Auf der Suche nach einem Punkt

Ich schrieb hier schon öfters davon, dass seit ich Soziale Arbeit studiere, ich Fragen über Fragen habe. Antworten gibt es wenige, die Fragen werden dafür von Monat zu Monat mehr. Je länger ich dabei bin – und jetzt eben auch in der Praxis bin – desto mehr merke ich, dass von mir auch Antworten gefordert werden. Nicht jetzt, nicht bis Ende des Praktikums, aber irgendwann. Die Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession. Man kann eigentlich sagen, unsere Arbeitsgrundlage sind die Menschenrecht. Sowohl internationale Abkommen als auch gesetzliche Regelungen, aber – und darauf kommt es an – auch die eigenen Vorstellungen von Ethik und Werten. Nun ist es ja nicht so, dass ich keine Vorstellungen von Ethik und Werten hätte, keine Vorstellungen von Gerechtigkeit und einem menschenwürdigen Leben, aber diese Vorstellungen sind zur Zeit so vielen Fragen unterworfen und werden so oft auch angestossen und durcheinandergerüttelt, dass mir eine eindeutige berufliche Positionierung momentan schlicht unmöglich erscheint.

Gestern habe ich einen Vortrag von einer der ganz Großen meiner Profession gehört und es hat mich so unglaublich inspiriert. Es ging um fachpolitische Positionierung und Einmischung der Sozialen Arbeit. Nicht, dass ich jetzt so viel schlauer wäre, was meinen „Selbstfindungsprozess“ angeht, nein. Eher hat der Vortrag nochmal eine Reihe von Fragen für mich aufgeworfen, hat mir einzelne Aspekte nochmal vor Augen geführt, die ich so nicht bedacht habe. Im Großen und Ganzen also keine Veränderung, nur noch mehr Fragen, noch weniger Antworten. 😉

Was mich aber an dem Vortrag sehr beeindruckt hat war, dass die Referentin mehrmals deutlich betont hat, dass es nichts bringt, über soziale Misstände, über Sparzwang und was weiss ich alles zu jammern. „Nicht jammern, sondern sich empören“, also sich einmischen, das war die zentrale Aussage. Daneben kam aber auch deutlich hervor, dass viele Missstände in der Sozialen Arbeit hausgemacht sind, weil eben manche Sozialarbeiter sich nicht einmischen, eben nicht ihre eigene Meinung deutlich und zur Not auch gegenüber Ämtern vertreten und eben nicht eigenen Werte hinterfragen und stattdessen stur ihren Job machen (*) – ich will auch gar nicht behaupten, dass alleine das nicht schon anstrengend genug wäre, ich bekomme es ja nun in aller Deutlichtkeit von vielen Seiten auch mit. Ich schreibe das hier in dem Sinne, als dass es mir mal wieder gezeigt hat, wie unglaublich wichtig eine eigene und auch fachpolitische Werte- und Meinungsbildung in meinem Beruf ist. Es geht dabei natürlich nicht um einzelne Parteien, wohl aber um eine politische Meinung.

Und genau das fällt mir so unglaublich schwer. Dieses ganz verzwickte System, welches so schwer zu überschauen ist, dass ich mich wirklich oft fragen muss: Wo bleibt denn da der Mensch? Andererseits aber stehe ich auch oft bei Diskussionen unter Sozialarbeitern dabei und muss mich fürchterlich fremdschämen, weil es eine unglaubliche Schwarz-Weiss-Malerei gibt zwischen Wirtschaft und Sozialem: Alles, was Wirtschaft ist, ist „böse“, alles, was sozial ist, ist „gut“, so kommt es mir vor. Ich möchte dann manchmal am liebsten schreiend davonrennen. Ich kann das so nicht, dieses Schubladendenken in „gut“ und „böse“. Das fängt damit an, dass ich nicht daran glaube, dass ohne eine funktionierende Wirtschaft ein Sozialstaat funktionieren kann und das hört bei weitem noch nicht damit auf, dass ich der festen Überzeugung bin, dass es „gute“ und „schlechte“ Menschen in ALLEN gesellschaftlichen Schichten gibt, dass also nicht automatisch alle reichen Menschen „böse“ und alle Menschen aus den unteren gesellschaftlichen Schichten „gut“ sind. Aber wo, wo ist denn nun die goldene Mitte zwischen all dem?

Damit mich keiner missversteht, ich will nicht die Universallösung für alle Probleme, aber vielleicht so eine klitzekleine eigene Meinung, einen Standpunkt. Momentan hüpfe ich wie ein Flummi zwischen allen Positionen hin und her, weil ich hier wieder etwas höre, dort wieder etwas ganz anderes erfahre und in der Praxis sieht alles plötzlich nochmal ganz anders aus. Das ist auf Dauer ganz schön anstrengend!

* Ich kann hier nur die Meinung wiedergeben, die in dem Vortrag vorgestellt wurde, ob das tatsächlich ein Misstand ist, kann ich als Berufsanfängerin noch nicht beurteilen.

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