Bilder in meinem Kopf

Es ist ja schon faszinierend, wie der Kopf sich immer seine eigenen Bilder und Vorstellungen bastelt. Bewusst oder unbewusst, man hört eine Geschichte und macht sich ein Bild vom Ort des Geschehens. Man telefoniert mit fremden Person und hat ein Bild im Kopf von der Person am anderen Ende der Leitung. Wenn man dann den Ort der Geschichte tatsächlich sieht oder ein Gesicht zur Telefonstimme, ist die Realität plötzlich dann doch recht änder als die Vorstellung.

Ich habe letzte Woche eine Frau persönlich kennengelernt, mit der ich nun schon längere Zeit beruflich zu tun habe, allerdings bisher nur per Mail und Telefon. Und irgendwie hatte ich nur anhand der Telefonstimme mit einem doch deutlich ausgeprägtem schwäbischen Akzent sofort ein Bild im Kopf. Vermutlich sind solche Bilder beeinflusst durch frühere Begegnungen, ich weiß nur grad in diesem Fall nicht mehr woher. Mein Bild im Kopf war das Bild einer sehr sympathischen Frau, kurze schwarze Haare, ein bisschen untersetzt, mittleres Alter, freundlich, aber irgendwo doch das typische Amtsgesicht. Schon auf der Fahrt zu dem Termin habe ich innerlich etwas geschmunzelt und war gespannt, wie viel Prozent Trefferquote mein Bild hat.

Dann war diese erste Begegnung, und was soll ich sagen: Natürlich war mein Bild im Kopf komplett falsch, die Trefferquote etwa 0,0%. Vor mir stand eine zierliche, aber doch entschlossene junge Frau, ich schätze etwa mein Alter, blonde lange Haare, eher so die typische Sozialpädagogin denn typische Beamtin. 😉 Das einzige, was mit meinen Erwartungen und Vorstellungen übereinstimmte war, dass die Zusammenarbeit super lief, aber daran hatte ich ja eh keine Zweifel gehabt. Sowas merkt man gottseidank auch durch Telefon und E-Mail und das ist ja worauf es ankommt.

Wenn ich nachdenken will

Wenn ich einmal richtig in Ruhe nachdenken will, die Gedanken kreisen lassen, mir den Kopf zerbrechen und das Hirn zermartern, dann gehe ich ins Theater. Oder in ein Konzert. Ganz gut geeignet sind auch Oper, Varieté, Zirkus… eigentlich alles, was etwas kulturelles, zu konsumierendes bietet. Das was da vorne auf der Bühne passiert, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Person oder die Personen könnte/n einen Kopfstand machen (gut, im Zirkus passiert das häufiger), sich die Seele aus dem Leib singen (also wortwörtlich), oder sich um Kopf und Kragen spielen (und dann eben ohne diese dastehen): Sobald mein Hintern das Kissen des weichen Sessels berührt, sobald das Licht ausgeht, und die Vorhänge der Bühne aufgehen, geht auch mein Kopf an. Erst gestern habe ich während einer – wirklich sehr tollen, rasanten und ergreifenden Vorstellung des Cirque Eloize – ungefähr 10 Arbeitsprobleme gelöst von vorne bis hinten durchgewälzt. Wie bekomme ich meinen Jugendlichen in eine Ausbildung ohne ihn zu überfordern? Wie schaffe ich etwas mehr Motivation? Welche Auswirkungen werden die anstehenden Veränderungen auf mich, auf unser Team, auf die Einrichtung haben? Was steht alles auf meiner To Do Liste for morgen und oh, ich hab ja einen Punkt vergessen aufzuschreiben! Auch Raum für Selbstzweifel ist dann reichlich gegeben, während vorne auf der Bühne gerade eine spektakuläre Trampolinnummer geboten wird. Immer nur hereinspaziert!! (Gut, angesichts dieses Maßes von Körperbeherrschung, Koordination, Eleganz und Kunst, angesichts dieser grandiosen Inszenierung kann man dann allerdings doch auch mal ehrfürchtig im Sessel zusammensinken, bei mir würde es schon am ersten Punkt scheitern. Aber ich glaube, das ist okay so.)

Dabei gehe ich ja eigentlich wirklich gerne in kulturelle Veranstaltungen. Ich mag Musik, ich mag Theater, Kunst. Ich würde wirklich sehr gerne konzentriert der Vorstellung folgen, ich habe wie man vielleicht schon erkennen kann, eine Menge Respekt und Anerkennung für Künstler. Es interessiert mich und ich beiße mich jedes Mal wieder in den Hintern, weil ich viel zu selten ausgehe. Ich bin leider die Person, die es als allerletzte mitbekommt, wenn in dieser Stadt etwas geboten wird, etwas passiert. Aber es ist jedes Mal dasselbe. Wenn ich mal in Ruhe nachdenkenwill, gehe ich ins Theater. Oder in ein Konzert. Oder in den Zirkus.

Gestern habe ich mich gefragt, warum das so ist, und dabei festgestellt, dass solche Veranstaltungen eine der wirklich wenigen Gelegenheiten sind, an denen wir noch dazu verdammt sind, einfach mal stillzusitzen und nichts zu tun. Nichts mal schnell noch nebenbei erledigen, nichts um die Hände zu beschäftigen. Nichts. Nur zusehen. Ich habe dann weitergedacht und festgestellt, dass ich selbst zuhause sehr selten einfach nichts tue. Irgendwas ist ja bekanntlich immer. Selbst wenn ich einen Film schaue, mache ich nebenbei etwas, zum Beispiel stricken. Oder aufräumen, oder abspülen, ähäm. Auch wenn ich „nur“ auf dem Sofa sitze, habe ich immer etwas um mich abzulenken, zum Beispiel so wie jetzt bloggen. Vielleicht ist es dieses ungewohnte Stillsitzen, dieses zur Ruhe kommen, dieses Nichts tun, was den Kopf anspringen und plötzlich dann umso aktiver arbeiten lässt. Und vielleicht, ganz vielleicht, werde ich mir in Zukunft mal gelegentlich ein paar wirkliche Momente der Stille in die vorweihnachtliche stille Zeit einbauen. Und einfach mal nichts tun.

Was Du kannst und was ich kann

Manchmal gibt es so Wochen, da läuft eigentlich alles wunderbar und trotzdem hocken immer wieder die kleinen bösen Monster Selbstzweifel auf Deiner Schulter und flüstern Dir Sätze voller Ironie und Spott ins Ohr, stellen immer wieder dieselben höhnischen Fragen: Kannst Du das? Bist Du gut genug? Bist Du wirklich gut genug? Und Du sagst hundertmal haut ab zu Ihnen, es hilft nichts, sie flüstern hundertundeinmal ihre unheilvollen und zerstörerischen Formeln in Dein Ohr. Aber es gibt Wege, sie zum Schweigen zu bringen, hier exemplarisch an einem von vielen Beispielen dargestellt:

Meine Kollegin und ich ergänzen uns in den kleinen und größeren Alltagsbewältigungsdingen meist recht perfekt. Da wir meistens nur zu zweit sind in der Einrichtung mit unseren sieben Jungs, ist das ziemlich wichtig.. Was sie vergisst, bemerke ich und was ich vergesse, daran denkt sie. Vor kurzem fragte mich jemand, dem ich ein wenig von unserer Arbeit berichtete und davon, dass es momentan doch etwas trubelig ist mit vielen kleinen und großen Sorgen um Schul- und Ausbildungserfolge, wie ich mir denn in dieser Situation nur freinehmen könnte. Meine Antwort: Weil ich meiner Kollegin 100%ig vertraue und weiß, dass sie in der Lage ist, die Dinge gut zu lösen, sollte es nötig sein.

