Nach dem Nachtdienst

Es ist Sonntagmorgen, 8:30 Uhr. Ich verlasse das Haus nach dem Nachtdienst. Zwei Jugendliche sind schon wach, der eine will gerade aufbrechen zu seinem Bruder. Ich verabschiede mich von der Kollegin und den Jungs und verschwinde dann schnellen Schrittes, um nicht mit dem Jugendlichen zusammen im Bus fahren zu müssen. Der Jugendliche ist ein toller Junge, ganz ehrlich, aber ich bin ziemlich müde und möchte im Bus nicht reden müssen. Draußen ist es wolkig und kalt, als ich zur Bushaltestelle haste. Angeblich soll das heute noch besser werden, so schön sonnig wie gestern. Es ist mir gerade egal, ich will heute sowieso nur schlafen. Ich überprüfe kurz im Smartphone, wann der nächste Bus kommt und beschleunige meinen Schritt. So nervig das Heimfahren vom Nebenjob auch ist, weil es eine Stunde dauert, aber ich mag diese morgendliche Stimmung, die Stille in der Stadt, die leeren Straßen, das Gefühl, dass die Welt mir gehört, sehr. Diese Ecke von München wirkt zu alldem nochmal verschlafener, beinahe dörflich. Große alte Häuser, kleine Geschäfte, dazwischen Kirchenglocken. Gerade als der Bus kommt, biegt auch der Jugendliche um die Ecke, Pech gehabt, jetzt muss ich doch Konversation betreiben. Wir sind beinahe die einzigen Fahrgäste und die einzigen, die sich unterhalten. An der Ubahnhaltestelle steigen wir aus und ich gehe zum Bäcker, um mir Frühstück zu holen. Der Jugendliche geht direkt zur Ubahn und verabschiedet sich. Beim Bäcker bekomme ich zu Palmsonntag einen kleinen gebackenen Esel geschenkt, wie nett. 

Als ich dann ebenfalls die Treppen hinuntergehe zur Ubahn, höre ich gerade eine Bahn einfahren, aber ich erwische sie nicht mehr. Mist, aber gut, immerhin habe ich Kaffee. Auf der Anzeige steht, dass die nächste Ubahn in zwei Minuten kommt. Das wäre sehr schön, aber um diese Uhrzeit doch recht unwahrscheinlich. Das Gleis ist beinahe menschenleer. Ich setze mich, packe mein iPad aus und spiele Puzzles. Etwa zwei Minuten später, eine Ubahn ist natürlich nicht in Sicht, ertönt neben mir plötzlich eine Kinderstimme: Spielst Du Puzzle? Ich blicke auf und sehe in das Gesicht eines blonden, bebrillten Jungen, der sich sehr für mein iPad interessiert und seine Finger kaum noch bei sich behalten kann. Er fragt, ob er zuschauen dürfe. Ich blicke nach oben und sehe in das Gesicht der dazugehörigen Mutter, die sich entschuldigt und sagt, dass ihr Sohn sehr direkt sei. Ich bin zuerst etwas angesäuert, ich hatte mich so auf Ruhe gefreut, aber dann sage ich doch, das sei schon okay. Irgendwie habe ich Gefallen an dem Jungen gefunden. Schon gibt der Knabe Tipps, welches Teil wohin passen könnte. Das rote dahin, schau! Ich schiebe das rote Teil an die angegebene Stelle, aber es passt nicht. Genauso ergeht es uns noch mit ein, zwei weiteren Teilen, dann kann der Junge seine Finger endgültig nicht mehr im Zaum halten und fasst mir ins iPad. Die Mutter entschuldigt sich abermals, zieht ihren Sohn weg und drückt ihm ihr eigenes Smartphone in die Hand. Ich schaue auf das Handy des Jungen und frage, welches Spirl er denn nun spielt. Die Muttee antwortet, World of Minecraft, der Sohn wiederholt in tadellosem Englisch und zeigt mir stolz seine Häuser, die er schon gebaut hat. Ich erkenne absolut nichts auf dem Bildschirm, äußere aber bewundernde Worte. Die Mutter sagt, dass sie das Spiel nicht verstehe, aber Hauptsache die Kinder verstehen es. Dann fragt sie mich, ob ich schon länger warte. Ich verneine und blicke auf die Anzeige, immer noch zwei Minuten. Okay, also irgendetwas stimmt hier nicht. Ich stöhne auf und sage, dass ich doch endlich nach Hause möchte. Der Junge fragt irritiert, warum nach Hause? Wir kommen etwas ins Plaudern, ich erzähle, dass ich gerade vom Nachtdienst komme und wo ich arbeite. Die Mutter sagt, sie seien etwas in Eile, sie müssten in die Kirche. Der Sohn habe Kommunion und da müssten sie ja jeden Sonntag in die Kirche, ganz besonders zu Palmsonntag und Ostern. Und jetzt seien sie zu spät, weil auf hätten nochmal von der Bushaltestele zurück nach Hause gemusst, der Klassiker, brennende Kerze auf dem Tisch vergessen. Dann geht sie weg, um auf den Fahrplan zu schauen und zu telefonieren. Der Junge schaut mir wieder beim Puzzlen zu, dann blickt er mir lange in die Augen und fragt, was ich an den Augen habe, ob das eine Behinderung sei. In diesem Augenblick kommt die Mutter zurück und entschuldigt sich abermals für die direkte Art ihres Sohnes. Ich sage, dass es mir lieber so rum ist als andersrum und erkläre dem Jungen die Sache mit meinen Augen. Die Frage nach der Behinderung verneine ich, ich mag das Wort nicht schießt es mir durch den Kopf. Warum können Menschen nicht einfach sein, warum muss es für alles einen Namen geben, warum muss alles klassifiziert und in Schubladen gesteckt werden. Warum lernen Kinder Kategorien wie behindert und nicht behindert, warum sagen wir nicht einfach: A. kann nicht laufen und B. kann nunmal nicht sehen, so ist das halt. Fertig. Noch während dieser Gedanken sagt die Mutter, dass sie jetzt doch den Bus nehmen, die Ubahn kommt erst in 10 Minuten, das sei für sie langsamer. Wir verabschieden uns. Ich bleibe sitzen, denke nach über diese Begegnung mit Mutter und Sohn, über die vergangene Nacht, über den Jugendlichen, der ganz dringend Trost und Nähe brauchte, übers Bloggen. Der Bahnsteig füllt sich etwas, die Ubahn fährt ein. 

