Die lachende Leiche

Ich hatte im vergangenen Sommersemester einen Kurs über Gruppenarbeit. Und damit Gruppenarbeit noch schöner wird, nannte sich der Kurs psychodramatische Gruppenarbeit. De facto bedeutete dies, das wir das ganze Semester über Theater gespielt haben, die banalsten Alltagsszenen und dann darüber geredet haben, wie wir uns dabei gefühlt haben. Aber das hatten wir ja glaube ich irgendwo schonmal.

Jedenfalls, einmal mussten wir in diesem Kurs eine Geschichte aus einer Klatschzeitschrift als Theaterstück umsetzen. Wir haben als (Achtung, noch ein Highlight!) Kleingruppen gebildet, jede Gruppe bekam eine Zeitschrift in die Hand gedrückt und wir mussten uns eine föschterlisch-schröcklische bewegende Geschichte aussuchen, die wir nachspielen wollten. Meine Gruppe fand in unserer Zeitschrift nichts richtig interessantes. Nicht-mehr-Waity Katy und ihr Willy, das Drama um Königin Silvia und ihren liebestollen Gatten. das alles vermochte uns – ach so hartherzige – Sozialpädagogen nur wenig zu berühren. Am spannendsten war realistisch betrachte dann doch die Geschichte über den illegalen Organhandel aus Osteuropa und gut zu einem kleinen Theaterstück verarbeiten, sprich in unserem Fall eher ordentlich durch den Kakao ziehen liess sich das Stück obendrein. Gesagt, getan und somit wurden aus meinen Komilitonen eine Kranke, die dringend auf ein Spenderorgan wartete, eine desinteressierte Frau in der Vermittlung für Spenderorgane und zwei skrupel- und intelligenzlose Chirurgen, die eifrigst an der Leiche herumschnöpselten, unterbrochen nur von gelegentlichen Kommentaren wie „Oh, was’n das? – Ist das die Leber? – Nee, die liegt doch viel weiter unten… Moment, ich glaub ich muss mal im Lehrbuch nachsehen! – Ach, das ist das Herz. – Ha, dann nehmen wir das auch noch gleich mit.“ Und ich? Ich bekam das erste Mal in meinem Leben die ehrenvolle Aufgabe, eine Leiche zu spielen. Nun ist es so, dass ich seit langem weiß, dass ich eine bodenlos schlechte Schauspielerin bin, man sagt mir auch nach, dass man mir alles was ich denke im Gesicht ablesen kann. Sehr ungünstig, wenn Sie mich fragen. Noch fataler wird das Ganze, wenn es lustig-satirisch wird, dann bin ich nämlich stets die erste die vor Lachen wiehert, sich nicht mehr beherrschen kann und das ganze Stück zu Fall bringt. Wären Sie also an diesem Tag dagewesen, Sie hätten die lebendigste Leiche ever gesehen, das kann ich Ihnen versichern. Eine so lebendige Leiche, dass sie kaum noch an sich halten konnte, sich vor Lachkrämpfen geschüttelt wand, ein paar Mal beinahe wirklich vor Lachen keine Luft mehr bekommen hätte und spätestens bei dem Spruch mit dem Lehrbuch beinahe vom OP-Tisch, also den zwei schnell zusammengeschobenen Tischen in dem Unterrichtsraum, gefallen wäre. Gottseidank waren meine Komilitonen da um einiges cooler als ich, komisch muss der Anblick wohl trotzdem gewesen sein. Ich hab mich nicht getraut zu fragen.

Ich hatte mir diese Rolle übrigens selbst gewählt, weil ich an dem Tag unsäglich müde war und mich sehr darauf gefreut hatte, einfach nur bewegungslos daliegen und nichts tun zu müssen. Vor allem nichts dabei denken zu müssen. Dementsprechend verdutzt war ich dann, als der Dozent mich in der Nachbesprechung sichtlich besorgt fragte: „Und Ansku? Wie geht es Dir dabei? Du hattest ja eine ziemlich krasse Rolle… Was hast Du Dir während des Spiels gedacht?“ 😉

Wir haben in dieser Nachbesprechung dann mein Gekichere, Gegackere und Gewiehere mit der Absurdität der Situation, dass man ja jemand Toten spielen muss, erklärt. In letzter Zeit aber ist mir aufgegangen, dass es weniger um den Tod, als viel mehr um diese ahnungslosen Ärzte ging, die meine beiden Komilitonninen gespielt haben. Und um ebendiesen Kommentar mit dem Lehrbuch. Denn genau so fühle ich mich momentan in meinem Studium. Ich lerne einiges, ich lerne vieles verschiedenes, aus vielen verschiedenen Fachgebieten, aber ich habe oft das Gefühl oder auch Angst, ich lerne alles nur halb. Nehmen wir beispielsweise Psychologie. Im Bacherlorstudium haben wir im ganzen Studium nur zwei Semester Psychologie. Und die sind jetzt rum. Es kann sein dass man später abhängig von der gewählten Spezialisierungsrichtung noch etwas Psychologie hat, aber im Grossen und im Ganzen war’s das jetzt. Und ich stehe nun da und habe das Gefühl, ich habe noch nicht einmal richtig angefangen, etwas von Psychologie zu verstehen.

Das ist jetzt nicht falsch zu verstehen. Ich weiss, dass ich keine Psychologin bin und niemanden therapieren muss. Das ist vollkommen klar. Dennoch sollte ich – so wie ich das bisher verstanden habe – als Sozialarbeiterin in bestimmten Arbeitsfeldern auch Probleme erkennen und Leute kompetent beraten und an entsprechende Stellen weiterverweisen können.

Abgesehen davon mag ich mein Studium und seine Vielfalt, wirklich. Das da immer irgendetwas zu kurz kommt, ist wohl glasklar. Über die Vor- und Nachteile eines so kurzen Bachelorstudiums brauchen wir uns auch nicht mehr zu unterhalten. Das es auch immer vom gewählten Arbeitsfeld später abhängen wird, welche Kenntnisse ich tatsächlich brauchen werde und welche weniger und überhaupt, dass man alles dann in der Praxis schon irgendwie deichseln wird, auch das ist mir durchaus bekannt.

Möglicherweise „leide“ ich ja unter der typischen Zweit-Semester-Verwörrung, die sich einstellt, wenn man kein Frischling mehr ist, wenn man irgendwie schon mittendrin ist, aber irgendwie auch nicht und wenn man vor allem noch gar nicht den Überblick über das ganze grosse weite Areal des Fachgebietes hat. Ich erinnere mich da an so Phasen aus dem Erststudium. Ist es das? Oder ist es etwas ganz anderes? Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass momentan ich ein wenig Angst davor habe, dass in ein paar Jahren ich diejenige bin, die dasteht mit dem Lehrbuch in der Hand und ersteinmal blättern muss um zu sehen, wo die Leber denn nun wirklich liegt. Und ich hoffe sehr, dass sich dieses Gefühl in den verbleibenden vier bis fünf Semestern noch legt.

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