Mein ero.ti.sches Verhältnis zu Sprache

Um noch einmal auf die zahlreichen Fragen nach meinen Sprachkenntnissen zurückzukommen: Das ist etwas komplizierter. Ich erzähle einfach mal ein paar Beispiele: Wie bereits erwähnt, ich habe unter anderem mal zwei Semester einen Baskisch-Kurs belegt. Ich kann mich auch problemlos über das Kasussystem der permischen Sprachen unterhalten, das ist eine mit Finnisch verwandte Gruppe von kleinen Minderheitensprachen in Russland (Republik Komi und Republik Udmurtien bei Perm). Ich weiß einiges über Sprachen und Sprachgruppen in Papua Neuguinea. Nur jetzt kommt das große ABER: Ich kann mir ein keiner dieser Sprachen auch nur ein Brot kaufen, geschweige denn eine alltägliche Unterhaltung führen. Mir fehlt das Vokabular dazu und mir fehlt die Übung dazu. Ich habe in unzähligen „Sprachkursen“ gesessen, aber ich kann kaum eine dieser Sprachen sprechen. Warum ist das so?

Unsere Sprachkurse (also die an unserem Institut) heissen nicht Sprachkurse, sondern ‚Strukturkurse‘. Es gibt keine Lehrbuch dazu und wir machen auch keine Konversationsübungen. Stattdessen nehmen wir uns eine Grammatik vor und arbeiten die von vorne bis hinten durch. Da geht es um Besonderheiten im phonologischen System (= Lautsystem) einer Sprache, zum Beispiel darum, ob die Sprache auffällig viele Vokale oder auffällig viele Konsonanten enthält. Sprachen wie Finnisch zum Beispiel haben eine sehr „ausgeglichene“ Struktur. Meistens folgt einem Konsonant ein Vokal und dann wieder ein Konsonant. (Wichtig dabei: Wir gehen von den Lauten aus, nicht von der Schrift! Die Schrift kann trügerisch sein, zum Beispiel bildet das „ch“ in „Ich“ und in „Ach“ zwei verschiedene Laute ab. Sprecht es mal deutlich aus!) Auf ähnliche Weise geht es dann weiter mit der Flexion der Nomina und Verben, mit weiteren grammatischen Elementen und schließlich mit der Satzlehre, manchmal auch wichtiges über Wortbildung und Lexikologie (= Aufbau des in diesem Fall imaginären, verfügbaren Lexikons) der Sprache.

Diese Erkenntnisse werden dann festgehalten und mit anderen Sprachen und Sprachfamilien dieser Welt verglichen. Diesen Vergleich nennt man Typologie, die Sprachen werden dabei aufgrund ihrer Merkmale und Auffälligkeiten eingeordnet. Manchmal geht es auch ein bisschen in die Sprachgeschichte, man überlegt sich, woher bestimmte Auffälligkeiten kommen und wie die grammatischen Strukturen sich im Laufe der Zeit entwickelt haben.

So  oder so ähnlich geht das. Wirklich lernen im Sinne von Sprechen tut man die Sprache dabei aber nicht. Erst gestern hab ich vom geschätzten Herrn Profesor gehört: „Man muss als Sprachwissenschaftler nicht 100 Sprachen KÖNNEN, aber man sollte 100 Sprachen KENNEN.“ Und das stimmt – uneingeschränkt. Dazu braucht es nichts weiter außer Neugier, die Bereitschaft sich auf „Exotisches“ einzulassen und Liebe zu Sprachen. Eben ein „erotisches Verhältnis zu Sprachen“, auch das ein Zitat des werten Professors, aber ich finde das super 😀

Jetzt mag sich mancher fragen, was bringt das denn? Darauf antworte ich jetzt mal: Für die wissenschaftliche Arbeit bringt es einen Überblick über die Strukturen der Sprachen dieser Welt, die Erkenntnis, dass es unglaublich viele andere Arten gibt, Dinge auszudrücken als in unseren bekannten Kategorien und Formen. Das fängt bei den ganz tiefen Strukturen einer Sprache an und hört bei der Verbflexion noch nicht auf. Es ist die Grundlage für wissenschaftiche Arbeit.

Für mich selber bringt das in erster Linie jeder Menge Spaß. Manchmal bringt es auch die Erkenntnis, dass unsere Sicht der Welt nicht die einzige und nicht immer die beste ist. „Jede neue Sprache bedeutet eine neue Welt“, auch dieses Zitat kann ich unterschreiben, denn Sprachen drücken dieselben Dinge manchmal so verschieden aus. Das ist unglaublich spannend. Es bringt auch ein gewisses Verständnis für weitere verwandte Sprachen mit sich. Zum Beispiel ist Estnisch ja sehr eng mit Finnisch verwandt und obwohl ich niemals Estnisch gelernt habe und außer „Tere“ = „Guten Tag“ nichts weiter auf Estnisch sagen kann, kann ich in einem auf Estnisch geschriebenen Text mehr oder weniger gut verstehen, worum es geht. Ähnlich ist das dann mit romanischen Sprachen, skandinavischen Sprachen etc.

Und nicht zuletzt bringt es für mich eine enorme Erleichterung beim Erlernen neuer Sprachen, denn ich bin auch mit fremden, vermeintlich exotischen Strukturen vertraut und weiß mit Ihnen umzugehen. Auch wenn ich das wirkliche Erlernen der Sprache immer selber werde leisten müssen. 🙂 Aber komischerweise stört mich das relativ wenig, die Liste der noch zu erlernenden oder noch besser zu erlernenden Sprachen ist trotzdem lang und wird immer länger. 😉

Ach ja, um jetzt endlich Eure Frage zu beantworten: Sprechen (im Sinne von mich Verständigen) kann ich Deutsch, Englisch, Spanisch, Finnisch sowie jeweils ein paar Brocken Ungarisch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch, Russisch und Schwedisch (die letzten beiden wirklich sehr wenig).

*fragt sich heute immer noch, was überhaupt „eine Sprache KÖNNEN“ bedeutet*

(Jetzt, am Ende des Artikels, überkommt mich die Vermutung, dass ich das so oder so ähnlich vielleicht vor einiger Zeit schonmal geschrieben habe… Tut mir Leid für die, die das jetzt nochmal über sich ergehen lassen mussten. Egal. 😉 )

Colours of the fall

Nach dem wunderbaren Wochenende draußen wieder Regenschauer. Ein paar Sonnenstrahlen der letzten paar Tage hab ich für Euch eingefangen hier herübergerettet. So macht der Herbst sogar mir Herbst- und Dunkelheitsmuffel Spaß! 😉

Habt einen sonnigen oder regnerischen, aber auf jeden Fall schönen Dienstag, Ihr Lieben da draußen!

Angekommen?

Alle da? Niemand unterwegs verlorengegangen? 8 kleine Kommentare sind wohl beim Import auf der Reise verlorengegangen, aber daran wollen wir uns angesichts der Schwierigkeiten, das Ding überhaupt zu importieren, nun wirklich nicht stören.

Hiermit also herzlich willkommen im neuen Zuhause! Ich hoffe, es gefällt Ihnen! Ich habe im Zuge der Umzugsarbeiten auch meine Blogroll etwas erweitert, sollte ich jemanden vergessen haben, bitte laut schreien!

Machen Sie es sich gemütlich und trinken Sie mit mir eine Tasse Kaffee. Ich muss mich noch ein bisschen einleben und die typische Umzugswehmut verdauen, aber ich denke, wir werden uns hier alle sehr wohlfühlen.