Vom Ankommen

Das erste Jahr als Sozialpädagogin ist nun beinahe vorbei. Praktisch ist es für mich vorbei, denn ich habe nun drei Wochen Urlaub. Dann ist es auch rechnerisch vorbei. Dieses Jahr war so voll und so aufregend, so anstrengend und so wundervoll. Mein Kopf ist voll und möchte eigentlich nur noch schlafen, mein Herz ist aber mindestens genauso voll. Und es fühlt sich toll an. Ich arbeite in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und ich liebe meine Arbeit sehr. Es ist genau die Arbeit, die ich machen möchte. Noch als ich anfing, Soziale Arbeit zu studieren, konnte ich mir das alles nicht so recht vorstellen. Schichtarbeit, alleine mit 12 Jugendlichen, diese Verantwortung… Ich war der festen Überzeugung, die Arbeit mit Jugendlichen sei nichts für mich, da bräuchte es schon härtere Charaktäre.

Irgendwann änderten sich meine Vorstellungen, Prioritäten und irgendwann bin ich wohl still und leise in die Jugendarbeit hineingewachsen. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, jemals einen anderen Job zu machen. Ich habe die Zeit im Studium genutzt, um alle möglichen Bereiche auszuprobieren: Bildungsarbeit, Medienpädagogik mit Kindern, Arbeit mit straffälligen Jugendlichen. Nichts davon habe ich bereut, alle Bereiche sind spannend und haben ihren Reiz. Und doch hat mir immer etwas gefehlt. Meistens kommen die Kinder (mit der Schulklasse z.B.) morgens, dann arbeitet man einen halben Tag oder ganzen Tag mit ihnen und so bald man sie ein wenig kennengelernt hat, so bald man zu den eigentlichen Kernthemen vordringt, ist die Gruppe schon wieder weg. Manchmal gibt es noch ein Nachgespräch, aber viel öfters ist es so, dass man nur hoffen kann, dass das Erarbeitete noch einige Zeit vorhält. Zumindest vielleicht bis zum nächsten Monat, nächsten Halbjahr, nächstem Schuljahr? Gerade im Praktikum habe ich ziemlich schnell gemerkt, dass mir das zu wenig ist, es fühlt sich für mich an wie ein „Kratzen an der Oberfläche“. Damit möchte ich nicht diese Arbeit schlecht reden, es handelt sich eher um ein subjektives Empfinden.

Ich stellte also fest, dass das für mich zu wenig ist und habe mich dann doch einmal überwunden und in diesem „schwierigen Bereich“ umgesehen. Ziemlich schnell fand ich dann im Dezember 2013 den Job, den ich auch heute noch mache. Es war eine reine Bauchentscheidung, es war eine zufällig entdeckte Stellenanzeige, eine Bewerbung, die ich unter dem Motto schrieb „Mal sehen, was dabei rauskommt“, ein Vorstellungsgespräch, nach dem ich glaubte, dass ich einzig und alleine durch Unwissen und Unerfahrenheit geglänzt zu haben. Und plötzlich hatte ich einen festen Job.

Heute, ein Jahr später, habe ich endlich das Gefühl, in „meinem“ Bereich angekommen zu sein. Der Flüchtlingsarbeit, der stationären Jugendhilfe. Es ist wirklich anstrengend, seelisch wie körperlich, aber ich möchte diese enge Bindung mit den Jugendlichen niemals mehr missen. Ich lerne so viel über die Welt dieser Jugendlichen, ich sehe eine Entwicklung in der Zeit, in der sie bei uns sind und ich spiele eine Rolle in ihrem Leben – für mehr als einen Vormittag. Es ist eine sehr enge Beziehung, die mich manchmal verzweifeln und manchmal vor Glück jauchzen lässt. Es ist unglaublich hart, wenn mal wieder ein Sorgenkind nicht auf die Beine kommt und es lässt mein Herz leuchten, wenn mal wieder einer unserer Jungs auf einen guten Weg gebracht ist und in eine neue Einrichtung umzieht. Es ist die schönste Arbeit der Welt.

