Jugendarbeit

Vor langer Zeit, als ich noch in der Krippe mit den herzallerliebsten Kollegen arbeitete und mehr oder weniger erfolgreich kleine Kinder hütete, Windeln wechselte und versuchte, 3jährigen auf ungefähr 10 verschiedene Arten das Wort „Orange“ näherzubringen – Die Orange ROLLT. Die Orange ist ORANGE. Die Orange fühlt sich WEICH an. Die Orange SCHMECKT SÜß etc.  – da fand ich diese Arbeit unglaublich erfüllend. Nicht zuletzt deswegen fing ich auch noch einmal an, zu studieren und habe diesen Entschluss bekanntermaßen nie bereut. Irgendwann zu dieser Zeit führte ich ein interessantes Gespräch mit einer Erzieherin dort. Aus irgendwelchen Gründen kamen wir auf Jugendliche zu sprechen und ich sagte zu ihr, dass ich das Gefühl hätte, ich könne niemals und NEVER EVER mit Jugendlichen arbeiten. Zu laut, zu anstrengend, zu rebellisch, zu verschwörbelt, zu störrisch, zu ungezügelt, zu sehr heute-so-und-morgen-doch-wieder-so, zu sehr in ihrem eigenen Kosmos, zu… Vermutlich hat das auch etwas mit meiner Vergangenheit zu tun, ich bin in der Schule auch bisweilen gemobbt worden, aber nein, das könnte ich nicht, never ever. Andere vielleicht, denen viel Spaß auch, aber ich nicht.

Die Kollegin pflichtete mir dann bei, sie hätte auch das Gefühl, dass sie das nicht könnte und fügte noch hinzu, sie hätte das Gefühl, dass man für diese Art der Arbeit eine besondere Begabung, Fähigkeit oder was weiss ich bräuchte. Sie hätte das übrigens auch in ihrer Ausbildung gemerkt, da hätte sichunter ihren Mitschülerinnen/ Mitazubis ziemlich klar gezeigt, wer in die Richtung Jugendarbeit geht und wer nicht.

So verblieben wir und lange Zeit war ich dieser Auffassung. Ich bin eher für die Arbeit mit kleinen Kindern geeignet, irgendetwas wo man schöne Spiele spielen, basteln, singen und mit den Kindern die Welt entdecken kann, das wäre es.

Irgendwann einige Jahre später – ich war inzwischen wild entschlossen, wirklich „etwas Soziales“ zu machen und zwar etwas mit kleinen Kindern und Sprache als Idealkombination – fand ich mich durch einen komsichen Zufall in der Hausaufgabenbetreuung einer Hauptschule in einem kleinen hübschen Vorort der großen Stadt wieder und fand dort neben meiner Abneigung gegen Teenies auch alle meine Vorteile bestätigt wieder, Widerworte, ein mehr als rüder Umgangston, ich alleine gegen eine ganze Horde Wildgewordener, es waren ein paar harte Monate bis zu den Sommerferien.. Wobei zu meiner großen Überraschung die wirkliche Härte dabei nicht die pubertierenden 7. und 8. Klässler, sondern die „süßen Kleinen“ aus der 5. und 6. waren, aber die dafür umso heftiger. Besonders hart waren übrigens auch die letzten Wochen vor den Ferien, wo doch eigentlich in der Schule nicht mehr viel läuft, sollte man meinen, aber genau das wurde zum großen Problem, und letztendlich lief wirklich im wortwörtlichen Sinne gar nichts mehr. Es gab auch Erfolgserlebnisse, kleine, die etwas Luft verschafften, aber wie gesagt, es waren ein paar harte Monate.

Auch ungefähr zu derselben Zeit fand ich mich plötzlich in der Teenie-Hölle wieder, einem Wohnprojekt für Jugendliche. Zwei 17- bis 19jährige, 24/ 7 unter meiner Aufsicht. Eigentlich so gar nicht meine Altersgruppe und somit auch absolut nicht meine Baustelle, man erinnere sich nur an das Gespräch mit der Kollegin. Aber ich war eben jung plan- und orientierungslos und brauchte das Geld wollte das mit dem „Sozialen“ einmal ausprobieren. 😉 Also probierte ich es aus. Und wieder erlebte ich mein blaues Wunder, diesmal allerdings in der umgekehrten Richtung: Es lief wunderbarst. Abgesehen von der Tatsache, dass mein mühsam geplantes und mühsam gekochtes Essen regelmäßig den Weg in den Mülleimer fand, da es mit Tiefkühlpizza einfach nicht konkurrieren konnte, hatten wir so gut wie keine Probleme, erstaunlich oft kamen die Jugendlichen sogar von sich aus zu mir um mit mir zu plaudern und schienen mich ehrlich zu mögen. Man bot mir nach kurzer Zeit sogar eine Urlaubsvertretung für einen der festangestellten Mitarbeiter an. Es war anstrengend, aber es war auch eine sehr schöne Zeit und ich war danach durchaus einigermaßen stolz auf mich und auf „meine“ Jugendlichen, die wie ich feststellte in ihrem Herzen doch wirklich feine und anständige Menschen waren, auch wenn sie das nicht immer so zeigen konnten. 😉

Kurze Zeit später durfte ich endlich anfangen zu studieren und entdeckte – ich beschrieb es schon einmal – circa 1.567 ganz neue, ganz spannende Tätigkeitsfelder neben der Arbeit im Kindergarten. Ich schwankte sehr zwischen meinem ursprünglichen Vorhaben und den vielen vielen neuen verlockenden Angeboten, wollte mir aber erstmal alle Wege offenhalten. Und plötzlich war wieder alles ganz ganz anders. Als ich ein Praxisprojekt für Sprachförderung in einem Kindergarten machen durfte, wähnte ich mich bereits am Ziel meiner Träume. endlich durfte ich machen, wovon ich schon SO lange geträumt hatte. Doch das Projekt entwickelte sich irgendwie gar nicht so sehr zum Ziel aller Träume. Es war zwar nett, aber es war auch irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Wir kamen immer als Fremde in die Gruppe, was nach kurzer Zeit dazu führte, dass die Kinder – naturgemäß – ihre Grenzen gnadenlos austesteten und wir vier Studentinnen nach jeder Stunde uns mit hochrotem Kopf anblickten und eigentlich nur froh waren, eingermaßen unser Programm über die Bühne bekommen zu haben. Call it blöder Zufall oder Opfer der Umstände (wir hatten wirklich nur sehr wenig Zeit), aber irgendwie fühlte ich mich danach so gar nicht mehr nach kleinen Kindern. Zu laut, zu störrisch, zu…, Sie wissen schon. Ich war, nun ja, einigermaßen verwirrt.

