Zeugen very british

Jahrelang hatte ich mir sehnlichst gewünscht, mich einmal mit den Zeugen über Gott und die Welt unterhalten zu dürfen, aber vergeblich. Nie klingelte auch nur ein einziger kleiner Zeuge an unserer Haustür. Am Freitag war es endlich soweit. Auf dem Weg von der S-Bahn zur Arbeit gingen vor mir zwei sehr elegant gekleidete Herren. Ich hätte es ein wenig eilig und wollte sie gerne überholen, das ging aber wegen der Schneemassen am Straßenrand nicht wirklich. Plötzlich drehten sich die beiden Männer zu mir um, machten mir Platz und:

Zeugen: „Guten Morgen!!!!“ (schalmeit es unsäglich fröhlich usw… und als würden wir uns seit 30 Jahren kennen)

Frau Ansku: “ Oh! Guten Morgen!“

Zeugen: „Gehen Sie hier zur Arbeit?“

Frau Ansku: „Ja, ich arbeite da vorne.“ (unbestimmter Punkt in der Straße)

Zeugen: „Oh wie schön!“ (Frau Ansku denkt sich, dass es da ja wohl schöneres gibt.)

Zeugen: „Und sind Sie denn glücklich im Leben?“

Frau Ansku: (jubelt innerlich, denn es dämmert langsam, dass das ja wohl höchstwahrscheinlich die Zeugen sind, auf die sie so lange schon gewartet hat und wenn das Zeugen sind, dann haben sie einen very british accent wenn sie deutsch sprechen. Zeugen auf british, gibt’s das? Finde keine Antwort auf diese Frage und die Schildchen, die die beiden am Revers tragen, kann ich leide auch nicht lesen, aber egal also weiter im Text.)

Frau Ansku: „Oh ja, ich bin sehr sehr glücklich!“ (breitestes Grinsen, was zwischen Mund und zwei Ohrläppchen möglich ist)

Zeugen: „Oh, das ist schön! Aber man kann ja immer noch glücklicher werden.“

Frau Ansku: „Echt ma‘?? Wirklich? Naahain, das glaub ich nicht. Glücklicher als ich, das geht gar nicht!!!“ (noch breiteres Grinsen, ich bin der Sonnenschein persönlich)

Zeugen: „Und was macht Sie denn so glücklich?“

Frau Ansku: (überlegt kurz) „Meine Familie und meine Freunde!“

Zeugen: „Wissen Sie denn, dass es einen Weg gibt, wie wir mit unserer Familie über den Tod hinaus verbunden bleiben können?“

Frau Ansku: „Ah-ha…“

Zeugen: „Aber ja doch! Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Haben Sie Sich schoneinmal Gedanken darüber gemacht?“

Frau Ansku: „Ähm nein, das habe ich noch nicht entschieden.“  (Schlagfertigkeit is‘ irgendwie nich‘ so mein Ding, was mich auch regelmäßig von neuem zur Verzweiflung treibt.)

Zeugen: „Sehen Sie, es gibt da ein Buch vom Propheten XY, von Gottes Vertreter auf Erden. Und der Prophet XY erzähtl uns, dass Gott uns alle sehr sehr liebhalt… Und wir können Ihnen exklusiv dieses Buch besorgen!“

(inzwischen vorm Haus des Chefs angekommen)

Frau Ansku: „Also, es hat mich wirklich sehr gefreut, mich mit Ihnen zu unterhalten, aber ich muss jetzt leider zur Arbeit. Einen schönen Tag noch! Bis hoffentlich bald mal wieder!

Zeugen: „Einen schönen Tag noch. Ähm… Wissen Sie denn sonst noch jemanden hier in der Nähe, der sich gerne mit uns unterhalten möchte?“

Frau Ansku: „Nein, leider nicht. Um Himmels Willen NAAAHAAIN!!! Ich arbeite hier nur, ich kenn mich hier ganz und gar überhaupt nicht aus.“

Und das nächste Mal, wenn ich etwas mutiger und schlagfertiger bin mehr Zeit habe, frag ich mal genauer nach, um welcher der 100.000 Propheten es sich hier eigentlich handelt und ob der auch Brite ist. 😀 Ich freu mich schon.

