Tagebuchbloggen 5. Juni

Jeden 5. eines Monats fragt Frau Brüllen: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und hat diesen Tag zum WMDEDGT-Tagebuchblogging-Tag ausgerufen. Heute also sogar mal wieder pünktlich. Eigentlich schreibe ich ja fleissig schon seit Montag Tagebuch, um der wirren Gedanken wieder Herr zu werden, aber das ist dann doch eher keine Sache für den Blog. 😉

Da ich gestern eine sehr späte Spätschicht gearbeitet habe, bis ca. 23.30 Uhr, lasse ich mir heute morgen Zeit mit dem Aufstehen. Als ich das erste Mal die Augen aufschlage, ist es 8.10 Uhr, also ich das zweite Mal die Augen aufschlage, ist es 8.55 Uhr. Ich überlege, noch weiter zu schlafen, aber das ist heute scheinbar nicht möglich. Ich surfe ein wenig durchs Netz, mache mir einen Kaffee, wundere mich, warum die Düse vom Milchaufschäumer in letzter Zeit so regelmäßig herunterploppt und schaue Fernsehen. Eigentlich wollte ich diesen Vormittag produktiv verbringen, aber so wirklich funktioniert das nicht. Ich zwinge mich irgendwann, wenigstens ein bisschen aufzuräumen, zu duschen, einen Arzttermin auszumahen, zu bloggen und das Haus zu verlassen, um noch ein wenig Sonne zu tanken bevor es gegen 13 Uhr in die Arbeit geht. Das dauert und so verlasse ich das Haus doch wieder erst nach 11.30 Uhr. Daher reicht die Zeit auch nur noch, um eine Fahrkarte für diesen Monat zu kaufen, Geld auf der Bank einzuzahlen und – weil Haltestelle verpasst – einen mittelgroßen Umweg zur Arbeit zu fahren.

Um 13 Uhr bin ich in der Arbeit, ich bespreche kurz mit den Kollegen die Lage, was liegt an, was ist zu tun? Wer bereitet den Gruppenabend vor? Wer geht mit F. zum Zahnarzt? Ich erbarme mich freiwillig, zum Zahnarzt zu gehen, weil ich dort auch noch für meine beiden Jungs etwas zu erledigen habe. Wieder zurück bereiten die Lieblingskollegin und ich den Gruppenabend vor, allerdings sind wir scheinbar nicht die einzigen, die das möchten, denn alle Büros und Besprechungsräume sind belegt, entweder mit Betreuern, die Gespräche mit Betreuern führen oder mit Betreuern, die Gespräche mit Jugendlichen führen. Wir setzen uns also in den Hof und besprechen den heutigen Gruppenabend. Ich hätte gerne etwas zum Thema Gesundheit und Krankheit gemacht, aber die aktuellen Themen sind so vielen, dass dafür keine Zeit bleibt. Also wird das Thema Gesundheit auf die nächste Woche verschoben. Ich erbarme mich abermals und übernehme das Kochen, die Lieblingskollegen versorgt mich im Gegenzug mit einem bereits fertig ausgedruckten Rezept. Ungarisches Geschnetzeltes mit Pute und Paprika. Dazwischen spreche ich kurz mit unserer Psychologin, um einen Termin für einen Jugendlichen bei ihr zu vereinbaren, um den ich mir aus Gründen ein wenig Sorgen mache. Das Gespräch bestätigt meine Meinung und es tut mir gut, meine Sorgen der letzten Wochen zu teilen. Gegen 15.30 Uhr mache ich mich auf die Suche nach einem Jugendlichen, der mir heute beim Kochen assistieren wird und werde schnell fündig, A. erzählt zwar irgendetws davon, dass er zum Friseur will, verspricht aber bereitwillig, um 16 Uhr mit mir einkaufen zu gehen. Juchu! Das ging ja einfach, ich habe einen Belohnungskaffee verdient.

