Freizeit und freie Zeit

Vorletzte Woche unterhielt ich mich mit einer Kollegin aus einer Nachbareinrichtung, aus dem Backshop neben der Arbeit. Der Backshop ist eine Integrationsmaßnahme, insofern spreche ich da von Kollegin. Wir klagten uns ein bisschen gegenseitig unser Leid, viel zu viel zu viel (!!) Arbeit, zu wenig Anerkennung, undankbare Klienten, es wird quasi wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass man immer bereit steht und jedes AchundkannstDunochschnell… erfüllt und so weiter und wenn man abends nach Hause kommt fällt man nur noch völlig erschlagen aufs Sofa, unfähig auch noch einen Finger zu rühren. Sie sagte dann etwas, was mich sehr nachdenklich machte: Wenn man nicht mehr die Kraft hat, seine Freizeit mit schönen Dingen zu füllen, mit Dingen die mir gut tun, dann läuft schon irgendetwas falsch. 

Ich kenne solche Zustände, ich hatte sie schon oft und war erst jetzt wieder kurz davor, in solch einen Zustand abzurutschen. Wenn nichts mehr geht, wenn man sich zur Arbeit schleppt und dann nur noch wieder nach Hause. Wenn der Kopf zu voll ist für irgendetwas und sei es ein schönes Buch. Wenn selbst Termine in der Freizeit, eigentlich schöne, kraftgebende, positive Termine wie eine Stunde Gesangsunterricht oder ein entspanntes Treffen mit Freunden wie Stress anmuten, nur weil man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein „muss“, weil man dafür aufstehen und sich anziehen „muss“, weil man sich auf ein Gespräch konzentrieren „muss“. Wenn eine Woche vorbei ist und man sich erschrocken fragt: An welcher Stelle habe ich jetzt eigentlich gelebt?? Was habe ich für mich gemacht?? Ja, wenn man nicht mehr die Kraft hat, seine Freizeit mit schönen Dingen zu füllen. Ich beschloss an diesem Tag, dass mir das nicht schon wieder passieren würde, nie mehr, auch wenn ich quasi schon am Rand des Abgrundes stand und den Sog fast schon spüren konnte. Und auch wenn ich genau wusste, woher meine Magenschleimhautentzündung kam, die ich seit zwei Wochen mit mir herumschleppte. 

Und ich erinnerte mich an die Stunde zuvor bei meiner Therapeutin, in der es ebenfalls um Ansprüche und Perfektionismus ging. Ich hatte mich in dieser Stunde lange gewehrt einzusehen, dass es bei Perfektionismus um Anerkennung geht. Ich habe immer geglaubt, dass es ein Anspruch von mir an mich ist, alles möglichst gut zu machen, sozusagen „nach bestem Wissen und Gewissen“. Außerdem glaubte ich, dass es um mein „Lieblingsmotto“ ging:  „einer geht noch, einer geht noch rein…“, um die Fähigkeit Nein zu sagen also. Ich war der Meinung, ich bin halt der Typ, der unangenehme Situationen lieber irgendwie aussitzt start,einmal laut und deutlich Nein zu sagen, irgendwann geht alles wieder vorbei. 

Aber letzten Endes musste auch ich einsehen, dass es bei all dem Streben und Ackern und Aufopfern doch nur um Anerkennung vom außen geht und um Belohnung: Denn für wen veranstaltete ich dieses „einer geht noch“? Für mich? Geht es mir damit dann besser? Nein, es raubt mir ja im Gegenteil Energie, die ich dann in meiner Freizeit nicht mehr habe. Nein, die Anerkennung und Belohnung sollte, besser gesagt, sie muss (!) von etwas anderem her kommen. Nicht davon, dass man sich aufarbeitet. Oder Situationen nur aussitzt. Aussitzen, so habe ich auch gelernt, ist ein Mega-Energie-Räuber und so war es dann auch keine große Überraschung mehr, wo meine Energie hinfliesst (nämlich dahin, es allen anderen möglichst recht zu machen) und warum ich in meiner Freizeit keine mehr übrig habe. Vielleicht sollte es also in Zukunft etwas mehr darum gehen, es mir möglichst recht zu machen? 

Ich bezahlte meine Einkäufe und sagte zur lieben Kollegin, dass wir endlich lernen sollten nein zu sagen und Grenzen zu setzen, damit das Gegenüber überhaupt merkt, dass eine Grenze erreicht ist. Woher sollten die das denn sonst wissen, wenn wir immer alles stumm erdulden und mittragen?  Denn die Anerkennung findet von außen sowieso nur selten statt, darauf kann man sich nicht verlassen. Wenn aber etwas passiert, wenn tatsächlich mal einer zusammenbricht, dann wird nur aufgeregt gefragt: Warum hast Du denn nicht früher was gesagt?

Am Abend nach der Arbeit fuhr ich direkten Weges zum See. 

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3 Kommentare zu „Freizeit und freie Zeit

  1. meine erfahrung mit dem was für sich machen znd grenzen ziehen ist ja, dass das völlig ok ist für alle – man denkt immer nur, was die anderen denken oder sagen könnten. aber die nehmen das völlig gelassen hin….

    auf sehr viele „stunden am see“ für dich!! ❤️

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  2. Liebe Frau Ansku, danke für diesen Text. Da ich seit 4 Wochen wegen Burnout krankgeschrieben bin, kann ich bei jedem Satz nur nicken und alles genau so unterschreiben. Passen Sie auf sich auf. 🙂

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  3. Liebe Liesi, danke für den Kommentar. Ich tu mein Bestes. Ich denke es geht erstmal darum, die eigenen Grenzen (früher) wahrzunehmen. Ich wünsche Ihnen ebenfalls nur das Beste und schnelle Genesung!

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