Frau Lehrerin

Das, was ich nie zu glauben gewagt und oftmals auf Nachfrage abgewiegelt habe, ist nun Realität: Ich bin durch einige glückliche Zufälle und ein gutes Wort meiner Finnischlehrerin jetzt Lehrerin für Finnisch in einer kleinen Online-Sprachschule, die sich auf skandinavische Sprachen spezialisiert hat also zumindest, wenn ich endlich den unterschriebenen Vertrag zurückgeschickt habe. Freitag treffe ich mich mit meiner ersten Schülerin. Und ironischerweise hat mir genau die Dame das Problem vor Augen geführt, weswegen ich niemals geglaubt habe, dass dieses Unternehmen Realität wird: Ich bin nunmal keine Finnin. Ich kann mich auf Finnisch verständigen angeblich sogar sehr gut, meine Aussprache ist angeblich ziemlich authentisch, ich verstehe Finnisch, ich kann Bücher lesen, Nachrichten hören, übersetzen und das alles relativ flüssig. Nicht lückenlos, vor allem was die Vokabeln angeht, aber die Lücken sind für den Hausgebrauch überseh- oder umschreib- oder umgehbar. Trotzdem ist Finnisch nunmal nicht meine Muttersprache und das merkt man, da bin ich mir ziemlich sicher. Umgekehrt kenne ich einige liebe Menschen aus anderen Ländern, die bereits seit Jahren und Jahrzehnten in Deutschland leben und ein geniales, wunderbares, nahezu perfektes Deutsch sprechen. Bewundernswert, absolut nichts dran auszusetzen. Aber es ist eben doch nicht dasselbe Deutsch, das Deutsche sprechen. Manchmal hört man einen kleinen Akzent, manchmal kommt ein Satz leicht verdreht daher, manchmal passiert es, dass eine Redewendung falsch übersetzt wird. Das tut dem Verständnis und der bewundernswerten Leistung dieser Menschen, eine Fremdsprach SO nahezu perfekt gelernt zu haben, keinen Abbruch und ist nur natürlich, aber es ist eben doch spürbar.

Prinzipiell bin ich deshalb der Meinung, dass Sprachunterricht in die Hände von Muttersprachlern gehört, aber scheinbar ist das Vertrauen meiner lieben Finnischlehrerin in mich so groß, dass sie mir schon ein paar Mal kleiner Jobs oder ein paar private Schüler und jetzt eben diesen Job vermittelt hat. Das ehrt mich natürlich und ich möchte keinen enttäuschen, am wenigsten meine Lehrerin. Und selbst die Leiterin der Sprachschule schien damit kein Problem zu haben, als wir telefonierten und ich ihr von meinen Erfahrungen und meinen Finnischkenntnissen berichtete. Es kamen sogar nur ganz wenige Nachfragen. Immerhin, es war bisher und wird sich wohl auch in Zukunft hauptsächlich um Unterricht für Anfänger handeln: Ein bisschen „Hallo. Ich heisse… Ich wohne in… Wie heisst Du? Wie geht es Dir?“, ein bisschen nach dem Weg fragen, ein bisschen Wortschatz zum Einkaufen und im Restaurant. Ist das machbar? Bin ich womöglich doch dafür geeignet?

Gestern habe ich dann mit meiner Schülerin telefoniert, um einen Termin für die Probestunde auszumachen. Als wir den Termin und den Ort schon fix gemacht hatten, fragte die Frau (etwas älter, immerhin hat sie wohl schon einen Enkel) nochmal nach:

„Und Sie sind Deutsche?“

Frau Ansku: „Ja, ich bin Deutsche.“

Schülerin: „Aber Sie….“

Frau Ansku: „Ich habe Finnisch studiert. Ich habe ein komplettes Studium Finnisch absolviert. Seit 2004.“

Schülerin (zögert): „Aber haben Sie denn auch mal in Finnland gewohnt?“

Frau Ansku: „Ja, habe ich. Vier Monate.“

Schülerin: „Okay… Na, wir werden ja dann am Freitag sehen.“

Harte Herausforderung, gleich bei der ersten „Kundin“. Gottseidank habe ich von der Schule gute Unterrichtsmaterialien bekommen die ich nur noch von Schwedisch nach Finnisch übersetzen muss. Und dann kann bei so einer kleinen Probestunde doch eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, behaupte ich mal.

Oder?

Ich bin etwas hibbelig, immerhin ist das jetzt irgendwie doch „offiziell“…

Und ich freu mich. 😉

Wow. Ich. Finnischlehrerin. Ick gloob dit noch nich so janz.

