Glauben oder nicht glauben

In unserer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge hat sich bereits nach vier Monaten der eine oder andere Selbstläufer eingebürgert. Die liebste Kollegin hat den Begriff „eiingeschleppt“ und irgendwann hat er sich – was auch immer meine Sprachwissenschaftler-Seele sehr erfreut, weil es so wunderbar zeigt, wie Sprache durch den Diskurs sich ständig verändert – verselbstständigt. Unser fast schon „hauseigenes“ Wort heisst „zappzarapp“. Um die Bedeutung näher zu erklären, gebe ich hier ein paar Zitate der Jugendlichen:

„Ansku, ich habe ein großes Problem. Meine Schlüssel zappzarapp!“

„Ansku, meine Handy nicht mehr in meine Zimmer. Zappzarapp!“

„Ansku, meine Milch wo ist? Zappzarapp?“

Können Sie schon erraten, was „zappzarapp“ bedeutet? Genau, es steht für alles, was in irgendeiner Wiese verschwunden/ verlegt/ verloren/ geklaut oder sonstwie verschollen ist. Also alles, was quasi „nicht auffindbar“ ist. Dieser Begriff wird durch die Jugendlichen selber weitergetragen. Kommt ein neuer Junge ins Haus, ist eines der ersten Worte auf Deutsch, die er lernt, wahrscheinlich: „zappzarapp“. Manchmal frage ich mich, ob die Jungs wirklich glauben, dass „zappzarapp“ ein deutsches Wort ist. Aber, ist es ja auch. Eigentlich. Oder?

Ich warte jetzt eigentlich nur noch darauf, dass Dritte uns hökscht irritiert fragen, was denn nun dieses „zappzarapp“ bedeuten soll.

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Letztes Wochenende hatte ich zufällig genau am Nikolaussamstag Wochenenddienst. Nette Nachbarn haben für die Jungs zwölf Nikolaussäckchen gepackt und am Abend vorher vorbeigebracht (für uns Betreuer war das das eigentlich und das schönste Nikolausgeschenk!). Am Morgen, als alle noch schliefen, habe ich (wie eine NikolAnsku 😉 ) die Päckchen vor den Zimmertüren verteilt. Die Jungs sind alle noch kein Jahr in Deutschland und kennen daher keinen Nikolaus, deshalb war ich sehr sehr gespannt, wie sie auf die Überraschung reagieren. Wie immer waren die Reaktionen sehr unterschiedlich: Einige haben die Päckchen einfach ins Zimmer genommen ohne weiter zu fragen. Andere sind irritiert zu mir gekommen und fragten „Ansku, was ist das?“ Ich habe dann erklärt, dass am 6. Dezember der Nikolaus (dazu habe ich Bilder gezeigt) für die braven Kinder Süßigkeiten bringt. Die Jungs fragten dann irritiert, ob ich der Nikolaus gewesen sei. „Du hast Süßigkeiten gebracht?“ Und obwohl unsere „Kinder“ nun doch schon 16 und 17 Jahre alt sind, dachte ich mir spontan, dass es doch nett wäre, wenn sie hier in der Fremde ohne Eltern und Familie noch an kleine Wunder glauben könnten. Wenn sie nach allem was sie erlebt haben nochmal ein wenig Kind sein dürften. Ich habe nur kurz überlegt und habe dann den Verdacht entschieden abgestritten. „Nein, nein, nicht ich! Der Nikolaus hat die Pakete gebracht!“ Zu meiner großen Überraschung gab es dann keine weiteren Diskussionen mehr und die Jungs sind ohne weitere Fragen glücklich mit ihrer Schokolade abgezogen.

Jetzt sitze ich hier und rätsele, ob sie mir das tatsächlich abgekauft haben und ob unsere großen 16 und 17jährigen Jungs noch an den Nikolaus glauben. Schön wär’s ja doch irgendwie.

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2 Kommentare zu „Glauben oder nicht glauben“

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