Zeugnistag

Als ich ungefähr 10, 11, 12, 13… 18 Jahre alt war, da konnten wir es wie wohl alle Schüler jedes Jahr am Zeugnistag kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Von dort aus ging es stets auf dem allerersten Wege zu Oma und Opa. Was waren wir da aufgeregt, denn bei Opa und Oma gab es immer eine Belohnung für das Zeugnis und für gute Leistungen. Die Belohnung war immer sehr grosszügig, manchmal, wenn wir sehr sehr gute Noten mitgebracht hatten, fiel die Belohnung noch ein wenig großzügiger aus. Niemals hätte ich zugegeben, wie sehr ich auf diese Belohnung wartete (weil das Taschengeld mal wieder mehr als knapp war), aber wir waren natürlich nichtsdestotrotz und ebendrum immer ganz erwartungsvoll und auf das Äußerste gespannt, wenn wir Oma und Opa unsere Zeugnisse hinstreckten, die Kommentare zu den einzelnen Noten über uns „ergehen“ lassen mussten und warteten, bis endlich das große Geheimnis gelüftet wurde. Nie haben meine Großeltern diese Belohnung vergessen und wenn Opa es doch einmal vergessen hatte – oder auch einfach nur langsamer als Oma war 😉 – , dann sagte Oma sehr energisch zu ihm: „Nun hol mal was Schönes für die Kinder!“ oder sie sagte gleich direkt, wie es ihre Art war: „Gib den Kindern mal xx Euro für das schöne Zeugnis.“

Inzwischen bin ich 28 Jahre alt, Oma ist seit ein paar Monaten nicht mehr bei uns und ich bekomme keine Schulzeugnisse mehr, sondern habe vor einem Jahr angefangen ein zweites Mal zu studieren.
Ich weiss, wofür ich das mache oder naja, sagen wir mal, ich glaube es manchmal zu wissen, sonst hätte ich wohl das vergangene Jahr mit allen seinen schönen, aber auch seinen unglaublich anstrengenden Seiten nicht überstanden. Ich mache es für mich. Ich rechne nicht mehr damit, dass man mich für meine Leistungen belohnt, ich käme gar nicht auf diesen Gedanken. (Und sei das Konto momentan noch so sehr im Minus, some things never change…) Im Gegenteil, ich bin zutiefst dankbar für das, was ich habe, und rechne es meiner Familie mehr als hoch an, dass sie diese „Eskapaden“ 😉 mitmacht, mich immer noch „durchfüttert“ und mich diesen Traum leben lässt.

Und dann sitze ich plötzlich gestern Abend meinem lieben Opa gegenüber und erzähle ihm eher beiläufig von meinen Noten, die ich letzten Freitag bekommen habe. Wir unterhalten uns ein wenig und bevor ich ins Bett gehen will, zückt Opa seinen Geldbeutel und drückt mir zwei Scheinchen in die Hand. Für die guten* Noten, eine Belohnung. Und ich fühle mich um ca. 18 Jahre zurückversetzt und muss ganz heftigst aufpassen, dass ich nicht anfange zu kniepern.

Sie vergessen es wirklich nie.

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5 Kommentare zu „Zeugnistag

  1. Ach wie herrlich !
    Bei meinen Großeltern konnte ich auch immer „einen blanken Taler“ abstauben.
    Meine Mutter hatte sich damit mal ins eigene Fleisch geschnitten, als ich auf die Realschule kam. Weil ihr die Nachbarin erzählt hatte, dass die Kinder in den Noten so absacken würden, wenn sie von der Grundschule kämen, da das Niveau an der Realschule so hoch sei. Also meinte sie für jede Eins 10 Mark, für jede Zwei 5 Mark.
    Ich hatte 5 Einsen und den Rest nur Zweien. Nachdem ihr Portemonnaie leer war, trank sie einen Cognac auf den Schreck , hehehehe!!!! Im nächsten Jahr gabs das dann nicht mehr 😀

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