Ich will nicht diskutieren.

Neulich ging es in einem Seminar im Theorien der Sozialen Arbeit. Wir lernen da ziemlich viel Geschichte, wie das früher mit der Wohlfahrt und der Armenversorgung geregelt war. Wie sich später die Sozialarbeit als Beruf entwickelt und etabliert hat. Wie verschiedene Theoretiker das zu verschiedenen Zeiten gesehen haben und noch vieles mehr. Ich finde das eigentlich auch interessant und auch wichtig, als Hintergrundwissen. (Allerdings nur zu dem Punkt an dem ich vergleiche wieviele Stunden Theorie wir im Verlauf des Studiums haben und wieviele Stunden zum Beispiel Psychologie, an diesem Punkt möchte ich eher heulen, aber das ist eine andere Geschichte.) An und für sich ist das okay.

An und für sich ist es natürlich auch vollkommen okay, Bezüge aus der Geschichte zur Gegenwart herzustellen. Nach einem Referat über Thomas Malthus wollte die Dozentin daher einen Bezug zur aktuellen Diskussion über die Versorgung von Arbeitslosen und Armen, über die einsetzende Ökonomisierung und Pädagogisierung, mit der man heute anscheinend Hartz-IV-Empfängern gegenübertritt, lostreten. Auch das ist an sich ein löbliches Vorhaben, Diskussionen in Seminaren sind ja sehr sinnvoll. Leider nur kam in der Gruppe einfach keine Diskussion in Gange und am Ende beschwerte sich die Dozentin, dass sie bisher in anderen Kursen über diese Themen erheblich mehr diskutiert hätte. Ich selber hätte nicht gewusst, was ich sagen soll.

Ich habe danach auf der Fahrt zur Arbeit noch ein bisschen überlegt und festgestellt: Ich möchte nicht diskutieren, noch nicht. Momentan möchte ich hauptsächlich mich informieren, lernen, beobachten. Ich bin im zweiten Semester, ich habe gerade einmal ein Semester Sozialarbeit mitbekommen und habe gerade mühsam einen Überblick über die verschiedenen Institutionen, Aufgaben und Gebiete der Sozialarbeit gewonnen. Ich gehöre zu den Menschen, die persönlich keinen oder nur sehr wenig Kontakt mit Menschen haben, die unter solchen Umständen leben. Das ist einfach so, ich bin – glücklicher- und dankbarerweise – in diesen Verhältnissen aufgewachsen. Ich kann also nicht jetzt schon zu allem und jedem eine Meinung haben. Überhaupt denke ich grundsätzlich, dass ich nicht zu allem und jedem Thema, welches diese Welt bewegt, eine Meinung haben kann und das auch gar nicht muss. Sich über alles und jeden umfassend zu informieren wäre ein Faß ohne Boden und würde mich persönlich vermutlich ersteinmal in eine sehr tiefe Depression stürzen. 😉 Also beschränke ich mich lieber auf meine kleine Welt und versuche, dort etwas zu tun, wo ich sehe, dass es nötig ist. (Sehr lesenswert ist – nebenbei erwähnt – in diesem Zusammenhang übrigens auch der Beitrag von Frau Tadellos über Ignoranz.)

Und daher finde ich aber auch nichts wenig so schlimm wie Halbwissen und wie Gerede, dass aus Halbwissen entsteht. „Ich hab da mal gehört…“ Ich möchte also nicht über etwas diskutieren, wovon ich eigentlich momentan ausser einer Zahl (364 € und selbst das musste ich nochmal zur Überprüfung nachschauen) nichts weiss. Nichts über Lebensumstände, nichts über Bedürfnisse, nichts über Auswege. Ich weiss auch nichts darüber, wie ein Hartz-IV-Empfänger bei einer Behörde behandelt wird. Ich habe vieles gehört un d vieles mitbekommen, aber ich weiss es nicht, ich habe auch noch nie persönlich mit einem Betroffenen gesprochen. Das wird noch kommen, da bin ich mir sicher und das hoffe ich auch, denn ich möchte mich gerne darüber informieren und wissen, wie das Leben für diese Menschen aussieht. (Sonst würde ich das nicht studieren, klar. 😉 ) Vielleicht war ich da früher anders und habe öfters mal etwas mehr oder weniger unüberlegtes und unfundiertes gesagt, aber inzwischen denke ich mir immer öfter: Welches Recht habe ich, klug daherzureden, ich die ich nichts weiss? Dieses Thema ist ein ziemlich sensibles Thema, wo man genau alle Fakten abwägen muss und gerade bei solchen Dingen finde ich es anmaßend, einfach irgendetwas einzuwerfen, was ich mal bei Milieu-TV auf R.T.L gesehen habe, nur um zu diskutieren. Darauf wäre es aber in dem Seminar – zumindest für mich gesprochen – herausgelaufen.

Momentan lerne ich, frage ich und informiere ich mich, was danach kommt werden wir sehen. Ich stelle daher den Antrag, die Diskussion zu vertagen – um circa ein bis fünf Semester. 😉

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Ein Gedanke zu „Ich will nicht diskutieren.“

  1. Ich habe Deinen Beitrag vor paar Tagen durchgelesen und erstmal nichts kommentiert, sonder ihn einfach in mir ein paar Tage arbeiten lassen. Denn ich hasse es in Seminaren zu sitzen, wo niemand das Maul aufkriegt und ich mir nur denke:
    „Wieso um Gottes Willen studiert ihr das Fach, wenn ihr weder Ahnung und somit auch kein Interesse habt?“
    Sozialpädagogik ist jedoch ein berufvorbereitendes Studium und muß deswegen anderes betrachtet werden.
    Mittlerweile glaube ich zu wissen, worauf Deine Dozentin hinauswollte:
    Wenn man sich dafür entscheidet einen Beruf aufzunehmen, in dem man Menschen helfen soll, in der Gesellschaft klar zu kommen, sollte man auch Ahnung davon haben, was in dieser Gesellschaft passiert.
    So.
    Jetzt ist die Frage, wie sinnvoll das ist.
    Wenn man tatsächlich will, dass die Studentinen schon VOR ihrem Studium wissen, was in der Gesellschaft vor sich geht, wie Hartz- IV- Empfänger in Sozialämtern behandelt werden und, wieviele ausländische Hautpschülerinnen problemlos ihre mittlere Reife schaffen würden, wenn sie entsprechen sprachlich gefördert werden würden, dann sollten die Hochschulen dies als Studiumsvorraussetzung verlangen.
    Für mich wäre das jedoch so, als ob man von einer Medizinstudentin verlangen würde, sie hätte schon vor ihrem Studium Erfahrungen mit Beineeingipsen und Blutabnehmen gesammelt. Ist sicherlich ein Vorteil. Aber, ob sie das zu einer besseren Ärztin macht?

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