Abgeschnitten

Ich stelle gerade fest, dass es teilweise ganz schön schwierig ist, mit Familie und Freunden über das zu sprechen, was ich erlebt habe. Über das Trauma. Nicht, weil ich nicht drüber sprechen möchte oder kann – darüber Sprechen ist gerade die einzige Art, nicht verrückt zu werden. Sondern weil mein Gegenüber schlicht überfordert ist und entweder gar nicht in der Lage ist, so ein traumatisches Ereignis nachzuvollziehen, oder ja, eben mit der Heftigkeit überfordert. Das nehme ich natürlich keinem übel, es ist für mich schwer zu verarbeiten und es ist sicherlich auch für andere Leute schwer, so etwas zu hören. Ich kann das von niemandem erwarten, das mitzutragen. Es geht mir also nicht um Vorwürfe, sondern nur darum, meine Gedanken und Gefühle zu beschreiben.

Die Reaktionen reichten von großem Verständnis und großer Anteilnahme bis zu teilweise auch recht drastischen Aussagen: Ob ich denn diesen Job auf Dauer machen wollen würde, es gibt doch sicherlich noch leichtere Jobs? Warum ich denn so viel in meinen Job investieren würde, mein Leben so sehr nach der Arbeit ausrichten würde? Arbeit sei doch dafür da, Geld zu verdienen und sich ein schönes Leben zu machen. Für mich war das definitiv der falsche Zeitpunkt, um über Work-Life-Balance zu diskutieren (auch wenn ich da sicherlich noch Optimierungsoptential habe, aber eben der Zeitpunkt). Denn erstens hätte ich mir vermutlich von vornherein nicht diesen Job ausgesucht, wenn es mir nur darum ginge mir ein schönes Leben zu machen. Und zweitens habe ich es mir in dieser Situation nicht ausgesucht, die Situation war einfach da, ich war zufällig anwesend und ich musste handeln. Hätte ich an dem Tag frei gehabt, hätte es eine/n meiner Kollegen getroffen. Natürlich haben die helfenden Berufe ein größeres Risiko, Zeuge solcher Ereignisse zu werden, aber theoretisch kann ein sekundäres oder indirektes Trauma jedem passieren, der beispielsweise zufällig als Ersthelfer an eine Unfallstelle kommt mit verletzten oder sogar toten Menschen. 

Ich kann natürlich auch die Sorge und Anteilnahme sehen, die dahinter steht, schließlich sind es meine Freunde. Aber dennoch hätte mir ein aufmunterndes Wort, ein „Du wirst schon sehen, in ein paar Wochen wird es besser und dann kannst Du wieder ganz normal deiner Arbeit nachgehen“ oder auch einfach nur ein Zuhören (!!) mehr geholfen als die Infragestellung meines Jobs, meiner Lebenseinstellungen und meines Selbst. Denn Normalität ist das wonach ich mich derzeit am meisten sehne, aber Reaktionen wie diese machen derzeit für mich sogar soziale Kontakte manchmal schwierig und anstrengend. 

Ich bin also inzwischen ein bisschen vorsichtiger geworden, wem ich was erzähle. Am besten kann ich derzeit mit meinen Kollegen sprechen und insbesondere mit der Kollegin, die bei dem Vorfall anwesend war. Sie kennen die Situation und können auch ansatzweise nachvollziehen, wie es mir geht, denn der erste Vorfall mit Jugendlichen war das ja nun nicht, wenn auch nicht in dieser Intensität. Ich bin also nicht vollkommen alleine. Auch sind solche Schwierigkeiten und Gefühle scheinbar in Situationen wie dieser normal, glaubt man der Fachliteratur. 

Und trotzdem – oder gerade deshalb, manchmal fühle ich mich momentan sehr alleine, irgendwie von meiner Umgebung abgeschnitten und fremd. 

(Aber auch das muss erwähnt werden, es geht etwas aufwärts, ganz ganz langsam. Die Anspannung und Angst weicht gerade einer großen Erschöpfung, aber das ist wohl nur ein Schritt in die richtige Richtung. Jeden Tag ein klitzekleiner Schritt.)

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