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Letzten Freitag, da hab ich es bemerkt. Als meine Kollegin und ich das vergessene Magnum vom letzten Gruppenabend aßen, da hab ich vom Eis abgebissen, immer die Schokolade und das Eis innendrin zusammen. Meine Kollegin dagegen aß erst die Schokolade außenrum, bevor sie das Eis in der Mitte aufschleckte. Genauso wie ich früher. Früher war es für mich unvorstellbar, Schokolade und Eis zusammen zu essen und siehe da, auf einmal tat ich es, einfach so, ohne viel darüber nachzudenken. Und plötzlich, fast von einem Tag auf den anderen, verändern sich Gewohnheiten. Und verändern sich Menschen.   

Es einfach mal nicht gut sein lassen

Ich habe bisher noch nicht mit vielen Menschen über die Nachricht vom Freitag gesprochen, weil nun ja, es ist noch sehr frisch, ich musste erstmal selber verdauen, ich hatte dieses Wochenende sowieso Dienst und daher wenig Zeit usw. Aber bereits nach einem Tag möchte ich gerne dem nächsten, der mir nach zwei Minuten Gespräch etwas erzählt von „naja, mal schauen, wofür es gut ist“ „jede Veränderung bringt ja auch neue Chancen mit sich“ oder – noch besser – „man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist“ an die Gurgel springen. 

Ja, natürlich, das stimmt alles, aber das kommt später. Als nächster Schritt. Warum muss man alles negative sofort wegwischen, wegtrösten, übertünchen, weitergehen zum nächsten? Sind wir von der Gesellschaft so sehr darauf dressiert, dass alles immer super, besser, toller, optimierter sein muss, dass man inzwischen noch nicht einmal mehr sagen darf: Okay, ich finde es grad obermegasch**ße, dass alles was wir in drei Jahren aufgebaut haben, gerade mit einem Ratsch niedergerissen wird. Unser Haus, das wir selber eingerichtet und aus dem wir ein Zuhause auf Zeit für ca. 50 junge Flüchtlinge in 2,5 Jahren gemacht haben. Unser Team und dass wir es geschafft haben aus sieben sehr (!!!) unterschiedlichen Charaktären in knapp drei Jahren mit nur einer Kündigung ein eingeschworenes Team zu schaffen, in dem jeder den anderen in seiner Andersartigkeit respektiert und in dem wir inzwischen perfekt aufeinander eingespielt sind. 

Ich schweife vom Thema ab, aber jedenfalls: Es muss doch erstmal Platz und Raum und Zeit dafür sein, zu sagen: Ich bin momentan verdammtnochmal erstmal traurig über eine schlechte Nachricht. Es muss doch nicht immer alles supertollperfektwunderbar sein. Es gibt doch auch Situationen, die sind einfach erstmal sch**sse und das hat auch seine Berechtigung und es gibt auch nichts daran schönzureden. Vermutlich ist es in ein oder zwei Wochen wieder gut und es ist wirklich so, dass sich neue Perspektiven auftun usw. Vermutlich. Aber ist das ein Grund, warum man nicht erstmal über einen Abschied traurig sein, trauern darf? Und sei es nur darum, um etwas altes abzuschließen und danach wieder offen zu sein für Neues. Trauer gehört zu einem Abschied dazu, egal welcher Natur er ist, und das ist etwas sehr natürliches und sehr berechtigtes. Ich habe mich nebenbei bemerkt ein paar Mal in den letzten Tagen gefragt, wenn mich dieses Wegreden schon so sehr nervt – und bei mir gibt es keinerlei existentielle Bedrohung, es ist einfach nur ein ideeller Verlust, ein Abschied von einem Lebensabschnitt – wie muss es dann Menschen gehen, doe echte Schicksalsschläge hinnehmen müssen? 