Es gibt manchmal so Tage, wo ich mit mir selber nicht so ganz eins bin, Tage an denen ich so viel vergesse und übersehe, dass ich ernsthaft an mir zweifele, für diese Arbeit geeignet zu sein. Ich verfalle dann immer recht schnell dem Glauben, dass alle anderen das besser könnten als ich. Alle. Ausnahmslos. Und meine Kollegin sowieso. Alle sind schneller, konzentrierter, engagierter, fleißiger, eloquenter, reaktionsschneller, entscheidungsfreudiger als ich. Wirklich alle, auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben, aber es ist so. Ich weiß es. Mein Anteil an unserer bestehenden Einträchtigkeit und Harmonie schrumpft an solchen Tagen exponentiell, während der des anderen Partes, sprich in diesem Fall meiner Kollegin, hundertfach potenziert in die Höhe schnellt.

Die letzte Woche war wieder so eine Woche. Aber dann plötzlich beim Familienessen inmitten all dieser Selbstzweifel. berichteten mein Bruderherz und seine Freundin, die gerade dabei sind ihre neue Wohnung einzurichten, dass sie völlig verschiedene Arten hätten, ein Loch in die Wand zu bohren. Die liebste Schwägerin in spe ist dabei die Pragmatikerin, es muss schnell gehen und deshalb nimmt sie erst den 4er Bohrer, dann den 8er Bohrer. Mein Bruder ist der Perfektionist. Er überlegt erst, dann nimmt er erst den 4er Bohrer, dann den 6er und zum Schluss den 8er. Um das perfekte Loch zu bekommen. Und das ist aber ganz genau so gut so, denn ganz genauso ergänzen sich die beiden und harmonieren. Der eine kann dies besser, der andere kann das besser. Was man ja eigentlich jedem Kindergartenkind versucht zu vermitteln, ist doch für uns selber so unglaublich schwer zu erinnern und zu beherzigen. Das Loch jedenfalls hält, was es halten soll.

Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Meine Kollegin ist die Pragmatikerin, ich bin die Perfektionistin. So wie auch mein Bruder, die Gene oder so. Und das ist ganz genau gut so. Das eine kann sie besser und das andere kann ich besser und das ist es, was uns ausmacht. Weswegen wir so harmonieren. Ich hatte es nur vergessen. So einfach und doch so unglaublich schwer zu erinnern und zu beherzigen.

Und das Monster auf der Schulter war einen Abend lang bis zur nächsten Gelegenheit mit einer anderen Person und/ oder Situation endlich einmal wieder still.

Tagebuchbloggen November ’17

Nun habe ich schon einige Zeit lang nicht mehr beim Tagebuchbloggen mitgemacht, aber jetzt reizt es mich mal wieder. Frau Brüllen fragt jeden fünften des Monats: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ und recht hat sie damit. Fragt man sich ja selber doch recht häufig.

Mein fünfter beginnt – nimmt man es mit der Uhrzeit sehr genau – um 0:00 Uhr, ich befinde mich im Nachtdienst, strickend und Gilmore Girls sehend. Alles ist ruhig, die Jungs sind in ihren Betten, irgendwann höre ich, wie einer noch im Bad duscht. Es ist die Folge, wo Lorelai und Christopher in Paris spontan heiraten und ich stelle fest, dass seit unserer Rückkehr sämtliche Filme und Serien, die ich ansehe, in Paris spielen und das ist eine große Ungerechtigkeit, hier herrscht nämlich große Paris-Vermisselung. Die Vernunft siegt dann aber doch und auch ich gehe ins Bett. Die Nacht ist ruhig, aber kurz. Ich erwache mal wieder 45 Minuten vor dem Weckerklingeln.

Ich fahre nach Hause, Kaffee an dem Lippen und frisches vom Bäcker im Gepäck. In der Ubahn sitzen mir gegenüber ein Mann und eine Frau, die sich in einer anderen Sprache unterhalten und ich habe mal wieder Gelegenheit, Sprachen raten zu spielen. Leider bin ich scheinbar ziemlich aus der Übung, erst dachte ich ja Italienisch, aber vermutlich geht es eher in die slawische Richtung. Okay, nächstes Mal wieder. Ich steige um und verbringe die restliche Fahrt mit Nachgrübeln, in der Arbeit stehen Veränderungen an, positive und spannende. Darüber fliegen meine Gedanken zur Einladung fürs Klassentreffen, die ich bekommen habe. Hingehen oder nicht? Den aufgeblasenen Grossmäulern 15 Jahre after nochmal die Meinung geigen oder es einfach gut sein lassen. Vergangen, abgeschlossen, interessiert mich nicht mehr? Leider zählt ja dann doch die Neugier zu meinen hervorragendsten Charakterschwächen, ich ahne worauf es hinauslaufen wird und blicke in den Himmel, der noch einige kleine blaue Flecken zwischen den Wolkenfetzen hervorblitzen lässt.

Zuhause angekommen. Ich bin sehr glücklich, als ich endlich meine Wohnungstür aufsperre, die ich vor ziemlich genau 24 Stunden verschloss. Gestern war Umzugsmarazhon des kleinen Bruders und seiner Freundin, von dort aus entschwand ich direttamente zum Nachtdienst. Umso froher bin ich jetzt über ein paar freie Stunden bis zum nächsten Nachtdienst. Doch ich schaffe es gerade einmal, auf dem Sofa bei einer angefangenen Strickjacke die letzten zwei Reihen aufzutrennen, die Nadeln wieder einzufädeln und zwei Reihen zu stricken. (irgendwann musste es mich ja auch einmal treffen: Wolle ausgegangen, Farbe nicht mehr erhältlich, deshalb jetzt weiter in einer anderen Farbe und Streifen beim Übergang). Dann siegen doch die Hummeln im Hintern, es hält mich nicht mehr auf dem Sofa und ich wage einen Blick aufs Konto. Ich muss dringend was an meinem Finanzkonzept ändern, oder dem was eben scheinbar doch kein Finanzkonzept ist, so kann es nicht weitergehen. Also fange ich an, Unterlagen zu ordnen (als erste Maßnahme gleich mal Geld von der Krankenkasse zurückholen!) und Ideen zu sammeln, zwischendurch hier noch ein wenig aufräumen und da noch ein wenig kruschen. Draußen fängt es an zu regnen.

Ich lese mir die Unterlagen zum heutigen Bürgerentscheid in München durch und komme doch zu keinem Ergebnis. Beide Positionen haben ihre Wahrheit, aber welche ist die richtige. Eigentlich aber Ansku, sage ich mir, ist es doch irgendwie bereits klar, wie Du Dich entscheidest. Ich habe Rückenschmerzen und lasse mir eine Badewanne ein, das entspannt etwas. Frischgesäubert will ich mich auf den Weg zum Wahllokal machen. Beim Durchsehen meiner Schminksachen fällt mir auf, dass ich doch einen roten Lippenstift besitze. Ich hatte den völlig vergessen, als ich in Paris zur liebsten Freundin sagte, dass ich keinen roten Lippenstift habe. Mal ausprobieren, oh, gar nicht so schlecht! Mir fällt ein, dass wir von der Reise noch „nacharbeiten“ müssen, wir wollten zwei berühmte Bilder aus dem Louvre nachstellen. Um meinen roten Mund breitet sich ein Grinsen aus und ich beschließe, jetzt einfach so nur mit rotem Lippenstift und ohne sonstiges Make-up zum Wahllokal zu gehen, weil es mir so gut gefällt. Und btw, es ist Sonntag!! Bis ich beim Wahllokal ankomme, bin ich einmal durchnässt.

Mein Essen heute besteht eher so aus Snacks, irgendwie komme ich in letzter Zeit mehr und mehr von den drei Hauptmahlzeiten ab und tendiere zu vier oder fünf kleinen Mahlzeiten. Ich bin mir allerdings nicht sicher wie das entstanden ist: Als magenschonendere Alternative zu drei großen Mahlzeiten oder als Zeichen dafür, dass Essen hier so grad zur Nebensache verkommt, zur „Zwischen-Tür-und-Angel“-Angelegenheit. Auch während des Essens springe ich immer wieder auf, weil mir hier noch etwas einfällt und ich da noch schnell nebenbei… Zuerst gibts ein Croissant, gegen Mittag ein zweites Frühstück mit Rührei und – oh Wunder – nicht versalzen. Ich kann ja prinzipiell recht gut mit Salz umgehen, es gibt nur zwei Dinge, die ich wirklich konsequent jedesmal versalze: Salatsaucen und Rührei. Je. Des. Mal. Also außer heute. Kurz bevor ich das Haus verlasse und wieder in die Arbeit fahre, esse ich noch eine Semmel, das ist die dritte Mahlzeit. Ich bin natürlich zu spät in der Arbeit. Der Kollege übergibt mir, dass drei Jungs noch nicht geputzt haben, zwei von ihnen aber eventuell spät, erst nach 22 Uhr, kommen werden. Das sei ja nicht so gut, das müsse man mal ändern, meint er und ich beschließe für mich, das gleich heute zu ändern und die Jungs anzurufen, damit sie etwas früher kommen. Das mache ich dann auch. Draußen ist es schon wieder dunkel.

