Von der Theorie und der Praxis

Drei Jahren habe ich mich im Studium mit Beziehungsaufbau und Beziehungsgestaltung zwischen Klient und Sozialarbeiter beschäftigt. Drei Jahre lang habe ich darüber kluggeschissen gefachsimpelt, wie die Beziehung zwischen Sozialarbeiter und Klient aussehen sollte, was sie können sollte und was sie nicht leisten kann. Drei Jahre lang habe ich gelernt, wie man eine gute Arbeitsbeziehung aufbauen kann/ soll/ muss, was man hineingeben muss, was man ertragen können muss und was man heraushalten muss.

Was aber ist mit dem Ende so einer Beziehung? Was aber ist, wenn ich eine weitestgehend funktionierende Beziehung mit meinen Jugendlichen etabliert habe. Eine Beziehung, die auch Differenzen aushält, in der jeder sich zurückziehen, aber auch wieder kommen kann. Was ist, wenn sie mich respektieren und sich sogar selber nach einem Streit entschuldigen für respektloses Verhalten, weil es für sie – und für niemand sonst – wichtig ist.

Was, wenn sie zum Teil zu mir sagen „Du bist hier in Deutschland, da wir keine Eltern hier haben, für uns so etwas wie eine Mama“. Eine Bekannte fragte mich gestern, ob das nicht zuviel wäre der Nähe und ich antwortete: Nein, denn ich weiß inzwischen, dass ich als Mama-Ersatz auch streng sein kann. Ich kann auch Dinge von den Jugendlichen fordern oder verbieten. Inzwischen weiß ich das, dass ich das kann. Zuviel der Nähe für eine Arbeitsbeziehung wäre es für mich, wenn es mich dahingehend manipulieren würde, dass ich nicht mehr nach meinem Gewissen und Prinzipien handeln kann. Momentan kann ich das noch, das glaube ich zumindest.

Was, wenn diese Beziehung endet oder eigentlich enden soll, weil die Klienten eigentlich ausziehen sollten in eine andere Einrichtung. Was, wenn die Klienten dann nicht ausziehen wollen, sich – gerade nach einer Vorgeschichte voller Trennungen und Verluste – sich einerseits nicht von der vertrauten Umgebung, von ihren neugewonnenen Freunden, aber auch nicht von mir/ uns als Betreuern trennen wollen? Haben wir dann sozusagen zu gute Arbeit geleistet, eine „zu gute“ Beziehung aufgebaut?

Man sagt uns, dass die Jugendlichen nur ca. drei – vier Monate bei uns bleiben und dass wir deshalb keine „zu tiefe Beziehung aufbauen“ sollen. Aber wie macht man das, „keine zu tiefe Beziehung aufbauen“, wenn gleichzeitig eine vertrauensvolle Zusammenarbeit vorausgesetzt wird? Sage ich irgendwann „Stopp“, wenn ich das Gefühl habe, die Jugendlichen vertrauen mir „zu viel“ und was ist eigentlich „zu viel“. Arbeite ich nicht immer auch mit dem, was von den Jugendlichen kommt? Soll ich mich vielleicht entgegen all der gelernten hübschen Theorie über Beziehungsaufbau verhalten, nur damit die Trennung nicht so schwer fällt?

Über das Ende spricht man nicht.

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