Durch wieder einen dieser komischen Zufälle kam ich im folgenden Semester zum Jugendknastprojekt bei der Lieblingsdozoentin. Mit viel Neugier, aber auch mit einer gehörigen Portion Herzflattern ging ich zum ersten Mal ins Gefängnis. Und liebte dieses Projekt von der ersten Stunde an. Auch dort habe ich bisher nur nette Jugendliche getroffen, offener und toleranter als mancher Erwachsene.

Dieses Semester ist vorerst das letzte an der Uni, im Herbst steht ein Praxissemester an und ich darf in Vollzeit arbeiten und eine soziale Einrichtung kennenlernen. Seit Freitag habe ich die Zusage für einen Praktikumsplatz in einer Einrichtung für Anti-Aggressions- und Anti-Gewalt-Training für Jugendliche. Ich freue mich unglaublich, habe schon eine Menge Vorschusslorbeeren bekommen, dass ich genau geeignet für diese Art der Arbeit wäre, und ich glaube, dass ich dort eine Menge an Fähigkeiten und Kompetenzen lernen kann, die mir früher (siehe Hauptschule…) gefehlt haben. Ich glaube, dass es eine gute Entscheidung war. Das Praktikum bedeutet nicht, dass man sich endgültig für eine Richtung oder ein Arbeitsfeld entscheidet, aber für den Moment fühlt es sich genau richtig an. Und das ist das, was zählt. Ich mag Babys und kleine Kinder natürlich nach wie vor, ich liebe sie und sie können so tolle Dinge, aber vielleicht, ganz vielleicht bin ich doch dieser Typ für die Jugendlichen? Wer weiß es.

Und ebenfalls seit Freitag sitze ich nun hier, erinnere mich sehr lebendig an das Gespräch mit der Kollegin vor vielen Jahren und staune, wie viel inzwischen passiert ist und wie komisch, wie verschwurbelt, wie laut, wie ungezügelt und wie spannend das Leben manchmal so spielt und wo es einen immer wieder plötzlich, einfach so und ohne vorher zu fragen hinverschlägt.

Look how far you’ve come.

Kaum zu glauben

…. wie viel Neid und Missgunst in meinem angeblich sozialen Studiengang so herrschen. Wehe, einer wird benachteiligt, wehe, ein anderer bekommt einen leichtem Vorteil oder macht es sich leicht. Dann kann der aber was erleben!

Da wird dann schonmal vom Dozenten verlangt, dass der nachmittags um vier eine zweite Anwesenheitsliste rumgehen lässt und die Glücklichen Kommilitonen, die an einem
strahlenden Samstag das sinkende Schiff Seminar bereits mittags, also drei Stunden vor dem Ende verließen, schlechter bewertet. Nein, es herrschte keine Anwesenheitspflicht und nein, gut fand ich das auch nicht. Aber so what? Wir sind alle freie erwachsene Menschen glaubte ich zumindest und jeder muss selber entscheiden, wie er seine Prioritäten setzt. Und nein, fair war das vermutlich auch nicht, nicht gegenüber dem Dozenten und nicht gegenüber den Dummen denen, die bis zum Ende ausharrten, aber muss ich deswegen gleich wie ein angeschossenes Schwein rebellieren, weil jemand sich einen klitzekleinen Vorteil verschafft hat? Den ich auch haben könnte, ich müsste ja nur aufstehen, den inneren Schweinehund zum Schweigen bringen und gehen. Ein Vorteil, der mich ja eigentlich sogar nur indirekt betrifft?

Anderes Beispiel: ein Seminar, die Zeit wird gegen Ende reichlich knapp, es wollen noch mehrere Gruppen, darunter eine Gruppe von Müttern, ihre Vorträge halten. Ich so: „Ist es vielleicht möglich, dass meine Gruppe als nächstes vorträgt. Ich muss sehr pünktlich gehen, genauer gesagt sogar eine Viertelstunde vor Kursende, denn ich habe einen [wichtigen, durchaus für mein Studium relevanten, im jugendstrafrechtlichen Kontext, Anm. d. Red.] Termin?“
Müttergruppe: „Na und? Andere Leute haben Zuhause wartende Kinder.“

Ich bin entsetzt. Ehrlich. Soviel stures Pochen auf den eigenen Vorteil. Soviel Unfähigkeit, mal jemandem den Vortritt zu lassen. So wenig Loyalität oder einfach nur wenigstens Freundlichkeit. Ausgerechnet im sozialen Bereich…

Oder müsste es doch eher heißen: GERADE im sozialen Bereich?

Beziehungsarbeit

Yeah, so langsam merke ich wirklich, wie der SozPäd-Slang auf mich übergreift. Aber wenn man so recht überlegt, Beziehungsarbeit ist eigentlich schon ein komisches Wort. Besonders wenn man es in einem Reflektionsbericht schreibt, in dem vo rein professionellen und vor allem extrem kurzen Beziehungen die Rede ist. Kaum hast Du jemanden auch nur ansatzweise kennengelernt, ist die „Beziehung“ auch schon wieder beendet. Dann von Beziehungsarbeit oder Beziehungsaufbau zu sprechen, klingt doch wieder etwas zweifelhaft. Nun ja, anyway, wir haben also Beziehungsarbeit gemacht.

Aber Reflektionsberichte sind ja auch sowieso nicht so mein Ding. Meine jedenfalls klingen immer eher wie Abenteuerromane als wie ein wissenschaftlicher Text. Vielleicht sollte ich sie mal hier im Blog veröffentlichen, um dem wieder etwas Leben einzuhauchen?