Ich telefoniere über eine Stunde lang mit meinem besten Freund, wir haben uns seit Juli nicht gesehen und nicht gehört, seit er wegzog aus München und es ist grandios. Es gibt viel zu erzählen. Danach setze ich mich mit einen Seufzer an den PC und fange doch endlich an, die beiden Berichte (fertig) zu schreiben, die ich seit Wochen vor mir herschiebe. In der Arbeit komme ich nie dazu. Zwischendurch überkommt mich der Hunger, ich mache mir einen Salat (Liebe Kollegen, das mit den Ölflecken im Übergabebuch war ich. Tut mir ehrlich Leid!) und eine aufgewärmte Gemüsesuppe (vierte Mahlzeit). Der Jugendliche kommt heim zum Putzen, früher als erwartet, und oh warte, jetzt sollte ich schnell erstmal mein schmutziges Geschirr in der Küche wegräumen…

Irgendwann sind dann wirklich alle Putzdienste erledigt, alle Berichte fertig (oder so fast, öhöm…), alle Gelder ausgezahlt und alle Anskus… äh, Jungs müde und im Bett. Der Tag endet, so wie er begann: auf einem Schlafsofa im Büro einer Jugendhilfeeinrichtung in einem kleinen alten Häuschen irgendwo in München, wo Kühlschrank und diverse andere Elektrogeräte mich mit ihrem sanften Surren in den Schlaf geleiten.

Mehr Tagebüuchbloggereien finden Sie wie immer bei Frau Brüllen.

Aufgewacht

Manchmal, Gottseidank inzwischen seltener und seltener und Gottseidank auch immer kürzer, gibt es noch dunkle Tage, dunkle Stunden. Stunden voller Selbstzweifel, voll „Ich schaff das alles nicht“, voller Hinterherträumen, nein -rennen von Illusionen und voller wirrer Gedanken, die doch rational betrachtet sehr bescheuert sind. Und trotz aller Rationalität, es gibt in diesen dunklen Stunden einfach kein Entkommen, keine Pause, keine Möglichkeit zu entfliehen.

Aber es gibt auch immer ein „Danach“, ein „aufgewacht“. Es ist wie ein zurück ins Leben, ein raus aus dem Nebel. Mein Kopf tickt wieder, er funktioniert wieder wie gewohnt, ich kann ihn benutzen. Es ist wie ein Sonnenaufgang, ein sich lichtender Nebel von Konfusion und Kopfkino und auf einmal sehe ich alles wieder klar und deutlich. Endlich, endlich, ich habe so sehr darauf gewartet. Ich kann mich wieder auf meine Wahrnehmung verlassen, ich kann mich wieder spüren. Ich nehme meinen Körper wahr und auch meine Gefühle. Ich fühle meine Muskeln, meine Fasern, meine Sinne schärfen sich wieder. Es ist wie eine Glocke, die sich hebt. Die drückende Enge verschwindet, ich kann frei atmen und ich kann mich wieder frei bewegen. Aber auch die Stille und das Grau hebt sich, war doch zuvor alles verschwommen, grau und farblos. Jetzt durchdringen die ersten Sonnenstrahlen den zähen Nebel. Sie bringen wieder Farben in das Bild, und die Farben sind so strahlend und schön, dass es mich beinahe blendet; sie bringen wieder Formen und sogar Töne. Ich höre wieder und höre wieder anderen zu; ich schmecke wieder, intensiver als zuvor; ich spreche wieder, spreche frei und direkt aus meiner Seele; ich spreche nicht mehr um irgendetwas gegen die Stille zu sagen, sondern ich spreche wieder um mich mitzuteilen. Ich bin wieder ich. Ich bin kein Höhlkörper mehr, sondern ich bin prall gefüllt. Mit Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Emotionen, Wahrnehmungen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, neben mir zu stehen und mir selber beim Sprechen, Handeln, Agieren zuzusehen. Ich spreche, sehe, handele wieder selber. Das Leben hat mich wieder und ich habe das Leben wieder. Ich fühle mich wieder fest und verankert, fühle wieder eine Verbindung zu meiner Umwelt wo zuvor nur eine graue, nebelige Wand war, durch die alle Sinneseindrücke und alle Wahrnehmungen wie durch einen großen Schalldämpfer auf mich niederrieselten. Auf mich, die ich wahrnehme und gleichzeitig nicht wahrnehme, unfähig auf etwas zu reagieren und wenn, dann nur unter größter Anstrengung. Mittendrin, nur nicht dabei. Aber jetzt ist es vorbei, ich hab’s überstanden und ich bin wieder da und bin froh, dass es vorbei ist.

Ich atme tief durch und ich atme das Leben ein. Ich bin frei, ich bin wieder bei mir. Angekommen in mir. Es ist ein Ankommen, ein Erwachen. Und ich bin sehr dankbar und sehr demütig, dass ich dieses Erwachen immer wieder spüren darf und dass ich anders als vielleicht manch andere das Licht am Ende des Tales sehen darf. Dafür dass das Licht immer heller und schöner wird, und die Dunkelheit immer seltener. Ich glaube fest daran, dass es eines Tages auch keine Täler, keine dunklen Stunden mehr geben wird. Und alleine für diesen Glauben bin ich so unfuckingfassbar dankbar, denn er ist Geborgenheit, Zuversicht, Hoffnung und er ist mehr als die meisten meiner Leidensgenossen haben.

Was bleibt.

„Gutes Essen, schöne Musik, lachen, singen, tanzen, genießen, Kultur, nette Menschen…“

So fasste meine liebe Freundin unsere viertägige Paris-Reise zusammen und dem gibt es wenig hinzuzufügen. Diese Reise war so anders als andere Urlaube. Ich habe keine Postkarten geschrieben, keine Mitbringsel gekauft, keine Lebensmittel mitgebracht für das Nach-Urlaubs-Feeling. Ich habe gerade einmal die Hälfte der Sehenswürdigkeiten gesehen, die ich gerne angesehen hätte. Für mehr war keine Zeit. Stattdessen haben wir uns Zeit genommen, lange geschlafen, gemütlich gefrühstückt, viele Pausen gemacht, die Stadt in unserem Tempo erkundet, Slow-Down praktiziert und dabei ständig gekichert wie so Schulmädchen. Wir haben gefühlt vor jeder Sehenswürdigkeit alberne Photos gemacht und uns dabei die Seele aus dem Leib gelacht. Wir standen einmal bei Montmartre mehr als eine halbe Stunde vor Strassenmusikern, so in den Bann gezogen von der Musik, dass wir völlig vergaßen weiterzugehen zur nächsten Kirche oder zur nächsten Attraktion. Wir machten Selfies vor Moulin Rouge und dem Tour de Eiffel mit einem Baguette in der Hand und amüsierten uns köstlich uns über die verwunderten Blicke der Passanten.

Keine Postkarten, keine Mitbringsel, dafür viele neue Lieder im Ohr, unvergessliche Erinnerungen und ungefähr 537 alberne Photos.

Was bleibt.

