Arm, aber reich

Ich gehe durch den Hauptbahnhof in München und muss über das ganze Gesicht grinsen. Eigentlich hätte ich allen Grund zum weinen, vielleicht auch zum verzweifeln. Es ist der 11. des Monats und mein Konto ist blank. Blanker als blank. Es ist ein bisschen viel was zusammengekommen in letzter Zeit: Urlaub, unvorhergesehene Ausgaben, die Jahreszahlung für die Fahrkarte und dies und das und noch ein bisschen mehr. Dann dazu einmal dass das Gehalt vom Nebenjob, das nicht überwiesen wurde, aus welchen Gründen auch immer (wie sich im Nachhinein herausstellte, erst im nächsten Monat). Ein wenig hier zu viel zu sorglos ausgegeben, ein wenig dort zu wenig eingenommen. Ich könnte mich jetzt zum 187.ten Mal ärgern, ich könnte schimpfen über Gehälter in sozialen Berufen und ich könnte jammern, obwohl es mir an sich ja nicht wirklich schlecht geht, es gibt Menschen die weniger verdienen als ich. Aber es ist eben trotzdem jeden Monat ein Nullsummenspiel, es reicht meistens gerade so, und wenn solche unvorhergesehenen Sachen kommen, eben manchmal auch nicht. Ich weiß, dass viel, vielleicht ein bisschen zu viel Monat nach Ende des Geldes übrig ist und ich könnte eigentlich ein bisschen weinen.

Aber ich weine nicht, ich lächele während ich an den Gleisen vorbeigehe und wie immer die Anzeigen studiere, welcher Zug fährt wohin. Ich hatte so einen tollen Nachmittag. Die Sonne scheint durch das Glasdach der Bahnhofshalle und ich muss daran denken, wie ich mit meinen beiden liebsten Freundinnen vorhin in der Sonne im Biergarten saß. Wie viel Verbundenheit und Verständnis da war, als ich über genau diese Probleme geredet habe, wie viel Anteilnahme und Unterstützung. Wie wir letzten Endes gemeinsam darüber gelacht haben. Wie es immer wieder auf Anhieb wieder wie als wäre es erst gestern gewesen vertraut ist, wenn wir uns sehen, obwohl es wegen weiter Entfernungen nur 3-4 Mal im Jahr möglich ist. Ich denke zurück an gestern und vorgestern, was für schöne und intensive, vertrauensvolle und tiefe Gespräche ich mit einer anderen lieben Freundin hatte. Wie ich mal wieder im Urlaub krank war und meine Freundin einfach so gekommen ist auf einen Krankenbesuch. Wie wir dann ganz spontan einen wundervollen Abend hatten und uns bis nachts um zwei auf der Terrasse einfach so „verquatscht“ haben. Und auch da war so viel Wärme, so viel Vertrautheit und so viel gegenseitiges Verständnis. So viel Geborgenheit und Zuneigung und Freundschaft, dass alle diese Sorgen und Ärgernisse keinen Platz mehr haben in meinem Herzen.

Wie gesegnet bin ich doch mit diesen Menschen um mich herum, denke ich mir. Ich könnte mich gerade furchtbar arm fühlen, aber ich bin unfassbar reich. Für immer.

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