Die Leisen

Ich bemühe mich so sehr, ich habe es so sehr und so oft im Kopf und trotzdem sind es immer wieder die Leisen, die in der lauten schreienden Masse untergehen. Von drei Jungs, die ich zu betreuen habe, gibt es immer zwei, die so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dass der dritte einfach untergeht. Weil das ist ja der Unkomplizierte, Zuverlässige, Selbstständige, der kann ja schon alles. 

Eine etwas ältere Kollegin sagte mir mal in den ersten Wochen in denen ich arbeitete: Es sind nicht die Lauten, die die rebellieren, die die Schwierigkeiten machen, die traumatisiert sind. Die schreien so lange bis sie bekommen, was sie wollen, die kämpfen sich irgendwie durch, die können immerhin ihren Schmerz in irgendeiner Weise artikulieren. Es sind die Leisen, die Angepassten, die Stillen, die bei denen man denkt „läuft doch alles“, die wirklich Probleme haben und leiden. Das hat mich sehr beeindruckt, ich habe danach anders beobachtet und konnte es tatsächlich sehen. Es wurde zu einem Leitsatz meiner Arbeit, aber im Alltag scheitere ich dann doch jedes Mal wieder an der Umsetzung. Oft aus Zeitgründen, aber manchmal auch einfach, weil ich es schlichtweg vergesse, es aus den Augen verliere oder weil ich mich einfach nur ganz banal „über den Moment Ruhe freue, wenn die Schreihälse mal verstummt sind“.

So einfach und doch so schwer. 

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