Lebensträume

Ich dachte neulich über Träume nach, dass man so vieles aufschiebt und auf nächstes Jahr, übernächstes Jahr, irgendwann mal… vertagt statt es einfach anzugehen. In den letzten Tagen und Wochen wanderten meine Gedanken immer wieder zu Annie und dass ich sie so gerne einmal persönlich kennengelernt hätte, diese Frau die nur durch ihre Texte so einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Und das ist nun nicht mehr möglich. Und ich dachte mir, ich will nicht mehr aufschieben und vertagen, denn eines Tages kann es selbst zum Aufschieben zu spät sein. Und dann begann ich, meine Träume zu sammeln, die Träume jenseits der Wünsche, die man halt so hat fürs Leben: Kind, Kegel, Haus, Hund usw. Ich meine auch nicht solche utopischen Wünsche, wie z.B. nur für einen einzigen Tag ganz normal sehen zu können. (Ich möchte nur wissen, was ihr seht, was ich angeblich nicht sehe.) Es geht um die Dinge, die ich in diesem Leben noch tun oder erleben möchte. Immerhin, einen Traum hab ich mir ja dieses Jahr schon erfüllt, nämlich tauchen. Aber dann gibt’s noch weitere Träume, nämlich diese:

  1. Ein Reitturnier mitmachen, So richtig schön in schwarz-weissem Reitdress, Pferd herausgewienert, früh morgens um 5 Uhr im Stall und dann Abfahrt zum Turnier usw. Was eigentlich ziemlich lustig ist, denn dafür müsste ich nach 10 Jahren überhaupt mal wieder anfangen zu reiten. Als End-Teenie hatte ich eine beste Freundin, die Pferdewirtin ist und bin so oft morgens in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und auf Turnierplätzen herumgestanden. Allerdings nie als Teilnehmerin, sondern stets nur als Helferlein, in Fachsprache auch als „Turniertrottel“ bezeichnet. Damals fand ich’s toll, rückblickend war’s nicht so toll, aber so oder so hab ich mir schon damals geschworen, dass irgendwann in diesem Leben ICH die Person sein werde, die reitet. Und natürlich eine Schleife gewinnt. 😉
  2. Mir einmal die Haare komplett in einer anderen Farbe färben, aktuell steht wieder wasserstoffblond hoch im Kurs. Eine komplette Typveränderung, dabei mag ich mich und mein Aussehen eigentlich ganz gut leiden. Derzeit sogar mehr als je zuvor. Und trotzdem ist da der Gedanke, mal in eine komplett andere Rolle zu schlüpfen, der immer wieder hochkommt und vielleicht mach ich’s ja irgendwann noch.
  3. Eine richtig lange Reise machen, ca. drei Monate um ein Land oder einen Teil eines Kontinentes einmal richtig zu entdecken. Hier wäre zur Auseahl: Südafrika, Südamerika oder Ozeanien (Samoa, Fiji, Bora-Bora usw.)
  4. Mir ein richtig aufwändiges Kleidungsstück selber nähen, z. B.  ein Dirndl oder einen Mantel/ Trenchcoat.
  5. Für eine NGO-Organisatiob arbeiten, international, zum Beispiel in der Entwicklungshilfe, auch mit Auslandseinsätzen. Auch dieser Wunsch ist zusammen mit Nr 3 somehow ziemlich untypisch, komisch, irreal für mich, weil ich schon ein recht „verwurzelter“ Mensch bin und – zwar durchaus reiselustig – aber dennoch eben auch gerne zuhause, bei der Familie, bei Freunden und irgendwie kosten mich längere Trips doch immer auch eine gewisse Überwindung. Ein bisschen über meinen Schatten springen. Aber anscheinend ist es mal Zeit zu springen, mit gleich zwei Punkten die Reisen betreffen.

Für mehr Hier und Jetzt.

Irgend und Etwas

Falscher Beruf?

Falsche Arbeitsstelle?

Oder nur ich selbst (momentan?) falsch?

Das postete gestern eine liebe Bekannte auf Twitter und ich zuckte innerlich zusammen und stellte fest, dass ich mir derzeit auch diese Frage zuweilen stelle. Irgendetwas läuft gerade nicht rund, irgendetwas macht gerade sehr häufig keinen Spaß und irgendetwas lässt in letzter Zeit die Motivation, die Geduld und die Freude an meiner Arbeit schnell gegen null sinken. Leider ist es mehr „irgend“ als „etwas“, ich habe gerade keine Idee was ich ändern müsste/ sollte/ könnte und noch weniger, was der Auslöser ist. Ich könnte mir momentan auch keine Arbeit vorstellen, die mir mehr Freude und Befriedigung bringen würde, das macht die Sache noch schwerer. Vielleicht also doch nur ich (momentan) „falsch“? Ich weiß es nicht, die Antwort auf diese vielen Fragen wird wohl noch eine Zeitlang auf sich warten lassen, aber Sie erfahren sie natürlich als erste. Wenn es sie gibt.

Aber immer in solchen Phasen passieren Gottseidank doch immer wieder so Situationen, wo ich schon extremst genervt in die Arbeit komme, weil ich mir in letzter Zeit mit der liebsten Kollegin urlaubstechnisch nur die Klinke in die Hand gebe und dieses Alleine-Arbeiten mir sehr auf die Nerven geht. Wo sich Probleme über Probleme häufen und ich alleine Entscheidungen treffen muss, die ich nicht alleine treffen will. Wo auch am Abend noch Gruppenabend ist und jeder weiß, dass ein Gruppenabend den man alleine ohne Verstärkung gestalten und durchhalten muss, auf der Sozialpädagoginnen-Superheldinnen-mit-rosa-Superheldinnencape-Challenge mindestens die Stufe V darstellt. Zudem eben diese Sache mit der Gesamtsituation und dem „irgend“ und dem „etwas“.

Und dann gibt es plötzlich ein Telefonat mit der Chefin und ich muss Entscheidungen doch nicht alleine treffen. Dann kochen die Jungs ohne Maulen und Murren ein supertolles afghanisches Essen für den Gruppenabend. Und als ich darauf hinweise, dass wir heute unseren neuen Nachhilfelehrer zu Gast haben und das Wohnzimmer aussieht wie ein Schlachtfeld und das doch vor unserem Gast etwas peinlich aussehen würde, erwidern die jungen Herren (in gespielt schlechtem Deutsch): Natürlich putzen wir das. I am a very fleißig person, you know, ich bin KEIN Ausländer. Und ich muss darüber so sehr lachen, dass ich kaum die Treppe hochkomme.

Okay Ansku, sage ich mir auf dem Heimweg. Diese Momente sind es, die sind es wert. Vielleicht bin ich doch nicht so falsch. Jedenfalls nicht in diesem Job.

Und für den Moment ist da erstmal wieder ein wenig mehr „etwas“ als „irgend“.

Urlaub

Zwei Wochen Urlaub sind vorbei. Ich bin dann mal krank, vermutlich zu viel Entspannung und Erholung.

Aber schön war es, so schön! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal länger als fünf Tage verreist war. In den letzten Jahren war immer entweder die Zeit oder das Budget oder die Motivation über fünf Tage alleine zu sein zu knapp. Aber jetzt eine ganz Woche, ich habe sogar meinen Koffer komplett ausgepackt.

Und ich habe ganz viel Meer geatmet, wie man unschwer erkennen kann:

