Der A.

Der A. ist ein Junge hier aus der Nachbarschaft. Ich lernte ihn kennen, da war ich zarte 16 oder 17 Jahre alt und mit einer derart gnadenlosen Mischung aus Naivität und Offenheit gesegnet, dass es kracht einem das Herz zerreisst. Er sprach mich im Bus auf dem Weg nach Hause an und wir plauderten etwas. Nicht wirklich mein Typ, langes, hageres Gesicht, schlecht geschnittene halblange dunkle Haare und so hängende Augen, dass man glauben mochte, in diesen Augen wäre alles Leid der Welt versammelt. