Selbst- und Fremdwahrnehmung

Für’s Protokoll, 11.12.2012:

Man sagte heute zu mir, ich sei ein Alphatier.

(Nicht, dass sich diese neue Existenzform jetzt irgendwie besonders schlecht anfühlen würde. Aber irgendwie so… wow!)

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Sehnsüchte

Lustigerweise habe ich vor Beginn des Praktikums damit gerechnet, dass mir das Studieren und das Lernen total fehlen wird, auch wegen der Freiheiten, die man nunmal als Student hat und hatte etwas Angst vor dem vermeintlich eintönigen Arbeitsleben. Nun ist ja so, dass ich etwa alle zwei Wochen für einen Nachmittag in die Uni muss, weil wir ein praxisbegleitendes Seminar haben und in ebendiesem Kurs saßen wir kürzlich in einer Pause beeinander und fast alle meine Komilitonen (die noch im Sommer soooooo sehr darauf gewartet haben, dass sie endlich ins Praktikum dürfen) haben gejammert, dass es ihnen zwischendurch so langweilig wäre und dass sie es kaum abwarten können, bis sie im März wieder weiterstudieren dürfen und dass ihnen die Uni ja sooooooooooooo sehr fehlt… Ich war dann kurz irritiert, weil das bisher immer meine Worte waren, aber dann dachte ich kurz nach und musste feststellen: Nein, momentan fehlt mir gar nichts. Die Uni fehlt mir so überhaupt gar nicht, weil ich grad das Gefühl habe, ich lerne ungefähr doppelt so viel wie in den letzten zwei Jahren zusammen.

Verkehrte Welt 😉

Eine weitere Diskussion dieser Feststellung würde zwangsläufig wieder zu Diskussionen über die Qualität eines Bachelorstudienganges führen und das erspare ich mir und Ihnen zu so später Uhrzeit, das wäre nämlich gar nicht gut für den Blutdruck…

Auf der Suche nach einem Punkt

Ich schrieb hier schon öfters davon, dass seit ich Soziale Arbeit studiere, ich Fragen über Fragen habe. Antworten gibt es wenige, die Fragen werden dafür von Monat zu Monat mehr. Je länger ich dabei bin – und jetzt eben auch in der Praxis bin – desto mehr merke ich, dass von mir auch Antworten gefordert werden. Nicht jetzt, nicht bis Ende des Praktikums, aber irgendwann. Die Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession. Man kann eigentlich sagen, unsere Arbeitsgrundlage sind die Menschenrecht. Sowohl internationale Abkommen als auch gesetzliche Regelungen, aber – und darauf kommt es an – auch die eigenen Vorstellungen von Ethik und Werten. Nun ist es ja nicht so, dass ich keine Vorstellungen von Ethik und Werten hätte, keine Vorstellungen von Gerechtigkeit und einem menschenwürdigen Leben, aber diese Vorstellungen sind zur Zeit so vielen Fragen unterworfen und werden so oft auch angestossen und durcheinandergerüttelt, dass mir eine eindeutige berufliche Positionierung momentan schlicht unmöglich erscheint.

Gestern habe ich einen Vortrag von einer der ganz Großen meiner Profession gehört und es hat mich so unglaublich inspiriert. Es ging um fachpolitische Positionierung und Einmischung der Sozialen Arbeit. Nicht, dass ich jetzt so viel schlauer wäre, was meinen „Selbstfindungsprozess“ angeht, nein. Eher hat der Vortrag nochmal eine Reihe von Fragen für mich aufgeworfen, hat mir einzelne Aspekte nochmal vor Augen geführt, die ich so nicht bedacht habe. Im Großen und Ganzen also keine Veränderung, nur noch mehr Fragen, noch weniger Antworten. 😉

Was mich aber an dem Vortrag sehr beeindruckt hat war, dass die Referentin mehrmals deutlich betont hat, dass es nichts bringt, über soziale Misstände, über Sparzwang und was weiss ich alles zu jammern. „Nicht jammern, sondern sich empören“, also sich einmischen, das war die zentrale Aussage. Daneben kam aber auch deutlich hervor, dass viele Missstände in der Sozialen Arbeit hausgemacht sind, weil eben manche Sozialarbeiter sich nicht einmischen, eben nicht ihre eigene Meinung deutlich und zur Not auch gegenüber Ämtern vertreten und eben nicht eigenen Werte hinterfragen und stattdessen stur ihren Job machen (*) – ich will auch gar nicht behaupten, dass alleine das nicht schon anstrengend genug wäre, ich bekomme es ja nun in aller Deutlichtkeit von vielen Seiten auch mit. Ich schreibe das hier in dem Sinne, als dass es mir mal wieder gezeigt hat, wie unglaublich wichtig eine eigene und auch fachpolitische Werte- und Meinungsbildung in meinem Beruf ist. Es geht dabei natürlich nicht um einzelne Parteien, wohl aber um eine politische Meinung.