Am Odeonsplatz steige ich um und bemerke zu meinem Erstaunen, dass der Kaffeeshop auf dem Bahnsteig geöffnet hat. Kurz zieht es mich nach einem zweiten Cappuchino, ich bin nach zwei Nachtdiensten echt k.o., aber dann gehe ich doch lieber zur anderen Ubahn, ich will jetzt wirklich endlich nach Hause. Dieses Mal ziehe ich für die Fahrt die neue Ausgabe der Flow aus meiner Tasche. Ich mag die Zeitschrift normalerweise nicht, meiner Meinung nach enthält sie zu 99% Binsenweisheiten und Küchenpsychologie. Aus irgendeinem Grund habe ich sie aber gestern doch gekauft und schlage sie jetzt auf. Die Konzentration fällt mir schwer, müde wie ich bin, aber ich entdecke einen sehr interessanten Artikel, ein Plädoyer für mehr Nachmachen. Ich finde in dem Artikel viele meiner Erfahrungen wieder, vielleicht ein anderes Mal mehr dazu. 

An der Endhaltestelle steige ich aus, es ist inzwischen 9:30 Uhr. Ich staune immer wieder, wie lange man für diese Strecke brauchen kann, aber ich habe vermutlich wohl doch 15-20 Minuten auf die Ubahn gewartet. Ich steige die Treppe hoch, mir ist so schon kalt und draußen ist es noch kälter. Aber trotzdem, immer noch, ich mag diese besondere unberührte Stimmung und lausche den Geräuschen des Frühlings, dem Singen der Vögel. 

9:45 Uhr. Ich gehe meine Straße entlang, ein kleines Mädchen, vielleicht ein oder anderthalb Jahre alt, schiebt ihren Puppenbuggy vor sich her, daneben der Vater, ein alter Mann mit Hund bleibt stehen und beugt sich zu dem Mädchen runter. Ich lächele, dann verlasse ich diesen grauen, verträumten Morgen, die frische, unberührte Stimmung und schließe meine Haustür auf. Ich bin zuhause. 

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