Wenn ich nachdenken will

Wenn ich einmal richtig in Ruhe nachdenken will, die Gedanken kreisen lassen, mir den Kopf zerbrechen und das Hirn zermartern, dann gehe ich ins Theater. Oder in ein Konzert. Ganz gut geeignet sind auch Oper, Varieté, Zirkus… eigentlich alles, was etwas kulturelles, zu konsumierendes bietet. Das was da vorne auf der Bühne passiert, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Person oder die Personen könnte/n einen Kopfstand machen (gut, im Zirkus passiert das häufiger), sich die Seele aus dem Leib singen (also wortwörtlich), oder sich um Kopf und Kragen spielen (und dann eben ohne diese dastehen): Sobald mein Hintern das Kissen des weichen Sessels berührt, sobald das Licht ausgeht, und die Vorhänge der Bühne aufgehen, geht auch mein Kopf an. Erst gestern habe ich während einer – wirklich sehr tollen, rasanten und ergreifenden Vorstellung des Cirque Eloize – ungefähr 10 Arbeitsprobleme gelöst von vorne bis hinten durchgewälzt. Wie bekomme ich meinen Jugendlichen in eine Ausbildung ohne ihn zu überfordern? Wie schaffe ich etwas mehr Motivation? Welche Auswirkungen werden die anstehenden Veränderungen auf mich, auf unser Team, auf die Einrichtung haben? Was steht alles auf meiner To Do Liste for morgen und oh, ich hab ja einen Punkt vergessen aufzuschreiben! Auch Raum für Selbstzweifel ist dann reichlich gegeben, während vorne auf der Bühne gerade eine spektakuläre Trampolinnummer geboten wird. Immer nur hereinspaziert!! (Gut, angesichts dieses Maßes von Körperbeherrschung, Koordination, Eleganz und Kunst, angesichts dieser grandiosen Inszenierung kann man dann allerdings doch auch mal ehrfürchtig im Sessel zusammensinken, bei mir würde es schon am ersten Punkt scheitern. Aber ich glaube, das ist okay so.)

Dabei gehe ich ja eigentlich wirklich gerne in kulturelle Veranstaltungen. Ich mag Musik, ich mag Theater, Kunst. Ich würde wirklich sehr gerne konzentriert der Vorstellung folgen, ich habe wie man vielleicht schon erkennen kann, eine Menge Respekt und Anerkennung für Künstler. Es interessiert mich und ich beiße mich jedes Mal wieder in den Hintern, weil ich viel zu selten ausgehe. Ich bin leider die Person, die es als allerletzte mitbekommt, wenn in dieser Stadt etwas geboten wird, etwas passiert. Aber es ist jedes Mal dasselbe. Wenn ich mal in Ruhe nachdenkenwill, gehe ich ins Theater. Oder in ein Konzert. Oder in den Zirkus.

Gestern habe ich mich gefragt, warum das so ist, und dabei festgestellt, dass solche Veranstaltungen eine der wirklich wenigen Gelegenheiten sind, an denen wir noch dazu verdammt sind, einfach mal stillzusitzen und nichts zu tun. Nichts mal schnell noch nebenbei erledigen, nichts um die Hände zu beschäftigen. Nichts. Nur zusehen. Ich habe dann weitergedacht und festgestellt, dass ich selbst zuhause sehr selten einfach nichts tue. Irgendwas ist ja bekanntlich immer. Selbst wenn ich einen Film schaue, mache ich nebenbei etwas, zum Beispiel stricken. Oder aufräumen, oder abspülen, ähäm. Auch wenn ich „nur“ auf dem Sofa sitze, habe ich immer etwas um mich abzulenken, zum Beispiel so wie jetzt bloggen. Vielleicht ist es dieses ungewohnte Stillsitzen, dieses zur Ruhe kommen, dieses Nichts tun, was den Kopf anspringen und plötzlich dann umso aktiver arbeiten lässt. Und vielleicht, ganz vielleicht, werde ich mir in Zukunft mal gelegentlich ein paar wirkliche Momente der Stille in die vorweihnachtliche stille Zeit einbauen. Und einfach mal nichts tun.

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