Outta control

Es gibt so Wochen, da hat man das Gefühl die Welt sei endgültig durchgedreht. Außer Kontrolle geraten. Es passieren so viele Dinge die ich mit meinem Verstand nicht mehr erklären kann und je mehr ich es versuche, desto mehr Dinge werden es. Völlig unbegreiflich, völlig unbezwingbar. Es gibt den normalen Wahnsinn, solche Nachtdienste, wo sechs Jugendliche, in dem Fall Mädchen, im Wohnzimmer stehen und sich anbrüllen, während die siebte heulend auf (!) dem Esstisch liegt. Wo eine Mädchen sich weigert in ihrem Zimmer in ihrem Bett zu schlafen und ich beinahe Gefahr laufe, zusammen mit ihr im Treppenhaus zu übernachten und nachts um eins plötzlich ein Mädchen verschwunden ist. Es gibt aber auch Wochen, da wird der normale Wahnsinn noch getoppt. Da überschlagen sich die schlechten Nachrichten, kommen gefühlt stündlich im Live-Ticker. Ich stehe daneben und sehe zu und versuche zu erfassen, zu begreifen, was eigentlich nicht begreifbar ist. Mit einem Rums wird mir bewusst, was ich bisher zu verdrängen versuchte: Ab nächster Woche wird eine Partei mit zweistelligen Prozentwerten im deutschen Parlament sitzen, die offen dazu aufruft, „stolz“ auf die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen zu sein. Und es bleibt zu befürchten, dass es noch viele mehr sind, die diese menschenverachtende Ideologie teilen, glaubt man den Analysen der Umfragen. Was ist mit unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft passiert? Wo ist mein Deutschland, das ich seit fast 35 Jahren kenne und mag? Es scheint es ist verschwunden: Egal wie sehr wir für unseren senegalesischen Jungen kämpfen, egal wie viele Überstunden wir machen, wie viele Kilometer wir für einen einzigen Besuch der Botschaft in Berlin zurücklegen, es ist niemals genug. Sie finden immer etwas: ein Wort, das sie einem im Mund herumdrehen können, eine Möglichkeit die wir neben all den 4.769 anderen noch nicht ausgeschöpft haben und auf dieser 4.770sten wird dann herumgetrampelt und all die 4.769 davor, die wir ja erfüllt haben, ignoriert. Es ist wie Sysiphos und es ist aussichtslos und wir kämpfen so verzweifelt, so couragiert, aber sie finden etwas, immer. Warum das alles? Wo ist unser Rechtsstaat hin? Wo ist die Menschenwürde? Und wo ist bei all dem die Grenze zum Psychoterror? Eine Freundin erzählt mir eine Geschichte, Freunde von Freunden, ein junges afghanisches Paar, haben ein vier Wochen altes Baby, das hier geboren ist, dieses Baby soll nach Afghanistan abgeschoben werden, obwohl die Eltern hier einen Aufenthalt haben. Sie fragt mich, Ansku was geht hier ab? Was ist nur mit Deutschland los? Ich kann es ihr nicht beantworten. Wie kann so etwas passieren, hier bei uns, wo Kinder ein Recht auf Schutz haben und eine Würde? Würde? Menschenwürde? Ich frage mich, an was die Person gedacht haben muss, die ihrem Stempel unter diesen Ausweisebescheid setzte? An das Kind? An Quoten? An die Bundestagswahl und die Sitzeverteilung im zukünftigen Parlament? Und während ich hier schreibe, ist mein Kopf heiß und schmerzt und meine Ohren drohen gefühlt zu platzen und ich bin zum Umfallen müde und krank, und das wieder einmal vor dem Urlaub. Ich ärgere mich sehr, über mich, weil ich nicht besser auf mich geachtet habe, und über das Kranksein. Aber gleichzeitig, während ich krank bin, muss ich froh, glücklich und dankbar sein, dass ich gesund bin, denn anderswo beendet gerade zeitgleich das Schicksal das Leben einer jungen, stärken, wunderbaren Frau und reißt eine junge Familie auseinander, die doch noch so viel vor sich hatte. Eine Frau, die so sehr gekämpft hat, noch couragierter und mutiger als ich es jemals könnte. Ich denke an die Kinder, wie wird es für sie sein ohne Mutter aufzuwachsen? Was ist nur mit diesem Leben los, dem Universum, dem Schicksal? Gleichzeitig denke ich, dass die Gedanken, die ich mir gerade mache, lächerlich sind im Vergleich zu dem, was die Familie gerade durchmacht. Mein Leben wird weitergehen, es wird von dem Tod eines jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hatte, niemals so sehr betroffen und beeinträchtigt sein wie das des Ehemannes und der beiden Kinder, die sich wenn sie einmal groß sind, aus Bildern an ihre Mutter erinnern werden. Es geht weiter, immer, irgendwie, auch wenn diese Welt gerade wieder einmal dabei ist, durchzudrehen.

Und selbst das ist auf einmal unbegreiflich und absurd. 

Stresstest

Woran ich als erstes merke, dass es Zeit für einen Urlaub ist? Ich habe deutlich weniger Geduld mit den Jugendliche, deutlich weniger Geduld für unsinnige Diskussionen um Betreuungsgespräche, Geld, Dinge die einfach feste Konstanten und nicht diskutabel sind. Leider machen Diskussionen einen großen Teil meines Jobs aus, sie gehören zur pädagogischen Arbeit. Teilweise sind es Diskussionen um Dinge die verhandelbar sind, da diskutiere ich auch gerne und ich glaube meine Jungs kommen bei diesen Diskussionen auch immer ziemlich gut weg. 😉 Teilweise sind es aber auch Diskussionen um Dinge, die nicht verhandelbar sind. Das wäre zum Beispiel das Thema, dass es einmal die Woche einen festen Termin mit der blöden Betreuerin gibt, dieser Termin ist Pflicht und entfällt auch nicht dadurch, dass man jetzt eine Ausbildung angetreten hat. (Natürlich kommen die Jugendlichen auch außerhalb dieses Termins zu uns, wenn sie etwas brauchen, aber es gibt eben einen festen Termin, denn gerade unsere Azubis bekämen wir sonst vermutlich wochenweise gar nicht zu Gesicht.)

Nun haben Jugendliche ja immer so einen siebten Sinn für Stimmungen ihrer Betreuer und somit steigt immer dann, wenn sowieso alles ein wenig zuviel, ein wenig zu stressig und ein wenig zu anstrengend ist, der Anteil der unsinnigen, unverhandelbaren Diskussionen exponentiell, während sich gleichzeitig die Länge meines Geduldsfadens proportional dazu  verkürzt. Ich versuche mich irgendwie so gut es geht zusammenzureißen, aber meistens gelingt es mir nicht und ich reagiere sehr anders als ich das unter normalen Umständen in derselben Situation tun würde. Vor allem aber reagiere ich dann nicht so wie es mein professioneller Anspruch an mich selbst wäre. Einfach weil die Kraft nicht mehr reicht und ich keine Energie mehr habe, zum 184sten Male dieselbe Leier herunterzubeten. Normalerweise kann ich das ohne Probleme ab, jaja, das gehört zu meinen Job, no problem. Zur äußersten Not nehme ich meine Ansage auf Band auf und spiele es dem Jugendlichen 184 Mal ab. 😉 Aber grundsätzlich ist das etwas, was halt dazugehört. Nur eben nicht in solchen Situationen, da gehen mir dann schon in kürzester Zeit die Worte, die Argumente, aber auch das Verständnis und last but not least eben auch die Geduld verloren. Ich versuche dann immer ruhig zu bleiben und lieber zweimal als einmal durchzuatmen, bevor ich ansetze den Jugendlichen einen Kopf kürzer zu machen dem Jugendlichen eine Ansage zu machen. Es. Ist. Verdammt. Schwer. 

Leider ist mir sowas jetzt schon häufiger passiert und ich fühle mich mit solchen Situationen sehr unwohl, weil die Jugendlichen ja nichts für meine Situation können und weil ich auch unter Stress natürlich gerne trotzdem irgendwie (pädagogisch) handlungsfähig bleiben möchte. Es kommt natürlicherweise vor, dass man mal überarbeitet/ gestresst etc. ist, auch über eine längere Phase. Natürlich wäre Urlaub in solchen Momenten die Lösung, der lässt sich aber leider nicht immer und jederzeit aus dem Hut zaubern. 

Eine wirkliche Strategie um bis zum Urlaub zu überleben hab ich noch nicht gefunden, aber hey, bis zum Urlaub ist es jetzt erstmal nur noch eine Woche lang. 