Es ist aber auch mehr als das. Es ist nach so vielen Jahren des Suchens auch das Angekommen-Seins, das mich jetzt so zufrieden lächeln lässt. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben. Nach mehr als zehn Jahren in Studentenjobs, immer nur befristet. Immer war ich nur die Aushilfe, die Praktikantin, egal wohin ich ging, es war klar, dass meine Arbeit nur von begrenzter Dauer sein konnte. Ich hatte oft gute Ideen, ich setzte Prozesse in Gang, so bin ich nun mal, böse Menschen bezeichnen das auch als Arbeitstier. Aber immer wusste ich, dass ich diese Arbeit, diese in Gang gesetzten Prozesse nach einem halben Jahr, Jahr oder nach zwei Jahren nicht mehr würde weiterführen können. Ich habe immer Lob bekommen, ich hatte stets hervorragende Arbeitszeugnisse, aber ich hatte auch immer das Gefühl, ich hätte noch viel mehr tun, gestalten, auf den Weg bringen können. Aber alle wissen, dass die Arbeit einer Praktikantin begrenzt ist, die Verantwortlichkeit nur begrenzt ist, alles von den Vorgesetzten unterschrieben werden muss. Das sind formale Prozesse und normale Hierarchien in der Arbeitswelt, nichtsdestotrotz fühlte ich mich immer in meiner Arbeit anerkannt. Für die Dauer eines Praktikums.

Jetzt bin ich zum ersten Mal fester Bestandteil eines Teams. Wenn nicht irgendetwas völlig Unvorhergesehenes passiert, wenn ich nicht irgendeine Riesendummheit mache, dann werde ich meinen Job auch noch im nächsten Jahr haben, im übernächsten Jahr und vielleicht sogar noch in fünf oder sogar zehn Jahren. Das ist für mich wie eine neue Welt, ganz neue Perspektiven. Ich kann zum ersten Mal in meinem Leben – beruflich wie auch privat – planen. Ich kann planen, was ich im nächsten Jahr in der Arbeit an Prozessen in Gang setzen werde und sie werden nicht wieder nach einem halben Jahr im Sande verlaufen. Ich bin nicht mehr nur die Praktikantin, mein Wort hat Gewicht, meine Meinung wird anerkannt und oft auch umgesetzt. Ich kann einen Mietvertrag für eine Wohnung (ab Januar, yeah!!) unterschreiben und muss mir keine Sorgen mehr machen, ob ich in einem Jahr noch das Geld für die Miete aufbringen kann.

In den letzten zehn Jahren gab es zugegebenermaßen einige Umwege, ich möchte keinen davon missen. Ich wurde vor zwei Jahren einmal von einer Bekannten gefragt: Hättest Du das nicht auch gleich auf direktem Wege haben können. Nein, hätte ich nicht. Mit zwanzig war ich noch ein anderer Typ als heute. Es ist nicht so, dass ich so eine Arbeit nicht damals hätte machen können oder machen wollen, aber heute weiß ich, warum ich genau diese Arbeit mache. Und doch ist es nach all diesen Umwegen, diesen vielen Stationen, diesem vielen Ankommen, sich auf Neues einstellen, Beziehungen eingehen und dann nach kurzer Zeit doch wieder das Liebgewonnene Verlassen zu müssen, für mich das schönste Gefühl überhaupt. So angekommen.

Die letzten Tage vor meinem Urlaub haben „meine Jungs“ ziemlich entsetzt geschaut, als ich ihnen sagte, dass ich nun drei Wochen nicht da bin. Gleich darauf setzte wütender Protest und wildes Gejaule ein: „Drei Wochen sind viiiieeel zu lange!“ „Dann sehe ich Dich ja erst im neuen Jahr wieder!“ „Ich werde mit KEINEM anderen Betreuer sprechen, nur mit Dir!“ „Ich werde Dich so sehr vermissen.“

Schöner kann man nicht in den Urlaub gehen. So angekommen.

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