Mein Kartenhaus

Mein Kartenhaus wurde in seinen Grundfesten bereits vor etwa 20 Jahren erbaut. Zuerst waren es Kleinigkeiten, wie kleine Zahnstocher, die mich irritierten, die nicht ins Bild passten, die ich mir aber aufgrund meines damals noch so jungen Alters nicht erklären konnte. Um nicht aufzufallen, habe ich die Zahnstocher schnell zusammengefegt, bevor irgendjemand etwas merken konnte, und aus ihnen ein Gerüst gebaut. Aber sobald ich alleine war, haben sie weitergepiekst, also habe ich schnell eine neue Erklärung gefunden, warum die so ekelhaft pieksen und das Gerüst etwas umgebaut, damit es wieder passt. Das Pieksen war nicht sehr stark, deshalb war es mir kaum bewusst, aber das Gerüst half mir, das Pieksen zu sortieren und ihm einen Namen zu geben. Und es hielt mich, es machte das Pieksen weniger und erträglicher. 

Ich wurde erwachsen und mein Gerüst wuchs mit. Dann geschah etwas, eine Dame kam an meinem Haus vorbei. Hätte es außer Kreuz, Pik, Karo und Herz noch Mond gegeben, sie wäre Mond gewesen. Sie wirbelte das Gerüst komplett durcheinander. Es war für mich unvorstellbar, warum mein gutes altes Gerüst nicht mehr hielt, aber so sehr ich auch fegte und baute, es half alles nichts. Ich war ziemlich ratlos, erzählte auch ein oder zwei lieben Menschen von dem eingestürzten Gerüst, aber das, was unter dem Gerüst zum Vorschein kam, war für mich immer noch so unvorstellbar, es war kein Teil von mir. Also machte ich kurzen Prozess, fegte all die Zahnstocher weg, weil sie ja sowieso nichts mit mir zu tun hatten und fing an ein neues, ein stabileres, ein nicht so durchsichtiges Haus, ein Kartenhaus zu bauen. Das Haus war mein Schutz und meine Zuflucht, es hielt alles ab, was nicht zu mir gehört, alles was nicht in mein Welt- und Selbstbild passte. Es konnte nichts und niemand hineinkommen, den ich nicht im Haus haben wollte, und umgekehrt drang nichts hinaus, was ich nicht nach außen zeigen wollte. Es war perfekt, es war die perfekte Tarnung und es war wunderschön und bunt, mein Haus. Und dennoch, oft habe ich in meinem Haus gesessen und weinend mit diesen Stürmen gekämpft, die versuchten mein Haus zum Einstürzen zu bringen. Aber letzten Endes, wenn die eine Karte nicht mehr zog, wenn wieder einmal der König der Dame unterlegen war und das Haus drohte, an einer Ecke einzureißen, zog ich doch immer noch ein As aus dem Ärmel, schrieb säuberlich eine Erklärung drauf, warum das gar nicht sein konnte, denn schließlich schlägt ja der König die Dame und nicht umgekehrt, das weiß doch jeder. Und ich reparierte mit meinem As die schadhafte Stelle und alles war wieder gut.

Dann, irgendwann, kam eine besonders schöne Karte vorbei, ein König, ganz neu und strahlend. Die Karte war wunderschön und groß und handgearbeitet, kunstvoll gezeichnet, die Linien waren golden verziert. Ich war wie geblendet von dieser Karte, aber ich nahm sie begeistert auf und setzte sie ganz oben auf den Giebel meines Hauses, weithin sichtbar für alle Menschen. Sie sollte mein Beweis sein, dass eben doch der König die Dame schlägt, das weiß ich und das wissen alle und jetzt ist es auch endlich in meinem Haus fest verankert. Das war so großartig und all die Zahnstocher und all die akribisch beschriebenen Asse hatten sich endlich bezahlt gemacht. Der König hing dort am Giebel und war für mich unerreichbar, aber hey, egal, er war da. All die anderen Kartenhäuser in meiner Straße hatten einen König und jetzt endlich hatte auch meines einen König. Ich wusste damit, dass mit meinem Kartenhaus alles in Ordnung war. 

