Halb voll oder halb leer

Eine Bekannte von mir sagte neulich (in einem anderen Zusammenhang), sie sei eine „schreckliche“ Jugendliche gewesen. Sie habe die Nächte durchgefeiert und durchgesoffen, ihre Eltern hätten nicht gewusst wo sie ist und sie sei mit 17 Jahren schwanger geworden. Ein Paradebeispiel also einer „schwierigen“ Jugendlichen. Und trotzdem sei aus ihr etwas geworden.

Ich glaube nicht, dass ich eine „schwierige“ Jugendliche war. Ich war sehr angepasst. Ich kann nicht behaupten, dass ich keine einzige Nacht durchgefeiert hätte, aber es hielt sich sehr im Rahmen. Bevor ich 18 war, hatte ich viele Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Ich habe wenig gute Erinnerungen an meine Schulzeit, was das Soziale betrifft, meine Freunde waren daher hauptsächlich 1. jünger und 2. im Reitstall zu finden. Da war – manche mögen etwas anderes behaupten, aber bei uns war das so – wenig mit wilden Partys, dafür mehr mit morgens früh im Stall die Mistgabel schwingen. Und später, Schlag dass ich 18 Jahre alt wurde, interessierten mich Discos und durchfeiern nicht mehr, denn ab da war es ja erlaubt. Ich war noch nie ein nachtaktiver Mensch. Insofern also sehr „brav“. Meine Eltern wussten immer wo ich war. Es gab eine einzige Regel, was das Weggehen betraf und die hieß: Wir wollen wissen, wo Du bist und wie Du nach Hause kommst. Diese Regel leuchtet mir sehr ein und ich hielt mich stets daran (bis auf ein einziges Mal, das war aber wegen eines Missverständnisses und ich kann mich heute noch daran erinnern, wie panisch vor Sorge meine Eltern waren). Es war meinen Eltern immer wichtiger, dass ich in Gesellschaft nach Hause fahre, als dass ich auf die Minute pünktlich bin, auch hier gab es daher wenig Konfliktpotential. Und eigentlich war ich auch gar nicht auf Konflikte aus, eine sehr angepasste Jugendliche eben.

Wenn ich solche Geschichten höre, egal von wem, dann versetzt es mir immer wieder irgendwo tief innen drinnen einen Stich und ein Gefühl steigt in mir hoch, dass ich vieles versäumt habe, dass ich die besten Jahre meines Lebens habe verstreichen lassen, dass ich meine Jugend nicht ausgelebt habe, dass ich in irgendeiner Hinsicht meine Jugend verpasst habe. Das ist mir jetzt schon mehrmals passiert und ich frage mich, was eigentlich ich glaube verpasst zu haben. Warum wird diese Rebellion von mir so hochstilisiert? Was vermisse ich daran eigentlich? Das Wilde? Die Freiheit? Den ständigen Ärger? Die Rebellion? Oder eher die Gemeinschaft mit (gleichaltrigen) Freunden? Die Lebensfreude? Die Freiheit?

Ich habe jetzt mehrere Tage überlegt und heute dann schoss mir so ein Gedanke durch den Kopf, dass dieses Gefühl, etwas verpasst zu haben, bezogen auf viele Themen eine Tendenz von mir ist. Im Beruf, im Privaten, in der Liebe, in gesellschaftlichen Themen, in ganz alltäglichen kleinen Situationen. Ich kann mich zum Beispiel heute immer noch über die Party vor zwei Wochen ärgern, zu der ich nicht gehen konnte weil ich krank war. Und dann dachte ich mir, dass das doch eigentlich eine ziemlich traurige Einstellung ist. Dass es ja auch so viele tolle Dinge gab. Die durchfeierten Nächte zum Beispiel habe ich vermutlich mehr oder weniger während der Studienzeit aufgeholt, da hatte ich nämlich das soziale Netz, welches mir in der Jugend fehlte. Vielleicht waren meine „besten Jahre“ einfach nicht in der Schule, sondern im Studium. Vielleicht wäre es spannend, mal auf das zu schauen, was da ist und da war. Vielleicht habe ich nicht rebelliert, aber dafür andere Dinge getan, gesehen, erlebt. Und vielleicht wäre es doch irgendwie für mich und meine Seele entspannter, das auch anzuerkennen, mal den Fokus zu verändern.

Und vielleicht wäre ein erster Schritt dahin, den Fokus zu verändern, mal zu sehen dass das Glas nicht halb leer, sondern halb voll ist.

 

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