Liebe, Vertrauen und Neugier

Ich denke immer wieder und immer öfter, wenn ich aus der Uni oder aus irgendeiner Einrichtung komme, dass ich den allertollsten Job der Welt habe. Und dann denke ich wieder, Ansku spinn nicht rum, komm wieder runter und nimm Du grenzenlos naives Ding mal die rosarote Brille ab. Sozialpädagogik ist nicht immer nur schön, kein reines Gruppenkuscheln oder gar das Märchen vom wohltätigen Samariter. Und dann, immer genau dann, passiert wieder so etwas wie letzte Woche, dass ich irgendwohin gehe, wo es mich selbst Überwindung kostet hinzugehen, weil ich nicht weiss, was auf mich zukommt. Weil ich noch nie dort und bei „solchen“ Leuten war. Und dann, genau dann, komme ich da wieder heraus und habe das Gefühl, geradezu zu schweben. Weil alles wider Erwarten richtig gut geklappt hat, weil wir so tolle Menschen getroffen haben, weil dieser Job mir so unendlich viel gibt, weil es so viele Menschen gibt, die einfach nur froh sind, wenn man ihnen zuhört und sie so nimmt, wie sie sind. Weil es so ein geradezu berauschendes Gefühl von Zufriedenheit in mir hervorruft.

Weil es eben doch der tollste Job der Welt ist.

Und passend dazu sagte in einem spannenden Gastvortrag in der Uni am Freitag ein sehr bekannter Professor, die Grundlage für unsere Arbeit, gerade für die Arbeit mit Jugendlichen, seien doch einfach nur diese drei: Liebe, Vertrauen und Neugier.

Liebe und Offenheit für die Menschen,

Vertrauen darin, dass Menschen selber nach einer Lösung für ihre Probleme streben und

Neugier, was aus diesem jungen Menschen noch alles werden kann.

(Und jetzt bleibt nur zu hoffen, dass andere, erfahrenere Menschen mich nicht für diese kindlich-naive Haltung belächeln und – noch wichtiger – dass ich mich nicht selber in ein paar Jahren, weiser und auf dem Boden der Tatsachen angekommen, für diese kindlich-naive Haltung belächeln muss.)

Hilfe für Aschenputtel!

Als ich mich am Donnerstag mit zwei lieben Komilitoninen traf, um die allerletzte, diesmal mündliche, Prüfung für dieses Semester vorzubereiten, da der Dozent bitteschön nicht nur 45 Minuten lang trockene Theorie hören möchte, sondern dabei auch Transferleistungen, Bezüge zu aktuellen sozialpolitischen Themen, Vergleiche, Fallbeispiele – ach, sagen wir es doch einfach und direkt: Entertainment – präsentiert bekommen möchte, eröffneten mir die beiden, dass sie bereits einen Plan hätten. Drei Stunden, ein Märchen und einige Playmobilfiguren später war das Konzept fertig und so werden wir nun morgen unsere Theorie (anhand eines ganz kleinen Auszugs aus) einer familientherapeutischen Sitzung mit Aschenputtel und ihrer Familie präsentieren. Die Komilitonin bringt Playmobilfiguren mit und ich breche jetzt schon alleine bei dem Gedanken daran ab vor Lachen. Aber hey, Konfliktpotential, Konkurrenz, Unterdrückung, Ausgrenzung und Diskriminierung gibt es in Märchen ja grundsätzlich genug, und mit Aschenputtel, der bösen Stiefmutter, dem ständig abwesenden Vater, den Stiefschwestern und last but not least dem Herrn Prinz haben wir auch eine recht interessante Rollenkonstellation. So betrachtet finde ich es richtig gut, dass wir hier endlich mal etwas tun können, um diese prekären Familienverhältnisse aufzubrechen und das arme Aschenputtel nicht noch weitere 100 Jahre lang mit all seinem Leid in den Märchenbüchern vor sich hinschmoren zu lassen. Ha! 😉

Bei den lösungsorientierten Ansätzen in der Sozialarbeit wird weniger über das Problem, als vielmehr über die Lösung geredet. Das geht in der Theorie teilweise sogar so weit, dass das Wort „Problem“ gar nicht in den Mund genommen wird, weil hier ein sehr sehr positives Menschenbild vertreten wird, in dem der Mensch grundsätzlich fähig ist, seine „Probleme“ anhand der Ressourcen, die er von Natur aus mitbringt, selber zu lösen.

  1. Probleme sind Herausforderungen, die jeder Mensch auf seine ganz persönliche Art zu bewältigen sucht.
  2. Alle Menschen haben Ressourcen, um ihr Leben zu gestalten. In eigener Sache ist der Einzelne kundig und kompetent. Der Klient ist der Experte für das eigene Leben.

Das finde ich grundsätzlich in meiner grenzenlosen Naivität ersteinmal eine ganz tolle Haltung, ob es sich in der Realität bewährt, werde ich wohl erst ein paar Jahren erfahren. 😉

Die erste Schwierigkeit morgen wird also, das Wort „Problem“ nicht in den Mund zu nehmen, die zweite und viel größere – wer mich kennt – wird, nicht nach zwei Minuten vor Kichern unterm Tisch zu liegen. Das kann ja heiter werden…

Stimmungsschwankungen

Stimmungsschwankungen galore hier seit einigen Tagen. Ich schätze mal, es liegt einfach daran, dass es allmählich reicht. Dass es hier ein bisschen zuviel Jubel und Trubel war in der letzten Zeit. Ja, Jubel, eigentlich habe ich allen Grund zum Jubeln und Jauchzen und mit den Engeleien zu frohlocken, denn eigentlich hätten dieser November und dieser Dezember nicht besser, spannender, aufregender, ertragreicher, freudiger und schöner verlaufen können. Wozu also beschwer ich mich?

Nun, ich beschwere mich eigentlich gar nicht, ich bin in der Tat wirklich sehr glücklich und froh. Soviel Tolles hat sich ereignet in den letzten Wochen, sovielen Projekten wurde entgegengefiebert und sie sind auch tatsächlich alle ziemlich gut geworden. Es steckt eine unglaubliche Menge Arbeit, lange Tage und so gut wie kein Wochenende oder Freizeit in all dem, aber für jedes einzelne Projekt, jedes to-Do, jedes Vorhaben kann ich aus vollem Herzen sagen: Es hat sich gelohnt. Das ist eine ganze Menge, finde ich, und damit hätte ich niemals gerechnet.