Und genau das fällt mir so unglaublich schwer. Dieses ganz verzwickte System, welches so schwer zu überschauen ist, dass ich mich wirklich oft fragen muss: Wo bleibt denn da der Mensch? Andererseits aber stehe ich auch oft bei Diskussionen unter Sozialarbeitern dabei und muss mich fürchterlich fremdschämen, weil es eine unglaubliche Schwarz-Weiss-Malerei gibt zwischen Wirtschaft und Sozialem: Alles, was Wirtschaft ist, ist „böse“, alles, was sozial ist, ist „gut“, so kommt es mir vor. Ich möchte dann manchmal am liebsten schreiend davonrennen. Ich kann das so nicht, dieses Schubladendenken in „gut“ und „böse“. Das fängt damit an, dass ich nicht daran glaube, dass ohne eine funktionierende Wirtschaft ein Sozialstaat funktionieren kann und das hört bei weitem noch nicht damit auf, dass ich der festen Überzeugung bin, dass es „gute“ und „schlechte“ Menschen in ALLEN gesellschaftlichen Schichten gibt, dass also nicht automatisch alle reichen Menschen „böse“ und alle Menschen aus den unteren gesellschaftlichen Schichten „gut“ sind. Aber wo, wo ist denn nun die goldene Mitte zwischen all dem?

Damit mich keiner missversteht, ich will nicht die Universallösung für alle Probleme, aber vielleicht so eine klitzekleine eigene Meinung, einen Standpunkt. Momentan hüpfe ich wie ein Flummi zwischen allen Positionen hin und her, weil ich hier wieder etwas höre, dort wieder etwas ganz anderes erfahre und in der Praxis sieht alles plötzlich nochmal ganz anders aus. Das ist auf Dauer ganz schön anstrengend!

* Ich kann hier nur die Meinung wiedergeben, die in dem Vortrag vorgestellt wurde, ob das tatsächlich ein Misstand ist, kann ich als Berufsanfängerin noch nicht beurteilen.

Heute gehe ich zum Friseur

Heute nicht, heute braucht Ihr nicht länger als bis 17 Uhr mit mir rechnen, knurre ich den Kollegen etwas gereizt und mit einem Zwinkern in den Augen an. Heute gehe ich zur Abwechslung einmal pünktlich, nachdem ich Dir gestern bis ewig spät mit Deinem Bericht geholfen habe. Ich wollte gestern schon zum Friseur, aber dann war’s zu spät und ich konnte nicht mehr. Heute gehe ich definitiv zum Friseur.

Hast Du einen Termin? fragt der Kollege.

Nein, deshalb will ich ja pünktlich gehen, erwidere ich.

Merkst Du, zwinkert der Kollege der liebsten Kollegin zu, merkst Du, was sie uns sagen will? Die beiden grinsen sich an und machen ein Spiel aus der Sache.

Sie will uns sagen, ich bin dabei mich zu verändern. Ich habe einen neuen Lebensabschnitt begonnen und ich bin dabei mich zu verändern. Und weil ich mich verändere, gehe ich jetzt zum Friseur und Ihr könnt mich nicht aufhalten. Gestern habe ich fleißig gearbeitet, deshalb habe ich es nicht geschafft, aber heute, heute könnt Ihr mich nicht aufhalten. Ich habe ein schwarzes T-Shirt an, ich habe Macht und heute werde ich mein Vorhaben durchziehen. Auch ohne Termin…

Er unterbricht sich und fragt die Kollegin: Was meinst Du, was wird sie beim Friseur machen? Haare kurz? Als Zeichen für Veränderung.

Die beiden sehen mich abschätzend an. Hast Du einen Plan? fragen sie.

Oh ja, habe ich, nicke ich. Aber den verrate ich nicht, Ihr müsst schon bis nach dem Feiertag warten.

Wir lachen alle drei, bis wir Tränen in den Augen haben.

Beim Verlassen des Büros grinse ich in mich hinein. Nein, heute nicht. Heute wird es keine größeren äußerlichen Veränderungen geben. Nur das normale Programm, um wieder Haare statt Stroh auf dem Kopf zu haben.

Aber ja, ich bin dabei mich zu verändern. Oh ja, und wie. Und nicht zuletzt wegen diesen wunderbaren Menschen, die ich als meine Kollegen haben darf.

Vier Wochen

Nach vier Wochen (waaas? Nur noch 18 Wochen?) Praktikum glaube ich mit Fug und Recht behaupten zu können, dass ich den besten, spannendsten, schönsten und berührendsten Job auf dieser Welt habe. Und nicht nur das: Die besten, liebsten, tollsten, unterstützendsten Kollegen und beste, schlaueste und liebste Anleiterin und Chefin habe ich noch dazu. So ist das hier, auch wenn das für Sie da draußen jetzt hart sein muss, dass Sie den besten Job, die tollsten Kollegen und die liebste Chefin nicht mehr haben werden können, aber ich kann an diesen Tatsachen momentan jetzt einfach nichts ändern. Sie verstehen? Sie werden das also jetzt einfach irgendwie verarbeiten müssen, es bleibt Ihnen ja eigentlich auch gar nichts anderes übrig. 😉

(Sehr müde, aber sehr sehr glücklich, hier so.)

