Multi-Tasking, too much

Frauen sind multi-taskingfähig und das ist prinzipiell auch gut so. Manchmal übertreiben sie es aber auch. Ich zum Beispiel. Ich mache grundsätzlich immer mindestens zehn Dinge paralell – aufräumen, lesen, essen, bloggen, fernsehen, emails beantworten… – , aber manchmal auch irgendwie nichts davon richtig. Das kann ganz schön irriterend sein? Glauben Sie nicht? Nun, ich gebe Ihnen mal ein paar Beispiele:

Ich schreibe grundsätzlich keinen Blogartikel zu Ende ohne zwischendurch zwanzigmal zu unterbrechen und mich „mal kurz“ durch den Feedreader, Facebook etc. zu klicken. In der zweiten Hälfte des vergangenen letzten Jahres habe ich ganz genau ein einziges Buch gelesen. Nicht, weil es am Anfang so holprig war. Nicht, weil es mir nicht gefallen hätte oder weil ich keine Zeit gehabt hätte. Nein, ich finde keine Zeit zum konzentrierten Lesen, ich finde keine Ruhe. Wenn ich versuche, mich hinzusetzen und ein Buch zu lesen, schweifen spätestens nach einer Viertelstunde meine Gedanken ab und sind komplett woanders, mit irgendwelchen Alltagsdingen und -problemen beschäftigt. So sehr beschäftigt, dass ich zwar physisch weiterlese, aber doch jeden Absatz – selbst  in einem Roman – zweimal lesen muss, bevor ich ihn wirklich verstehe.  Oftmals lese ich – das hab ich mir im Studium vermutlich ZU erfolgreich angewöhnt ganze Kapitel nur quer, überfliege die Seiten und lese lediglich die spannendsten Stellen genau. Wenn ich es merke, werde ich furchtbar traurig und sauer auf mich selbst, denn verpasst man so nicht eigentlich die schönsten Seiten eines Buches?

(Fünf Minuten Lesen vorm Einschlafen klappt übrigens hier so gut wie nie, denn wenn ich mich ins Bett begeben habe, bin ich meistens nach ungefähr zwei Minuten bereits so müde, dass ich keinen Buchstaben mehr erkennen kann.)

Ich kann auch keine Filme mehr anschauen. Das konnte ich noch nie gut, anderthalb bis zwei Stunden stillsitzen und nichts tun ausser auf einen Fernsehbildschirm zu starren. Das ging immer schon nur, wenn ausreichend zu Essen daneben steht, damit meine Hände (und mein Mund) etwas zu tun haben. In letzter Zeit wird das aber immer extremer, den selbst kurze Videos „gucke“ ich nebenher surfend im Internet. Und gar nicht zu erwähnen traue ich mich, dass ich neulich „Er steht einfach nicht auf Dich“ gesehen habe, während ich auf dem Fußboden sass und Stoffe zugeschnitten habe. Ich habe also quasi den kompletten Film als Hörspiel gehört. Während ich diesen Artikel schreibe, läuft nebenher Zwei bei Kallwass. ebenfalls als „Hörspiel“, denn ich schaue ja auf den PC-Bildschirm, meistens jedenfalls. Am Ende dieser „vielseitigen“ Tätigkeiten denke ich mir dann meistens: „Mein liebes Kind, das war ja jetzt sehr nett und vielleicht könnte man das sogar als effizient bezeichnen, wenn man wollte. Aber was HATTEST Du wirklich davon? Was HAST Du von den vielen Dingen jetzt noch behalten? Machte das jetzt wirklich einen Sinn?“ Meistens muss ich sämtliche Fragen verneinen, aber scheinbar bin ich auch beim nächsten Mal nicht in der Lage, es besser zu machen.

Diese Entwicklung beängstigt mich manchmal. Dann wenn ich das Gefühl habe, mich auf nichts mehr konzentrieren zu können und nicht mehr die Inhalte wirklich aufnehmen zu können, sondern alles immer nur halb und ungenau, so verschwommen. Wenn die Dinge schneller wieder vergessen sind als sie aufgenommen wurden. Wenn ich das Gefühl habe, kaum noch Literatur und Kultur mitzubekommen. Wenn ich mich auch bei Anstrengung zu oft und zu leicht von allem und jedem ablenken lasse. Wenn ich – in ganz deprimierten Momenten – fast schon das Gefühl habe, ich muss wieder von vorne lernen zu lesen. Dann, wenn ständig soviele (zuviele) Eindrücke auf mich hereinprasseln und ich mich frage, wie sich das einmal auswirkt. Und sehr sehr oft wünschte ich mir, es wäre anders und ich hätte wirklich Zeit, mit Zeit meine ich bewusst Zeit.