Und dann, nachdem ich bemerkte wie sehr mich diese Wegtrösterei nervt und wie unverstanden ich mich fühlte, war da plötzlich noch eine weitere Frage in meinem Kopf und ich habe mir dann doch sehr überlegt, inwiefern ich selber bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen wegtröste oder stehen lassen kann. Gerade kann ich es beim besten Willen nicht sagen, ich werde in den nächsten Tagen und Wochen aber sicherlich aufmerksam(er) beobachten. Ich glaube gerade wir sozialen Berufe werden in der Ausbildung so sehr mit „lösungsorientiert“ und „ressourcenorientiert“ und was noch alles zugedröhnt, dass wir schon ganz schön konditioniert sind, aus jeder Situation doch noch den letzten tollen Aspekt rauszuziehen. Die letzten Ressourcen anzusprechen, sofort eine Lösung parat haben. Dabei braucht es das manchmal gar nicht, zumindest nichtbimmersten Moment. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Das alles ist durchaus richtig und wichtig, aber eben zur richtigen Zeit. Es einfach mal für den Moment „nicht gut“ sein lassen, die Klappe halten und keine abgedroschenen Phrasen oder Verbesserungsvorschläge anbringen. Aushalten, das es in genau diesem Moment eben mal nicht alles gut ist und das auch signalisieren. 

Das wäre vielleicht ein erster Schritt für mehr Verständnis. 

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Wenn man Kollegen hat, mit denen man selbst in den härtesten Stunden, wenn die Geschäftsführung das Leben einmal mit dem Rotstift der Keule zuschlägt und von einem Tag auf den anderen die Existenz dessen, was wir seit gut drei Jahren aufgebaut haben, auf dem Spiel steht, wenn man dann mit seinen Kollegen immer noch lachen kann… 

… dann macht das die ganze Sache für den Moment zwar besser, aber gefühlt doppelt furchtbar. 

Sehenden Auges in den Sturm

Ich hab so viel gelernt, ich kenne gefühlt inzwischen jeden Winkel, jedes Fettnäpfchen, jede Situation, die bei mir alte Gefühle oder Verhaltensweisen auslöst.  Jene eben, die ich einfach nicht mehr in meinem Leben will. Und trotzdem ist die Umsetzung oftmals noch so zäh, ich stehe quasi neben mir und schaue mir zu wie ich wieder in dasselbe Fettnäpfchen tappe, in dieselbe Situation gerate, mit denselben Emotionen kämpfe. Gut, jahrelang einstudierte und „bewährte“ Verhaltensmuster lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen ablegen; es braucht Zeit, Zeit zu lernen, Zeit zu heilen, aber trotzdem und generell und so ganz allgemein: 

Ich mag grad nicht mehr, ich bin es grad so leid, alles, und drei Monate Südsee unter einer Palme wären grad eine echte Alternative.

(Deshalb hier grad etwas stiller. In mir tobt es genug.) 

Um Hilfe bitten 

Es gab vor kurzem einmal diese Situation, in der Leute etwas im Spaß zu mir sagten und nicht ahnen konnte, wie nahe sie dabei der Wahrheit gekommen waren. Einer Wahrheit, von der ausgerechnet diese Menschen nichts wissen sollten. Die Situation hat mich sehr erschreckt und aufgewühlt, aus mehreren Gründen. Ich habe dann ja die Herzensfreundin angerufen und mich bei ihr ausquatschen können und dann gings wie schon erzählt auch schon wieder besser. 

Was ich jedoch nicht gedacht hätte war, dass die Herzensfreundin sich sogar für den Anruf bedankte. Für das Vertrauen, dass ich ihr entgegengebracht hatte. Dafür dass meine Wahl der Person, der ich mich so öffnen konnte und der ich mich und meine Probleme anvertrauen konnte, von allen meinen Freunden ausgerechnet auf sie gefallen war. Ich staunte nicht schlecht, als wir telefonierten, das Gespräch allmählich beendeten, ich mich für ihr abgekautes Ohr ihr Zuhören, ihre Anteilnahme und ihr Verständnis bedankte und dann plötzlich ICH diejenige war, der gedankt wurde. 

