Kopfkino

Es ist manchmal sehr unglaublich und teilweise auch erschreckend, wie schnell das Kopfkino sich einschaltet. Welche Phantasien ein einziger Anruf auslösen kann.

Heute etwa gegen mittag sass ich im Büro – nein, ich langweilte mich tödlich im Büro, weil mein Chef und etliche Kollegen noch im Urlaub sind und die, die da sind, erst einmal nach dem Urlaub selber mit ihrer Arbeit zurande kommen mussten und somit irgendwie keiner so recht etwas für mich zu tun hatte. Ich sass also da und langweilte mich und seufzte mehrmals lang und tief über diesen er und sten langen Montag des Jahres, dem noch so viele lange Montage folgen werden, als plötzlich auf dem Handy eine mir unbekannte Nummer anrief. Es war die Sprechstundenhilfe des Hausarztes von Oma und Opa, die mich zunächst fragte, ob ich zuhause sei, dann ob ich letzte Nacht zuhause gewesen wäre. Das alleine löst schon ein ungutes Gefühl aus.  Dann rückte sie endlich mit der Sprache raus: Sowohl der Pflegedienst als auch sie, als sie etwas vorbeibringen wollte, seien heute vormittag nicht ins Haus der Großeltern gekommen, es hätte keiner die Tür aufgemacht. Nun ist ja bekannt, dass meine Großeltern gerne lang – länger – sehr lang ausschlafen, aber gegen 12 Uhr mittags sollten sie dann doch allmählich mal wach sein. Das Ganze war also schon sehr ungewöhnlich und machte nicht nur mir etwas Sorgen. Wir vereinbarten, dass ich mich auf dem schnellsten Wege nach Hause begeben würde, aber selbst das würde mit dem Bus ca. eine halbe Stunde dauern.

Ich legte auf und in meinem Kopf bewegten sich plötzlich verschiedene Bilder, Szenen, was die Ursache für diesen mysteriösen Vormittag sein könnten. Ich wurde immer nervöser, besonders als ich überlegte, wen ich noch um Hilfe bitten konnte und feststellen musste, dass die komplette Familie und sogar die Nachbarin ausgeflogen waren. Am ganzen Körper zitternd lief ich ins Zimmer der Kollegin und erklärte ihr, dass ich sofort weg müsse. Ich lief zurück in mein Zimmer, speicherte die Datei, die ich gerade bearbeitet hatte, irgendwie irgendwo ab ohne wirklich zu wissen wo (ein Wunder, dass ich die später wiedergefunden habe), schaltete den PC aus und packte panisch meine Sachen in die Tasche. Unterdessen versuchte ich selber, meinen Opa telefonisch zu erreichen, das aber ebenfalls erfolglos.

Ich versuchte mich zu beruhigen, denn tief innen wusste ich eigentlich, dass sowas durchaus mal passieren kann, weil Opa leider sehr schlecht hört und wenn er Fernsehen schaut, oft gar nichts mitbekommt, was um ihn herum passiert oder weil sie einfach doch verschlafen haben oder oder oder…

Aber das Kopfkino ist zu diesem Zeitpunkt anscheinend schon nicht mehr aufzuhalten und als ich meine Eltern anrief, um ihnen zu erzählen, was passiert war, da war es endgültig aus mit meiner Fassung und ich wurde richtig panisch, heulte wie ein Schlosshund und lief-rannte den 10-minütigen Fußweg zum Bus, während meine Mutter am Telefon versuchte, beruhigend auf mich wie auf ein krankes Kind einzureden, dass sicherlich nichts passiert sei, weil eben Opa höchstwahrscheinlich wirklich die Klingel nicht gehört hat. Auch sie hatte gegen das Kopfkino keine Chance.

Was für unglaubliche Szenen sich da in meinem Kopf abgespielt haben, das mag ich hier gar nicht aufschreiben. Nur, was für ein Gefühl es ist, wenn die liebsten Eltern natürlich ausgerechnet heute auf der Rückfahrt von den Verwandten in NRW waren, das Bruderherz seit gestern wieder in Dänemark und ich somit praktisch ganz alleine vor dieser Situation stand, handeln muste, nicht wusste was los ist und das Kopfkino drehte und drehte sich und wollte partout nicht stoppen.

