Lustiges und Kursioses aus der wunderbaren Welt der Sprache – Von Fall zu Fall

Ich möchte, falls Sie erlauben, heute einmal mit einem weitverbreiteten – nennen wir es mal Missverständnis – aufräumen und zwar mit dieser Sache mit den vielen vielen Kasus. Das ist mir schon länger ein Anliegen, dennoch schaffte ich es aber erst jetzt, diesen Artikel zu schreiben.

Wenn ich jemandem, der nichts mit Sprachen zu tun hat, erzähle, dass Finnisch 15 Fälle hat und Ungarisch sogar möglicherweise noch mehr (darüber gehen die Meinungen auseinander), dann schlägt mein Gegenüber entsetzt die Hände überm Kopf zusammen und ruft: „Oh Gott, sind das viele Fälle!“ Allerdings sind auch extremere Reaktionen keine Ausnahme.

Dabei geht es mir einerseits darum, dass alleine schon sechs von diesen 15 Fällen sogenannte Lokalkasus sind. Drei Fälle sind unbedeutend, weil so gut wie nie und eigentlich nur in festen Redewendungen gebraucht, zwei weitere sind eine Art adverbiale Kasus, die einen Zustand („als was?“) oder eine Veränderung beschreiben. Somit bleiben? Vier. Ist ja auch nicht mehr als auf Deutsch. Und  sogar weniger als Latein.

Der größte Teil dieser Fälle sind also Fälle, die einen Ort oder einen Zustand beschreiben. Die Lokalkasus zum Bleistift zeigen entweder einen Ort („wo?“) oder eine Richtung („wohin?“ „woher?“) an. Das wären schon einmal drei Fälle. Weitere drei kommen hinzu, wenn man zwischen „innen“ und „aussen“ trennt, wenn man einen Unterschied macht, ob es „in das Haus hinein“ talo-on oder „auf das Dach hinauf“ kato-lle heisst. Beides bezeichnet eine Bewegung zu etwas hin, der Unterschied besteht nur zwischen „in“ (z.B. ein containerartiges Etwas hinein) und „auf“ (gemeint hier meistens eine Oberfläche). Das kann man natürlich fortsetzen mit der Frage „wo?“, dann wäre die Antwort „im Haus“ talo-ssa und „auf dem Dach“ kato-lla. Zuletzt bliebe dann noch die Frage „woher?“ , worauf der Finne antworten würde talo-staaus dem Haus (heraus)“ oder kato-lta vom Dach (herunter)“. Mit diesem kleinen System aus zwei mal drei Richtungskasus kann man schonmal das so schrecklich große finnische Kasussystem um knapp die Hälfte reduzieren. Und ganz schön viel ausdrücken.

Jetzt werden Sie Sich vielleicht fragen, warum die Frau Ansku das hier alles so ausführlich erklärt und ob sie vielleicht ein bisschen verrückt geworden ist und hier das ganze, endlos langweilige Kasussystem des Finnischen herunterbeten will. Nein, das möchte ich nicht, ich möchte nur mit diesen paar Beispielen etwas zeigen:

Nun ist es ja nicht so, dass die Finnen ihre ganzen Kasus haben und damit nun wunderbarst erzählen können, ob sich z.B. ihr Miezekätzchen gerade im Haus oder auf dem Dach oder auf dem Weg vom Dach herunter befindet und der Deutsche steht daneben und kann über seinen Stubentiger nur schweigen. Auch auf Deutsch kann man natürlichst herrlichst alle möglichen Orte und Richtungen ausdrücken. Wir benutzen eben dafür nur ein anderes Ausdrucksmittel, nämlich Präpositionen wie von, auf, in, an und wie sie alle heissen. Man sieht an den Beispielen und vor allen an den fettgedruckten Teilen deutlich, dass genau das, was die Finnen mit einem Kasus ausdrücken, eigentlich auf Deutsch nur der Präposition entspricht. Mehr ist das nicht.

Das wird deutlicher, wenn ich hier eine neue Trennung einführe, nämlich die von grammatischer Relation und Kasus im Sinn von Kasusmarkern, also die Art, wie Kasus im Satz ausgedrückt werden. Eine grammatische Relation bezeichnet die Verbindung von zwei „Einheiten“ im Satz, also z.B. „Katze“ und „Dach“, die durch das Verb oder durch etwas anderes wie zum Beispiel eine Präposition miteinander in eine Beziehung treten.

Die Beziehung, also das was im Satz ausgedrückt werden soll, die ist in beiden Sprachen genau dieselbe. Sage ich zum Beispiel „Die Katze ist auf dem Dach“, ist die Beziehung zwischen der Katze und dem Dach, dass die Katze [AUF] dem Dach ist. In einem anderen Fall befindet sie sich vielleicht [IN] der Suppenschüssel.