(Zweites Problem: Es ist wohl grundsätzlich in dieser Sprachschule so, dass die Schüler zum Lehrer nach Hause kommen. Ich habe aber hier keinen Arbeitsplatz, an dem sich zwei Leute gemütlich und ohne Platzangst zu bekommen gemeinsam hinsetzen und arbeiten können. Aber auch dafür wird sich eine Lösung finden, eventuell können wir auf die Wohnung meiner Eltern ausweichen.)

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8 Kommentare zu „Frau Lehrerin“

  1. Ach, was solls. Wenn ich mich so an meine Schulzeit erinnere: Keiner von den Lehrern, von denen ich Englisch oder Französisch gelernt habe, war Muttersprachler. Muss man nicht sein, finde ich, um eine Sprache unterrichten zu können. Es reicht, wenn man selbst die Sprache gut spricht und vor allem weiß, worauf es beim Lernen und Lehren ankommt. Also ich, ich spreche zwar, möchte ich meinen, perfekt Deutsch, aber ich hätte große Schwierigkeiten, es jemadem beizubringen. Jemand, der die Sprache selbst mal lernen musste, kann doch viel eher sagen, worauf es ankommt, wie die Systematik ist, wo die Schwierigkeiten liegen als jemand, der sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat.
    Du machst das schon! Bei dir merkt man immer so eine Begeisterung für diese Sprache, für Sprachen überhaupt, damit kannst du deine Schülerin bestimmt von deinen Qualitäten überzeugen.
    Ich drück dir die Daumen, das daraus mehr wird!

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  2. Stimmt, ich bin da doch manchmal sehr mit selbst am Hadern. Manchmal denke ich tatsächlich, dass es für den Schüler einfacher ist, wenn der Lehrer die Systematik der Sprache und worauf es beim Lernen genau dieser Sprache ankommt, genau kennt und dann auch darauf hinweisen kann. Andererseits kommen dann doch immer wieder Nachfragen, die ich als Nicht-Muttersprachler nicht oder nur sehr schwer beantworten kann, weil ich es eben nicht „mit der Muttermilch aufgesogen habe“. Im Finnischen sind das z.B. die Objektkasus, das hängt sehr von der Gesprächssituation und dem Inhalt ab, welchen Kasus das Objekt erhält und ist für mich auch heute manchmal noch schwierig und das merken meine Schüler natürlich. Eine Schülerin meinte mal im Herbst, als ich über einen Satz selber erst eine Minute nachdenken musste leicht verzweifelt: „Also wenn DU da schon überlegen musst, woher soll ICH das dann wissen?“ Bei der war das kein Problem, sie weiss woran sie bei mir ist und hat mir das nicht übelgenommen. Ich hoffe jetzt mal, dass die Frau genauso drauf ist.

    Ich könnte auch niemandem Deutsch beibringen, jedenfalls nicht ohne vorher ersteinmal eine Grammatik gründlich studiert zu haben. 😀

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  3. (Vielen Dank für Deine liebe Mail! Ich hoffe, ich komme die Tage mal zum antworten. Hier entspanntes Hinundherpendeln zwischen Ferienträgheit und sehr-sehr-viele-Dinge-organisieren-müssen. 😉 )

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  4. Ich glaube auch, dass es für Anfänger nichts ausmacht oder vielleicht sogar besser ist, eine Nichtmuttersprachlerin als Lehrerin zu haben — wobei ich es (glaube ich, habs nie wirklich ausprobiert) generell schwierig finden würde, Finnisch in Deutschland zu lernen, da bekommt man das ja kaum ins Ohr…

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  5. wow…du schaffst das, deine Zweifel werden vergehen ebenso die der Dame.

    Ich gebe auch Imke recht, das es für einen Anfänger vielleicht sogar einfacher ist keinen Muttersprachler, sondern einen als Lehrer zu haben, der selbst irgendwann einmal ein Anfänger war!
    ….
    Viel Erfolg…alles-wird-gut!

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  6. Schnickschnack! Muttersprachlichkeit bei Sprachlehrern wird überbewertet! Erst Recht in der Erwachsenenbildung!… schließlich lernen Erwachsene hauptsächlich analytisch, kognitiv, kopfig halt, und da kennt der/die Nicht-Muttersprachler(in) sich weit besser aus als der/die Muttersprachler(in).
    Viel Spaß und Gück beim Finnisch-Lehren!

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