Die Angst vor der Angst

Autofahren und ich, das war schon immer eine etwas unerfreuliche Geschichte. Kurz gefasst: Den Führerschein habe ich mich erst mit über 20 getraut zu machen, dann auch mit einigen versemmelten Prüfungen und noch mehr Tränen. Danach bin ich ein paar Mal gefahren, einmal mit dem uralten Audi meines Bruders alleine und das Auto ist mir mehrmals plötzlich mit auf der Straße mitten in der Fahrt abgestorben, dann ein paar Mal mit meinem Vater und leider auch mit viel Kritik und Verunsicherung. Tja und dann irgendwann fuhr ich halt gar nicht mehr. Für mehr als zehn Jahre. Immer wieder kam das Thema hoch und ärgerte mich sehr. Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren?

Letztes Jahr unternahm ich einen neuen Versuch. Ich habe eine Fahrstunde genommen, den Fahrlehrer kenne ich über mehrere Ecken, er gab mir die Stunde sogar kostenlos. Ich freute mich unglaublich, endlich Autofahren und gleichzeitig war ich unfuckingfassbar nervös. Die Fahrstunde lief dann dennoch gut, der Lehrer hatte wenig zu beanstanden. Wir vereinbarten, dass ich jetzt selber fleißig fahren sollte um nicht wieder derartig aus der Übung zu kommen. Ja klar, kein Problem, mach ich. Beschwöngt ging ich heim und berichtete von meinen Fahrkünsten. Dann bin ich ein paar Mal mit meinem Vater gefahren. Er fuhr mit mir sonntags auf einen leeren Parkplatz im Industriegebiet, dort durfte ich fahren. Ich war wieder verunsichert, warum traute man mir nicht zu normal auf der Strasse zu fahren. Und unfuckingfassbar ängstlich. Und es kam wie es kommen musste: obwohl wir nur im Kreis fuhren auf diesem leeren Parkplatz, war es furchtbar. Es hagelte Kritik. Weil ich die Kurve 2 km/h zu schnell genommen hatte. Weil ich zu weit links gefahren war, so dass wenn es Gegenverkehr gehabt hätte, ich diesen voll aufs Korn genommen hätte. Oder besser gesagt, auf die Kühlerhaube. Das ging dann so zwei oder drei Mal, danach fuhr ich nicht mehr. Und ärgerte mich wiederum jedes Mal, wenn es u.A. in der Arbeit erforderlich gewesen wäre, aber ich nicht konnte. Mich nicht traute. Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren?

Jetzt, nach immerhin nur einem Jahr, hab ich nochmal einen Versuch unternommen. Ich nahm wieder zwei Fahrstunden – dieses Mal teuer bezahlt bei einem anderen Lehrer, weil es mir vor dem Bekannten zu peinlich war einzugestehen, dass ich nie fahre. Beim ersten Mal war ich viel zu früh an der Fahrschule und musste erstmal eine Zigarette rauchen, um einigermaßen ruhig zu bleiben, beim zweiten Mal war es nicht viel besser. Wieder liefen die Fahrstunden gut. Der Fahrlehrer fragte mich, warum ich so nervös sei, es läuft doch alles gut. Nach zwei Stunden sagte der Lehrer, dass ich jetzt erstmal selber fahren sollte, allerdings darf ich ihn anrufen, wenn es weiterhin Probleme gibt. Ja klar, super, kein Problem. 

Es hat jetzt drei Wochen gedauert seit der Fahrstunde, es gab immer Ausreden. Krank, zu viel Arbeit, zu müde. Aber dieses Wochenende, dieses lange Wochenende wollte ich es endlich schaffen. Ausgemacht war, dass mein Vater und ich fahren und schon als ich aufwachte, könnte ich vor Aufregung kaum stillsitzen. Ich tigerte den ganzen Vormittag durch die Wohnung, wollte meinen Vater anrufen und legte doch immer wieder das Telefon weg. Was, wenn es genauso endet wie letztes Mal? Was, wenn auch dieser Versuch wieder zum Scheitern verurteilt ist? Wir sind dann gefahren, mein Vater und ich. Er hat ein paar  Dinge kritisiert, aber auch viel gelobt. Wir sind – das war ein toller Tipp des Fahrlehrers – lange gerade Strecken gefahren, hauptsächlich Landstraße. Es war alles sehr ruhig und sehr entspannt, vor allem auf der Rückfahrt konnte ich mich endlich entspannen. Und doch wachte ich heute morgen wieder mit Kopfschmerzen auf, weil ich wusste, dass ich heute Nachmittag wieder fahren werde. Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren? 

