Nach dem Nachtdienst II

Es ist mal wieder Nachtdienst-Wochenende. Ich verabschiede mich von der Kollegin im Frühdienst und verlasse das Haus, um den 8.33 Uhr Bus zu erwischen. Schnellen Schrittes gehe ich zur Haltestelle und stelle dann doch fest, dass ich zu früh bin. Während ich auf den Bus warte, entdecke ich im tristen Grau des Himmels und der Straße eine abgefallene Blüte, ein Farbklecks mitten auf dem Gehweg. So früh am Morgen hat man noch Zeit für solche Bemerknisse, schön. Ich bin etwas schläfrig, aber eigentlich nicht müde, die Jungs waren früh im Bett und ich durfte fast sieben Stunden schlafen. Dann kommt ein Teenie-Mädel, vielleicht 13 Jahre alt, sehr festlich angezogen und offensichtlich auf dem Weg zu einer Feier. Das einzige, was das Bild etwas stört, sind die Turnschuhe. Ich denke mir noch, ob das jetzt der letzte heiße Sch.eiss ist, diese Kombination, aber just in diesem Moment zieht sie ziemlich hochhackige High Heels aus einer Plastiktüte und zieht sie an. Ich muss innerlich grinsen. Plötzlich zieht sie die High Heels wieder aus und de Turnschuhe an und rennt wie von der Tarantel gestochen davon. Ich warte staunend ab. Nach ein paar Minuten kommt sie zurück. Sie kommt auf mich zu und fragt mich, ob der 132er schon da war. Nein, erwidere ich, und wir scherzen etwas, dass es normalerweise ja umgekehrt ist, dass immer wenn man es gerade NICHT braucht, der Bus pünktlich ist. Ich frage sie, ob sie zu einer Feier geht. Ja, antwortet sie, ihre Brüder haben Kommunion. Oh schön, sage ich, das wird sicher eine schöne Feier. Sie seufzt etwas und sagt, ja aber so viel Stress davor. Schade irgendwie, denke ich, dass so ein junges Mädel schon wegen einer Familienfeier gestresst ist, aber mei, man kann nie wissen. Sie versucht, sowohl Lederjacke, als auch die inzwischen wieder getauschten Turnschuhe in ihre kleine Plastiktüte zu quetschen, was nach einigen Mühen ansatzweise gelingt, zieht aber dann doch die Lederjacke wieder raus und zieht sie über ihren kurzen Bläser. Währenddessen erzählt sie mir, dass sie ihre Fahrkarte vergessen hätte, deshalb nochmal zurückrennen musste und sie könne ja in den High Heels schlecht rennen und ihre Strumpfhose sei heute morgen unauffindbar gewesen. Ja, Stress, sage ich und nicke verständnisvoll. Der Bus kommt und wir steigen ein. Wir sitzen nebeneinander, aber sprechen kein Wort mehr. 

Bei der Ubahn steigen wir beide aus und gehen runter zum Bahnsteig. Ich habe aus der letzten Heimfahrt gelernt und hole mir keinen Kaffee beim Bäcker und richtig, als wir auf dem Bahnsteig ankommen, zeigt die Anzeige, dass die nächste Ubahn in zwei Minuten kommt. Dieses Mal stimmt das. Das Mädchen fragt mich, wie sie von hier aus zur Messestadt fahren muss. Ich wundere mich etwas, dass sie bei einer Familienfeier alleine zur Feier fahren muss und dazu noch quer durch die ganze Stadt und zeige ihr den Weg auf dem Plan. Ich frage, ob sie dort schon einmal war, sie sagte ja, aber noch nie mit der Ubahn. 

Die Bahn kommt, wir steigen ein und fahren schweigend bis zu dem Bahnhof, an dem sie umsteigen muss. Ich wünsche ihr lächelnd eine schöne Feier, sie bedankt sich und ist weg. Ich frage mich grinsend, was wohl andere Fahrgäste aus so einer Konversation für Schlüsse ziehen würden, wenn sie so lauschen würden wie ich, zumal wir ja vorher nicht gesprochen haben. Ich wundere mich, wie viele Menschen so früh unterwegs sind und denke daran, dass ich auch einmal einen Blogpost über die Heimfahrt nach dem Nachtdienst von Sonntag auf Montag schreiben sollte. Da ist nichts mehr mit morgendlicher Ruhe, ich komme mir dann nach zwei Nachtdiensten immer vor wie ein Zombie, den die Ubahnstation verschluckt, während sie auf der anderen Seite vom Wochenende erholte, wache und für die Arbeitswoche durchgestylte Menschen wieder ausspuckt. Eine ziemlich skurrile Szenerie. 

Ich fahre noch zwei Stationen weiter, dann muss auch ich umsteigen. Aus Erfahrung weiß ich ja nun, dass der Bahnsteigkiosk am Umsteigebahnhof heute geöffnet hat und hole mir erstmal ein Frühstück. Leider steht dort eine lange Schlange, bis zu meinem Anschluss sind es vier Minuten. Ich stelle mich also bebend und hoffend an, aber trotz rennen und dabei mir-den-halben-Kaffee-über-die-Hand-schütten klappt es nicht mehr. Macht nichts, immerhin ist es schon nach neun Uhr, das bedeutet die nächste Ubahn kommt in zehn Minuten, nicht in zwanzig. Ich setze mich und trinke genüsslich meinen Kaffee, Nostalgie die Bahn kommt. 

Am Endbahnhif steige ich aus und gehe zur Straßenbahnhaltestelle. Mir ist ziemlich kalt und ich will endlich nach Hause. Ich habe die leise Hoffnung, dieses Mal etwas Zeit gutgemacht zu haben, durch mein geschicktes Manöver den Kaffee erst in der Ubahn zu holen, aber beim Blick auf die Uhr sehe ich, dass der Vorsprung nur minimal ist, ich bin gerade mal 10 Minuten früher zuhause. Als ich die Wohnungstür aufschließe und erschöpft meine Tasche fallen lasse, ist es 9:40 Uhr. 

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