Nachmacher!

Gestern las ich in der aktuellen Flow einen Artikel, der mich sehr beeindruckt hat, ein Plädoyer fürs Nachmachen. Es wird dafür plädiert, dass das Nachahmen anderer Personen, egal ob es um Verhalten, Lebensstil oder Gegenstände wie Möbel oder Kleidungsstücke geht, völlig normal ist. Für Kinder gilt das als allgemeines Credo, die Kleinen lernen, indem sie andere Menschen imitieren, aber sobald man erwachsen wird, erwächst da ein Anspruch, immer und stets individuell und einzigartig zu sein und sich aus der Masse abzuheben. Das erzeugt einen ungeheuren Druck, dabei ist es inzwischen in unserer Massen- und Konsumgesellschaft fast schon unmöglich, etwas ganz und gar individuelles zu tun, etwas was kein anderer tut oder hat oder besitzt. Selbst die selbsternannten „Alternativen“ und „Individualisten“ haben sich ihre Ideen irgendwo her abgeschaut. Es wird dargestellt, dass auch Künstler ihre Inspiration nicht aus dem Nichts nehmen, sondern sich mit offenen Augen durch die Welt gehen, von anderen Künstlern inspiriert werden oder auch einfach etwas aus der Natur übernehmen. Die „Kunst“ des Künstlers läge dabei dann darin, nicht einfach nur zu kopieren, sondern dabei etwas Eigenes mit reinzubringen, verschiedenes „abgeschautes“ miteinander zu kombinieren, aber das Nachahmen an sich ist etwas völlig normales. Auch für Erwachsene.Ich fand den Artikel großartig und das, obwohl ich die Flow normalerweise für ein Magazin der Küchenpsychologie halte und ihr nicht viel abgewinnen kann. Unter Umständen mag das allerdings daran liegen, dass ich bei diesem Thema selber eine „kleine“ Baustelle habe: In der Grundschule hatte ich eine beste Freundin, mit der ich vieles teilte, die Liebe zu Pferden und zu allem, was mit Pferden zu tun hatte. Was sie aber partout nicht teilen wollte, war das Gefühl, etwas Einmaliges zu besitzen. Sprich, die meisten unserer Streits gingen darum, dass ich nicht dieselben Dinge haben „durfte“ wie sie. Nicht dieselben Barbie-Pferde, nicht dieselben Bücher, nicht dieselben Bibi und Tina-Hörspiele. Was sehr schwer ist, wenn man nun einmal auf dieselben Serien und dieselben Bücher fixiert ist, gerade als Kind. Noch dazu kam, dass sie aus einer wohlhabenderen Familie stammte und daher dann auch innerhalb kürzester Zeit nicht nur ein paar, sondern sämtliche Bibi und Tina-Folgen, sämtliche Wendy-Bücher und sämtliche Bille und Zottel-Bände besaß, während ich mich mit ein oder zwei begnügen musste und noch deswegen einstecken musste.

Ich denke, das sind Kinderquerelen (Kinder können so grausam sein…), wir sind heute noch sehr gute Freundinnen, aber geblieben ist aus dieser Zeit doch immer ein schales Gefühl, wenn ich etwas – ganz egal, ob es sich dabei um ein Kleidungsstück, ein Accessoire, ein Buch, ein Verhalten oder etwas anderes – an einer Freundin oder an einer anderen Person toll fand und das auch haben wollte. In meiner Teenager-Zeit habe ich das betreffende Produkt dann meistens heimlich gekauft und nur zuhause benutzt, erst später habe ich verstanden, dass das natürlich keine Dauerlösung ist. Ich habe dann einfach offen ausgesprochen, dass mir das jeweilige Teil sehr gut gefällt und ich das auch haben möchte. Aber das Thema begleitete mich auch in der ersten Zeit des Erwachsenseins: Ich spürte Individualität einerseits als große Chance und wünschte mir zeitweise sogar, etwas zu tun, zu sein, zu haben oder zu können, was keine andere Person hat, gleichzeitig empfand ich Individualität aber auch als großen Druck. Denn woher nimmt man die Ideen, um 24/7 individuell und anders zu sein?

Irgendwann dann, vor ein paar Jahren, kam mir dann diese Erkenntnis, die auch im Artikel als zentraler Punkt dargestellt wird: Denn seien wir mal ehrlich, fast alles, was wir besitzen oder tun oder wie wir uns verhalten, ist irgendwo her abgeschaut. Und als ich das plötzlich so ohne diese Scheuklappe betrachten konnte, fiel mir auch auf, dass gerade mein Verhalten und meine Sprache sehr affin für Nachahmung sind, dass ich, wenn ich intensiv mit Personen zusammen bin, die ich mag und die mir wichtig sind, sehr viel von deren Verhalten und auch Sprache übernehme. Teils bewusst, teils unbewusst. Ich habe das umgekehrt dann auch bei anderen Personen beobachtet und finde, es fühlt sich eigentlich ziemlich gut an, so zusammenschweißend. Mit dem Nähen fing ich an, weil plötzlich meine halbe Internet-Filterbubble Bilder ihres selbstgenähten Schnickeldi postete. Mein Geschirr ist mit Blümchen und Röschchen und Rosa, weil plötzlich einige Jahre später meine halbe Internet-Filterbubble Bilder von rosa Geschirr postete und ich da dann sehr affin war. 😉 Und ich stellte fest, dass es schön ist, es erzeugt ein Gefühl der Gemeinschaft, es verbindet, gerade „gemeinsame“ Gesten und Worte. Es erzeugt neue Themen über die man sich austauchen konnte.

Und trotzdem, es fällt mir auch heute noch schwer, da ist immer noch ein kurzer innerlicher Moment des Zögerns, wenn ich etwas kaufe, was andere Menschen bereits so oder so ähnlich haben. Und davon gibt es natürlich viel, wie schon gesagt, dieses Gefühl ist also ein ständiger Begleiter. So wie neulich, als mir die graue Jeans meiner Kollegin so gut gefiel und ich mir dann tatsächlich doch eine graue Jeans bestellte „nur zum Ausprobieren“, die mir dann – zu meiner eigenen Überraschung – wirklich ziemlich gut stand. So wie an dem Tag, als ich die Jeans das erste Mal in der Arbeit trug und kurz überlegen musste, ob es meinen Kollegen auffallen würde und was sie dann von mir denken würden. Nachmacher!

Aber ab heute werde ich dann sagen: Ja, und das ist gut so. 

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