Tagebuchbloggen April ’15, II

So, nach einem heute nachgeholten Osterfest und endlich auch für mich ein wenig Feiertag und Entspannung, fühle ich mich nun endlich in der Lage, die Ereignisse des gestrigen Monatsfünften nachzuliefern. Jeden 5. des Monats fragt Frau Brüllen: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Wie bereits gesagt, es war ein denkwürdiger Monatsfünfter, ein denkwürdiger Arbeitssonntag und ein denkwürdiges Osterfest – alles in einem.

Der Tag fing damit an, dass ich mal wieder nicht schlafen konnte und mich – obwohl ich bereits um 23.30 Uhr im Bett war – um 0.10 Uhr immer noch herumwälzte. Ich schlich zwischen Bett und Fernseher hin und her, versuchte es mehrmals mit Fernsehen, dann doch wieder mit Einschlafen, aber ohne Erfolg. Also zog ich gegen 0.30 Uhr um vor den Fernseher und sah mir bis 2.00 Uhr „Nirgendwo in Afrika“ an. Der Film hat mich sehr berührt, ich musste immer wieder daran denken, dass vor gerade einmal 70-80 Jahren eine Menge Deutsche ins Ausland flüchteten, teilweise sogar bis nach Afrika und Amerika, und dort wohlwollend aufgenommen wurden. Und jetzt, wo ein paar Flüchtlinge aus Krisengebieten unsere Hilfe brauchen, gibt es eine Mordsdiskussion, ob Deutschland überhaupt in der Lage ist, „so viele“ Flüchtlinge aufzunehmen. Und das bei unseren Demografieproblemen… Aber anyway, ich schweife ab.

Irgendwann konnte ich dann doch einschlafen, nur um gegen 7.30 Uhr schon wieder aus dem Schlaf hochzuschrecken. Dieser verf****te Vollmond. Ich stand dann irgendwann gegen 8.00 Uhr auf, duschte, zog mich an, packte ein wenig für die Arbeit ein – Proviant, Meßbecher, Küchenwaage – eventuell will ich heute mit den Jungs backen und machte mich schließlich dann doch zu spät auf den Weg zur Arbeit. Gottseidank habe ich gestern mit dem Kollegen vereinbart, dass ich erst um 10.00 Uhr kommen muss und wir dann gemeinsam mit den Jungs frühstücken.

Nun hatte ich aus diversen Gründen ja etwas Schiss vor diesem Tag, denn dieses war der erste große Feiertag, den ich in der Arbeit verbracht habe. Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht. Wie es sein würde, am Feiertag so völlig ungewohnt nicht mit meiner Familie zusammen zu sein; wie es sein würde, alleine in der Arbeit zu sein; wie ich ein schönes Feiertagsprogramm für die Jungs auf die Beine stellen könnte und so weiter. Aber eigentlich erwiesen sich diese Bedenken alle als unbegründet, denn es war ein wunderschöner Tag mit den Jungs und – das sei vorweggenommen – ich hatte ja Tagdienst, also gab es dennoch abends ein Ostermahl mit meiner Familie. Und bisher war dieses Arbeitswochenende auch echt gut gelaufen: bereits gestern, am Ostersamstag, hatte ich alleine mit acht Jungs einen Ausflug zum Bowling gewuppt und es hat allen – inklusive der Betreuerin – ziemlichen Spaß gemacht. Die Vorzeichen standen also gut, dennoch war ich etwas nervös, wie dieser Tag sich entwickeln würde.

Auf dem Weg in die Arbeit sprang ich noch schnell beim Lieblingsbäcker vorbei, um mir einen Cappu mitzunehmen. Der Kunde vor mir kaufte ein Osterlamm und da fiel mir dann auch plötzlich ein, dass ich den Jungs ja eigentlich auch ein Osterlamm mitbringen wollte. Also sah ich schnell in die Auslage – gottseidank, es waren noch Lämmer da – und bestellte noch ein Osterlamm dazu. Beim Umsteigen in die Ubahn musste ich acht Minuten warten, weshalb ich noch einmal schnell vor den U-Bahnhof rannte und mich auf dem Parkplatz nach ein paar Zweigen für einen Osterstrauß umsah, aber keine Chance. Weil aber direkt neben meinem Arbeitsplatz sowieso die schöne Fröttmaninger Heide liegt, machte ich mir wenig Sorgen und ging wieder zurück aufs Gleis. Beim Aussteigen dann machte ich noch einen Abstecher in die Heide. Ich hielt Ausschau nach ein paar Zweigen, an die man die gestern gekauften Ostereier hängen könnte, konnte aber weit und breit nichts Geeignetes finden. Fast schon wollte ich wieder umkehren und in die Arbeit gehen – es war inzwischen schon weit nach 10 Uhr – da entdeckte ich am Wegesrand doch noch einen Strauch mit Zweigen und ein paar Knospen dran. Die Knospen waren miniklein und für mich Botanik-Nerd daher nicht weiter bestimmbar, aber sie sahen nett aus, daher schnitt ich schnippschnapp vier Zweiglein ab und machte mich auf den Weg in die Arbeit.