Sozialdingesnbummens

Zwei Jahre studiere ich nun schon dieses Fach, dieses komische Sozialdingensbumens. Unglaublich finde ich das, aber in erster Linie unglaublich schön. Besonders am Anfang war ich jedoch oft etwas ratlos, wie ich mein Studium nennen soll und wie ich Leuten erklären soll, was ich studiere. Das ist nämlich so:

Auf meinem Studentenausweis steht hochoffiziellst „Soziale Arbeit“. In der Zwischenzeit aber habe ich gelernt, dass „Soziale Arbeit“ so ein Mischmasch aus Sozialarbeit und Sozialpädagogik ist. Was ist da der Unterschied? Ganz einfach: Die Sozialpädagogik entwickelte sich der Jugendbewegung der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und ist stärker pädagogisch ausgerichtet. Die Sozialarbeit im klassischen Sinne dagegen entspringt der Tradition der Armuts- und Wohlfahrtspflege, so habe ich gelernt. Natürlich kann man auch hier einen gewissen pädagogischen Aspekt manchmal nicht absprechen, aber in erster Linie geht es tendenziell eher um Hilfe, Pflege und Versorgung. Nun begann man in den ersten Jahren dieses Jahrtausends sich im Zuge des Bologna-Prozesses zu entsinnen, dass Sozialarbeit und Sozialpädagogik – so verschieden ihre Wurzeln auch sein mögen – doch ziemlich viele Berührungspunkte hätten. Da man eh gerade so fleissig am Rationalisieren von Studiengängen war, rationalisierte man die Sozialarbeit und Sozialpädagogik auch gleich zusammen zu einem neuen Studiengang. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das nicht das Schlechteste, schließlich kann sich jeder ausmalen, dass es da in der Praxis ziemlich häufig zu Berührungspunkten der beiden Fächer kommen kann. Ziemlich schnell jedoch gab es auch um diesen neuen Studiengang wieder Streit, nämlich wie man das denn nun nennen sollte. Sozialpädagogik? Sozialarbeit? Oder doch lieber und ganz einfach Soziale Arbeit?

Und ich? Wenn sich schon die Fachleute nicht einigen können, wie sie den Studiengang nennen wollen, was soll ich dann erzählen, wenn ich gefragt werde, was ich studiere? Den Leuten zu erzählen, dass ich „Soziale Arbeit“ studiere, zehn Nachfragen („Sozialarbeit??“ – „Nein, Soziale Arbeit!“) beantworten zu müssen und dann noch erklären zu müssen, was das denn überhaupt ist, war mir von Anfang an zu blöd. Zu unpraktisch und umständlich. Also blieben mehr oder weniger nur noch zwei Alternativen, auf solche Fragen zu antworten: Sozialarbeit oder Sozialpädagogik. Eine Zeitlang fand ich es nett, Leuten zu erzählen, dass ich Sozialpädagogik studiere, insbesondere bestimmten BWLern, Juristen (Ich hoffe es fühlt sich jetzt hier keiner persönlich angegriffen oder beleidigt.) und ähnlichen arroganten Schnöseln, die einen gerne mal mit einem verächtlichen Zucken im Mundwinkel fragen: „WasstudierstnDUda?“ Denn Sozialpädagogik hört sich für das gemeine Volksohr besser, qualifizierter, höherwertiger an als Sozialarbeit, das konnte ich mitunter auch anhand der Reaktionen feststellen. Auch ich selber war sehr verunsichert, was ich denn nun eigentlich bin und was ich nicht bin und sagte mal dies, mal das und irgendwann blieb es bei Sozialpädagogik. Weils irgendwie netter klang.

Kurze Zeit später bekam ich von einer Sozialarbeiterin, die ich fälschlicherweise als Sozialpädagogin ansprach, einen gehörigen Rüffel. Da ging mir das erste Mal auf, dass das ein Unterschied ist und was für ein Unterschied das ist. Ich fing an zu studieren und ich begann, meine neue „Profession“ mehr und mehr zu mögen. Mir gefiel dieser Gedanke mehr und mehr, für die Schwächsten der Gesellschaft dazusein und denen zu helfen, die sich nicht mehr selber helfen können. Und umso mehr und mehr ich diese Profession mochte, desto mehr und mehr fing ich an, den Leuten die mich danach fragten, zu erzählen, dass ich SozialARBEIT studiere. Das geschah ganz schleichend, zunächst vollkommen unbewusst. Und als uns schließlich der ganze theoretische Hintergrund lang und breit in der Uni eingetrichtert und durchdiskutiert wurde, als es mir schließlich mehr und mehr bewusst wurde, war ich selber ganz erstaunt über diese Wahl der Bezeichnung, aber es hat sich bis heute erhalten.

Ich studiere Sozialdingensbumens… äh Sozialarbeit.