Ich bin sicherlich auch selbst daran schuld, ich gebe es gerne zu. Das Internet mit all seinen wunderbaren Verlockungen und den Zeiten von WLAN in denen der Rechner sowieso ständig irgendwie irgendwo läuft, leisten ihren Beitrag zu meiner allgemeinen Sprunghaftigkeit („Ach, ich schau doch nur mal schnell Mails nach. Ach, und Blogs.“) Aber das alleine ist es nicht und Blogs sowie das böse böse Gesichtsbuch sind nunmal stillleiseheimlich ebenfalls ein berechtigter Teil meines Lebens geworden. Auch das Nähmaschinchen, der neue Job, neues Umfeld und neue Bekanntschaften fressen (in positiver Weise) viel Zeit, die anderswo wieder fehlt, aber das ist ja auch nicht das Schlechteste. Nein, das ist es nicht. 😉

Im Hause Ansku gibt es – seit ich ca. 12 Jahre alt bin 😉 – keine Neujahrsvorsätze, weil ich den Sinn dahinter nicht sehe. Auch hasse ich den Begriff „Zeitmanagement“, weil meine Zeit eigentlich die letzte Instanz meines Lebens ist, die ich nicht gemanangt wissen möchte, sondern die zu meiner und einzig allein meiner Verfügung steht, selbst wenn ich sie nur verplempern möchte. Sicherlich, Zeit steht uns mal mehr, mal weniger zur Verfügung, aber Zeit ist sicherlich nicht ständig dem Zwecke der Gewinn- und Effizienzoptimierung unterworfen. Wo kämen wir denn da hin? Gäbe es aber eine Art Wunsch und eine Art Vorsatz für die kommenden Wochen und Monate, so würder er wahrscheinlich in etwa in diese Richtung gehen und lauten: „Nimm Dir Zeit.“ Aber es geht nicht nur um die Zeit, sondern um die bewusste Zeit, das ist mir jetzt klargeworden. Also werde ich mir Zeit nehmen, ganz bewusst. Es wäre ein erster Schritt dahin, sich eine Stunde lang hinzusetzen und konzentriert ein Buch zu lesen und dies auch in vollen Zügen zu geniessen. Es wäre ein Anfang, nächsten Samstag abend mal den Rechner auszulassen und den schon lange und mit Spannung erwarteten „Soul Kitchen“ anzusehen (der jetzt auch seit September ungesehen hier herumliegt.) Ich muss es nur tun.

Ich nehme mir Zeit. Bewsst und  Stück für Stück, immer wieder ein bisschen. Meine Zeit.

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7 Kommentare zu „Multi-Tasking, too much

  1. Ich kenn das nur zu gut! Mich frisst das Internet auch auf! Lesen tu ich mittlerweile nur noch auf den S-Bahn-Fahrten raus zu meinen Eltern. Ich habe Zeit, meist nur ein Buch dabei und die Leute um mich herum sind meistens still 🙂

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  2. Erst dachte ich, nun kommt: 100 Sachen gleichzeit gemacht und ein großes Missgeschick dazu (So wie ich: mit dem Herzallerliebsten geredet und ne Scheibe Finger statt Brot geschnitten)
    Aber dennoch:
    Ohja, das kenne ich zu gut 😉 Ich schreibe gerade eine Hausarbeit, gleichzeitig wird gesurft und gechattet. Daher brauche ich eine Nachtschicht, um das zu schaffen. Mittwoch ist Abgabe, morgen Treffen mit der Kommilitonin. Trinke gerade einen Cappu, der haut hoffentlich rein.
    Das mit dem Filme gucken kenne ich auch. Entweder setze ich mich aufs Bett, dann kann ich den TV komplett sehen, oder aber es wird auf den PC geschaut und gelegentlich zum TV umgedreht…
    Nur lesen tue ich ohne Ablenkung (irgendwas muss man ja bei der Bahnfahrt machen –> 2-3h täglich Zeit für ein Buch, super!!), da komme ich dann auch auf mindestens ein Buch pro Woche.
    (Ist das eigentlich Multi-Tasking oder auch eine Form von Prokrastination)
    Die Länge des Kommentars ist auch reine Prokrastination… Ich bin dann mal wieder weg 😉

