Jungssprech

Ich arbeite jetzt mit „großen“ Jungs, Jungs die schon ein paar Jahre in Deutschland sind. Jungs die mehr mitbekommen, mehr verstehen, mehr Erfahrungen gesammelt haben. Zum Beispiel im Asylverfahren. Und sie bekommen viel mehr mit, als man denken mag. Die Anschläge in Kabul, Nürnberg, Abschiebung, Abschiebestopp. Das war ein großes Thema diese Woche und es brauchte lange, um zu beruhigen, zu trösten, den Fokus wieder auf andere Dinge zu richten. Soweit die Kollegin und ich überhaupt beruhigen konnten, wenn so vieles so sinnlos erscheint, weil doch immer die Furcht da ist, eh wieder zurückgeschickt zu werden. Wenn wir darauf hinweisen wollen, was sie alles schon erreicht haben, wie viel (Deutsch, aber auch andere Dinge) sie gelernt haben und wir nur die Antwort bekommen: „Was bringt uns denn Deutsch in Afghanistan?“ Wenn wir sagen, dass unsere Jungs jung und fit und stark und schlau sind und mir entgegnet wird: „Ich bin nicht stark, all dieser Stress, diese Ungewissheit macht mich krank“. Wenn sie mit ernster Miene fragen: „Warum sagt Frau Merkel zuerst, wir dürfen kommen und jetzt sagt sie, wir müssen wieder gehen…?“

Irgendwann gibt’s kein Trösten mehr. Irgendwann gibt’s nur ein Da-Sein, ein Aushalten. Will I ever learn? 

Die Kleinen

Gestern wollte ich zu einem kleinen Buchladen in Haidhausen und musste dann – nachdem ich, hust, gefühlt 10mal die Straße rauf- und runtergelaufen bin – feststellen, dass es meinen Buchladen tatsächlich nicht mehr gibt. Mich hat das sehr traurig gemacht. Ich versuche wirklich immer weniger im Internet zu bestellen und/ oder bei großen Ketten zu kaufen. Ich nehme mir immer öfter bewusst die Zeit um in einen Laden zu gehen, die Auswahl anzusehen und zu begutachten, und dann zu entscheiden, was ich kaufen möchte. Ich finde, das hat auch was mit Achtsamkeit und mit Respekt vor der Vielfalt die uns hier zur Verfügung steht, zu tun. Eben dass man sich das bisschen Zeit für den Einkauf nimmt. 

Und irgendwie finde ich es besonders schlimm, wenn dann so kleine Buchläden sterben. In derselben Straße entdeckte ich auch noch einen neuen schweineteuren Klamottenladen, gefühlt die 7362ste „exklusive Boutique für Damenmode“ in gerade diesem Stadtviertel. Gar nicht zu sprechen von der Flut der Kinderläden. Aber Buchläden! Wer macht denn heutzutage noch eine Buchhandlung auf! 

Mich macht das sehr traurig, so traurig, dass ich jetzt sehr versucht bin, jede Woche in einem Buchladen ein Buch zu kaufen. Auch wenn ich nicht weiß, wann ich all die Bücher lesen soll. Und wohin ich sie in meiner kleinen Wohnung noch stellen soll. Aber gut, ab jetzt mehr Bücher kaufen. 

Grenzen touchieren

Tauchen fasziniert mich seit… ach eigentlich weiß ich gar nicht seit wann. Ich fand das irgendwie immer schon spannend. Die Unterwasserwelt, die Stille, das Atmen mit Sauerstoffflasche. Gleichzeitig fand ich es, sagen wir mal, etwas scary. Die Stille, das meine Atmung eben nur von einer Sauerstoffflasche abhängt und was wenn bei dieser Flasche mal was nicht funktioniert und überhaupt, so viele Schläuche und Dinge zu beachten und und und… Aber die Sehnsucht und Faszination blieb trotzdem. Ich hab mir teilweise komplette Tauchkurse auf YouTube angeguckt und mich trotzdem nicht getraut. 

Heute war ich in einem Schwimmbad tauchen. Zwar nur eine Stunde und nur zum Schnuppern, aber ansonsten so richtig mit allem was dazugehört. Es war auf eine Art völlig anders als ich mir vorgestellt hatte und auf eine Art ganz genauso wie ich mir vorgestellt hatte. Es war anstrengend, mit dem richtigen Atmen und dem Tarieren und den vielen Schläuchen. Und es war toll. Als ich aus dem Schwimmbad trat, dachte ich mir: Das war toll, aber ob ich das wirklich nochmal machen will? Ich war mir nicht sicher, ob ich weiter tauchen würde bzw. Kurse machen würde, obwohl es Spaß gemacht hat. 

