Es einfach mal nicht gut sein lassen

Ich habe bisher noch nicht mit vielen Menschen über die Nachricht vom Freitag gesprochen, weil nun ja, es ist noch sehr frisch, ich musste erstmal selber verdauen, ich hatte dieses Wochenende sowieso Dienst und daher wenig Zeit usw. Aber bereits nach einem Tag möchte ich gerne dem nächsten, der mir nach zwei Minuten Gespräch etwas erzählt von „naja, mal schauen, wofür es gut ist“ „jede Veränderung bringt ja auch neue Chancen mit sich“ oder – noch besser – „man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist“ an die Gurgel springen. 

Ja, natürlich, das stimmt alles, aber das kommt später. Als nächster Schritt. Warum muss man alles negative sofort wegwischen, wegtrösten, übertünchen, weitergehen zum nächsten? Sind wir von der Gesellschaft so sehr darauf dressiert, dass alles immer super, besser, toller, optimierter sein muss, dass man inzwischen noch nicht einmal mehr sagen darf: Okay, ich finde es grad obermegasch**ße, dass alles was wir in drei Jahren aufgebaut haben, gerade mit einem Ratsch niedergerissen wird. Unser Haus, das wir selber eingerichtet und aus dem wir ein Zuhause auf Zeit für ca. 50 junge Flüchtlinge in 2,5 Jahren gemacht haben. Unser Team und dass wir es geschafft haben aus sieben sehr (!!!) unterschiedlichen Charaktären in knapp drei Jahren mit nur einer Kündigung ein eingeschworenes Team zu schaffen, in dem jeder den anderen in seiner Andersartigkeit respektiert und in dem wir inzwischen perfekt aufeinander eingespielt sind. 

Ich schweife vom Thema ab, aber jedenfalls: Es muss doch erstmal Platz und Raum und Zeit dafür sein, zu sagen: Ich bin momentan verdammtnochmal erstmal traurig über eine schlechte Nachricht. Es muss doch nicht immer alles supertollperfektwunderbar sein. Es gibt doch auch Situationen, die sind einfach erstmal sch**sse und das hat auch seine Berechtigung und es gibt auch nichts daran schönzureden. Vermutlich ist es in ein oder zwei Wochen wieder gut und es ist wirklich so, dass sich neue Perspektiven auftun usw. Vermutlich. Aber ist das ein Grund, warum man nicht erstmal über einen Abschied traurig sein, trauern darf? Und sei es nur darum, um etwas altes abzuschließen und danach wieder offen zu sein für Neues. Trauer gehört zu einem Abschied dazu, egal welcher Natur er ist, und das ist etwas sehr natürliches und sehr berechtigtes. Ich habe mich nebenbei bemerkt ein paar Mal in den letzten Tagen gefragt, wenn mich dieses Wegreden schon so sehr nervt – und bei mir gibt es keinerlei existentielle Bedrohung, es ist einfach nur ein ideeller Verlust, ein Abschied von einem Lebensabschnitt – wie muss es dann Menschen gehen, doe echte Schicksalsschläge hinnehmen müssen? 

Und dann, nachdem ich bemerkte wie sehr mich diese Wegtrösterei nervt und wie unverstanden ich mich fühlte, war da plötzlich noch eine weitere Frage in meinem Kopf und ich habe mir dann doch sehr überlegt, inwiefern ich selber bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen wegtröste oder stehen lassen kann. Gerade kann ich es beim besten Willen nicht sagen, ich werde in den nächsten Tagen und Wochen aber sicherlich aufmerksam(er) beobachten. Ich glaube gerade wir sozialen Berufe werden in der Ausbildung so sehr mit „lösungsorientiert“ und „ressourcenorientiert“ und was noch alles zugedröhnt, dass wir schon ganz schön konditioniert sind, aus jeder Situation doch noch den letzten tollen Aspekt rauszuziehen. Die letzten Ressourcen anzusprechen, sofort eine Lösung parat haben. Dabei braucht es das manchmal gar nicht, zumindest nichtbimmersten Moment. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Das alles ist durchaus richtig und wichtig, aber eben zur richtigen Zeit. Es einfach mal für den Moment „nicht gut“ sein lassen, die Klappe halten und keine abgedroschenen Phrasen oder Verbesserungsvorschläge anbringen. Aushalten, das es in genau diesem Moment eben mal nicht alles gut ist und das auch signalisieren. 

Das wäre vielleicht ein erster Schritt für mehr Verständnis. 

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Ein Gedanke zu „Es einfach mal nicht gut sein lassen“

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