Mit Papa in der Arbeit

Neulich führte ich zum gefühlt millionsten Mal mit einem Jugendlichen eine Diskussion darüber, warum die Jugendlichen so lange sie in unserer Clearing-Einrichtung sind, nicht in eine „normale“ Schule gehen, sondern in einem intern organisierten Deutschkurs. Erstens: Alter, kein Schulplatz für Jugendliche über 16 Jahre, sprich nicht mehr schulpflichtige Jugendliche, in München. Zweitens: Die Jugendlichen sollen erstmal gut deutsch lernen, dann haben sie es später leichter in der Schule (Berufsschule o.ä.). Drittens: es gehört eben zum Konzept, wegen erstens und zweitens und wir haben keine andere Möglichkeit. Ich kann natürlich verstehen, wie sehr sich die jungen Flüchtlunge eine „richtige“ Schule wünschen, das ist ja mit einer der Fluchtgründe und ich würde es selber natürlich jedem Jugendlichen wünschen alleine schön aus Gesichtspunkten der Integration. Aber leider, es geht nun mal nicht, zumindest nicht hier in der großen Stadt.  

Ich gab also mal wieder den Erklärbären, argumentierte, tröstete, zeigte Wege auf. Aber der Junge war hartnäckig. Er wollte doch so gerne auch Mathematik lernen, dafür braucht er doch eine Schule…! Ja, klar das verstehe ich, aber eben schau mal, wenn Du nicht gut deutsch verstehst, verstehst Du ja auch nicht, was der Mathematiklehrer erklärt… Wir drehten uns im Kreis, endlos, bis mir plötzlich etwas einfiel und ich zu dem Jungen sagte: Wie wäre es denn, wenn ich Dir jemanden finde, der mit Dir ab und zu ein bisschen Mathe lernt? Hier im Haus wohnen lauter Studenten, vielleicht hat von denen jemand Zeit und Lust…? Der Junge war einverstanden, wenn auch noch nicht überzeugt. 

Ich überlegte also, wen unserer Ehrenamtlichen ich fragen könnte. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war dass mein Vater, als ich die Geschichte beiläufig erwähnte als Beispiel für eines dieser Dauerdiskussionsthemen – wie gesagt, ich führte diese Diskussion jetzt in verschiedenen Ausführungen und Intensitäten bereits mit 999.999 Jugrmdlichen zuvor – , sofort darauf ansprang und sagte ER könne doch mit dem Jungen Mathe üben. Ja, warum eigentlich nicht? Mein Vater, der Diplom-Kaufmann. Wenn sich jemand mit Zahlen auskennt, dann er. Ich erinnere mich, welch große Probleme ich damals mit dem großen Einmaleins hatte und mein Vater hat es mir während eines Spazierganges auf dem zugefrorenen Kleinhesseloher See einfach so beigebracht, dass ich es danach konnte. Ein paar einfache Eselsbrücken und Zack, ist doch gar nicht schwer! Außerdem war er geduldiger als meine Mutter. 😉 Also vereinbarte ich mit ihm einen Termin, wann er kommen sollte. 

Die erste Nachhilfestunde klappte sehr gut, sowohl mein Vater als auch der Junge wollen weitermachen, einzig wir müssen noch ein paar Übungsbücher besorgen, meine schnell aus dem Internet ausgedruckten Übungsblätter reichten nicht lange. Das freut mich auf der einen Seite total, dieses Engagement von meinem Vater, es hat mich zugegebenermaßen auch etwas überrascht. Auf der anderen Seite ist es ganz schön komisch, meinen Vater mit in die Arbeit zu nehmen. Der Hauptgrund ist noch nicht einmal wegen mir, sondern dass den Jungs vor Augen geführt wird, dass ich meinen Vater einfach so in die Arbeit mitnehme, während ihre Väter weit weg, oder noch schlimmer vermisst oder tot sind. Das ist so eine Art schlechtes Gewissen, das ich schon einmal verspürt habe, als ich die ersten Male in den Urlaub fuhr. Einerseits dachte ich, die Jungs würden sich sicherlich über ein kleines Mitbringsel aus London freuen, denn sonst gibt es ja eher wenige Geschenke, andererseits hatte ich große Angst, dass genau so ein Mirbringsel aus London junge Flüchtlinge auch traurig machen könnte und sie wieder einmal darauf stoßen würde, dass sie selber keine Möglichkeit haben, tolle Reisen zu unternehmen, schon gar nicht nach London. So wie sie keine Möglichkeit haben, ihre Väter und sonstigen Verwandten in absehbarer Zukunft (oder vielleicht auch jemals…) wiederzusehen. 

Ich habe jetzt beschlossen, mich über die Hilfe und das Engagement meines Vaters zu freuen und ich glaube der Junge tut das auch. Ich habe beschlossen, jeden Tag verdammt glücklich und unfuckingfassbar dankbar zu sein, dass ich so privilegiert leben darf, in den Urlaub fahren kann und meine Liebsten immer um mich habe ohne mir Sorgen um sie machen zu müssen. Aber dennoch, das sind so die kleinen Gratwanderungen in meinem Job. Geben, ohne zuviel zu geben 

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