Wer hat es verdient? 

Wir betreuen bei uns einen Jugendlichen, D. D. kenne ich seit eigentlich drei Jahren, er war 2014 zum Clearing in der Einrichtung, in der ich damals arbeitete. Der Zufall wollte es, dass jetzt ich in der Einrichtung arbeite, in der D. wohnt und betreut wird. D. ist in jeder Hinsicht ein ganz außergewöhnlicher Jugendlicher. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich in dreieinhalb Jahren Jugendhilfe sehr selten einen so motivierten und engagierten Jugendlichen wie D. erlebt habe. Er ist immer freundlich, immer ausgeglichen, immer höflich, immer hilfsbereit. Er hat super Noten in der Schule und von fünf bis jetzt absolvierten Praktika fünf Angebote für einen Ausbildungsplatz nach Hause gebracht. In den Pfingstferien, während wir die Jungs antreiben mussten, doch wenigstens ein bisschen für die anstehenden Abschlussptüfungen zu lernen, hat D. in der ersten Woche ein weiteres Praktikum gemacht. In der zweiten Woche saß er, wenn ich morgens um 10 oder 11 Uhr in die Arbeit kam, meistens schon eine Stunde am Schreibtisch und hat gelernt. D. hat sich ein unfassbar großes Netzwerk aus Helfern und Freunden aufgebaut und sogar der Asylanwalt unterstützt ihn/ uns immer noch und ist jederzeit ansprechbar, obwohl seine Aufgabe mit Abweisung der Klage gegen den negativen Asylbescheid schon im Februar längst erledigt gewesen war. Unentgeltlich. Integration wie aus dem Lehrbuch also. 

D. ist im Senegal geboren, ist aber ab dem Alter von vier Jahren bei seinem Vater in Zentralafrika aufgewachsen. Er hat keinerlei Kontakt zu Verwandten im Senegal, er weiß gar nicht ob er welche hat, er weiß noch nicht einmal genau, wo er geboren wurde. Von dort ist er 2014 wegen des Bürgerkrieges mit seinem Vater geflohen, hat den Vater jedoch bei der Flucht verloren. D. hat somit keinen Kontakt mehr zu Verwandten, er weiß nicht einmal ob sein Vater noch lebt. Für ihn ist der Senegal ein fremdes Land, er spricht die Sprache nicht und weiss noch nicht einmal wo genau er geboren wurde. Dennoch wurde sein Asylgesuch abgelehnt, die Klage ebenfalls abgewiesen. Er ist somit derzeit ausreisepflichtig, obwohl von einem Therapeuten Reiseunfähigkeit attestiert wurde. Eine Ausbildungsduldung wird ihm ebenfalls seit März von den Behörden verweigert. 

Hierbei handelt es sich um eine Gesetzeslücke im Asylgesetz, denn das Asylgesetz berücksichtigt nur Verfolgung im Heimatland oder – wenn der Asylbewerber staatenlos ist – die Verfolgung in dem Land, wo der Asylbewerber zuletzt seinen Aufenthalt hatte. D. ist aber weder im Senegal verfolgt worden, noch ist er staatenlos. Die Variante „Verfolgung in einem Drittstaat“ wird vom Asylgesetz und auch von den Behörden nicht berücksichtigt. Daher haben wir uns – auch auf Rat des Anwaltes – entschlossen in einer Situation, die ziemlich aussichtslos schien, eine Petition an den bayrischen Landtag ins Leben zu rufen, um auf diese Gesetzeslücke aufmerksam zu machen. Und trotz all dieser Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, trotz all dieser Unsicherheit, ist unser D. immer noch so unglaublich engagiert und motiviert, immer freundlich, fröhlich und hilfsbereit, wenn andere Jugendliche – verständlicherweise – längst das Handtuch geworfen hätten und nichts mehr gemacht hätten. Integration wie aus dem Lehrbuch. Immerhin, einen kleinen Erfolg gibt es inzwischen: der Fall von D. wird jetzt eine Behörde „höher“ behandelt und letzte Woche konnten wir für ihn eine Duldung bekommen. Aber dennoch, leider weiß man ja nie, ob Behörden im nächsten Monat nicht wieder komplett anders entscheiden, deshalb bitte ich auch Sie und Euch, liebe Leser, sehr herzlich darum, uns zu unterstützen und die Petition zu unterschreiben und zu teilen

Wenn ich Freunden, Familie und Bekannten von D. erzähle, wenn ich von der Petition erzähle und bitte, zu unterschreiben und weiterzuverbreiten, dann höre ich immer wieder ein: Oh mein Gott, wenn es einer verdient hat, dass er bleiben darf, dann ja wohl der! Gelegentlich kommen dann noch wütende Kommentare über die ganzen Straftäter, die ja alle bleiben dürfen usw. Das hat mich viel zum Nachdenken angeregt. Wer hat unsere Hilfe, unsere soziale Arbeit eigentlich „verdient“? Ich ertappte mich selber bei ähnlichen Gedanken: der D. der hat es einfach verdient, der hat so viel getan und der lässt sich nicht unterkriegen. Hat das etwas zu tun mit Kooperation, also wieder einmal mit Leistung? Hat der Jugendliche, der brav alle meine Anweisungen befolgt, meine Hilfe mehr „verdient“, als der, der sich wiedersetzt und Probleme macht? Oder ist es nicht eher umgekehrt, haben vielleicht sogar die, die rebellieren, den weitaus größeren Bedarf und daher noch mehr unserer Aufmerksamkeit nötig, also irgendwie auch „verdient“? Verdientermaßen? Sehr oft beobachte ich, dass viele Probleme, viele Konflikte auch auf ein hohes Mass an inneren Konflikten hinweisen. Aber andererseits auch: Stille Wasser gründen tief, darüber schrieb ich schon einmal

Ich finde das eine ganz schwierige Kategorie, denn sie ist wieder durchzogen von unserem allgegenwärtigen Leistungsdenken und ich für mich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Jugendlichen, die ich bis jetzt in den dreieinhalb Jahren betreut habe, meine Hilfe allesamt und in exakt dem gleichen Maße „verdient“ haben. Keiner mehr und keiner weniger. Ein „Vorzeigejunge“ wie D. genauso wie der Junge, der einmal eine Riesen-Schlägerei anzettelte mit Polizeieinsatz und allem drum und dran. Der „kleine“ Y. der zu uns kam und eigentlich noch wie ein Kind wirkte, verloren und fremd, genauso wie R., vor dem sogar unser kleinkrimineller I. Angst hatte, weil er aussah wie ein Schrank von einem Mann. Sie alle haben unsere Hilfe gebraucht und brauchen sie, jeder auf seine Weise, und einfach so damit haben sie sie auch verdient. Weil Hilfe nämlich nicht an Leistung gekoppelt ist. 

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