Und irgendwann musste ich dran denken, dass ich mal einen tollen Blogpost zum Thema Grenzen überschreiten gelesen hatte. Und da jetzt grad vielleicht keine Grenze überschritten war, weil wirklich Angst hatte ich ja nicht. Es war eher ein Touchieren, ein Streifen der Grenze, aber es tut wahnsinnig gut, sie mal gestriffen zu haben und eine Erfahrung mehr gemacht zu haben, von der ich so lange träumte und versuchte, mir vorzustellen, wie das wohl sein mag. Jetzt weiß ich es. Vielleicht reicht einfach schon dieses Wissen, was das ist und wie das ist und wie es sich anfühlt. Und vielleicht muss man Grenzen nicht immer überschreiten, vielleicht reicht auch das Wissen, wie es sich anfühlt, diese Grenze mal kurz touchiert zu haben. 

Von guten Mächten

Ich hab ja zwischendurch immer noch manchmal Heultage, Tage an denen mir das Alleinesein so mächtig an die Nieren geht. Selten sind sie geworden, diese schweren Tage, aber es gibt sie noch (vor allem unter gewissen hormonellen Umständen…). Im Großen und Ganzen aber ist das Gefühl des Alleine-Seins weniger geworden, vielleicht hängt es damit zusammen, dass allgemein einiges weniger und dafür vieles besser geworden ist. Dass ich mehr auf die positiven Dinge achte und sie auch annehmen kann. 

Jedenfalls, trotz allem Guten gibt’s noch Heultage, Tage schwer, zäh und grau. Aber selbst diese Tage werden lichter, das Grau wird etwas heller. Und dann passiert es immer häufiger, dass plötzlich irgendjemand oder irgendetwas mir zeigt, hey Ansku, so alleine wie Du glaubst, bist Du gar nicht. Mir ist in letzter Zeit immer wieder aufgefallen, dass gerade wenn ich wieder in einer grauen Wolke zu versinken drohe, die Gedanken wieder schwer werden, immer auf irgendeine wundersame Weise jemand an mich denkt. Eine Nachricht von einer lieben Freundin, ein Anruf einer lieben Person. Gerade so, als würde jemand mir zeigen wollen, hey Ansku, alles gut. Es gibt nichts worüber Du Dich sorgen musst, worüber Du traurig sein müsstest. Du bist hier geborgen in einem immer fester werdenden Netzwerk. 

Das ist für mich eine sehr neue Erfahrung und diese Erfahrung fühlt sich gerade mal richtig toll an. 

Danke. 

Muttertag

Für meine Mutter war letzten Sonntag das Schönste am Muttertag, dass sie ihre Kinder um sich herum hatte und uns bekochen durfte. Alle Versuche, ihr den Kochlöffel aus der Hand zu nehmen und sich bekochen zu lassen, weil es ist ja schliesslich Muttertag!!, scheiterten. Nun sind bei uns die Voraussetzungen für den Muttertag und speziell für diesen Muttertag etwas anders: Meine Mutter hat keine kleinen Kinder mehr und außerdem sind durch unsere derzeitige Familiensituation die Gelegenheiten, zu denen sie überhaupt noch für die Familie kochen kann, selten. Also gab ich es nach dem etwa zehnten Versuch auf und überließ sie glücklich ihrer Küche. Das Essen war großartig, eben wie bei Muttern. 😉 

Parallel dazu las ich die Tage im Netz wieder jede Menge Muttertags-Bashing. Der Muttertag gehöre abgeschafft, der Muttertag sei verlogen und überhaupt: nur einmal im Jahr die Mutter zu ehren, pfui. Beim Lesen fragte ich mich immer wieder: Wer macht sowas? Um nicht missverstanden zu werden: Ich bezweifle nicht, dass es Familien gibt, in denen es so läuft, was ich aber stark bezweifle ist, dass es nicht in diesen Familien dann auch noch andere und vor allem hervorstechendere Baustellen gibt als den Muttertag. 

Es wurde statt Blumen die Erfüllung politischer Forderungen gewünscht, wo ich mich schon immer fragte, warum es hier ein entweder oder geben muss. Ich bin wirklich auch sehr für Gleichberrchtigung und für bessere Chancen für Mütter am Arbeitsmarkt, aber das eine ist ein politisches Statement und Blumen sind ein privates Statement, wenn man so will. Eine nette Geste einfach. Beides läuft also auf verschiedenen Ebenen und kann somit meiner Ansicht nach bedenkenlos nebeneinander existieren, ohne sich gegenseitig den Wert zu schmälern. Man kann politische Forderungen aussprechen und sich trotzdem gleichzeitig über selbstgebastelte Geschenke und ein wenig Wertschätzung freuen, wie hier bei Das Nuf dargestellt. 

