Ganz neue Methoden

Frontalunterricht ist total out, unpädagogisch und böse sowieso, das wissen wir alle spätestens seit PISA. Die neue Unterrichtsform lautet also Gruppenarbeit. Alles, was mit Gruppe- anfängt ist – egal wie es endet – top, mit allem anderen kann man sich nur noch verstecken. Gruppenarbeit, Gruppenpädagogik, gruppendynamische Gruppenfindung. Leider nur sieht die gruppendynamische Gruppenfindung wie ich jetzt erfahren durfte dann so aus, dass man eine halbe Stunde lang diskutiert, wer lieber alleine und wer lieber im Team arbeitet und dann letztendlich doch alle Typen zusamenmischt, weil homogene Gruppen aus nur Leuten,die lieber alleine arbeiten oder nur Leuten, die lieber im Team arbeiten, sind ja nicht gruppendynamisch (aber vielleicht effizienter???). Es lebe die Konfrontation.

Die neue „In-„Unterrichtsform heisst also Gruppenarbeit. Das funktioniert mitunter – und bei uns anscheinend nicht selten – so, dass der Dozent verlangt: „So, jetzt lesen Sie doch mal bitte diesen Text und danach fassen Sie den Text mit bunten Malstiften Edding auf einem Plakat zusammen… Ich bin dann in ca. 45 min. wieder da.“ Mitunter verkündet der Dozent auch: „Gehen Sie doch mal in den Computerraum und fangen Sie in Gruppenarbeit mit der Recherche für die Seminararbeit an. Ich will sichergehen, dass Sie alle Datenbanken benutzen können.“ Einzig, dass noch nicht einmal alle Themen für die Seminararbeiten hatten, dass innerhalb der (gruppendynamisch gebildeten!) Gruppen sowieso alle verschiedene Themen hatten und dass wir schon im ersten Semester gelernt haben, Datenbanken zu benutzen. Aber hey! Immerhin sind auf diese Weise locker mal ein bis anderthalb Stunden totgeschlagen draufgegangen, das ist doch für einen sechs-Stunden-Kurs am Samstag schon ziemlich ordentlich!

Besonders lustig auch letzten Herbst, als ich für ein Praxissemester quasi professionell Butterbrote schmieren durfte. Wir hatten ein Praxisseminar über Entwicklungshilfe und sollten in unserem „Praktikum“ helfen, einen Infotag über Möglichkeiten sich für Entwicklungshilfe im Ausland zu engagieren, zu organisieren. Hiess es zunächst. Die vom Verein würden sich bei uns melden. Hiess es zunächst. Die vom Verein meldeten sich dann ca. einen Monat vor der geplanten Veranstaltung. Dass da nicht mehr viel mit Mithilfe bei der Organisation war, weil natürlich alle Referenten, Aussteller etc. bereits ein halbes Jahr früher kontaktiert werden, war ziemlich bald klar. Als wir jedoch ein paar Tag vor der Veranstaltung im November zu einer Vorbesprechung dort vorbeikamen, wurde uns mitgeteilt, dass wir doch bitte noch ein paar Flyer sortieren sollten und am Tag der Veranstaltung zuständig wären für Aufbau der Stände, Kaffee kochen und Brote schmieren für die Referenten, anschliessend „Bewachen der Stände“ und Beratung von Besuchern – immer sehr effektiv, wenn man selber keine Ahnung hat – und am Ende der Veranstaltung Abbau der Stände. Auch sehr interessant war, dass es letztendlich kein Infotag für Entwicklungshilfe war, sondern ganz allgemein über Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen. Dies schloss auch Au Pair, Schüleraustausch, Auslandsstudium, freiwillige Soziales/ Ökologisches Jahr, aber eben auch Entwicklungshilfe mit ein… Dafür ist ein halber Sonntag draufgegangen, gelernt habe ich dabei professionell Butterbrote zu schmieren herzlich wenig. Sie können Sich wahrscheinlich denken, wie stinkewütend ich war.