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  3. Lottea: Aber sehr herzerfrischende Prokrastination. ♥ ich musste grad sehr lache. Die Situation kommt mir so bekannt vor. 😉 Ich drück die Daumen für eine erfolgreiche Nachtschicht und eine gute Hausarbeit!
    Ich fahre pro Weg zur Uni auch ca. 1h quer durch die Stadt, muss aber häuiger umsteigen. Ich denke mir immer wieder, dass ich die Zeit zum Lesen nutzen sollte, schaffe es aber meistens doch nie mich zu konzentrieren. Dabei finde ich das eigentlich gar keine Prokrastination, sondern wie Johanna in ihrem Kommentar auch schreibt, sehr vernünftigen Zeitvertreib. Was sollte man sonst während einer Zug-/ U-Bahn-/ S-Bahn- /Busfahrt machen?

    Johanna: Eine Leidensgenossin, schön. 😉

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  4. Kenn ich. Zu gut!
    Und möchte ehrlich gesagt nicht mehr in diese Phase meines Lebens zurück. Mittlerweile kenne ich Multitasking nur noch in der Küche, und da entspannt es mich eher 🙂

    Finde es super, dass du so selbstreflektierend bist!
    Komm zur Ruhe, tu es für dich und deine Gesundheit!

    Klar ist es toll, dass du vieles gleichzeitig tun kannst, und das mag dir in gewissen Situationen auch hilfreich sein, auf Dauer ist weniger aber immer besser und im Endeffekt mehr.

    Drück dir die Daumen, dass du dein Vorhaben durchziehst – du berichtest sicher?! 🙂

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  5. Ich habe lange darüber nachgedacht, ich weiß nicht, wann mich ein Blogeintrag so nachdenklich gemacht hat.
    Was Fernsehen angeht: Ich schaue ja in letzter Zeit sehr viel Film und mir ist aufgefallen, dass ich ständig mit etwas spiele- mit der Fernbedingung, mit dem Glas, mit meinen Fingern. Ich bin jetzt bewußt aufmerksam und höre gleich auf, wenn ich bemerke, dass ich wieder an etwas herumfummle. Ich habe festgestellt, dass ich mich nicht „fallen lassen“ möchte. Das ist generell mein Problem: Ich habe Angst mich fallen zu lassen, die Kontrolle zu verlieren.
    Handarbeiten können da eine Hilfe sein: Es verbraucht nicht Deinen ganzen Intellekt, aber kannst Deine Gedanken schweifen lassen.
    Und wenn wir gerade dabei sind: Laß Deine Gedanken schweifen! Wenn Du beim Buchlesen abgelenkt wirst: Verfolge Deine Gedanken, setzt Dich damit auseinander, schreib es auf!
    Meditation wäre vielleicht auch eine Idee.
    Leg Dich mal täglich zehn Minuten auf den Fußboden (Bett ist nicht gut, weil Du es gleich mit Schlafen in Verbindung brichst) und entspann Dich. Laß Deine Gedanken schweifen, lausche den verschieden Geräuschen nach, versuche Dich zu spüren, den Boden, die Luft- laß Deine Sinneseindrück auf Dich wirken.

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  6. Ich sehe das nicht so wertend, ich denke auch nicht, dass ich ein besserer Mensch oder gesünder oder glücklicher oder irgendetwas dergleichen bin, wenn ich „aus dieser Phase raus bin“. Ich bin sehr glücklich mit meinem Leben so wie es ist, es sind alles Dinge, die zu mir und meiner Person dazugehören. Ich finde es richtig und wichtig, manchmal auch solche Dinge zuzulassen (mich fallen zu lassen, um es mit Ladidaladida auszudrücken, weil ich mich nicht 24 Stunden am Tag zusammenreissen und disziplinieren will und kann, immer nur was vernünftiges zu tun. Auch werde ich nicht jeden Tag nachrechnen, wieviel Zeit ich heute verplempert habe und wieviel nicht oder mich jedes Mal zusammenreissen, nur xx Minuten im Netz zu verbringen. Ich brauche auch oft etwas zum Rumspielen, das finde ich nicht schlimm. Bei mir läuft häufig statt Musik leise der Fernseher (häufig auch mit Musik) im Hintergrund, auch das ist nicht schlimm. Störend wird es nur, wenn ich mich auf etwas konzentrieren will und es nicht kann. Ich stelle also einfach nur fest, dass es manchmal überhand nimmt und ich möchte ein Bewusstsein dafür entwickeln, um mich dann, wenn ich es mal wirklich will, auch auf Dinge konzentrieren zu könne.

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