Tagebuchbloggen August ’15

Jeden 5. des Monats fragt Frau Brüllen: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Hier also mein 5. August 2015:

Die Nacht dieses Monatsfünften ist wie die drei Nächte davor auch schon bescheiden. Ich schlafe unruhig, träume wild und in den Morgenstunden gesellt sich wie ebenfalls schon die Tage zuvor ein leichtes Magengrummeln dazu. Ich nicke immer wieder ein und wache wieder auf, bis schließlich um 8.45 Uhr wildes gehämmere die Nacht endgültig beendet. Die Freundin hat eine SMS geschickt, dass sie mich zusammen mit ihrem Freund doch Zuhause abholt, nicht wie verabredet am See trifft, das ist nett. Ich fühle mich wie erschlagen, aber zwei (koffeinfreie) Cappus sind dann doch irgendwie Placebo genug, um auf die Beine zu kommen. Also packe ich meine Tasche für ein Frühstückspicknick am See, bestelle ein Medikament für meinen Jugendlichen bei der Apotheke und versuche zum 10.000sten Mal, das Ausländeramt und zwei Einrichtungen zu erreichen. Einer meiner Jugendlichen macht gerade Probleme, es ist höchste Zeit, dass er umziehen kann in eine andere Einrichung, aber das gestaltet sich in diesem Fall so unfuckingfassbar schwierig, dass ich mir Arbeit mit nach Hause genommen habe, obwohl ich heute Nachtdienst habe und eigentlich tagsüber frei hätte. Gegen 10.30 Uhr klingeln Freundin und Freund und ich lasse die Arbeit erstmal für zwei Stunden Arbeit sein. Am See ist es wunderbar ruhig und leer, München im August ist so chillig, da brauche ich keine Fernreise. Wir verzehren ein leckeres Frühstück mit Gurken-Paprika-Tofu-Salat, Käse und Walnuss-Chiabatta, danach sinken wir aller ermattet auf unsere Handtücher für ein Mittagsschläfchen. Als wir wieder wach werden, schwimmen die Herzfreundin und ich einmal quer durch den See. Das tut so gut, mal wieder eine längere Strecke schwimmen und wir haben auch endlich Ruhe zum Quatschen. Die Freundin bestätigt ebenfalls, dass es sich fast anfühlt wie Urlaub, aber bevor zuviel Urlaubsöstimmung aufkommt, muss ich dann doch wieder an die Arbeit. Als wir nach einer langen  Zeit aus dem Wasser kommen, ist es schon nach zwei Uhr und auf dem Handy blinken mir diverse Anrufe der Kollegen entgegen sowie die Nachricht, dass genau der Problemjugendlich, von dem wir s. oben sprachen, ein Vorstellungsgespräch hat. Ich rufe sofort zurück, ich kann es gar nicht glauben, aber der Kollege bestätigt mir, dass es wahr ist. Dann fragt er, da sie eh gerade Teamsitzung machen, ob ich etwas dazu beitragen wolle und schlägt vor, eine Telefonkonferenz zu machen, aber ich lehne kichernd und dankend ab. Dann muss ich heim, auch wenn diese gute, diese sehr gute (!!!!) Nachricht mir einen weiteren Telefonmarathon heute Nachmittag erspart, bleibt dennoch genug zu tun. Ich verabschiede mich von Freundin und Freund und radele nach Hause, nur um von dort gleich wieder aufzubrechen zur Klinik, um das Rezept zu holen. Es ist 15.20 Uhr. Zur Klinik muss ich einmal durch die Stadt, die Fahrzeit pro Strecke beträgt 40 Minuten – das wird alles als Überstunden aufgeschrieben, tröste ich mich. Wegen Baustellen und Tram-Ersatzverkehr muss ich das letzte Stückchen zu Fuß laufen, aber das macht nichts, ein kleiner Spaziergang durch Untergiesing – eines meiner liebsten Stadtviertel – ist bei diesem Wetter auch sehr nett. Auf dem Rückweg fällt mir ein, dass irgendjemand heute Mittag etwas von Kirschkuchen getwittert oder in meine Instagram-Timeline gepostet hat und ich bekomme plötzlich großen Hunger auf Kirschkuchen. Also steuere ich die nächste Bäckerei an und belohne mich für das ergatterte Vorstellungsgespräch. 😉 Es wird dann zwar eine Himbeerschnitte statt Kirschkuchen, aber das leicht säuerliche Aroma der Himbeeren ideal erfrischend, dass das mindestens genauso gut ist wie Kirschkuchen. Ich esse also meine Himbeereschnitte unverzüglich und auf dem U-Bahnsteig mit bloßen Fingern und es ist wunderbar. Als nächstes hole ich für mein Kind ein bestelltes Wörterbuch im Buchladen ab sowie einen Sprachführer für Myanmar für meine Mama. Danach kaufe ich ein, hole endlich das Medikament in der Apotheke ab und kann dann gegen 18 Uhr endlich nach Hause. Leider nur ist der Tag damit noch nicht vorbei, auf mich wartet ja noch ein Nachtdienst.