Der Vrenelli-Shop läuft besser als ich zu wünschen wagte, für den Anfang kann ich mich wirklich nicht beklagen. Ich durfte bereits – ziemlich spontan – einen Flohmarkt besuchen und verbuche in drei Wochen bereits vier Einkäufe bei Dawanda. Wow! In der Uni gibt es Projekte und To-Dos noch und nöcher, aber alles läuft momentan wunderbarst und glatt und macht unglaublich Spaß. Ich lerne soviel, nicht nur rein fachliches, sondern auch für mich, für meinen zukünftigen Beruf und ich bin jeden Tag aufs Neue verliebt in diesen Beruf. Ach, und arbeiten tu ich ja auch noch, meistens zwei Tage die Woche. Ich geniesse diese Tage momentan fast sogar, weil ich einfach nur morgens ins Büro rein gehen und abends wieder rausgehen muss. Alles, was ich im Sommer über Cheffe geschimpfelt habe, muss ich hiermit höchstoffiziell zurücknehmen. Mein Cheffe ist der beste Cheffe, den man sich vorstellen kann, auch hier läuft alles rund.

Zusammengerechnet läuft also alles bestens, es gibt nichts worüber ich traurig sein könnte. Es ist nur alles soviel gewesen. Es kam Schlag auf Schlag, ohne mir auch nur eine winzige Pause zum Verschnaufen zu lassen, so zum Beispiel letzte Woche: Montag ein lang entgegengefiebertes Referat, das aber dann doch ziemlich gut verlaufen ist. Dienstag ein Besuch im Jugendgericht, ganz großes Kino. Mittwoch ein Besuch in der Arbeit und zwar auf Wunsch der liebsten Kolleginnen mitsamt dem aktuellen Vrenelli-Sortiment, welches mir gleichselbige Kollegen unerwarteterweise quasi aus den Händen gerissen haben, so dass mir Hören und Sehen verging. O.O Am Ende ging ich mit einer dreistelligen Summe aus dem Büro und musste ganz geschwind noch nachnähen, weil einige Produkte ausgegangen waren. Am Donnerstag Firmenweihnachtsfeier und ausserdem war dann auch noch er plötzlich mit der Post angekommen, weiß und neu und wunderschön. Und aus Zeitmangel bisher nur aufs nötigste eingerichtet. Am Freitag ein Interview für die Uni, ebenfalls ein bisselchen Nervenkitzel davor und am Samstag Blockseminar in der Uni. Gestern war die Frau Ansku für ein Projekt von der Uni im Jugendarrest. Das war davor auch ein bisschen uffreschend, hat aber am Ende so wunderbarst geklappt, dass ich fast gar nicht mehr weg wollte. Aber nur fast. 😉 Alles für sich genommen super, aber… Nein, es gibt eigentlich kein „aber“, das würde der Sache nicht gerecht werden. Vielleicht sage ich es besser so: Nur, der Kopf kam irgendwann nicht mehr hinterher. Soviel Glück und frohe Botschaften muss man ja auch erstmal fassen.

Und dann bricht es plötzlich über mich herein und ich möchte am liebsten schreien, treten, irgendetwas kaputtmachen. In einer Minute bin ich so beseelt von diesen kleinen Schritten und Erfolgen, von diesem Glück, dass es sich doch jedes Mal wieder lohnt, das Herz voranzuwerfen und dann hinterherzuspringen, dass mir selbst Dinge leicht fallen, die mir sonst schwer fallen, und in der nächsten Minute bin ich ein heulendes, zitterndes, wütendes kleines Etwas. Meistens passiert das abends, irgendwann gegen 18 Uhr merke ich förmlich, wie es „plopp“ macht und mein Kopf sich weigert, noch ir.gend.eine weitere Information aufzunehmen. Wenn dann noch irgendetwas oder irgendwer kommt und etwas von mir will, dann war’s das mit der Freundschaft. (Lässt sich nur leider so schwer vermeiden.)

Ein sehr komisches und unangenehmes Gefühl, wie ich finde, einerseits wie auf Watte berauscht durch die Tage zu schweben, andererseits kaum noch geradeaus denken zu können. Konzentration fällt immer schwerer, Reden und Menschen allgemein auch. Umso mehr erstaunt mich, dass mein Umfeld, Dozenten, Kollegen immer noch mit meiner Arbeit zufrieden zu sein scheint, ich selber finde tausend Fehler.

Es sind ncoh 10 Tage bis Weihnachten. Ich schätze, bis dahin heisst es einfach Zähne zusammenbeissen und durch. Ich habe Glück, allmählich wird es ein wenig ruhiger. Die meisten Projekte sind nun doch erledigt oder immerhin in die Wege geleitet, die Nähaufträge stapeln sich nicht mehr ganz arg und ich hoffe, ich kann am Sonntag gaaanz in Ruhe noch zwei Täschchen, auch ein Auftrag, fertignähen. Darauf freue ich mich, und dann natürlich auf Weihnachten, auf etwas Ruhe und Stille und auf ein wieder-Ankommen hier. Darauf, dass der Kopf wieder mitkommt und darauf, das alles einmal wirken zu lassen und zu verarbeiten. Ich werde zwei Wochen Urlaub haben, und ich werde zumindest die erste Woche davon einmal das tun, was ich das ganze Jahr noch nicht getan habe. Nämlich nichts.

Ich bin unununglaublich müde, aber auch unununglaublich glücklich.

Rollenspiel olé!

Ich kann nicht Rollenspiele. Ganz und gar nicht. Aber zu einem vernünftigen Sozialarbeitstudium gehört nunmal neben der ersten Lektion „Der Stuhlkreis“ auch Lektion Nummero zwei „Das Rollenspiel“.

Eigentlich kannte ich Rollenspiele auch durchaus schon von meiner Arbeit in der Kinderkrippe, zu Fortbildungszwecken haben wir im Team durchaus auch mal Rollenspiele veranstaltet. In einer Kinderkrippe aber sah das nunmal meistens so aus, dass einer das bockige/ trotzende/ tobende Kind sein durfte und eine andere Kollegin die Erzieherin, meistens artete das Ganze also eher in großes Gelächter aus als in den notwendigen Ernst. Deshalb dachte ich mir auch eigentlich nichts Arges dabei (Ein Schelm, der…) als diese Rollenspielgeschichte im Studium anfängt. Gehört eben, wie schon erwähnt, dazu.