Es wurde wieder gesagt, ich brauche keinen Muttertag, ich möchte dass meine Arbeit jeden Tag wertgeschätzt wird. Und auch wenn es natürlich auch noch 364 weitere Tage im Jahr gibt, an den die Mütter „geehrt“ werden sollten, let’s face the facts: Viel zu vieles geht im Alltagsstress unter, viel zu vieles bleibt im Spagat zwischen den zehn verschiedenen Hochzeiten, auf denen wir alle tanzen unter, und aus diesen Grund finde ich sämtliche Feiertage und Rituale enorm wichtig. Zum Innehalten für alle, nicht nur die Mütter. 

Es wurde wieder geschimpft über die Mütter, die am Muttertag brav bei der Familie bleiben, während die Väter am Vatertag durch die Lande ziehen. Und ich blickte hoch und sah, wie meine Mutter glücklich in ihrer Küche herumwirbelte, froh darum – eben in unserer speziellen Situation – endlich einmal wieder Mutter sein zu dürfen. Und da dachte ich mir, warum nicht einfach jede Mutter ihren Muttertag so feiern darf, wie sie es sich wünscht. Mit der Familie oder mit Zeit für sich. Mit Blumen oder mit politischen Statements oder mit beidem. Aber immer mit Wertschätzung und Liebe. 

28. April

Ich war fünf Tage in Meran. Eigentlich hatte ich mir einen Chill-Lese-Relax-Urlaub vorgenommen, gekommen ist es dann anders. Ich hab die Wanderslust für mich entdeckt, aber das ist ein anderes Thema und einen Extra-Blogpost wert. 

Dementsprechend hatte ich viel zu viel Gepäck dabei, in erster Linie Bücher und Strickzeug, und erst in zweiter Linie wettergeeignete Kleidung. Nun ja. Das Wetter war dann auch nur teilweise (Samstag und Sonntag) geeignet, den Rest der Zeit eher ungeeignet. Also zog ich am ersten verregneten Nachmittag auf einen Erkundungsgang durch die Cafés und Geschäfte (Gottseidank durch die Laubengänge überdacht). Der geneigte Leser ahnt das Ende der Geschichte: Der erste Laden, in den ich hineinstolperte, war ein Wolladen, der zweite ein Buchladen. 

Im Buchladen fand ich dann einen unglaublich spannend klingenden Südtirol-Krimi und nun ja, es passte ja irgendwie zum Setting. Um die Südtiroler Seele also noch besser zu verstehen, musste das Buch mit. Ungeachtet, der zwei dicken Wälzer, die noch im Hotel auf mich warteten. 

Ich fing an zu lesen. In dem Krimi geht es um ein Drama, einen grausamen Dreifachmord, in einem Südtiroler Bergdorf. 30 Jahre wurde über diese Tragödie geschwiegen, bis ein junger Drehbuchautor eingeheiratet neu in das Dorf kommt und anfängt, sich für diese Geschichte zu interessieren. Ich las also, irgendwann kam ich zu der Stelle, wo die Hauptperson sich von Zeugen erzählen lässt, was diese noch über das Drama am Bletterbach wissen. Ich las und las und plötzlich stockte ich über ein Datum: Die Geschichte spielte am 28. April vor dreißig Jahren. Ich musste mich kurz kneifen, kurz überlegen und mein Gedächtnis sortieren. Welches Datum war heute? Richtig, der 28. April, allerdings 2017, nicht 1983. Ich musste einmal tief durchatmen, dieser Zufall verlieh der Geschichte gleich etwas noch gruseligeres. Sowas ist mir noch nie passiert, dass ich ein Buch am gleichen Datum lese wie das Datum in der Handlung, und es war in diesem Fall sehr spooky, es fühlte sich gleich viel realer an. Ob es nur mit der Tatsache zusammenhängt, dass das Buch ein Krimi war? Um diese Frage zu beantworten, wäre wohl eine Gegenprobe nötig. Mal sehen. 

(Nebenbei übrigens eine schöne Schilderung sämtlicher Symptome einer PTBS, stellenweise wohl auch etwas literarisch übertrieben, aber durchaus mit einem wahren Kern. Sehr lesenswert!)