Eigentlich hätte ich auch zuhause noch eine Menge zu erledigen, aber einmal auf dem Sofa angelangt, nicke ich kurz ein. Ich ärgere mich kurz, dass gerade wieder so viel Privates hinter dem Job zurückbleibt, aber dann denke ich mir, dass die Nacht noch kurz genug wird und mache nochmal einen kurzen Powernap. Danach reicht die Zeit gerade noch, um mir etwas zu essen zu machen, das gröbste Chaos zu beseitigen, Einkäufe zu verräumen, den Herrmann zu versorgen (ja, er lebt noch – und ich bekam ihn sogar von meiner Mutter…) und zu duschen. Ich gieße die Blumen, plaudere noch kurz mit der Nachbarin die mich arg wegen des anstehenden Nachtdienstes bemitleidet („ja, ne, nicht im eigenen Bett schlafen, das ist ja nichts!“) und sollte dann eigentlich los, alleine der Gedanke, jetzt vom Sofa aufzustehen, lässt mich noch tiefer in enenjenem versinken. 😉

Als ich es dann endlich zur Arbeit geschafft habe, machen der Kollege und ich Übergabe. Danach will er eigentlich gehen, aber dann stehen wir doch noch 10 Minuten mit drei der Jungs draußen und quatschen. In der Küche wird es laut, zwei der Jungs sind ziemlich aufgekratzt und machen eine Kissenschlacht. Im Fernsehen läuft Fußball. Ich verziehe mich ins Büro, lese das Teamprotokoll nach und räume etwas auf. Plötzlich wird es draußen laut, ich renne vor’s Haus und sehr zwei der Jungs auf dem Vorplatz wie von der Hornisse gestochen mit den Fahrrädern herumrasen. Ich schreie, dass sie aufhören sollen, aber werde vollkommen ignoriert, der Dritte im Bunde steht in der Tür und lacht mich aus. Die Jungs verschwinden Richtung ubahnhof und ich gebe Ihnen nach um zu verhindern, dass es einen Unfall mit von der Ubahn kommenden Passanten gibt. Doch ich warte vergebens. Als ich wieder zurückkomme in den Gruppenraum, herrscht großes Gekichere. Schließlich finde ich den Grund dafür heraus, einer der Übeltäter hat sich hinter dem Kühlschrank versteckt und rennt erneut vor mir weg in sein Zimmer. Ich folge ihm und schimpfe ihn erstmal richtig doll aus, weil ich sehr aufgeregt bin. Sekt kleinlaut beteuert er schließlich, mich nicht gesehen und gehört zu haben, was ich ihm aber nicht abnehme. Fünf Minuten später kommt er nochmals ins Büro und entschuldigt sich mehrmals und sehr beschämt. Ich sage, dass alles wieder gut ist, er hat sich ja entschuldigt.  Wir gehen in die Küche und ich fange an, die Spülmaschine auszuräumen. Meine Predigt scheint nachhaltig Eindruck gemacht zu haben, es ist immer noch Gesprächsthema. Ansku ist sauer! Ich spreche kurz mit dem zweiten Übeltäter und sage dann für alle, dass wir das geklärt habe und dass es jetzt gut ist. Dann kümmere ich mich um die Putzdienste. Gegen 23 Uhr spreche ich schließlich mit meinem Problemfällchen und informiere ihn über den Termin am Freitag. Dann gehe ich kurz vor die Tür und treffe dort nochmal meinen Fahrrad-Spezialisten. Ich sage ihm, dass es mir leid tut, dass ich ihn so heftig angeschrieen habe, und erkläre, dass ich so reagiert habe, weil ich Angst hatte. Wir versöhnen und wieder mit vielen Umarmungen.

Auf meinem Handy sehe ich eine Mail vom Bruderherz, der gerade im Nachtzug nach Tokyo sitzt, von wo aus in fünf Stunden sein Flug nach Hause geht. Dann kommt kurz vor Mitternacht endlich auch mein zweiter Jugendlicher nach Hause, der eigentlich seit zwei Stunden das Bad putzen sollte. Statt zu putzen, zeigt er mir erstmal seinen durchnässten Geldbeutel und seinen gürel, den er zu groß gekauft hat. Ich seufze. Zwei andere brauchen Schlaftee und dabei kommen wir uns Gespräch über arabisch, persisch und das Alphabet. Der Eritreer fängt an, mir das arabisxhe Alphabet aufzuschreiben und als der zweite aus Afghanistan das mitbekommt, muss ich natürlich auch meine neuen Persich-Kenntnisse unter  Beweis stellen und das persische Alphabet aufschreiben. Meine Lehrer sind sehr streng, danach unterhalten sie sich noch eine Ewigkeit in ihrer Sprache, aber ich bin zu müde um noch ernsthafte Gespräche zu führen deshalb sitze ich nur daneben und tippe mein Tagebuch zu Ende und jetzt werde ich die lieben Kinderlein rauswerfen und in ihre Zimmer schicken, denn inzwischen ist es 1 Uhr und der 5.8.15 längst vorbei.

Gute Nacht!

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Ein Kommentar zu „Tagebuchbloggen August ’15

  1. Kommt mir bekannt vor, was den Zeit- und Arbeitsaufwand betriftt.
    Hier fängt es auch grad an, so richtig rundzugehen. Naja, wir bleiben dran.
    Kann sein, dass ich Sie demnächst mal um Rat fragen muss, Frau Ansku.
    Im Gegenzug biete ich im Namen vieler Kooperation an. Wir arbeiten ja im gleichen Themenkreis.

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