Ich bin Sozialarbeiter, aber ich bin nicht blöd! Ich bin immer und stets offen für Neues. Allerdings mögen diese ganzen neuen tollen Unterrichtsmethoden vielleicht (was ich momentan zu bezweifeln wage) aus pädagogische Sicht super sein, aber sich dahinter zu verstecken, weil man keine Lust hat, vernünftigen Unterricht vorzubereiten und zu halten, das finde ich sehr traurig. Und zumindest dieser Eindruck entsteht leider gerade in nicht nur einem meiner Kurse. Ehrlich gesagt, früher im „bösen-bösen“ Frontalunterricht in der Schule habe ich mehr gelernt…

Merkt man vielleicht, dass ich zur Zeit (mal wieder) etwas angefressen von meinem Studium bin? Zu Recht aber, finde ich. Ich arbeite mir den A…. auf, um mir dieses Studium zu finanzieren zu können, ich habe regelmäßig eine sechs-Tage-Woche, um Arbeit und Uni unter einen Hut bringen zu können und es macht mich einfach nur traurig, wenn andere (und zwar Dozenten, die dafür bezahlt werden!!) es sich leicht machen, wo sie nur können. Es sind meine Samstage und auch sonst meine Zeit, in der ich sonst arbeiten gehen könnte, die ich opfere. Ich fahre jeden Tag pro Fahrt jeweils knapp eine Stunde hin zur Uni, all das frisst soviel Zeit. Und dann fahre ich Samstag morgen in die Uni und freue mich darauf, etwas Neues zu lernen und nachmittags gehe ich nach Hause und frage mich, was ich nun eigentlich den ganzen Tag getan habe (über gruppendynamische Gruppenbildung diskutiert, obwohl das Thema des Seminars eigentlich Sozialforschung heisst). Darf ich, wenn ich mich so anstrenge, nicht auch erwarten, dass andere sich auch anstrengen, dass ich guten Unterricht erhalte, dass ich etwas dazulerne?

Zur Zeit habe ich leider nicht das Gefühl, dass ich besonders viel lerne. Und das finde ich jammerschade, weil ich wirklich viel Zeit dafür opfere und es macht mich traurig. Nein eigentlich macht es mich stinkewütend.

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4 Kommentare zu „Ganz neue Methoden

  1. jep. gruppenarbeit. hier in finnland immer und ständig und von mir ebenfalls gehasst wie die pest, weil man im besten fall das lernt, was man in der eigenen gruppe „erarbeitet“ – falls wenigstens ein teil der gruppe motiviert ist – und das,w as die anderen tun geht völlig an einem vorbei, weil die vorträge der ergebnisse oft unter aller sau sind und die „handouts“ an der grenze zu nutzlos.
    frontaluntericht rules!

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  2. Gruppenarbeit, eine tolle/“tolle“ Sache… Es gibt immer wieder super Ergebnisse und es macht auch viel Spaß.
    Aber wenn Dozenten sagen, ja, erarbeiten Sie bitte Thema x und in 30 Min treffen wir uns wieder, dann bringt das in meinen Augen nüschts…. (Höchstens der Dozent hat die Zeit mit Kaffeetrinken/lesen/ Nase bohren sinnvoll verbracht…

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  3. 1. Erstens, sei mir nicht böse, aber wir wissen genau, wieviel diese Dozenten bekommen. Oder ist die FH so reich, dass sie auf Lehrbeauftragteausbeutung verzichten kann und alle Dozenten fest angestellt sind?
    2. In Norwegen verstanden die Lehrplanentwerferinnen nach paar Jahren neopädagogischen Blödsinn die Welt nicht mehr, als Schüler den Frontalunterricht zurückverlangten, weil ihnen Gruppenarbeit zu anstregend war. Anfangs haben dieselben Schüler sich auf Gruppenarbeiten gefreut, weil das weniger Arbeit bedeutete. Bis dann die Prüfungen kammen und die Schülerinnen feststellten, dass sie nichts gelernt hatten…

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  4. Gruppenarbeiten sind – richtig dosiert – durchaus adäquate Mittel. Wenn man es allerdings derartig auf die Spitze treibt wie in dem beispiel hier, ist der Ofen ganz schnell aus. Das – und das sage ich als als Sozialarbeiter und als Dozent 😉 – geht überhaupt nicht.

    Was die Vorbereitung angeht, die im beitrag hier drüber angesprochen wurde: Ja, der finanzielle Aspekt spielt eine Rolle. Als Dozent habe ich einen Auftrag – kann ich den nicht ädaquat erfüllen, dann bin ich in dieser Profession falsch. Schaffe ich es nicht mit einer gewissen Routine, so vorzubereiten, dass mein Unterricht bestimmten Ansprüchen standhalten kann und ich gleichzeitig finanziell gut aus der Sache heruaskomme, bin ich nicht für das Dozentum gemacht. Punktum.

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