Raus

Sie steht in der Arbeit, vor sich das Chaos. Zwei sich beschimpfende, beleidigende, mit dem Tod und was weiß ich noch bedrohende Jugendliche, Polizei, die restlichen acht Jungs, die aufgescheucht herumrennen, die beiden Kolleginnen, die mit all ihrer Kraft versuchen die Situation irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Sie fühlt sich ein bisschen wie in einem Film, eine Zuschauerin von außen, die beobachtet. Aber das ist okay, es hilft die Distaanz zu wahren, sich nicht zu verlieren. Sie sieht sich, sie sieht wie ihre Filmrolle komplett ruhig bleibt, ruhig und sachlich mit den Polizisten diskutiert, ruhig die nötigen Papiere, Ausweiskopien und was sonst noch so gefragt und verlangt wird übergibt. Sie sieht, wie sie Stück für Stück wieder den Überblick gewinnt, ihr fallen wichtige Details wieder ein. Sie ist voller Adrenalin, aber im Kopf vollkommen bei der Sache, konzentriert. Wenn es hart auf hart kommt, läuft sie zur Höchstform auf, das weiß sie schon lange. Auch wenn das Erlebte noch so schlimm sein mag, es tut gut zu handeln, sich zu bewegen, etwas zu tun. Jugendlichen Taschentücher und Polizisten Ausweiskopien zu reichen, jedem das was er braucht. Aufzuräumen, etwas zu tun, wieder Ordnung herzustellen. Das kann sie und sie bleibt dabei vollkommen ruhig. Mitten im Auge des Sturmes. 

An diesem Abend geht sie nach Hause und fragt sich, warum das, was in der Arbeit so wunderbar klappt, zuhause nie funktioniert. Wenn ihre kleine private Welt ins Wanken gerät, ist nichts mehr von der Ruhe und Klarheit zu spüren.  Es gibt keinen Plan, es gibt kein Auge des Sturmes, es gibt nur noch Sturm. Das Chaos ist in ihrem Kopf angekommen, sie ist nicht mehr Zuschauerin, sondern mittendrin. Es braucht nur den Flügelschlag einer Mücke und sie ist unfähig zu handeln, fühlt sich wie gelähmt. Sie weiß, sie sollte etwas unternehmen, handeln, irgendetwas aufräumen, sortieren, um wieder Ordnung in ihr Chaos zu bringen, schließlich kann sie das ja in anderen Situationen auch, schließlich funktioniert es ja auch in der Arbeit. Aber die Erstarrung lässt sie nicht los und so bleibt ihr nichts übrig außer die Augen zu schließen und abzuwarten bis der Sturm weitergezogen ist. So ging es viele Jahre und etliche Stürme lang. 

Bis zu diesem Abend, als sie sah und erkannte. 

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