch für „nicht-SpraWis“ interessant und verständlich zu schreiben und einen Einblick in meinen „Job“ zu geben ohne allzuviel Vorwissen vorauszusetzen, aber ob es einem dann immer so gelingt ist die andere Sache.)