August

Der August war nicht mein Monat. Es gab immer neue Probleme, berufliche und private, immer neue Fragen mussten geklärt und gelöst werden, kaum war eine Sache erledigt, prasselten gleich drei neue herein, die bearbeitet werden wollten. Marathonarbeitstage reihten sich aneinander und waren diese mal vorbei, kam gleich wieder die Familie mit ihren Problemchen und Wehwehchen. Es war ein einziges Hin- und Hergerenne, eine Zerreussprobe. Keine Pause in Sicht, über Wochen hinweg. 
Aber plötzlich, irgendwann gab es einen Punkt, an dem ich ganz ruhig wurde. Ich kann mich noch nicht einmal mehr daran erinnern, was der Auslöser war, ich weiß es ganz einfach nicht mehr. Aber ich weiß, dass es an einem ganz bestimmten Tag einen Punkt gab, an dem ich plötzlich ganz entspannt war. Ab diesem Punkt tat ich einfach nur noch was getan werden musste, ohne zu denken, ohne zu fragen. Es war wie das Auge des Sturmes, es war plötzlich ganz ruhig. Im Auge des Sturmes ist es immer windstill, sonnig und ruhig. Keine Fragen mehr warum, wie, wer und weshalb. Keine Gedanken mehr, wie schaffe ich das alles. Ich war ganz ruhig und machte einfach, was getan werden musste, ganz pragmatisch. Und es war gut, es war okay. Es war kein Resignieren, keine Verzweiflung, es war nicht wie ein Autopilot oder ein bloßes Funktionieren, es war eher so als würde man allen unnötigen Ballast abwerfen und sich nur noch auf das Wesentliche konzentrieren. Total ruhig, einen Schritt nach dem anderen gehend, wartend auf die Ruhe nach dem Sturm. 

Abitur reloaded

Gestern gab es ein einrichtungsübergreifendes Team aller teilbetreuten Einrichtungen unseres Trägers, btw. habe ich seit ich im neuen Job bin diese Tradition wieder aufleben lassen und das ist ganz wunderbar, sich mit anderen Kollegen und Leidensgenossen auszutauschen. Schule, Ausbildung, Hilfen in der Ausbildung, Asylfragen, kleine und große Sorgen, wer kennt sich mit diesem oder jenem Thema gut aus? Am Rande dieses Treffens, als es gerade um die Frage ging, wie oft man eigentlich den Mittelschulabschluss probieren darf, erzählte eine Kollgin von einem Traum, den sie immer wieder hat und ich staunte nicht schlecht, den genau diesem Traum habe ich auch wieder und wieder:
Ich träume, dass etwas bei meiner Abiturprüfung schiefgelaufen ist und ich das Abitur nochmal machen muss. Ich habe zwar mein Abschlusszeugnis erhalten und bin sogar an der Uni als ordentliche Studentin eingeschrieben, aber das Zeugnis wurde mir nur unter Vorbehalt und der Bedingung gegeben, dass ich die (damals noch) 13. Klasse wiederhole. Wenn ich nicht weiter in die Schule gehe und die entsprechenden Fächer und Prüfungen wiederhole, wird mir alles aberkannt und sowohl Abitur als auch Studium ist weg. Futsch. Aus.

Ich renne also, ich versuche Schulstunden und Vorlesungen irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Ich bin wieder in meiner alten Schule und versuche unter meinen Mitschülern möglichst wenig aufzufallen als schon eigentlich viel ältere und ich bin in der Uni und tue alles, damit meine Komilitonen nicht merken, dass ich „noch“ in die Schule gehe. Es ist anstrengend, vormittags Schule, nachmittags Uni, es gibt Terminkollisionen, Vorlesungen, die sich mit der 6. Stunde überschneiden und so weiter. Meistens kommt in diesem sonderbaren Traum dann die Stelle, wo ich mir dann denke: Ansku, wozu machst Du das alles??? Du BIST doch Sozialpädagogin. Du arbeitest doch längst. Du musst doch weder studieren, geschweige denn das Abitur nachholen. Und dann wache ich sehr erleichtert auf.

Karrierewege

„Aus mir“, sagte ich am Samstag zu einer Freundin, „wird in diesem Leben keine Politikerin mehr, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich besitze einfach nicht genug Selbstverliebtheit und Dreistigkeit, als dass ich ohne mit der Wimper zu zucken über Themen schwadronieren könnte von denen ich keine Ahnung habe.“ 

„Vielleicht Ansku,“, entgegnete meine Freundin, „vielleicht solltest Du gerade deswegen Politikerin werden…“ 

Monatsende

Ich glaube ich habe selten so sehr auf das Ende eines Monats hingefiebert wie jetzt. Eigentlich tue ich das ja nie, höchstens auf das Gehalt auf meinem Konto. Aber jetzt wünsche ich mir, dass der August so schnell wie möglich vorüber geht. Dieser August war kein Grund zur Freude. Unsere Ferienfahrt war von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr anstrengend, in der Arbeit war ich zwei Wochen komplett alleine, Kollegin und Chefin gleichzeitig im Urlaub, dazu noch aufgrund einer Fehlplanung Nachtdienste, so dass ich quasi 24/7 in der Arbeit war. Die Burschen sorgten auch immer fleißig für neue Aufregungen, dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn zwei von vier künftigen Azubis haben noch immer nicht Ihren Arbeitsvertrag, sollen aber am 1.9. eine Ausbildung anfangen. Ein kleines bisschen Sorgen um meine Familie dazu, ein kleines bisschen zu wenig Urlaub und Erholung, ein großes bisschen zu schnell Ende des Geldes vor dem Ende des Monats… nein, dieser Monat hat mich an meine Grenzen gebracht. Ich setze alle meine Hoffnungen auf den 1.9., ab dann wird alles besser. Ab dem 1.9. wird es in der Familie ruhiger, da ist dann alles geregelt, ab dem 1.9. sind die Burschen inshallah untergebracht, bereits ab heute ist die liebste Kollegin wieder da… Es muss einfach jetzt besser werden!!!

Und dann denke ich mir wieder, dass das falsch ist so zu denken. Es ist wieder dieses nicht die vielen kleinen guten Dinge sehen, sondern nur das schlechte. Und warum stehe ich nicht heute auf und mache das Beste aus diesem Tag, warum warten auf irgendein fiktives Datum? Vielleicht entsteht ja gerade durch das Warten und Hoffen ein noch viel stärkeres Warten und Hoffen, so eine Art Endlos-Warteschleife. Warum nicht einfach jetzt aufstehen und mal ein bisschen mehr Ich statt ein bisschen mehr Du. Warum nicht einfach aus dem Tag heute ein Fest machen, als wäre es der langersehnte Urlaub? Ich hab mir jedenfalls vorgenommen, es diese Woche mal anders anzugehen. Mit weniger Warten und Hoffen und mehr hier und jetzt. Schauen wir mal, wie es wird. Bis zum Ersten. 😉 

Ketten-Kuchen 

Es ist Sonntag, 14.45 Uhr. Nach dem Nachtdienst ist ja mitunter auch vor dem Nachtdienst, ich habe bereits gefrühstückt, nachgeschlafen, geputzt und auch mich selber geputzt. Bald. um genauer zu sein in 1,5 Stunden, schon muss ich wieder in die Arbeit, aber so ganz sang- und klanglos möchte ich diesen Tag dann doch nicht verstreichen lassen. Also beschließe ich, mir noch einen Kaffee und Kuchen zu gönnen und fahre in die Stadt, um mic auf die Suche nach einem kleinen hübschen Café zu begegeben.

