Routine

Die letzten Jahre wünschte ich mir in meinem Leben nichts sehnlicher als Alltag und Routine. Jetzt, nach ca. eineinhalb Jahren im Beruf, habe ich so etwas wie Routine und eben einen Alltag. Es läuft. Und dennoch, es erdrückt mich und es macht mich gerade sehr unzufrieden. Ich habe das Gefühl, als ob irgendetwas fehlt. Ich könnte eigentlich ziemlich zufrieden sein, ich könnte ja auch – was ich mir schon so lange wünsche – endlich einmal wieder mehr Zeit haben zum nähen, mehr Stricken, zum lesen. Die Zeit, die letztes Jahr noch mein Job eingenommen hat, mit neuem füllen, zum Beispiel mit mehr „Ich“. Aber ich bin leer. Leer und ungeduldig. Ich hasse es auf der Stelle zu treten und ich will lernen, mehr erfahren, mich weiterentwickeln. Aus diesem Grund hatte ich mich intern in der Arbeit für eine höhere Position „beworben“. Die habe ich nicht bekommen, was teilweise teamintern alles sehr ungünstig gelaufen ist (Kommunikstion!!!). Es ist nicht einmal die Enttäuschung, nicht stellvertretende Leitung geworden zu sein, da ist nicht mal die Enttäuschung darüber, auf welch unfaire Art die Entscheidung darüber im Team getroffen wurde. Es ist hauptsächlich dieses auf der Stelle treten, diese entgangene Chance etwas Neues zu lernen, die mich aufregt und mich umtreibt. 

Am Anfang, im letzten Jahr, war ich zugegebenermaßen von meinem Job sehr gestresst. Im ersten Jahr gab es tausend erste Male, kein Handgriff war Routine, Kleinigkeiten haben mich oft vor unlösbare Probleme gestellt. Aber dennoch war ich auf eine besondere Art so ausgefüllt und so glücklich und froh über jeden kleinen Schritt vorwärts, dass ich Schlaflosigkeit, Überstunden und alles irgendwie mit einer Leichtigkeit wuppte – manchmal sogar fast zuviel wuppte oder wuppen wollte. Besonders nach dem Umzug in die neue Einrichtung, als hier noch alles improvisiert war, herrschte so eine intensive „Aufbruchstimmung“, dass es einen einfach nur mitreißen konnte. Das ist – mir, ich weiß nicht was die anderen dazu sagen – irgendwie verlorengegangen. Ich habe das Gefühl auf der Stelle zu treten und nicht weiterzukommen. Dann plötzlich als diese Möglichkeit der Stellvertretung da war, war ich wieder am Start und in meinem Element. Ich brauchte ein Ziel, das würde mir plötzlich sehr bewusst, und schon machte mir die Arbeit wieder Freude. Ich sprang, tat, machte, räumte auf, räumte um, veränderte, hatte Ideen. Ich wollte allen und vor allem mir beweisen, dass ich es kann. Das ist nun da diese Möglichkeit verflogen ist wieder vorbei, die Arbeit fühlt sich bleischwer an und macht mir momentan grad gar keine Freude. Ich habe das Gefühl wie ein Sisphos gegen einen Berg anzukämpfen, aber nichts verändert sich. 

Nun mag manch einer sagen, für höhere Positionen ist man erst nach zwei oder drei Jahren Berufserfahrung geschaffen, nicht nach gerade einem Jahr und ein paar Monaten. Das könnte aber erstens für andere Kollegen genauso gelten und zweitens fühlte ich mich bereit dafür. Wie gesagt, ich wollte etwas Neues sehen und lernen. Ich wollte ja gerade die Stellvertretung, um langsam in alles hineinzuwachsen. 
Nun mag manch einer sagen, jetzt stell dich nicht so an. Stellvertretende Leitung ist man nur sechs Wochen im Jahr wenn die Chefs in Urlaub sind, mehr Geld gibt es auch nicht und überhaupt, es ist nur ein Job. Stimmt, aber mir ging es zu keiner zu darum, „Chef“ zu sein oder zu spielen. Mir ging es darum, eben als Stellvertretung langsam in etwas neues hineinzuschnuppern und hineinzuwachsen. 

Was tun? Momentan sehr ich in dieser Konstellation keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr für mich und das kann ich gerade nicht mehr ertragen. Aber es gibt da noch eine andere Seite. Ich hadere sehr mit mir, ob ich nicht nach all den Jahren jetzt einfach auch einmal den schnöden Alltag lernen und akzeptieren muss, die Routine die ich mir ja eigentlich gewünscht habe, mit neuem, vielleicht nicht nur mit Arbeit, füllen muss. Zumal ich mit ein Berufsfeld ausgesucht habe, in dem Aufstiegschancen unter allen Berufstweigen am schwierigsten sind (um es nochmal zu betonen, mir geht es hierbei nicht um Aufstieg, Macht oder Karriere, mir geht es darum zu lernen und mich zu entwickeln). Ich hadere aber auch sehr damit, weil ich das Gefühl habe, vor etwas wegzulaufen, ständig auf der Suche nach etwas, was es vielleicht am Ende gar nicht gibt? Vielleicht müsste ich mehr das sehen, was ich habe, einen sicheren Arbeitsplatz, ein gutes Team, nette Jugendliche, die die Hilfen meistens auch annehmen…

Und trotzdem ist da immer wieder die Frage: was kommt da noch? Was gibt es noch „da draußen“? Lohnt es sich, nochmal das sichere Schiff zu verlassen und ins kalte Wasser zu springen? 

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