Aber hier im Studium klappte das anfangs gar nicht. Das fing schon an mit der lachenden Leiche und hatte sich seitdem nicht wirklich gebessert. Fremdschämen galore. Wobei Fremdschämen auch nicht wirklich der richtige Begriff ist, die Sache war mir ja nicht peinlich im eigentlichen Sinne, diente sie doch einem guten Zweck. Aber diese gestellte Situation, dieses „Jetzt sei mal jemand, der Du eigentlich gar nicht bist und denk, sprich, handle und fühle genauso wie diese fiktive Person.“ das machte mich ganz kirre. Eigentlich fand ich es ja irgendwie klammheimlich und nur für mich doch immer hökscht(!) spannend, was für Energien und Eigendynamiken sich da entwickeln. Ich glaube auch, dass es nie um das Publikum ging, meine Komilitonen sind ja nach nunmehr zweieinhalb Semester doch schon größtenteils etwas vertrauter, es ging einzig und alleine darum, dass ich mich mit diesen gespielten, gestellten Rollen nicht anfreunden konnte, nicht anfreunden mochte. (Man sagt mir schon länger nach, ich sei eine miserable Schauspielerin…) Also blieb die Ansku, schlau wie sie nunmal ist, meistens ganz still und möglichst ja unauffällig auf ihrem Platz sitzen, staunte und beobachtete, was da so um sie herum vorging und ersparte sich nebenbei die Schmach, die Show durch unkontrollierte, hysterische Lach- und Gackeranfälle zu vermasseln.

Leider nur klappt das nicht immer und dann und wann muss ich eben auch mal ran. Und dieses Semester haben wir einen Kurs, in dem wir sogar ziemlich viel Rollenspiele machen, eigentlich fast jede Stunde, was bei Frau Ansku anfangs Panik leichtes Entsetzen hervorrief, sich aber inzwischen ebenfalls als hökscht (!) spannend herausgestellt hat. Wir lernen in dem Kurs verschiedene Theorien, verschiedene Ansätze als Sozialarbeiter einzugreifen und zu helfen und damit das Ganze nicht zu theoretisch bleibt, dürfen wir diese verschiedenen Ansätze dann gleich im Anschluss „live und in Farbe“ ausprobieren, in irgendeiner beliebigen, frei erfundenen, nachgestellten Situation. Das kann ein alkoholabhängiger Vater sein, der sein Kind schlägt, das kann ein kleiner Junge sein, der im Kindergarten verhaltensauffällig ist, wir müssen dann in die Rollen der beteiligten Personen schlüpfen und eben versuchen, Lösungen zu finden. Schon mehrmals ist mir, (nachdem ich mich abermals erfolgreich unsichtbar gemacht und vor der Arbeit gedrückt hatte), auf meinem Stühlchen der Mund offen stehen geblieben vor Spannung.

Aber gestern dann, da konnte ich nicht mehr aus und irgendwie wollte ich auch gar nicht mehr aus. Irgendwie war ich ganz heiß darauf, mitzumachen. Es war unser Thema, Empowerment, eine Methode zu dem wir ein Referat mehr oder weniger schlecht vorbereitet hatten und ich wollte das auch „live und in Farbe“ und in der Praxis ausprobieren und empowern was das Zeug hält. 😉 Und mit einem Mal saß ich da, alle Bedenken und alles Fremdschämen fielen von mir ab, ein Knoten war geplatzt. Ich schaute den Dozenten an, wählte meine Rolle, ich war ganz ruhig, ich habe nicht gelacht und dann spielten wir.

Ich war die Erzieherin vom kleinen Mustafa.

Fragen über Fragen

Ich schrieb mal davon, dass mein Kopf im letzten Semester zömlisch (w)irre vor Fragen war. Was tue ich? Was will ich? Was ist gerecht? Was ist für mich meine Auffassung von gerecht? Was für eine Sozialarbeiterin will ich werden? Was bedeutet Verantwortung für mich, nur für mich?

Ach, die Antworten sind natürlich längst nicht gefunden. Wer weiss das schon und wer wird das je wissen? Ich warte, ich kann warten. Der Kopf ist über den Sommer ruhiger geworden, ruhig ist er aber nicht. Weit gefehlt und viel schlimmer noch. Habe ich mal behauptet, ich studiere Sozialwissenschaften um später mit kleinen süssen artigen Kindern Spielchen zur Sprachförderung machen zu können? Oh, das muss in einem anderen Zeitalter gewesen sein. Je länger ich dieses Fach studiere, desto mehr „uuunglaublichst“ und „hökscht!“ spannende Betätigungsfelder entdecke ich. Ständig läuft mir etwas Neues über den Weg und ich denke mir „Oh! Spannend! Will ich auch!“ und im nächsten Moment denke ich „hönnsema, Frau Ansku, immer ruhig mit den jungen Gäulen. erstmal das eine und dann das nächste.“ Manchmal denke ich, der kleine Weltverbesserer in mir ist erwacht. Das mag sehr pathetisch klingen, ist aber glaube ich soweit noch ganz gesund momentan. Seit einem ganz bestimmten Gespräch mit einer Jugendlichen letzten Sommer, seit ich verstanden habe, dass viele Dinge die für uns so selbstverständlich sind wie ein Butterbrot schmieren, zum Beispiel sich Ziele im Leben zu setzen und diese zu verfolgen, dass solche Dinge für andere ganz und gar nicht verständlich sind, fühle ich mich einerseits wahnsinnig gesegnet und geborgen in meinem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin und lebe, und andererseits manchmal ein wenig wie ein weltfremdes Hühnchen in einer glitzy-blitzy Scheinwelt. Ich möchte aus der Scheinwelt herausschauen, ich möchte hinschauen, genau hinschauen und sehen. Da ist so ein Verlangen, ganz tief in mir drin, nicht länger mit Tunnelblick durch die Welt zu laufen, sondern zu beobachten und zu sehen. Ich weiss, dass ich nicht die Welt verbessern kann leider bin ich dafür zu sehr Realistin, ich könnte mich manchmal echt in den Hintern beissen Und wenn ich schon nicht alles von heute auf morgen ändern kann, dann will ich doch wenigstens alles sehen. Ich beobachte also alles und ich sauge alles in mich auf wie ein Schwamm. Und vielleicht, wenn ich genug aufgesogen habe, wenn ich so voll bin, dass ich vielleicht auch auf die eine oder andere Frage eine Antwort habe, dann kann ich tun.

Der Kopf ist voll und kommt oft nicht zur Ruhe, nach wie vor. Ich weiß immer noch genauso viel wie zuvor, aber ich sehe. Beobachte und sehe.

Dieses Semester Projekt Jugendknast. Ein bisschen nervös, ein bisschen gespannt und sehrst vorfreudig.

Wirf Dein Herz voran und spring hinterher.