Dort angekommen war noch alles ruhig, die meisten Jungs in ihren Bett, der Kollege der Nachtdienst hatte, bastelte mal wieder irgendetwas am Laufwerk und erklärte mir, dass die Desktop-Verknüpfung, die ich gestern gebastelt habe aus Gründen nicht funktioniert. Gut, dann eben nicht. Bevor wir anfingen, das Frühstück vorzubereiten, musste ich noch schnell die Osternester für die Jungs fertig basteln. Es sollten noch gefärbte Eier in die Tütchen, dazu hatte ich gestern keine Gelegenheit mehr. Also stellte ich schnell die Zweige in eine Vase, hängte die Tchibo-Ostereier dran, packte bunte Eier in die gestern bereits präparierten Ostertüten und verschloss diese mit Geschenkband. Ich freute mich jetzt schon diebisch auf die Gesichter der acht Jungs. Dann fingen der Kollege und ich an, alle Einkäufe hereinzutragen und das Frühstück vorzubereiten. Kurz bevor wir fertig waren, kamen unsere Nachbarn vorbei, ein Ehepaar aus der näheren Umgebung, die häufig ehrenamtlich uns unterstützen, an Feiertagen Geschenke für die Jungs bringen, Nachhilfe geben und auch sonst irgendwie immer da sind. Sie brachten natürlich auch heute wieder Osternester für die Jungs, also luden wir sie spontan ebenfalls zum Frühstück ein. Schnell schnell wurden dann die letzten Leckereien auf den Tisch gestellt und die Jungs herbeigerufen. Eigentlich wollte ich die Osternester ja verstecken und die Jungs suchen lassen, aber dazu war nun keine Zeit mehr, also fingen wir an zu essen. Während dem Essen sind die Jungs manchmal ganz leise, es herrscht geradezu eine gespenstische Stille am Tisch, dabei ist es sonst eigentlich selten leise bei uns. Ich finde das immer wieder lustig zu beobachten. Aber umso mehr konnte ich mich mit dem Nachbarsehepaar unterhalten und es herrschte eine schöne, angenehme Stimmung am Tisch. Danach verteilten wir die Osternester. Ich fragte zunächst, ob die Jungs über Osterbräuche Bescheid wissen, ja, das hätten sie bereits im Deutschkurs besprochen. Dennoch erklärte ich den Osterstrauß und das Osterlamm und dann verteilten erst die Nachbarn ihre Osternester und danach ich unsere. Die Jungs waren recht erstaunt, dass es zweimal Geschenke gab, freuten sich aber sehr.

Nach dem Essen – inzwischen war es 13.00 Uhr – verschwand der Kollege nach Hause, er hätte ja eigentlich auch schon um 8.30 Uhr Feierabend gehabt, der Nachbarsmann spielte mit den Jungs Jenga und ich stellte kurz eine Spülmaschine an, machte mir noch einen Kaffee und setzte mich dann mit der Nachbarin hin und wir unterhielten uns noch eine Stunde angeregt über Gott und die Welt. Über das Viertel, über Flüchtlingspolitik (s. oben…), über Handarbeiten, über Jobs… Das war richtig gemütlich und österlich, so friedlich und zufrieden! Schließlich, gegen 14 Uhr brachen die beiden auf und ich – da inzwischen todmüde – machte mich an das, was ich mir als zweites großes Projekt für diesen Tag vorgenommen hatte: Einen gründlichen Frühjahrsputz in der Hütte. Für so etwas ist es gar nicht schlecht, alleine im Dienst zu sein und etwas Zeit zu haben. Und eigentlich war es auch genau das richtige, um in Bewegung zu bleiben, alles andere hätte vermutlich nicht verhindern können, dass ich einfach einschlafe nach dem Schlafmangel der vergangenen Tage. Vor allen Dingen hatte ich mir vorgenommen, die Büroschränke gründlich auszumisten, da flog so viel Müll und unnützes Zeug herum, aber noch während ich den Frühstückstisch fertig abräumte, die nicht verputzten Vorräte verstaute, bemerkte ich, dass die Küche es mindestens genauso nötig hatte. Also fing ich an, die Geschirrfächer auszuwischen, den Platz unter der Spüle wo die Töpfe stehen zu schrubben und die Küchenfronten zu putzen. Das alleine kostete schon über eine Stunde. Danach waren die Schränke im Flur an der Reihe. Ich mistete ordentlich aus und warf unter anderem gefühlte 50 Einkaufstüten sowie diversen Kleinkram in den Müll, schüttete gefühlt 10 angebrochene Putzflaschen zusammen und – oha! – schon haben wir wieder Platz im Schrank! Danach war ich eigentlich ziemlich k.o., aber mein Projekt, die Büroschränke waren da noch nicht einmal angefangen. Also gönnte ich mir nur kurz ein Brötchen, etwas zu Trinken, erledigte kurz im Sitzen (!) das Medikamenteneinsortieren und machte mich dann an die Büroregale, die Fächer mit unseren persönlichen Sachen, unsere Geschirrfächer. Inzwischen war es bereits nach 17 Uhr und auch den Jungs war aufgefallen, dass die Zeichen heute auf Saubermachen stehen. Irgendwann, als ich in die Küche kam, um das Putzwasser zu wechseln, fragte mich einer meiner Jungs „Du heute putzen?“ Ich antwortete, dass ich mal alles gründlich saubermachen müsste, ja. Dies wiederum veranlasste den Jugendlichen dazu, sich (unter Lachen) vor den anderen mit seiner fleißigen Betreuerin zu brüsten: „Ja, sehr gut! Sehr gut! Meine Betreuer sehr gut!“ Lächelnd verließ ich die Küche, so eine Aussage zu hören wäre noch vor einigen Wochen undenkbar gewesen.

