Lebensläufe

Mein Antrag auf BaföG ist gestern ziemlich eindeutig und nach gerade einmal einer Woche abgelehnt worden. Das war nicht wirklich überaschend, eher sogar zu erwarten. Für ein Zweitstudium gibt es keine Förderung durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz, so einfach ist das. Dennoch habe ich einen Antrag gestellt, weil ich erstens für die kommenden sechs Monate nur ein Praktikumsgehalt zur Verfügung haben werde, welches sich eher diesseits als jenseits der 400-Euro-Grenze bewegt aber aufgrund der Arbeitszeiten natürlich nicht mehr so viel nebenher arbeiten kann wie vorher, zweitens weil ich auf einige Sonderregelungen wie z.B. ein elternunabhängiges BaföG gestossen bin und es mir als Laie den Anschein erweckte, dass ich eventuell doch noch unter die eine oder andere Sonderregelung fallen könnte und drittens weil ich gedacht habe, Versuch macht kluch. Deshalb hatte ich gehofft, für die paar Monate wenigstens übergangsweise etwas Unterstützung zu erhalten, nur bis zum Ende des Praktikums Anfang März. Nun ist das also abgelehnt worden. Es war wie gesagt zu erwarten und es ist keine Tragödie, ich werde sicher irgendwie überleben. Natürlich sehe ich auch, dass in Zeiten chronisch leerer öffentlicher Kassen eben nie genug Geld für alle da sein kann. Irgendjemand geht immer leer aus, irgendjemand in einer Gesellschaft wird einfach immer benachteiligt sein, aus diesen oder aus jenen Gründen. Da bin ich wohl zu sehr Kapitalist Realist als dass ich mir das schönreden könnte.

Und dennoch bin ich ein klitzekleines bisschen enttäuscht. Enttäuscht, weil es eine kleine Anerkennung meiner Bemühungen gewesen wäre, den richtigen Beruf zu finden. Ich schrieb schon mehrmals, dass ein Studium zu absolvieren und nebenher in einem Job Geld zu verdienen nicht leicht ist, weil ich in den vergangenen zwei Jahren sehr viel getan und geleistet habe, um mit diesem zweiten Studium niemandem mehr zur Last zu fallen, weder meiner Familie, noch dem Staat, noch sonst irgendjemandem. Nun kann man wieder argumentieren, dass ein zweites Studium ja eigentlich Luxus ist, dass das ja nicht zwingend nötig wäre, um einen normalen qualifizierten Beruf zu ergreifen. Aber inzwischen sehe ich das etwas anders, den Lebensläufe verlaufen einfach nicht glatt. Das von der Vorschule bis zum Renteneintritt durchgeplante Berufsleben gibt es ja bekannterweise alleine schon aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen nicht mehr. Dazu kommt, dass ein Mensch sich zwischen der Vorschule und dem Studienabschluss auch persönlich weiterentwickelt, dass sich seine Interessen ändern und seine Lebensvorstellungen ändern, seine persönliche und familiäre Situation und noch so vieles mehr. Ich sehe mich inzwischen nicht mehr als Exot oder Langzeitstudent, denn ich habe mehrere Leute kennengelernt, denen es ähnlich erging wie mir. Eine Freundin, die Rechtsanwaltsgehilfin gelernt hat und danach Geschichte studiert hat. Die Mutter einer Freundin, die Altphilologie studiert hat und später Altenpflegerin wurde. Und selbst als ich zum allerersten Mal an der Fakultät für Sozialwissenschaften zur Studienberatung auftauchte, winkte der Studienberater müde ab, er hätte schon so viele Leute hier gehabt, die ein Zweitstudium anfingen, Soziologen, Kommunikationswissenschaftler, Juristen, Informatiker, sogar eine Innenarchitektin. Ich glaube, dass das nichts besonderes mehr ist, sich im Leben noch einmal neu zu orientieren. Menschen verändern sich und Menschen passen sich an.

In den skandinavischen Ländern ist man bei diesem Thema schon einen großen Schritt weiter. Die besagte Mutter einer Freundin, die Altenpflegerin wurde, durfte die Ausbildung zur Altenpflegerin verkürzt absolvieren, da sie ja bereits einmal in einem Studium unter Beweis gestellt hatte, dass sie fähig ist zu lernen, Literatur zu suchen, wissenschaftlich zu arbeiten, ein Studium bzw. eine Ausbildung zu absolvieren. So bekam sie zwei Jahre lang nur das fachlich Relevante vermittelt und ist seitdem meines Wissens sehr zufrieden mit diesem Job.

In Finnland gibt es eine Möglichkeit, sich einmal im Leben komplett neu zu orientieren und einen kompletten Neustart zu machen. Eine Freundin von mir macht das gerade. Meines Wissens wird man in diesem Fall für die Dauer der Ausbildung vom Beruf freigestellt und der Staat zahlt die neue Ausbildung sowie einen Zuschuss zu den Lebenshaltungskosten. Viel ist das scheinbar nicht, aber es ist schon einmal eine Hilfe. Diese Möglichkeit gibt es wie gesagt pro Kopf nur einnmal im Leben, aber es gibt sie.

Ich wünsche mir kein BaföG für mich, ich bin vorerst erstmal versorgt, wenn auch mit Hilfe meiner wunderbaren Familie. Ich wünsche mir allgemein in der Gesellschaft etwas mehr Aufmerksamkeit dafür, dass Lebensläufe unterschiedlich verlaufen. Und in den seltensten Fälle gerade.

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2 Kommentare zu „Lebensläufe

  1. Wenn das Bafög abgelehnt wurde, kann man auch als Student Wohngeld beantragen. Es ist ein Haufen Papierkram, aber Du wirst danach beurteilt, wieviel Du wirklich pro Monat zur Verfügung hast und nicht danach, wie viel Du haben könntest 🙂 Und ich finde es schon grandios, dass ein Studium in Deutschland so wenig kostet; auch mit Studiengebühren tragen wir nur einen Bruchteil der Kosten. Das ist mehr, als viele andere Länder sich leisten können…
    Ich sage nicht, dass es nicht besser geht, aber es geht auch definitiv noch schlechter.

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  2. Hallo Jona, danke für Deinen Kommentar. Ich habe mich in keiner Weise über die Studienbedingungen hier beschwert, ich habe auch erwähnt, dass ein zweites Studium ja schon irgendwie „Luxus“ ist und man damit auch ein wenig für sich selber verantwortlich ist.
    Ich habe lediglich gesagt, dass Lebensläufe sich ändern können und dass man anderswo schon einen Schritt weiter ist und Menschen darin auch unterstützt und dass das mal ein Thema wäre, über das man hierzulande auch nachdenken könnte.

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