Wer diesen Blog schon länger liest, weiß vielleicht, dass ich mich bemühe, recht bewusst zu konsumieren, verpackungsarm, regional, fair usw. Ich unterstütze lieber den lokalen Einzelhandel als große Ketten. Es gelingt nicht immer, aber ich versuche es. Ich steige also mit all meinem gepackten Zeug für die Nachtarbeit gegen 15.30 Uhr an einer beliebten Münchner Flaniermeile aus dem Bus, wo ich schon die ganze Fahrt über gegrübelt habe, welches Café denn passen könnte. Doch mein Gehirn ist scheinbar heute schon zu sehr vom Schlafmangel vernebelt, mir fällt nichts ein. Direkt neben der Haltestelle sehe ich ein Café, in dem ich einmal sehr lecker mit einer Freundin frühstücken war, das könnte doch mal wieder…? Die Kuchen sehen auch recht lecker aus. Irgendwie kann ich mich dennoch nicht entschließen dort zu bleiben und beschließe, nochmal ein Stück die Straße entlangzugehen. Als nächstes laufe ich an einer Kaffeehaus-Kette vorbei (nein, nicht die große Amerikanische, da laufe ich sowieso meistens vorbei, weil mir die Kuchen dort noch nicht einmal schmecken.). Ich gehe kurz hinein und betrachte die Auslage, die allerdings gerade gereinigt wird. Hm, das trifft durchaus meinen Geschmack, mir wäre heute nach irgendetwas mit Kalorien, vielen Kalorien und Kalorien gibt es in der Auslage reichlich, aber hm, es ist ja eine Kette. Also eigentlich nicht, eigentlich suche ich ja wirklich so ein kleines, süßes, kuschliges Caféchen. Andererseits, weiter unten die Straße, da wäre ja auch noch ein anderes Café, zwar auch Kette, aber immerhin eine Münchner Kette, das könnte vielleicht? Außerdem ist es direkt bei der Ubahn, ich könnte ruckzuck in die Ubahn springen und zur Arbeit fahren. Also laufe ich ein ganzes Stück weiter die Straße entlang, inzwischen ist es bereits 15.50 Uhr und mir bleiben noch vielleicht 40 Minuten für meinen Kaffee und den Kuchen. Ich komme an einem großen Platz an, doch der Platz ist bei dem schönen Wetter voller Menschen. Auch die Plätze in dem Café sind alle besetzt und ich bin ehrlich gesagt gerade zu müde für Menschen. Bei dem vorigen Café war fast die Hälfte der Tische frei, das kommt mir doch eher entgegen. Allerdings wäre um die Ecke noch ein recht angesehenes großes Münchner Café, die Kuchen dort sind zwar teuer, aber sehr großartig, ich hab da einmal an meinem Geburtstag für die Arbeit Großeinkauf gemacht. Das wäre doch auch mal wieder was… Ich laufe also noch das eine Stückchen, aber das andere Cafe ist genauso viel wie das erste auf dem großen Platz. Entnervt gebe ich auf, inzwischen ist es 16.05 Uhr. Und so laufe ich den ganzen Weg die Straße entlange zurück und…
… verspeise in 20 Minuten meinen Strawberry-Cheesecake in eben jenem Ketten-Café, welches ich vor einer halben Stunde etwa schon einmal betreten habe.

(Jedes Mal. Je. Des. Mal.)

Reinigend

Die Woche hatte es in sich, ich bin derzeit völlig alleine in der Arbeit mit sieben Jungs, weil beide Kolleginnen im Urlaub sind. Und obwohl man meinen könnte, es sei Ferienzeit, wird es nicht merklich ruhiger. Die Stimmung ist seit der missglückten Ferienfahrt auch nicht die beste, dazu ein Fall der mich emotional doch mehr beansprucht als ich gerne zugeben möchte usw. Am Donnerstag frohlockte ich gegen Feierabend und schrieb meiner Mutter: Endlich ein Tag ohne Katastrophen und völlig bescheuerte Diskussionen mit der Klientel. 😉 Dazu immer noch der Opa, der sich im Heim, in der Kurzzeitpflege (sehr zu Recht) zu Tode langweilt und den ich natürlich dort auch nicht so hängen lassen will. Man könnte also sagen, es ist grad ein wenig viel los im Hause Ansku. 

Freitag Abend stand ich mit meiner Mutter auf ihrem Balkon und wir sahen uns das Unwetter an, das über die Stadt hinwegfegte. Es war ein drückender Tag gewesen, ich konnte mich zum Ende der Woche hin wirklich nicht mehr konzentrieren und habe tagsüber in der Arbeit nichts wirklich mehr gerissen. Es war ein zäher letzter Tag einer zähen Woche. Wir standen da und beobachteten die Macht und die Gewalt der Natur und waren einfach nur beeindruckt von diesem Spektakel. Ich habe lange nicht mehr so ein Unwetter gesehen. Am Anfang war es ein wenig Wetterleuchten, ein Höhengewitter, doch die Wolken verdeckten die Blitze und man sah nur ein Leuchten. Dann fing es an zu regnen, erst ganz leise, dann heftiger und dann, mit Einsetzen des Sturmes, in voller Wucht. Alles prasselte, stürmte, tobte. Alles was davor war, war auf einmal vergessen. Alles, all der aufgestaute Stress entlud sich auch in mir und auf einmal war ich ganz ruhig und ganz eins mit dieser Welt, obwohl die Welt da draußen so tobte und stürmte. Die Blitze zuckten im Sekundentakt, wie eine Lightshow, der Sturm fegte über uns hinweg, fegte durch die Bäume, es rauschte, zischte, prasselte. Der Hagel schlug auf das eiserne Balkongeländer ein pling pling pling und wir schrieen und quietschten vor Verzückung wenn wieder ein ganz besonders greller Blitz auf dem tiefschwarzen Himnel aufleuchtete. Abgesehen von den Blitzen, die immer wieder den Himmel taghell erleuchteten, immer wieder vorne, hinten, neben uns aufleuchteten und ein bizarres Spiel aus Licht und Schatten auf das gegenüberliegende Haus warfen, konnte man von der Welt da draußen nur noch wenig erahnen, der Regen und der Hagel warfen einen dichten Schleier auf alles, was weiter als die nächste Häuserreihe war. Aber die Welt da draußen war auch in dem Moment irgendwie nicht mehr so wichtig, denn da gab es etwas, was viel mächtiger war als Stress, Sorgen und Arbeit, mächtiger als ich. Die Kraft der Natur, die sich grade ihren Weg bahnte sich entlud mit allen was ihr zur Verfügung stand. 

Dann wurde es ruhiger, der Sturm ebbte ab, nur noch einzelne Blitze zuckten über den Himmel und der Donner grollte in der Ferne noch eine Weile vor sich hin. Auch ich war ganz ruhig und stand noch lange draußen und genoss die frische, kühle, gereinigte Nachtluft. So fühlte ich mich ebenfalls: Frisch, kühl und gereinigt. Und das war ganz großartig. 

Wer hat es verdient? 

Wir betreuen bei uns einen Jugendlichen, D. D. kenne ich seit eigentlich drei Jahren, er war 2014 zum Clearing in der Einrichtung, in der ich damals arbeitete. Der Zufall wollte es, dass jetzt ich in der Einrichtung arbeite, in der D. wohnt und betreut wird. D. ist in jeder Hinsicht ein ganz außergewöhnlicher Jugendlicher. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich in dreieinhalb Jahren Jugendhilfe sehr selten einen so motivierten und engagierten Jugendlichen wie D. erlebt habe. Er ist immer freundlich, immer ausgeglichen, immer höflich, immer hilfsbereit. Er hat super Noten in der Schule und von fünf bis jetzt absolvierten Praktika fünf Angebote für einen Ausbildungsplatz nach Hause gebracht. In den Pfingstferien, während wir die Jungs antreiben mussten, doch wenigstens ein bisschen für die anstehenden Abschlussptüfungen zu lernen, hat D. in der ersten Woche ein weiteres Praktikum gemacht. In der zweiten Woche saß er, wenn ich morgens um 10 oder 11 Uhr in die Arbeit kam, meistens schon eine Stunde am Schreibtisch und hat gelernt. D. hat sich ein unfassbar großes Netzwerk aus Helfern und Freunden aufgebaut und sogar der Asylanwalt unterstützt ihn/ uns immer noch und ist jederzeit ansprechbar, obwohl seine Aufgabe mit Abweisung der Klage gegen den negativen Asylbescheid schon im Februar längst erledigt gewesen war. Unentgeltlich. Integration wie aus dem Lehrbuch also. 

D. ist im Senegal geboren, ist aber ab dem Alter von vier Jahren bei seinem Vater in Zentralafrika aufgewachsen. Er hat keinerlei Kontakt zu Verwandten im Senegal, er weiß gar nicht ob er welche hat, er weiß noch nicht einmal genau, wo er geboren wurde. Von dort ist er 2014 wegen des Bürgerkrieges mit seinem Vater geflohen, hat den Vater jedoch bei der Flucht verloren. D. hat somit keinen Kontakt mehr zu Verwandten, er weiß nicht einmal ob sein Vater noch lebt. Für ihn ist der Senegal ein fremdes Land, er spricht die Sprache nicht und weiss noch nicht einmal wo genau er geboren wurde. Dennoch wurde sein Asylgesuch abgelehnt, die Klage ebenfalls abgewiesen. Er ist somit derzeit ausreisepflichtig, obwohl von einem Therapeuten Reiseunfähigkeit attestiert wurde. Eine Ausbildungsduldung wird ihm ebenfalls seit März von den Behörden verweigert. 