Die lachende Leiche

Ich hatte im vergangenen Sommersemester einen Kurs über Gruppenarbeit. Und damit Gruppenarbeit noch schöner wird, nannte sich der Kurs psychodramatische Gruppenarbeit. De facto bedeutete dies, das wir das ganze Semester über Theater gespielt haben, die banalsten Alltagsszenen und dann darüber geredet haben, wie wir uns dabei gefühlt haben. Aber das hatten wir ja glaube ich irgendwo schonmal.

Jedenfalls, einmal mussten wir in diesem Kurs eine Geschichte aus einer Klatschzeitschrift als Theaterstück umsetzen. Wir haben als (Achtung, noch ein Highlight!) Kleingruppen gebildet, jede Gruppe bekam eine Zeitschrift in die Hand gedrückt und wir mussten uns eine föschterlisch-schröcklische bewegende Geschichte aussuchen, die wir nachspielen wollten. Meine Gruppe fand in unserer Zeitschrift nichts richtig interessantes. Nicht-mehr-Waity Katy und ihr Willy, das Drama um Königin Silvia und ihren liebestollen Gatten. das alles vermochte uns – ach so hartherzige – Sozialpädagogen nur wenig zu berühren. Am spannendsten war realistisch betrachte dann doch die Geschichte über den illegalen Organhandel aus Osteuropa und gut zu einem kleinen Theaterstück verarbeiten, sprich in unserem Fall eher ordentlich durch den Kakao ziehen liess sich das Stück obendrein. Gesagt, getan und somit wurden aus meinen Komilitonen eine Kranke, die dringend auf ein Spenderorgan wartete, eine desinteressierte Frau in der Vermittlung für Spenderorgane und zwei skrupel- und intelligenzlose Chirurgen, die eifrigst an der Leiche herumschnöpselten, unterbrochen nur von gelegentlichen Kommentaren wie „Oh, was’n das? – Ist das die Leber? – Nee, die liegt doch viel weiter unten… Moment, ich glaub ich muss mal im Lehrbuch nachsehen! – Ach, das ist das Herz. – Ha, dann nehmen wir das auch noch gleich mit.“ Und ich? Ich bekam das erste Mal in meinem Leben die ehrenvolle Aufgabe, eine Leiche zu spielen. Nun ist es so, dass ich seit langem weiß, dass ich eine bodenlos schlechte Schauspielerin bin, man sagt mir auch nach, dass man mir alles was ich denke im Gesicht ablesen kann. Sehr ungünstig, wenn Sie mich fragen. Noch fataler wird das Ganze, wenn es lustig-satirisch wird, dann bin ich nämlich stets die erste die vor Lachen wiehert, sich nicht mehr beherrschen kann und das ganze Stück zu Fall bringt. Wären Sie also an diesem Tag dagewesen, Sie hätten die lebendigste Leiche ever gesehen, das kann ich Ihnen versichern. Eine so lebendige Leiche, dass sie kaum noch an sich halten konnte, sich vor Lachkrämpfen geschüttelt wand, ein paar Mal beinahe wirklich vor Lachen keine Luft mehr bekommen hätte und spätestens bei dem Spruch mit dem Lehrbuch beinahe vom OP-Tisch, also den zwei schnell zusammengeschobenen Tischen in dem Unterrichtsraum, gefallen wäre. Gottseidank waren meine Komilitonen da um einiges cooler als ich, komisch muss der Anblick wohl trotzdem gewesen sein. Ich hab mich nicht getraut zu fragen.

Ich hatte mir diese Rolle übrigens selbst gewählt, weil ich an dem Tag unsäglich müde war und mich sehr darauf gefreut hatte, einfach nur bewegungslos daliegen und nichts tun zu müssen. Vor allem nichts dabei denken zu müssen. Dementsprechend verdutzt war ich dann, als der Dozent mich in der Nachbesprechung sichtlich besorgt fragte: „Und Ansku? Wie geht es Dir dabei? Du hattest ja eine ziemlich krasse Rolle… Was hast Du Dir während des Spiels gedacht?“ 😉

Wir haben in dieser Nachbesprechung dann mein Gekichere, Gegackere und Gewiehere mit der Absurdität der Situation, dass man ja jemand Toten spielen muss, erklärt. In letzter Zeit aber ist mir aufgegangen, dass es weniger um den Tod, als viel mehr um diese ahnungslosen Ärzte ging, die meine beiden Komilitonninen gespielt haben. Und um ebendiesen Kommentar mit dem Lehrbuch. Denn genau so fühle ich mich momentan in meinem Studium. Ich lerne einiges, ich lerne vieles verschiedenes, aus vielen verschiedenen Fachgebieten, aber ich habe oft das Gefühl oder auch Angst, ich lerne alles nur halb. Nehmen wir beispielsweise Psychologie. Im Bacherlorstudium haben wir im ganzen Studium nur zwei Semester Psychologie. Und die sind jetzt rum. Es kann sein dass man später abhängig von der gewählten Spezialisierungsrichtung noch etwas Psychologie hat, aber im Grossen und im Ganzen war’s das jetzt. Und ich stehe nun da und habe das Gefühl, ich habe noch nicht einmal richtig angefangen, etwas von Psychologie zu verstehen.

Das ist jetzt nicht falsch zu verstehen. Ich weiss, dass ich keine Psychologin bin und niemanden therapieren muss. Das ist vollkommen klar. Dennoch sollte ich – so wie ich das bisher verstanden habe – als Sozialarbeiterin in bestimmten Arbeitsfeldern auch Probleme erkennen und Leute kompetent beraten und an entsprechende Stellen weiterverweisen können.

Abgesehen davon mag ich mein Studium und seine Vielfalt, wirklich. Das da immer irgendetwas zu kurz kommt, ist wohl glasklar. Über die Vor- und Nachteile eines so kurzen Bachelorstudiums brauchen wir uns auch nicht mehr zu unterhalten. Das es auch immer vom gewählten Arbeitsfeld später abhängen wird, welche Kenntnisse ich tatsächlich brauchen werde und welche weniger und überhaupt, dass man alles dann in der Praxis schon irgendwie deichseln wird, auch das ist mir durchaus bekannt.