Ein Gruppenabend läuft bei uns idealerweise so ab, dass zwei Jugendliche aus der Gruppe für die Gruppe kochen. Dazu wird am Tag zuvor besprochen, was es zu Essen geben soll, dann wird eingekauft und ab 16 Uhr wird gekocht, damit das Essen um 18 Uhr fertig ist. Dann gibt es eine Stunde Gruppenabend, wo aktuelle Anliegen besprochen werden oder wir den Jungs Infos über das Leben in Deutschland (Asylverfahren, Schule/ Ausbildung, Gesundheit usw.) geben. Danach wird gegen ca. 19 Uhr gemeinsam gegessen. So läuft das. Idealerweise. Leider nicht heute.

Um 16 Uhr mache ich mich auf die Suche nach A. und finde ihn mit mehreren anderen Jungen in seinem Zimmer. Neben ihm steht ein junger Mann, den ich noch nie gesehen hab und bearbeitet A.s Kopf mit einem Rasierapparat, neben dem Stuhl liegen Haare, das Zimmer wurde also kurzfristig in einen Friseursalon umfunktionert. Y. möchte auch zum Friseur, also zücke ich den Geldbeutel und drücke dem jungen Mann weitere 10 Euro in die Hand. Nur jetzt nicht hysterisch loslachen. A. verspricht mir, dass wir in 20 Minuten einkaufen gehen können. Nach weiteren 20 Minuten klopfe ich wieder an die Zimmertür. A. kehrt gerade die Haare zusammen, erklärt mir aber, er müsse jetzt erst duschen, nach dem Friseur. Nur jetzt nicht hysterisch loslachen. Unterdessen erklärt mir der Lieblingskollege, dass jetzt S. gerne für die Gruppe kochen möchte. Ich schnappe mir also S. und gehe postwendend mit ihm einkaufen, beim Türken, denn der ist ja billiger als der Aldi. Sagt S. Beim Bezahlen merke ich davon wenig, dafür erklärt S. mir auf dem Heimweg, dass es ja besser wäre, dass ich nicht verheiratet bin, weil „ist einfach besser“. Bis wir zurückkommen ist es 17.20 Uhr, um 18.00 Uhr soll der Gruppenabend starten. Nur jetzt nicht hysterisch werden. Beide Küchen sind besetzt, wir quetschen uns irgendwo dazwischen. E. und A. kommen und möchten kochen helfen, dafür ist S. plötzlich wieder verschwunden. Ich finde ihn beim Kickern, wo er mir erklärt, dass er gar nicht kochen wollte, er will lieber nächste Woche ein afghanisches Gericht kochen, das Gericht heute sei ja ungarisch, nicht afghanisch. Ich lasse diese Ausrede nicht gelten und schleppe ihn wieder in die Küche, wo es wieder Diskussionen gibt, er aber schließlich doch mithilft. Als ich wieder in die Küche komme, sind E. und A. wieder verschwunden, ich ignoriere das großzügig und mache mich erstmal auf die Suche nach verschwundenen Messern, Schneidebrettern und Töpfen. Vier Betreuer, etliche Jugendliche kochen auf einem Herd für zwei verschiedene Gruppen, es ist sehr chaotisch und sehr laut. A. taucht wieder auf und schneidet bereitwillig Gemüse, dafür stellen wir fest, dass es nun schon 17.55 Uhr ist und die andere Gruppe gerne in der Küche jetzt ihren Gruppenabend starten möchte. Abermals ein Wechsel der Location bzw. der Küche. Die Lieblingskollegin kommt hinzu und fängt an, das Fleisch anzubraten, während mehrere Jugendliche ihr über die Schulter gucken und Kommentare abgeben. S. ist dabei besonders aktiv. Als die Lieblingskollegin ihm anbietet, er könne doch auch gerne selber statt ihrer kochen, ist er beleidigt und verlässt die Küche. Jetzt haben wir nur noch A. als Helfer, was eigentlich nicht der Sinn der Sache ist, da die Jugendlichen kochen sollten, aber ich nutze die Gelegenheit und die Ruhe, um A. der sehr wenig kochen kann, einige Gewürze und eine Arbeitsgänge beim Kochen zu erklären. Unterdessen kommt der Kollege in die Küche und wir beschließen, dass er schonmal die restlichen Jungen suchen und „zusammentreiben“ könnte. 5 Minuten später kommt er wieder und berichtet, dass E. das Haus verlassen habe, S. sei unauffindbar, ein anderer Jugendlicher befindet sich schlafend im Bett und zwei Jugendliche sind ebenfalls unauffindbar. Ich stelle fest, dass wir nun ein Gericht für 10-12 Personen kochen, dass tatsächlich 3 Jugendliche und 3 Betreuer am Tisch sitzen werden, aber dann ist das nun mal so.