(to be continued)

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11 Kommentare zu „Zeugen very british

  1. „Schlagfertigkeit ist das, was einem 24 Stunden später einfällt“, hat mal jemand gesagt… geht mir auch oft so. 🙂

    Da würde ich jedenfalls auch auf Mormonen tippen – und deren „Prophet“ wäre dann Joseph Smith. Die wollten mir auch mal ein Gespräch aufdrängen, aber eher ortsfest an ihrem Stand in einer Fußgängerzone, und dafür hatte ich keine Zeit.

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  2. So richtig nach Zeugen hört isch das wirklich nicht an. Aber in wenn ich Zeuegn Jehovas sehe (in meiner Heimatstadt gibt es verdammt viele davon) muss ich an meine Tante denken. Die haben irgendwann mal bei meinen Großeltern gklingelt (streng katholisch, die Familie) und meine Tante (damals 16, 17, 18, ich weiß es nicht) hat die rein gelassen.Sie (die mit Abstnad Gläubigste aus unserer Familie) hat alles was die Zeugen Jehovas gesagt haben mit einer Bibelstelle widerlegt. Seitdem sind die nie wieder zu meinen Großeltern gekommen und mit gesenkten Kopf am Haus vorbei gelaufen.

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  3. Meine Oma hatte mal so ein Zusammentreffen…irgendwann klingelte es, ein mittelalter Herr mit Aktenmappe unterm Arm stand am Gartentürchen und Oma, generell mit einem heftigen Misstrauen gegen alles und jeden gesegnet, fragte „Was wollen Sie denn? Sind Sie von den Zeugen Jehovas?“
    Und der Mann antwortete „Nein, aber so ähnlich. Ich bin Ihr neuer Pfarrer und wollte mich mal vorstellen.“
    Die beiden haben sich seitdem immer prächtig verstanden.

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  4. Ich denke auch, dass das Mormonen waren. Von der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“.
    Falls Du sie wieder triffst, frag doch mal nach der „Vielweiberei“.

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  5. Ja, da könntet Ihr recht haben! Wie ich im Text schon geschrieben habe, war ich mir ziemlich unsicher, ob das wirklich Zeugen sind, konnte die aber in dem Moment auch nirgendwo anders einordnen. Aber im Endeffekt kam das Gespräch ja auf mehr oder weniger dasselbe heraus. 😉

    Deine Frage, Cpl, werde ich weiterleiten, sollte ich die netten Herren mal wiedertreffen. Das wird ein Spaß. 😉

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  6. Genau, der Nobbs hat recht: die mit den Schildchen und den schwarzen Anzügen, die aussehen wie zwei 18-jährige auf Beerdigung und immer zu zweit sind, das sind die Heiligen der letzten Tage oder sowas.

    Aber mit den echten Zeugen durfte ich mich hier auch schon unterhalten. Endlich! Ich kenne nämlich Mittermeier auch, aber bis vor zwei Monaten haben nie welche bei mir geklingelt 😀

    Wenn Du Wiederholung willst, ich kenne so ein paar U-Bahn-Stationen, da stehen die Pärchen immer, immer rum. 🙂 *g*

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  7. Mir sind zwei von den Herren im schwarzen Anzug mal vors Fahrad gesprungen. ‚Dürfen wir mit ihnen über Gott reden?‘ Nein (Natürlich hätte man sowas sagen müssen wie ‚Aber wenn sie das noch öfters machen können sie bald mit Gott reden’…aber wie du schon gesagt hast: Schlagfertigkeit ist das was einem ein Jahr später einfällt XD)

    Hier in Belfast gibts erstaunlich wenige, die mit mir über Gott sprechen müssen 😉

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  8. Mormonen…ganz bestimmt, die Zeugen kommen doch eher bodenständig unmodern daher!
    ….
    Das sind tatsächlich „Dinge die die Welt nicht braucht!“

    Einen schönen Rosenmontag!
    Bonafilia

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