Bei uns ist Sonntag sowieso Putztag, der Tag wo die Jungs ihre Dienste verrichten und so kamen sie dann auch allmählich einer nach dem anderen und ich musste meine Arbeit immer wieder unterbrechen, um Putzsachen auszugeben, Zimmer zu kontrollieren und Essensgeld – als Belohnung für erfolgreich verrichtete Putzdienste 😉 – auszugeben. Aber insgesamt war es sehr dennoch sehr ruhig, die meisten unserer Jungs waren nach dem Frühstück nach draußen verschwunden. Bei dem tollen Wetter! Dann endlich, es war inzwischen schon fast 18 Uhr, in einer Stunde wollte der Kollege wieder zum Nachtdienst kommen, machte ich mich an die wirklich schlimmen Fächer im Büro. Stifte, Trennblätter, Radiergummis, Spitzer, Infomaterial, U-Bahn-Pläne, Prospekthüllen, Bedienungsanleitungen, Ordner, Kaffeepads – alles flog durcheinander. Auch hier räumte ich alles aus, wischte die Regalfächer aus und räumte alles sauber wieder ein. Währenddessen musste ich all den Bürokram auf den Schreibtischen zwischenlagern und natürlich kam genau in diesem Moment ein Jugendlicher herein und brachte mir einen Teller mit Essen -jetzt wo ich weder Platz noch Zeit dafür hatte… Für die Radiergummis, Stifte, Büroklammern etc. nahm ich mir einen kleinen Karton, der bereits zuvor aus einem der Vorratsschränke geflogen war und schwor mir, mich in der kommenden Woche auf die Suche nach einer schöneren Aufbewahrungslösung zu machen, aber trotz des eingerissenen Kartons hatte das Regal schon viel gewonnen, als ich endlich fertig war.

Siedend heiß fiel mir ein, dass ich ja noch den Vormund eines Jugendlichen anrufen wollte, also tat ich das noch schnell. Eigentlich war es schon kurz vor 19 Uhr, der Kollege sollte in Kürze zur Ablösung eintreffen und auch mein Vater rief schon an, ob er mich von der Arbeit abholen solle zum Abendessen. Dennoch setzte ich mich hastig an den PC und schrieb an die Kollegen eine E-Mail mit den wichtigsten Neuerungen des Wochenendes (ich habe nicht nur im Real Life, sondern auch virtuell aufgeräumt und unser Laufwerk gestern gründlich ausgemistet und umstrukturiert), dann war auch schon gegen 19.15 Uhr mein Vater da. Wer nicht da war, war der Kollege. Als der dann endlich eintraf, machten wir eine Blitz-Übergabe und ich verließ fluchtartig das Gebäude.

Zuhause angekommen gab es dann endlich für mich ein Ostermahl und jetzt war dann auch nochmal so richtig Ostern, zumal mit der Aussicht auf einen freien Tag morgen. Mein Arbeitswochenende war überstanden, das erste Ostern in der Arbeit auch und ich war darüber so euphorisch, dass ich den Abend mit meinen Eltern in vollen Zügen genoss. Bei einer guten Flasche Wein erzählte ich ihnen auch von meinen neuesten Urlaubsplänen, diese wurden von meiner Mutter gleich astrologisch überprüft und obwohl ich ja eigentlich todmüde war, wurde es 23.30 Uhr, bis ich mich endlich auf den Weg nach Hause machte. Sofort einschlafen konnte ich auch dort nicht, also trank ich noch ein Gläschen Rotwein und sah ein wenig fern, bis mir dann doch endlich die Augen zuklappten und ich mich ins Bett verzog. (In der Hoffnung auf etwas mehr Schlaf heute nacht).

Ein ganz besonderes Osterfest. In jeder Hinsicht. Und ich bin froh, dass ich es genauso erleben durfte.

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