Abschiede

Gestern Abend haben wir Abschiedsparty gefeiert, mit allen Betreuern, Unterstützern und Freunden, und natürlich mit den vielen vielen Jugendlichen, die während dieser fast drei Jahre bei uns gewohnt haben. Es war eine großartige Party, wir haben schon öfters Ehemaligen-Partys gefeiert, aber diese war die beste. Tolle Stimmung, tolle Jugendliche und -ähöm – wir hatten „ein bisschen“ zuviel Essen und hätten damit locker nochmal so viele Leute durchfüttern können. 

Aber da waren auch so viele Abschiede und dadurch wird der große Abschied nächste Woche, der Schlussstrich, irgendwie realer. Und noch etwas trauriger. 

Da waren ca. 40-50 (Fünfzig, ist das zu fassen? Fünfzig Jungs, die wir ein Stück weit begleitet haben. Fünfzig!) wunderbare große, kleine, intelligente, coole, witzige, fordernde, schnelle, langsame, nachdenkliche, tatkräftige, hilfsbereite, selbstbewusste, schüchterne, laute, leise junge Menschen, die einen sehr weiten Weg gegangen sind und ihren Weg auch weiter gehen werden. Die sich so unglaublich entwickelt haben, so toll Deutsch gelernt haben und zum Teil schon nach nur zwei oder drei Jahren auf dem Weg in die Selbstständigkeit sind. 

Da war der albanische Junge, der 2014 bei uns wohnte, zwischenzeitlich abgeschoben wurde und jetzt aber mit Arbeitsvisum wieder zurück ist und nächste Woche seine Ausbildung anfängt.

Da war der eritreische Jugendliche, mit dem es kurz vor seinem Auszug vor ca. einem Jahr etwas Ärger gab und der uns deshalb nie besucht hat. Der gestern am wildesten von allen getanzt hat und uns erklärte, er habe sich alles noch einmal gut überlegt und die Probleme von damals seien deshalb gewesen, weil er neu war und nicht verstanden habe, wie es hier in Deutschland funktioniert und es sei doch gut gewesen, dass wir damals so streng mit ihm waren und überhaupt, hier sind die besten Betreuer und dieses Haus sei das beste. 

Da war der Junge, der sozusagen vor seiner eigenen Familie geflohen ist und der bei uns eine Art Ersatz-Familie gefunden hat, der den ganzen Abend über die lustigsten Sprüche rausgehauen hat, einen nach dem anderen, so dass wir nicht mehr aufhören konnten zu lachen; der meine Persisch-Kenntnisse getestet hat und fast ausflippte vor Begeisterung als ich fünf von sechs Fragen beantworten bzw. die Sätze übersetzen konnte. Der die interessantesten Fragen stellt und mit dem es sich so wunderbar sowohl philosophieren wie auch den sinnlosesten Nonsense reden lässt.  

Da war mein allererster Junge, der mit dem Elefantengedächtnis, der mich gestern daran erinnert hat, wie ich einmal vor knapp drei Jahren – er war zu dem Zeitpunkt gerade mal ca. fünf Monate in Deutschland – mit ihm unterwegs war zu einem Termin und wir zum vermutlich dreiundsiebzigsten Mal über etwas diskutierten und er mich plötzlich mit einem Mal ganz ernst ansah und sagte: Ansku, das ist mein Bier, nicht Dein Bier und ich zuerst so verblüfft war und aus allen Wolken fiel, wo mein Junge diesen Spruch denn wohl aufgeschnappt hatte und dann nicht mehr aufhören konnte zu lachen. 

Da war mein afghanischer Jugendlicher, der sich in seinem jetzigen Wohnheim nicht sehr wohlfühlt, sich sehr über die mangelhafte Betreuung dort beklagte und zu mir sagte: Wohin sollen wir denn jetzt gehen, wenn es das hier nicht mehr gibt? Das war doch unser Zuhause. 

Da waren auch die drei Jungs, die wir später am Abend plötzlich weinend im Zimmet fanden und denen wir auch irgendwie nichts sagen konnten, um den Schmerz und die Angst vor dem (wieder!) Ungewissen zu lindern. Wo der einzige Trost, den wir ihnen geben konnten war, da zu sein, da zu bleiben, jetzt noch, so lange wir es noch können, und Hände zu halten, Tee zu reichen und leise im Takt der Schluchzer über den Rücken zu streichen. 

Da war so viel Liebe, so viel Freude, aber auch so viel Abschied. 

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