Frau Ansku rettet den Regenwald

Ich habe selten solche Probleme gehabt, mir einen Stundenplan zu basteln wie in diesem Semester und in diesem Studium. Zwei komplette Tage jonglierte ich mit Vorlesungen, verschob Seminare, versuchte mich für Kurse anzumelden und hatte letzten Endes trotzdem nur Überschneidungen. Aber Frau Ansku wäre nicht Frau Ansku, wenn sie nicht Mut zur Lücke hätte. Also kurzerhand und in völliger geistiger Umnachtung (Nachwirkungen der Teenie-Hölle) in beliebiger Reihenfolge 1, 2 und 3 in den PC gehackt, das sind nämlich Prioritäten, die wir hier bei der Kurswahl angeben müssen. (Unsere Hochschule ist modern, Sie erinnern sich?) 😉

Was übrig blieb war: Die Projektpraxis. Ein Praxisprojekt für dieses Semester, um ein bisschen Soziale Arbeit live und in Farbe auszuprobieren, schliesslich sind wir eine University of Applied Sciences. Das Kursangebot nett, aber nicht berauschend, die Uhrzeiten der Kurse gleich noch weniger. Dann aber fand ich doch noch eine ganz phantastische Lücke Dienstag Nachmittag ab 14.30 Uhr und auch noch ein Projekt, dessen Titel etwas mit „Internationale Aspekte sozialer Arbeit…“ versprach. G**l, dachte ich, spann wilde Phantasien von internationaler, interkultureller Arbeit mit vielen verschiedenen Kulturen und noch mehr verschiedenen Sprachen, ignorierte geflissentlich den zweiten Teil der Überschrift „… mit lokaler Erdung“ und schrieb eine große 1 ins Onlineformular.

Vor einigen Monaten hatten die liebste Schulfreundin und ich nun aber eine ganz tolle Idee, nämlich an der VHS einen Arabischkurs zu belegen. (Ja, ich weiß, meine Erfahrungen mit der VHS sind ja eher zweifelhaft, aber hallo! Zu zweit und mit der liebsten Freundin zusammen und gemöterlisch und lustisch und so! Sie verstehen?) Zack, angemeldet.

Sie ahnen es wahrscheinlich: Am folgenden Tag gucke ich in meinen Onlineaccount und juchze ersteinmal auf. Ich habe von vier zu belegenden Kursen dreimal meine erste Wahl bekommen, einmal die zweite Wahl. Unter der ersten Wahl auch der Projektkurs. Strike! Erst als ich schon draußen vor der Uni stand und mich der Sonne und meines neuen Studentenlebens freute, fiel mir etwas auf: Der Projektkurs findet dienstags von 16.15 Uhr bis 19.45 Uhr statt. Der Arabischkurs findet dienstags von… 18.00 Uhr bis 19.30 Uhr statt.

Ich ärgerte mich gar sehr, nicht nur über diese kleine Panne, sondern noch über ein zwei weitere, schrieb auf dem Nachhauseweg eine SMS die nicht gerade wenige Schimpfworten enthielt an die liebste Freundin und fing an zu überlegen, was nun. Dunkel in meinem Hinterkopf war das Bewusstsein, dass Projektgruppen sich nicht jede Woche treffen, vor allem bei der zeitlichen Länge dieses Kurses! Also rief ich fix das http://www.vorlesungsverzeichnis.de auf, um die Lage zu checken, und es traf mich gleich der nächste Schlag, denn im http://www.vorlesungsverzeichnis.de stand dick und fett eine Kursbeschreibung. Hätte ich die mal früher gelesen, hätte ich zwar nichts über die Termine, aber unter anderem auch erfahren können, dass es in diesem Kurs nicht um multikulti, sondern vielmehr um „Was kann ich hier vor Ort an sozialer Arbeit tun, um anderswo etwas zu bewirken?“ in anderen Worten „Wie funktioniert Entwicklungshilfe, Fairtrade etc.“, sprich in der Praxis in etwa so was wie: „Wie organisiere ich einen Aktionstag RETTET DEN REGENWALD?“

Regenwald. Frau Ansku soll also den Regenwald retten. Frau Ansku soll den Regenwald retten, wenn sie die Möglichkeit hätte, Arabisch zu lernen?? Wer mich kennt, der kann sich vermutlich vorstellen, was das für mich bedeutete. Und dass ich (zumindest in diesem Moment) gerne auch den gesamten Regenwald eigenhändig und alleine abgeholzt hätte.

Das positive Ende vom Lied und der Aufregung: Ich beschloss dann letzte Woche doch, arabische Buchstaben malen zu gehen, auch wenn es eventuell die letzte Stunde sein sollte und der Herr Studiengangskoordinator antwortete am nächsten Tag auf meine Mail, dass er sich wirklich nicht vorstellen könne, dass der Kurs JEDE Woche stattfindet. Heute war ich also zum ersten Mal „Regenwald retten“ und es hätte schlimmer kommen können. Ich brauch nicht den Regenwald zu retten, sondern „nur“ eine Infoveranstaltung über Mexiko zu besuchen und bei einem Aktionstag für ein Entwicklungshilfeforum (so ähnlich jedenfalls) der Stadt zu helfen. Die einzelnen Arbeitsgruppen können sich wohl wirklich etwas freier organisieren, so dass ich nicht jedes Mal erscheinen muss. Puuuh.

Und weil wir etwas früher Schluss machten, bekam ich auch heute noch die letzten 40 Minuten Arabisch mit.

Und auch der Regenwald kann nun in Ruhe weiterwachsen und blühen und in aller Ruhe gerettet werden. Von anderen. 😉

In diesem Sinne: Shukran.

(Gell, Sie lassen mir schon meinen kleinen Rest Sarkasmus und Zynismus und eine ordentliche Portion Boshaftigkeit? Die erleichtern mir momentan den Alltag unglaublich phänomenal. 😉 )

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5 Kommentare zu „Frau Ansku rettet den Regenwald“

  1. Der Studienstart war ganz phantastisch und es geht immer wieder. Es wird immer besser. Ich könnte alleine von heute schon wieder G’schichten erzählen… Vermutlich werd ich’s sogar tun. 🙂

    Melde gehorsamst: Soeben Feierabendbierchen entkorkt. Prost Regenwald! 😉

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