Möglicherweise „leide“ ich ja unter der typischen Zweit-Semester-Verwörrung, die sich einstellt, wenn man kein Frischling mehr ist, wenn man irgendwie schon mittendrin ist, aber irgendwie auch nicht und wenn man vor allem noch gar nicht den Überblick über das ganze grosse weite Areal des Fachgebietes hat. Ich erinnere mich da an so Phasen aus dem Erststudium. Ist es das? Oder ist es etwas ganz anderes? Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass momentan ich ein wenig Angst davor habe, dass in ein paar Jahren ich diejenige bin, die dasteht mit dem Lehrbuch in der Hand und ersteinmal blättern muss um zu sehen, wo die Leber denn nun wirklich liegt. Und ich hoffe sehr, dass sich dieses Gefühl in den verbleibenden vier bis fünf Semestern noch legt.

Das Zweit-Semester-Gefühl

Dieses Semester kommt mein Kopf nicht zur Ruhe. Das ist dieses Zweitsemester-Gefühl, wenn man irgendwie gerade angefangen hat und doch schon mitten drin steckt. Ich kenne das. Wenn alles noch nicht Fleisch ist, aber auch nicht mehr Fisch. Wenn man einerseits mitdiskutieren soll, aber andererseits doch noch gar nicht mitdiskutieren kann. Wenn eine gelöste Frage nur zehn weitere Fragen aufwirft. Warum bin ich hier? Was wird hier von mir erwartet? Was will ich und was ist meine Aufgabe? Was soll das? Warum denn unbedingt so und nicht anders? Und überhaupt wofür das alles?

Vieles was ich hier tagtäglich lerne und je mehr ich sehe, erkenne und verstehe oder auch nicht verstehe, löst schleichend und oft lange unbemerkt etwas in mir aus. Vieles davon ist so tiefgehend und rüttelt und wackelt an meinen bisherigen Überzeugungen und Einstellungen, viele meiner Überzeugungen bin ich aber (noch) nicht bereit über Bord zu werfen. Ich suche nach Antworten und finde Fragen, Fragen und noch mehr Fragen. Und manchmal ist das alles so abstrakt, dass ich es selber kaum in Worte fassen kann. Und mich wieder frage was, warum und wieso eigentlich das alles?

Wort zum Samstag

Während der Rest Deutschlands das Wochenende im kollektiven Hitzeflash verbracht hat, hat Frau Ansku den Freitag und Samstag mit organisationspolitischen – oder so ähnlich – Referaten verbracht. Sehr erheiternd ist dann, wenn die Komilitonen versuchen, den Rest der müden Truppe zum mitmachen zu animieren. Die einen versuchen es mit Gummibärchen für alle, die anderen lieber so:

„Also ich hab jetzt nur Schokolade für den Sieger [des Wettbewerbs, Anm. d. Red.] dabei. Ich weiss dass das in unserem Studium so üblich ist, dass immer alle gleich was kriegen, aber wir haben uns jetzt für diese Lösung entschieden…“

(Es war eine Ritter Sport Nougat, ich mag eh kein Nougat. 😉 )

Ganz neue Methoden

Frontalunterricht ist total out, unpädagogisch und böse sowieso, das wissen wir alle spätestens seit PISA. Die neue Unterrichtsform lautet also Gruppenarbeit. Alles, was mit Gruppe- anfängt ist – egal wie es endet – top, mit allem anderen kann man sich nur noch verstecken. Gruppenarbeit, Gruppenpädagogik, gruppendynamische Gruppenfindung. Leider nur sieht die gruppendynamische Gruppenfindung wie ich jetzt erfahren durfte dann so aus, dass man eine halbe Stunde lang diskutiert, wer lieber alleine und wer lieber im Team arbeitet und dann letztendlich doch alle Typen zusamenmischt, weil homogene Gruppen aus nur Leuten,die lieber alleine arbeiten oder nur Leuten, die lieber im Team arbeiten, sind ja nicht gruppendynamisch (aber vielleicht effizienter???). Es lebe die Konfrontation.

Die neue „In-„Unterrichtsform heisst also Gruppenarbeit. Das funktioniert mitunter – und bei uns anscheinend nicht selten – so, dass der Dozent verlangt: „So, jetzt lesen Sie doch mal bitte diesen Text und danach fassen Sie den Text mit bunten Malstiften Edding auf einem Plakat zusammen… Ich bin dann in ca. 45 min. wieder da.“ Mitunter verkündet der Dozent auch: „Gehen Sie doch mal in den Computerraum und fangen Sie in Gruppenarbeit mit der Recherche für die Seminararbeit an. Ich will sichergehen, dass Sie alle Datenbanken benutzen können.“ Einzig, dass noch nicht einmal alle Themen für die Seminararbeiten hatten, dass innerhalb der (gruppendynamisch gebildeten!) Gruppen sowieso alle verschiedene Themen hatten und dass wir schon im ersten Semester gelernt haben, Datenbanken zu benutzen. Aber hey! Immerhin sind auf diese Weise locker mal ein bis anderthalb Stunden totgeschlagen draufgegangen, das ist doch für einen sechs-Stunden-Kurs am Samstag schon ziemlich ordentlich!

Besonders lustig auch letzten Herbst, als ich für ein Praxissemester quasi professionell Butterbrote schmieren durfte. Wir hatten ein Praxisseminar über Entwicklungshilfe und sollten in unserem „Praktikum“ helfen, einen Infotag über Möglichkeiten sich für Entwicklungshilfe im Ausland zu engagieren, zu organisieren. Hiess es zunächst. Die vom Verein würden sich bei uns melden. Hiess es zunächst. Die vom Verein meldeten sich dann ca. einen Monat vor der geplanten Veranstaltung. Dass da nicht mehr viel mit Mithilfe bei der Organisation war, weil natürlich alle Referenten, Aussteller etc. bereits ein halbes Jahr früher kontaktiert werden, war ziemlich bald klar. Als wir jedoch ein paar Tag vor der Veranstaltung im November zu einer Vorbesprechung dort vorbeikamen, wurde uns mitgeteilt, dass wir doch bitte noch ein paar Flyer sortieren sollten und am Tag der Veranstaltung zuständig wären für Aufbau der Stände, Kaffee kochen und Brote schmieren für die Referenten, anschliessend „Bewachen der Stände“ und Beratung von Besuchern – immer sehr effektiv, wenn man selber keine Ahnung hat – und am Ende der Veranstaltung Abbau der Stände. Auch sehr interessant war, dass es letztendlich kein Infotag für Entwicklungshilfe war, sondern ganz allgemein über Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen. Dies schloss auch Au Pair, Schüleraustausch, Auslandsstudium, freiwillige Soziales/ Ökologisches Jahr, aber eben auch Entwicklungshilfe mit ein… Dafür ist ein halber Sonntag draufgegangen, gelernt habe ich dabei professionell Butterbrote zu schmieren herzlich wenig. Sie können Sich wahrscheinlich denken, wie stinkewütend ich war.