Der Satz, ganz herunter gesetzt nur auf seine Bestandteile und nur auf die Beziehung, die er ausdrücken soll, würde lauten:

[Cat] -> [ON] -> [Roof]

Was sich jetzt unterscheidet, ist die Ausdrucksweise: Der Deutsche sagt

[Die Katze] ist [AUF]-dem-[Dach].“

Der Finne dagegen sagt:

[Kissa] on [kato][LLA].“

(Kissa =Katze, on = er, sie, es ist)

Die beiden fetten und großgeschriebenen „Dinger“ in Klammern sind dabei jeweils der Ausdruck der Beziehung [AUF].  Bei der einen Sprache ist erkennbar, dass „auf“ ein eigenes Wort ist, bei der anderen Sprache ist das „auf“,  also -LLA ein Kasus, der ans Wort drangehängt wird. Außerdem steht es einmal vor und einmal hinter dem Bezugswort. Solche Merkmale sind sprachspezifisch, einige Sprachen tendieren eher zu vor dem Bezugswort, andere Sprachen mögen es lieber dahinter. Und einige Sprachen haben eben ein sehr umfangreiches System von Kasusmarkern, mit denen sie alle möglichen Beziehungen zwischen einzelnen Bezugswörtern und einzelnen Einheiten im Satz ausdrücken können, andere Sprachen benutzen dafür Präpositionen oder eine Vielzahl weiterer Ausdrucksmittel. Bedeuten jedoch – und das ist ja das Wichtige – tun beide dasselbe und die grammatische Relation, die hinter dem Ganzen steht, auch die ist in beiden Fällen dieselbe, wie wir nun wissen. Es sieht einfach nur anders aus. Sie sehen, dieses ganze verwörrende System wird schon viel übersichtlicher, wenn man eben zwischen der Relation, dem WAS ausgedrückt wird, und dem Aussehen, WIE es ausgedrückt wird, unterscheidet.

Das Ganze liesse sich jetzt noch stundenlang ausweiten, auf alle möglichen Relationen, auf die Verbindungen zwischen Subjekt, Verb und Objekt. Ich könnte auch noch erzählen, dass sich manchmal die Kasus erst aus den Präpositionen (es gibt natürlich auch Postpositionen, die hinter dem Wort stehen!) durch Verschmelzung etc. entwickelt haben. Dass so zum Beispiel aus der finnischen Postposition kanssa = „mit (jmdm)“ – umgangssprachlich oft verkürzt zu kaa – im Estnischen ein eigener Kasus auf -ga/-ka „mit (jmdm)“ entwickelt hat .Dass es natürlich Sprachen gibt, die eben äußerlich sichtbar ein kleines oder größeres System von (sichtbaren) Kasusmarkern, also solchen wie wir sie aus dem Lateinunterricht kennen, haben und dass diese Systeme sich wiederum verändern können. Aber das alles, verehrte Leser, hat mich vor etwa anderthalb Jahren die Hälfte meiner 45minütigen mündlichen Magisterprüfung gekostet und würde hier etwas zu weit führen. 😉

Soviel Kasustypologie für heute. Ich hoffe also, dass es Ihnen gefallen hat und dass ich Sie in Zukunft nie wieder die Hände über dem Kopf schlagen zusammenschlagen sehe und rufen höre „Aber das sind ja sooo viele Fälle!“ Sollten Sie jemanden sehen, der dies tut, können Sie ihm gerne in meinem Namen entgegnen, dass Deutsch mindestens genauso viele „Fälle“ hat, die sehen nur ganz anders aus. 😉

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10 Kommentare zu „Lustiges und Kursioses aus der wunderbaren Welt der Sprache – Von Fall zu Fall“

  1. Ich machte tatsächlich gerade beim Lesen laut „Ah!“.
    Und hab jetzt nicht mehr ganz so viel Angst vor den „sooo vielen Fällen“ und hoffe weiterhin, dass Finnisch nächstes Semester in meinen Stundenplan passt 🙂

    (By the way, Katzen sind sich auf Finnisch und Isländisch ganz schön ähnlich, kissa und kisa.)

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  2. …und bis ich das mit den Kasusmarkern und der Satzrelation endlich, endlich kapiert habe, mußten Jahre vergehen. In der Schule habe ich Latein deshalb abgewählt, da es mir vollkommen unverständlich erschien, in der Uni hat es ewig gedauert, bis der Groschen fiel und dann, ja dann war es ganz einfach und nur noch eine Frage der Vokabeln. Ich denke, so ähnlich würde es mir mit Finnisch auch gehen 🙂

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  3. Ich brauchte was zu Kasus in den finno- ugrischen Sprachen und dachte mir dann:
    – Warte, die Frau Ansku hat sicherlich mal was dazu gemacht.
    Und siehe da! Echt, der ist SUPER!

    Danke!

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