So richtig bewusst aber wurde mir das erst ein paar Tage später, wie viel mehr Tiefe so ein „um Hilfe bitten“ in einer Freundschaft schafft, weil es eben dem Freund oder der Freundin so eine hohe Anerkennung ausdrückt, weil es eine tiefe Wertschätzung der Freundschaft darstellt. Ich kenne in meinem Umfeld viele Personen, die teilweise ganz offen zugeben, wie schwer es Ihnen fällt, um Hilfe zu bitten. Und ich fragte mich, warum das so in uns eingepflanzt ist und ob das auch ein Ausdruck dieser individualisierten, auf Leistung getrimmten Gesellschaft ist. Ein allumfassender Anspruch: Du musst es schaffen, und zwar alleine! Dabei geht es gemeinsam so viel besser und leichter und es schafft gleichzeitig noch emotionale Nähe, nach der wir alle uns doch die ganze Zeit sehnen. Es stellt die Freundschaft auf eine höhere, wertvollere Stufe. Weil es signalisiert: Ich vertraue Dir so sehr, dass ich vor Dir meine Seele auch an ihren verletzlichsten Punkten öffnen kann, weil ich weiß, dass Du damit umzugehen weißt. 

Und das, sowohl dieses Wissen für mich selbst, als auch für den Freund oder die Freundin die Wertschätzung, das ist etwas sehr Großartiges. Probieren Sie es einfach mal aus! 

Fernsehtipp

Wer es noch nicht getan hat, der möge sich in der ARD Mediathek den Jahresrückblick von Dieter Nuhr ansehen. Mit viel bissigem Humor, viel Wortwitz und gleichzeitig doch so kluge Worte und ein guter Blick auf und über unsere zerrissene und verunsicherte Gesellschaft. Ich war sehr begeistert, bisher für mich der gelungenste Blick auf dieses doch recht turbulente Jahr. 
Dieter Nuhr Jahresrückblick 2016

Klare Worte

Ich sah gestern eine ältere Folge Grey’s, die in der Henry bei einer Operation stirbt. Arizona war daraufhin völlig durch den Wind, natürlich, verständlicherweise, und verlangte von ihren Kollegen (ich weiß nicht mehr wer) klare Worte.

Ich brauche ein klares „Henry ist tot“, damit mein Kopf es kapiert, damit ich trauern und Abschied nehmen und weitermachen kann. Das lernt man im dritten Semester Medizinstudium, wie man den Angehörigen schlimme Nachrichten überbringt. Es braucht klare Worte, was passiert ist. 

Heute dann dachte ich, dass es vielleicht mit dem Ende einer Liebe genauso ist. Es braucht ein klares, deutliches „ich liebe Dich nicht / nicht mehr“, damit der Kopf und das Herz verstehen, trauern, loslassen und dann aber auch irgendwie weitermachen können. Was aber, wenn es diese klaren Worte nicht gibt oder auch nicht geben kann, weil die Person zum Beispiel gar nicht weiß, dass sie geliebt wird. Dann steckt der Kopf in einer Endlosschleife aus Trauer, Verzweiflung, und doch wieder Hoffnung, obwohl man doch eigentlich ganz genau weiß, dass es aussichtslos ist. Dann ist das Loslassen und das Weitermachen um ein Vielfaches schwerer, weil Kopf oder Herz es nicht verstehen können, vielleicht auch nicht verstehen wollen. Was macht man dann? Wie schafft man es trotzdem irgendwie zu verstehen? 

Keine Sorge mir geht’s gut. Ich dachte nur, dieses Dilemma beschreibt in etwa mein 2016. Irgendwie stimmt es schon, die Zeit heilt alle Wunden, auch die in Kopf und Herz. Irgendwie ist es besser, irgendwie auch inzwischen wieder fast gut. Aber dennoch, eine wirklich gute Antwort auf diese beiden letzten Fragen habe ich bis heute nicht gefunden.