Dann aber, fünf Minuten später und eine Straßenkreuzung vor der Bushaltestelle, hatte meine Mutter doch den Opa telefonisch erreicht, allen ging es bestens, der liebste Opa hatte wie von meiner Mutter vorrausgesagt in der Tat „nur“ Klingel UND Telefon nicht gehört, der Pflegedienst war mittlerweile doch im Haus. Ich musste nicht mehr rennen und der ganze Spuk war plötzlich vorbei. So schnell wie er gekommen war. Ich drehte um und machte mich auf den Rückweg ins Büro, die Tränen flossen weiter auch nach Erlösung von diesem Schreck und noch bis ich wieder im Büro angekommen war, aber eine halbe Stunde später sass ich mit der Lieblingskollegin beim Mittagessen und die ganze Geschichte, die wahrscheinlich nur eine Viertelstunde gedauert hat, erschien mir so unglaublich unwirklich als wäre sie einem Science-Fiction-Film entsprungen. Der Schrecken aber, der sass noch den ganzen Nachmittag spürbar in meiner Brust.

Dieses Gefühl des Alleineseins mit der Situation hat in mir eine unglaubliche Panik ausgelöst. Jetzt frage ich mich, ob nur ich so besonders anfällig für Kopfkino bin oder ob es eine Sache der „Übung“ ist, ob man wenn man solche Situationen ein paar Mal im Laufe eines Lebens durchgestanden hat, irgendwann das Vertrauen findet, dass tatsächlich nichts passiert? Bin ich womöglich hysterisch? Ich aber, ich brauche soetwas dennoch nicht so schnell wieder, denn dieser Montags-Schreck reicht für die nächsten 51 Montage dieses noch so jungen Jahres gleich mit.

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5 Kommentare zu „Kopfkino“

  1. Man dreht einfach durch. Hysterisch- das klingt so negativ. Du hast Gefühle und das ist doch im Grunde genommen was schönes und menschliches.
    Wenn ich mich umschaue- wenn man älter wird, scheint man sich mehr und meh daran zu gewöhnen, dass Tragödien passieren. Man bekommt auch eine gewissen Übung darin, wie man sich in gewissen Situationen verhalten soll.
    Aber es gibt einfach Tragödien, die passieren so plötzlich, so unvorhergesehen, dass man einfach durchdreht.

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  2. Jep, die Hysterie wird nicht besser 🙂 Ich werd selber auch ganz gern furchtbar nervös, allerdings kommen die Tränen erst nachdem das ganze durchgestanden ist (dann aber en masse!).
    Ich geh ja ganz gern abends im Bett Horroszenarien durch, damit ich für den Fall des Falles weiß, was ich zu tun habe. Klingt total abartig, aber es beruhigt mich ungemein 🙂
    LG,
    Johanna

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  3. Doch, ich bin auch so …
    Was ich mir schon alles vorgestellt habe in meinen wildesten Fantasien, das würde für ein ganzes Buch reichen 😉
    Zuletzt war ich so durch den Wind, als mein Mann (der normalerweise sehr zuverlässig ist) nicht wie angekündigt gegen Mitternacht von der Weihnachtsfeier zurückkam, sondern erst um 3 Uhr morgens ! Und am Handy war er auch nicht erreichbar ! Ich stellte mir vor, er sei betrunken hinter eine Hecke in den Schnee gefallen und gerade am Erfrieren. Dachte, er hätte vielleicht einen Unfall gehabt, vors Auto gerannt oder so. Und, und, und ,….
    Daß er nur mal einen draufgemacht hatte und einfach ein bißchen viel gefeiert hatte, wollte mir Hochschwangeren in dem Moment nicht in den Sinn …
    Noch schlimmer wird es, wenn man Kinder hat …

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  4. Liebe Verena!
    Ich habe gerade Deinen Beitrag über „Kopfkino“ gelesen.
    Zunächst einmal finden wir,Deine Großeltern,es rührend,wie sehr Dich doch auch unser „Schicksal“ berührt.Dafür von uns erst einmal einen kräftigen Kuss und ein kräftiges Umarmen.
    Dein ganzes sog.“Kopfkino“ war ganz normal,wenn man Menschen liebt,deretwegen sich ein solches Kino lohnt.
    Grundsätzlich wünschen wir Dir aber ein beruhigendes und schönes Kino.
    Herzlichst!
    Oma und Opa

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