Und da verstand ich plötzlich: Es ist die Angst vor der Angst. Ich kann mich einen halben Tag vor dem vereinbarten Fahrtermin aufregen bis ins Unermessliche, aber wenn ich dann 15 Minuten gefahren bin, ist alles gut. Ich kann aufwachen mit dem Wissen, dass ich heute Nachmittag irgendwann fahren werde und schon beim Kaffeetrinken Kopfschmerzen vor Nervösität haben. Ich kann aber auch im Auto sitzen und innerlich juchzen vor Freude, weil Autofahren so viel Spaß macht. Und ich kann mich zum 5000sten Mal fragen: Warum kann ich nicht einfach wie andere Menschen auch ins Auto steigen und von A nach B fahren? Wird das jemals, irgendwann normal werden? Um dann, nach der Fahrt, zwar ziemlich erschöpft, aber auch glücklich auszusteigen, weil es mit jedem Mal doch ein winzig kleines Stückchen mehr Normalität wird. 
Wenn die Angst vor der Angst nicht wäre. 

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9 Kommentare zu „Die Angst vor der Angst

  1. Ohje, ich kann mich erinnern, dass das für dich damals nicht so einfach war mit der Fahrprüfung. (Und wenn du dich erinnerst: ich und das Autofahren, wir haben auch nicht soooo gut zusammen gepasst.)
    Bei mir war es meine Mutter, die mir vermittelt hat, dass ich es auch nicht kann. (Nee, lass mich lieber fahren, ich will nicht das DU fährst…) Mein Vater war etwas entspannter. Aber da wir ja auch nur ein Auto hatten und hier auf „dem Lande“ ja auch nicht so viel Verkehr ist, hatte ich nie wirklich Fahrpraxis, der Gedanke, nach HH in die Innenstadt zu fahren, hätte mir die Schweißperlen auf die Stirn getrieben.
    Im Endeffekt hat F. mich einfach fahren lassen, einfach durch die Stadt etc. Mittlerweile „traue“ ich mich das auch alleine, auch unbekanntere Strecken.
    Vielleicht ist dein Vater auch nicht die richtige „entspannte“ Begleitung und du solltest mit jemanden anderen fahren. Oder ganz alleine?

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  2. Das mit dem Parkplatz ist blöd gelaufen, das hab ich meinen Vater auch gesagt. Grundsätzlich aber war ich vor den Fahrstunden genauso aufgeregt, ich glaube also nicht dass es auf die Person ankommt. Und naja, ich „darf“ heute alleine fahren, und find’s grad fast noch furchtbarer. Mal sehen…

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  3. Fahr allein. Vielleicht ein Carsharing-Auto oder schau nach günstigen Mietwagen Angeboten übers Wochenende. Lieblingsmusik mit ins Auto und los. Es hilft Dir überhaupt nicht, wenn Dein Vater neben Dir sitzt und Dich laufend kritisiert. Zwei Fachleute haben Dir gesagt, dass Du gut fährst. Also leg los, Du schaffst das! 😘

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  4. Um ehrlich zu sein, ich finde den Gedanken ans alleine fahren grad noch schrecklicher als die Kritik von wem auch immer. Aber ich muss heute Nacht arbeiten und hab mir vorgenommen später alleine in die Arbeit zu fahren und ich schaff das schon irgendwie. Danke! 😘

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  5. Hallo!
    Ich kann das sehr gerne nachvollziehen. Schon immer fahre ich äußerst ungern Auto und ich kann die Strecken, die ich mit dem Auto zurückgelegt habe, an zwei Händen abzählen. Aber mir hilft es alleine zu fahren. Mit Beifahrer ist es ganz schwierig. Selbst mit meinem Freund (die geduldigste, sensibelste und verständnisvollste Person, die ich je getroffen habe) fahre ich nicht. Und er kritisiert absolut gar nicht. Von daher kann ich dir auch nur raten es alleine zu versuchen und dann häufiger.
    Ricarda

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  6. Vielen Dank für all Eure lieben Kommentare. Es ist wie so oft, Bloggen ist die beste Therapie. Alles einmal aufschreiben hilft. Ich hatte heute vor, alleine in die Arbeit zu fahren (ich habe heute noch Nachzdienst) und ich hab es geschafft. Es war wie immer davor furchtbar, den ganzen Tag war ich keine Minute entspannt. Wie gesagt, der Gedanke ans alleine fahren war für mich fast noch furchtbarer, aber ich hatte auch irgendwie das Gefühl, dass es jetzt mal passieren muss. Und heute ist ja wegen Feiertag wenig Verkehr, die Strecke kenne ich, ich bin sie sogar einmal neulich mit dem Fahrlehrer gefahren, allerdings da auf die Autobahn. Das hab ich mir heute dann doch verkniffen. Ich habe beim Einsteigen Rotz und Wasser geheult und nach dem „Einparken“ in die 20m große Parklücke erstmal fünf Minuten heulend im Auto gesessen, aber ich hab es für dieses eine erste Mal geschafft. Es ging alles gut, eine Ampel hab ich bei rot überfahren, weil ich mich verschätzt habe und dachte ich schaff es nicht mehr zu bremsen bzw ich erwisch die noch. Dafür habe ich dann bei der nächsten gelben Ampel eine Vollbremsung hingelegt.
    Jetzt hoffe ich dass der Weg morgen früh zurück ein Stückchen entspannter wird und danieder Mal ein bisschen mehr Normalität. Vielleicht. Hoffentlich.

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