Irgendwann ist das Essen fertig und wir gehen in den Besprechungsraum, um endlich unseren Gruppenabend abzuhalten. Es ist 18.50 Uhr. L. und F. sind plötzlich doch da und warten schon im Raum, A. und Y. holen noch ihre Teller. Sh. trudelt auch irgendwann ein, S. ist immer noch beleidigt und auf Krawall gebürstet, Zu meiner großen Freude ist plötzlich E. wieder aufgetaucht und wir können tatsächlich mit sieben von acht Jugendlichen unser Programm starten. Irgendwann kurz nach 19.00 Uhr taucht auch Sa., der zuvor im Bett befindlich war, auf. Wir diskutieren also über Regeländerungen für den rasant nahenden Ramadan, die Fußball-WM, über PC-Benutzung und Wecken, gehen aber sofort als alle Punkte abgehakt sind zum Essen über und holen die Töpfe aus der Küche. S. stellt fest, dass der Reis, den ich gekocht habe, „nicht gut“ ist und geht nochmal zurück in die Küche, um den Reis mit Schnittlauch und Zitrone zu verfeinern. Irgendwann können wir endlich essen. Wir fragen die Gruppe, wer in der nächsten Woche kochen möchte, um ähnlichen Katastrophen wie heute vorzubeugen, aber S. (Afghanistan) erklärt uns, dass es unhöflich ist, beim Essen zu sprechen. Glücklicherweise erklärt E. sich schnell bereit, nächste Woche das Kochen zu übernehmen. Insgesamt verläuft der Abend dann sehr friedlich und in angenehmer Athmosphäre, dennoch wanken wir Betreuer eher aus dem Zimmer, als wir gehen. Ich sehne mich nach einer Zigarette. Stattdessen wasche ich Geschirr ab, räume auf und fülle eine Anfrage für einen Dolmetscher für das Gespräch mit der Psychologin aus. Als ich sehe, dass Kollegen vor dem Haus stehen und reden, gehe ich dennoch kurz raus und wir diskutieren, wie man das Kochproblem in Zukunft etwas besser lösen kann. Kurze Zeit später ist es schon 20.45 Uhr und Zeit für die Übergabe an den Nachtdienst. Danach verzweifele ich noch ein wenig an der Abrechnung und verlasse gegen 21.30 Uhr endlcih das Büro Richtung Heimat. Ich freue mich, dass es noch hell ist und gehe das letzte Stück vom Bus nach Hause zu Fuß lauthals singend. Die paar Leute, die ich unterwegs treffe und die mich verdutzt ansehen, ignoriere ich, ich bin einfach nur froh, dass der Tag geschafft ist und ich die nächsten zwei Tage frei habe.

Ein ganz normaler Tag oder auch: Des Wahnsinns fette Beute. Das war also wieder der 5. eines Monats und ein kleiner Auszug dessen, was ich so tagtäglich (in meinem Job) tue. Ich hoffe, ich habe Sie gut unterhalten und Sie schalten auch nächsten Monat wieder ein, wenn es heißt: „Es ist der 5., es ist Tagebuchblogging-Tag“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s