Weil’s menschelt

Oft beschleicht mich, nach 2,5 Jahren Berufserfahrung als Sozialpädagogin das Gefühl, dass meine Arbeit so ungefähr rein gar nichts mit dem zu tun hat, was ich im Studium gelernt habe, die Themen mit denen ich mich beschäftigt habe. Sooft ich auch hin- und herüberlege, ich finde wenig Anknüpfungspunkte zu den hohen im Studium gelernten Theorien, zu den Konzepten. Klar arbeite ich lösungs- und ressourcenorientiert, aber dabei habe ich weniger die gelesenen Bücher im Kopf als eher den gesunden Menschenverstand. Ich denke oft darüber nach, warum das so ist. Ich habe während meiner Zeit an der Uni wilde Diskussionen mitverfolgt zwischen Theoretikern und Praktikern. Es wurde darüber diskutiert, wie man das Studium noch praxisnaher gestalten könnte, um die Studenten auch wirklich auf das echte Berufsleben vorzubereiten. 

Heute stelle ich fest, es geht nicht. Es gibt keinen Weg, keine Möglichkeit, die mich besser auf die Praxis vorbereiten hätte können. Weil es verdammtnochmal eben die Praxis ist und weil es da einen großen unbekannten Faktor gibt, nämlich den Faktor Mensch. Der Mensch ist ein Individuum, jeder anders, jede Reaktion anders, manchmal auch tagesformabhängig. Was einmal funktioniert, kann in der nächsten Woche genau das Falsche sein und dann muss man wieder umschmeißen und nach anderen Lösungen suchen, oft auch eben sehr individuelle. Und das sind dann meistens nicht die Lösungen aus dem Lehrbuch, aber dafür die, die passen. 

Und ja, eben nicht nur dass ich mit Menschen zu tun habe, auch ich bin ein Mensch mit allen Facetten. Das ist der zweite Faktor, nicht so ganz unbekannt, sondern (hoffentlich!) einigermaßen reflektiert, aber dennoch mit Höhen und Tiefen, mit Stärken und Schwächen. Ich bin sicherlich auch manchmal „unprofessionell“ und ab und zu sogar ungerecht. Weil es auch unter den Jugendlichen Menschen gibt mit denen Ich etwas besser kann und solche, mit denen ich etwas schlechter kann. Genauso wie zu jedem Zeitpunkt auf der Straße, im Laden, in meinem eigenen Umfeld. Das ist nicht unprofessionell, sondern menschlich, einzig sich dessen nicht bewusst zu sein wäre unprofessionell. Ich werde auch manchmal laut gegenüber den Jungs, wenn mich etwas aufregt. Das tut mir dann später sehr schnell wieder Leid, aber es ist so. Und es geschieht meistens, weil ich mir ganz einfach aufgrund eines Verhaltens Sorgen um einen Jungen mache. Das ist nicht schön, noch weniger professionell oder streng nach Lehrbuch, aber es ist so. Weil ich mir dann wirklich Sorgen mache, weil mir der junge Mensch am Herz liegt.

Weil ich eben nur ich bin, nicht mehr und nicht weniger. Weil’s menschelt in unserem Job. 

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