Ich habe auf diese Art und Weise mein Haus gepflegt und gewartet über so viele Jahre. Ich habe viel Zeit und viel Energie dafür geopfert, es war keine leichte Arbeit. Vor allem muss man extrem wachsam sein, denn wenn eine einzige Karte in meinem Kartenhaus einen kleinen Riss bekommt, kann das weitere Risse in anderen Karten nach sich ziehen. Ich pflegte also sorgfältig die Risse, ich behandelte sie und dichtete sie ab, so dass nichts hinein- und nichts hinauskommen konnte, was ich nicht wollte. Stets tat ich das heimlich, im verborgenen, nachts im Bett.

Doch dann, vor zwei Jahren trat wieder eine Karte, eine Herz Dame, in mein Leben, die ziemlich an meinem Kartenhaus rüttelte. Ich wollte sie in meinem Haus haben, aber dann doch wieder nicht. Ich kämpfte, mit ihr, mit mir, mit meinem so schön gebauten und strahlenden Haus. Es gab mehrere Erdbeben, das Haus wackelte bedenklich, aber es stürzte nicht ein. Ich ging zu verschiedenen Architekten und fragte, wie ich mein Haus denn in dieser Situation stabilisieren und gegen solch heftige Angriffe schützen könnte. Man riet mir, mich in mein Haus zurückzuziehen und zu überlegen, was ich wirklich will, ob ich das marode und baufällige Haus wirklich erhalten will oder ob ich nicht doch lieber ein Abrissunternehmen bestellen wollte. Ich entschied mich fürs Erhalten, denn hey! Was hatte ich all die Jahre gekämpft um das Haus zu erhalten. Um das nicht sehen zu müssen, was ich nicht sehen wollte, um eben gegen diese Angriffe geschützt zu sein. Sollte all diese harte Arbeit am Ende umsonst gewesen sein? Also arbeitete ich, härter als je zuvor und ich war ein weiteres Mal erfolgreich. Ich dichtete ab, ich reparierte, ich produzierte Asse am laufenden Band, um all die Karten zu überdecken, die etwas Gegenteiliges sagen wollten. Es wurden immer mehr Asse an den Wänden, auf dem Boden, auf dem Dach, überall. Aber nach einer Weile fühlte es sich wieder gut an, in dem Haus zu wohnen, oberflächlich gesehen war alles sauber und geordnet, ein As säuberlich neben dem anderen. Es war einheitlich, es gefiel mir sogar noch besser als vorher und ich konnte erleichtert aufatmen. Es war wieder ein gutes Kartenhaus, auch wenn die Schäden abends bei einem ganz bestimmten Lichteinfall noch zu sehen waren. Aber ich dachte bei mir, kein Problem, vielleicht wird das Haus ja noch stabiler und schöner, wenn endlich ein richtiger König, einer aus Fleisch und Blut in mein Haus einzieht. Eines Tages würde ich dann mit meinem König und all meinen Freunden vor meinem schönen, stabilen, glänzenden Haus sitzen und darüber lachen, wie lange das Haus in einem derartig baufälligen Zustand war. Dann wird alles gut sein. Und so lange ich auf den echten König warte, hatte ich ja noch meinen goldenen König auf dem Dachgiebel, auch wenn dieser im Laufe der Jahre schon an Farbe verloren hatte. Aber die Erinnerung an den goldenen Glanz war noch da und das gab mir immer noch die Gewissheit, dass mit meinem Haus so viel nicht falsch sein konnte. 

Vor einem Monat ist mein Kartenhaus eingestürzt. Einfach so. Es gab kein Erdbeben davor, keinen Sturm. Es war ein strahlender Frühlingsmorgen und ich erinnere mich noch, dass ein Flugzeug über mein Haus hinwegflog und ich ihm sehnsüchtig nachblickte. Der Fahrtwind streifte mein Gesicht und mein Haus und mein mühsam erbautes, gepflegtes, schönes und schützendes Haus ist einfach still und leise in sich zusammengesunken. Es traf mich völlig unvorbereitet und ich hatte kein As mehr im Ärmel, keinen Joker, nichts. Ich konnte nichts tun, nur zusehen wie das Haus ächzend und seufzend Stück für Stück nachgab und schliesslich in einem Haufen auf dem Boden vor mir lag. Ich machte mich weinend daran, wenigstens meinen schönen König aus dem Haufen zu retten, vielleicht könnte ich mit ihm ein neues, stabileres, noch schöneres Haus bauen. Ich kniete in all den vielen Karten und suchte und wühlte, tränenüberströmt, aber ich konnte den König nirgendwo finden. 

Nur die Herz Dame, die tanzte im leichten Frühlingswind über dem großen Haufen. 

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5 Kommentare zu „Mein Kartenhaus

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