Ich bin Sozialarbeiter, aber ich bin nicht blöd! Ich bin immer und stets offen für Neues. Allerdings mögen diese ganzen neuen tollen Unterrichtsmethoden vielleicht (was ich momentan zu bezweifeln wage) aus pädagogische Sicht super sein, aber sich dahinter zu verstecken, weil man keine Lust hat, vernünftigen Unterricht vorzubereiten und zu halten, das finde ich sehr traurig. Und zumindest dieser Eindruck entsteht leider gerade in nicht nur einem meiner Kurse. Ehrlich gesagt, früher im „bösen-bösen“ Frontalunterricht in der Schule habe ich mehr gelernt…

Merkt man vielleicht, dass ich zur Zeit (mal wieder) etwas angefressen von meinem Studium bin? Zu Recht aber, finde ich. Ich arbeite mir den A…. auf, um mir dieses Studium zu finanzieren zu können, ich habe regelmäßig eine sechs-Tage-Woche, um Arbeit und Uni unter einen Hut bringen zu können und es macht mich einfach nur traurig, wenn andere (und zwar Dozenten, die dafür bezahlt werden!!) es sich leicht machen, wo sie nur können. Es sind meine Samstage und auch sonst meine Zeit, in der ich sonst arbeiten gehen könnte, die ich opfere. Ich fahre jeden Tag pro Fahrt jeweils knapp eine Stunde hin zur Uni, all das frisst soviel Zeit. Und dann fahre ich Samstag morgen in die Uni und freue mich darauf, etwas Neues zu lernen und nachmittags gehe ich nach Hause und frage mich, was ich nun eigentlich den ganzen Tag getan habe (über gruppendynamische Gruppenbildung diskutiert, obwohl das Thema des Seminars eigentlich Sozialforschung heisst). Darf ich, wenn ich mich so anstrenge, nicht auch erwarten, dass andere sich auch anstrengen, dass ich guten Unterricht erhalte, dass ich etwas dazulerne?

Zur Zeit habe ich leider nicht das Gefühl, dass ich besonders viel lerne. Und das finde ich jammerschade, weil ich wirklich viel Zeit dafür opfere und es macht mich traurig. Nein eigentlich macht es mich stinkewütend.

Alte Bekannte

* Vor ungefähr zwei Wochen, am Freitag meiner letzten vollen Arbeitswoche, komme ich frühmorgens ins Büro und finde in meinem Postkasten eine Nachricht einem mir bekannten Absender, allerdings aus einer völlig anderen Abteilung der Firma. „Sind (Bist) Sie (Du) die Blogger-Ansku?“ Ja, die bin ich. Es war der werte Ehegatte einer mir persönlich bekannten, leider inzwischen nicht mehr aktiven Bloggerin. Ich hatte das irgendwie geahnt, aber war mir nie sicher. Also hat er mich gefunden, weil ich im Intranet einen Literaturtipp abgegeben hatte, der war mit Photo. Jetzt ist klar, wir arbeiten beide für dieselbe Firma und es wird vermutlich bald mal ein Wiedersehen geben nach langer Zeit.

+ Ungefähr zu derselben Zeit, ein oder zwei Tage davor oder danach gehe ich etwas müde und gedankenverloren abends von der Arbeit zur Sbahn. Weil der Abend so schön warm ist und ich noch einige wenige Minuten Zeit bis zur Abfahrt meiner Bahn habe, warte ich vor dem Bahnhof. Eine Frau mit Kinderwagen und Hund kommt näher, ich bin aber in Gedanken schon bei der nächsten Veranstaltung und registriere sie kaum. Plötzlich spricht mich die Frau an: „Ansku, bist Du es?“ Ich blicke sie an, muss kurz überlegen – mein Gedächtnis für Namen ist hervorragend, dagegen das für Gesichter eine Katastrophe – und erkenne meine Grundschulklassenkameradin. Wir haben ins ca. achtzehn Jahre nicht mehr gesehen.

* Für uns FHler hat seit knapp anderthalb Wochen das Sommersemester angefangen und zwar mit einem grossen zweitägigen Planspiel. Bei der Anwesenheitskontrolle höre ich plötzlich von dem männlichen Wesen, das vor mir in der Schlange steht, einen Namen, der mir bekannt vorkommt. Ich schaue ihn an, kann aber kein mir bekanntes Gesicht – siehe oben – entdecken und denke mir, dass es vielleicht nur der gleiche Name ist. Am nächsten Tag des Planspiels will ich gerade aus dem Hörsaal in den Hof, als mich jemand anspricht: „Hey, Ansku, kennst Du mich noch?“ Es ist der Typ vor mir in der Schlange, der zu mir sagt: „Na, ich dachte mir schon die ganze Zeit, dass ich Dich doch kenne.“ Ich muss kurz überlegen – siehe oben -, aber dann sagt er mir freundlicherweise nochmal seinen Namen und es ist tatsächlich derselbe Name wie am Tag zuvor. Ein ehemaliger Nachbar. Einige Tage später stellen wir fest, dass wir jetzt auch in derselben Mentoratsgruppe sind.

Das alles innerhalb ca. einer Woche. Hier muss irgendwo ein Nest sein! Ich finde das superschön, spannend und auch zömlisch lustig. Ich sag’s ja immer: Die Welt ist klein und diese Stadt ist ein Dorf. 😉

Neubeginn

Ich mag Semesterbeginn. Alles ist so neu und frisch, unberührt und voller Erwartungen. Neue, unbeschriebene, saubere Blöcke, Ordner und Hefte, die darauf warten, mit Inhalt gefüllt zu werden. Ein neuer Stundenplan, der darauf wartet, ausprobiert, in der Praxis erprobt und eingespielt zu werden. Neue Kurse, mit Spannung erwartet. Ob sie wohl das halten, was sie versprechen? Was wir wohl dort lernen werden? Welche Projekte wir machen werden? Neue Komilitonen, neue Dozenten, neue Kontakte und immer dahinter die spannende Frage. Wo werde ich am Ende stehen? Wer bin ich am Ende dieses Semesters?