Liebe Münchner,

die Frau, die da Samstag morgen von 8.00 Uhr bis ca. 8.40 Uhr auf der Bank einer hiesigen S-Bahn-Station lag und sich vor Schmerzen gekrümmt hat, war keine verkaterte Drogentussi oder ähnliches, sondern das war ICH mit urplötzlichen Bauchschmerzen aus der Hölle inkl. Kreislaufschwäche. Ich wollte mich mit einer Freundin auf der Durchreise am Flughafen zum Frühstück treffen und obwohl ich zuhause einer leisen-leisen Vorahnung folgend, Schmerzmittel eingesteckt hatte, wurde ich von der „roten Flut“ mit sämtlichen ihrer Nebenwirkungen ziemlich urplötzlich überrascht und konnte mich so gerade noch zur nächsten Bank schleppen. Auf der ich dann die nächste halbe Stunde vor Schmerzen stöhnend, keuchend und völlig verschwitzt verbrachte, mehrmals mit der panischen Angst kämpfend, dass mir jetzt gleich schwarz vor Augen werden würde. Bis endlich das Schmerzmittel und das Kreislaufmittel wirkten, von denen ich in meiner Panik sicherlich die Obergrenze der erlaubten Dosis oder vielleicht auch ein bisschen mehr eingeworfen hatte, dauerte es etwas über eine halbe Stunde.

Omas auf einem Ausflug in die Stadt, Stewardessen auf dem Weg zur Arbeit – es waren trotz der frühen Stunde viele Leute unterwegs, das habe ich noch mitbekommen. Der Bahnhof liegt an der Flughafen-S-Bahn, welche eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit voll besetzt ist.

Ich bin sicher, ihr Menschen die Ihr einfach vorbeigegangen seid ohne hinzuschauen, Ihr seid sonst ein total nettes Völkchen, aber dass in knapp 40 Minuten keiner Hilfe angeboten hat, keiner auch nur gefragt hat, was los ist und ich wirklich Angst hatte bewusstlos zu werden ohne dass es jemanden interessiert hätte, das war kein angenehmes Erlebnis und hat mich zutiefst erschüttert, wie wenig Zivilcourage es wirklich gibt.

Ich weiß, man soll in Notsituationen Leute gezielt ansprechen, aber mein Kopf war so leer, war so voller Schmerzen, war so voller Konzentration jetzt bitte nicht umzukippen, dass ich schlicht nicht auf die Idee gekommen bin, jemanden anzusprechen. Ich war schon stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte, mein Handy aus der Tasche zu kramen und meine Eltern anzurufen. Mehr ging nicht.

Der Typ neben mir, der seelenruhig in seinem iPad las, mich nicht eines Blickes würdigte und dann einfach seelenruhig in die S-Bahn einstieg und wegfuhr. Die vielen Omas, die achtlos vorbeiliefen, während ich versuchte, mich irgendwie aufzurichten und es aber mangels Kraft einfach nicht schaffte.

Ich hielt das früher für ein Gerücht, dass es mit der Zivilcourage in unserer Gesellschaft wirklich so schlecht bestellt wäre, ich dachte immer, das kann nicht die ganze Wahrheit sein, das trifft nur auf einen bestimmten – wenn auch immer größeren – Teil der Menschen zu. Jetzt weiß ich dass es wahr ist. Wenn man zum ersten Mal in so eine Situation kommt, ist das sicherlich erstmal ein Schock, vielleicht war es letzten Endes gar nicht so schlimm, wie es mir grad vorkommt. Aber es ist dennoch ein Schock, einer der tief sitzt. Der erschüttert. Und der sehr nachdenklich macht.

Danke dafür.
Ihre und Eure Frau Ansku

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5 Kommentare zu „Liebe Münchner,

  1. Liebe Frau Ansku, ich bin gerade sehr betroffen – es tut mir wahnsinnig leid, dass es Dir so schlecht ging und Du ganz alleine dabei warst!! Mehr kann ich garnicht sagen, ich drück Dich mal, wenn ich darf!?

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  2. Ach Du Schande! Das gibts doch nicht….. Zum Glück ist nichts passiert…. Aber man darf gar nicht an die vielen Situationen denken, in denen es Menschen genauso ergeht und die dann doch zu Schaden kommen, ohne dass es einen interessiert. Es läuft aber zum Glück nicht immer so. Erst neulich stand ich recht hilflos, weil halbblind von einer Augenuntersuchung am Straßenrand und wartete auf meinen Mann, da kam eine Frau auf mich zu und fragte mich, ob alles ok sei und ob ich Hilfe bräuchte. Denk bitte nicht, dass gar niemand mehr hinsieht, auch wenn deine Erfahrung am Samstag leider eine andere war.

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  3. Danke Euch allen! Dass es mir so schlecht ging, ist zwar nervig und ätzend, aber in dem Zusammenhang mit der roten Flut doch nichts gänzlich Neues. Es hat einfach nur eine Ewigkeit gedauert, bis die Schmerzmittel gewirkt haben. Insofern schon okay. Als die Schmerzmittel-Überdosis endlich anfing zu wirken, konnte ich sogar noch meine Freundin treffen.

    Das furchtbare war dort zu liegen und keiner kümmert sich. Auch ich habe schon gegenteilige Erfahrungen gemacht und dennoch, wenn man einmal in so eine Situation kommt und dann bedenkt, dass es eben nicht nur Ausnahme ist und zudem eben gottseidank bei mir noch sehr glimpflich ausgegangen ist, dann wird man sehr nachdenklich. Danke für Eure Drücker, sind alle angekommen! ❤

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  4. Oh, das tut mir leid, was dir da passiert ist. Ich und meine Schwester haben mal ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, denn wir sind mit demselben Leiden gestraft… Meiner Schwester passierte das gottseidank in der Nähe einer Zahnarztpraxis, so dass sie sich dort eine Weile auf eine Liege legen konnte. Krankenliege in der Schule, Krankenwagentransport usw. kennen wir alles schon. 😉

    Das mit dem Helfen ist so eine Sache… ich würde in einer solchen Situation wohl aus Schamgefühlen lieber jede Hilfe verwehren. Wenn aber echte Not am Mann ist, sollte man schon sicher sein, dass das irgendwer um einen rum mitkriegt. Ich hoffe dur warst nur zur falschen Zeit am falschen Ort und die Menschen haben dich leider nur in diesem Augenblick nicht so richtig wahrgenommen.

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