Hierbei handelt es sich um eine Gesetzeslücke im Asylgesetz, denn das Asylgesetz berücksichtigt nur Verfolgung im Heimatland oder – wenn der Asylbewerber staatenlos ist – die Verfolgung in dem Land, wo der Asylbewerber zuletzt seinen Aufenthalt hatte. D. ist aber weder im Senegal verfolgt worden, noch ist er staatenlos. Die Variante „Verfolgung in einem Drittstaat“ wird vom Asylgesetz und auch von den Behörden nicht berücksichtigt. Daher haben wir uns – auch auf Rat des Anwaltes – entschlossen in einer Situation, die ziemlich aussichtslos schien, eine Petition an den bayrischen Landtag ins Leben zu rufen, um auf diese Gesetzeslücke aufmerksam zu machen. Und trotz all dieser Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, trotz all dieser Unsicherheit, ist unser D. immer noch so unglaublich engagiert und motiviert, immer freundlich, fröhlich und hilfsbereit, wenn andere Jugendliche – verständlicherweise – längst das Handtuch geworfen hätten und nichts mehr gemacht hätten. Integration wie aus dem Lehrbuch. Immerhin, einen kleinen Erfolg gibt es inzwischen: der Fall von D. wird jetzt eine Behörde „höher“ behandelt und letzte Woche konnten wir für ihn eine Duldung bekommen. Aber dennoch, leider weiß man ja nie, ob Behörden im nächsten Monat nicht wieder komplett anders entscheiden, deshalb bitte ich auch Sie und Euch, liebe Leser, sehr herzlich darum, uns zu unterstützen und die Petition zu unterschreiben und zu teilen

Wenn ich Freunden, Familie und Bekannten von D. erzähle, wenn ich von der Petition erzähle und bitte, zu unterschreiben und weiterzuverbreiten, dann höre ich immer wieder ein: Oh mein Gott, wenn es einer verdient hat, dass er bleiben darf, dann ja wohl der! Gelegentlich kommen dann noch wütende Kommentare über die ganzen Straftäter, die ja alle bleiben dürfen usw. Das hat mich viel zum Nachdenken angeregt. Wer hat unsere Hilfe, unsere soziale Arbeit eigentlich „verdient“? Ich ertappte mich selber bei ähnlichen Gedanken: der D. der hat es einfach verdient, der hat so viel getan und der lässt sich nicht unterkriegen. Hat das etwas zu tun mit Kooperation, also wieder einmal mit Leistung? Hat der Jugendliche, der brav alle meine Anweisungen befolgt, meine Hilfe mehr „verdient“, als der, der sich wiedersetzt und Probleme macht? Oder ist es nicht eher umgekehrt, haben vielleicht sogar die, die rebellieren, den weitaus größeren Bedarf und daher noch mehr unserer Aufmerksamkeit nötig, also irgendwie auch „verdient“? Verdientermaßen? Sehr oft beobachte ich, dass viele Probleme, viele Konflikte auch auf ein hohes Mass an inneren Konflikten hinweisen. Aber andererseits auch: Stille Wasser gründen tief, darüber schrieb ich schon einmal

Ich finde das eine ganz schwierige Kategorie, denn sie ist wieder durchzogen von unserem allgegenwärtigen Leistungsdenken und ich für mich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Jugendlichen, die ich bis jetzt in den dreieinhalb Jahren betreut habe, meine Hilfe allesamt und in exakt dem gleichen Maße „verdient“ haben. Keiner mehr und keiner weniger. Ein „Vorzeigejunge“ wie D. genauso wie der Junge, der einmal eine Riesen-Schlägerei anzettelte mit Polizeieinsatz und allem drum und dran. Der „kleine“ Y. der zu uns kam und eigentlich noch wie ein Kind wirkte, verloren und fremd, genauso wie R., vor dem sogar unser kleinkrimineller I. Angst hatte, weil er aussah wie ein Schrank von einem Mann. Sie alle haben unsere Hilfe gebraucht und brauchen sie, jeder auf seine Weise, und einfach so damit haben sie sie auch verdient. Weil Hilfe nämlich nicht an Leistung gekoppelt ist. 

Das Nest

Manchmal fliegt das Vögelchen von einem Nest zum anderen. Es probiert hier und dort, welches Nest wohl das kuscheligste sei, es zwitschert mit anderen Vogelfreunden, es fühlt sich wohl und denkt zurück an die schönen Zeiten als alle Vögelchen noch zusammen an heißen Sommertagen im Wasser spielten. Eines Tages gab es eine Vogelhochzeit und viele viele Vögel kamen zusammen, neue und alte Bekannte. Das Vögelchen zog weiter, von Nest zu Nest, es tirilierte hier ein wenig und zwitscherte dort etwas. Es freute sich unbändig, die alten Gefährten von früher wiederzusehen und zwitscherte, was seine kleine Vogelkehle hergab. Es war so schön, das Vögelchen hatte seine alten Freunde sehr vermisst. Und es rief seine anderen Vogelfreunde hinzu, damit sie alle zusammen spielen konnten, weil zusammen ist es am schönsten, dachte das Vögelchen.
Aber irgendetwas war anders als früher und irgendwie war es nicht mehr ganz so unbeschwert mit den Vogelfreunden von früher wie damals. Das Vögelchen fühlte sich etwas merkwürdig und verwirrt. Auch die anderen Vogelfreunde waren verstimmt, weil die alten Vogelfreunde immer so furchtbar laut zwitscherten und mit ihrem Gezwitschere alles übertönten. Sie wollten irgendwann nicht mehr mitspielen, sondern suchten sich ein schattiges Plätzchen an einem kleinen See, wo sie ungestört für sich ihr leises, sehr harmonisches und friedliches Liedchen zwitschern konnten.

Und ganz plötzlich wusste ich, in welches Nest ich gehöre. Es macht Spaß, das Nest ab und an zu verlassen und mit den lauten Vogelfreunden um die Wette zu Zirpen und ich habe die alten lauten Vogelfreunde nach wie vor sehr lieb, aber mein Nest ist hier, am ruhigen und friedlichen See. Mit der sanften leisen Melodien aus den Kehlen der liebsten Vogelfreunde. Für die paar Tage der Vogelhochzeit genoss ich dieses Gefühl sehr, zu wissen wohin ich gehöre und zu wissen, dass ich das richtige Nestchen gewählt habe. 

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

Einmal, es war so Ende August letztes oder vorletztes Jahr, hat sich in der Arbeit meine humanistische Schulbildung so richtig bezahlt gemacht. Hätte ich ja auch nicht gedacht, aber nicht für die Schule, sondern fürs Leben…!

Ich war im Nachtdienst, es muss gegen Ende des Sommers gewesen sein, das Übliche: Jugendlicher kommt nicht nach Hause. Also rief ich die Polizei, die Polizei kam, nahm die Vermisstenanzeige auf und schaffte es dann plötzlich doch den Jugendlichen auf dem Handy zu erreichen. Die Beamten fragten den Jugendlichen, wo er sei, doch der Junge sagte, er wisse das selber nicht so genau, Westfriedhof, an irgendeiner Trambahnhaltestelle. Wie denn diese Haltestelle hieße, fragten die Beamten nach. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, es war die Haltestelle „Borstei“. Die Beamten sahen einander fragend an: Wo ist das denn? Noch nie gehört, sagte der eine. Ich auch nicht, keine Ahnung, sagte der andere.

Oh, sagte ich, da kann ich helfen. Ich war sogar schon mal dort. Die Borstei, ein für Arbeiterfamilien erbautes Wohnquartier mit dem Ziel Arbeit, Wohnen, Einkaufen und Freizeit in Einklang zu bringen. LK Geschichte 2000-2002, sogar mit Exkursion und Besichtigung der Anlage.

Und die Borstei ist übrigens doch noch ein gutes Stück entfernt vom Westfriedhof. 😉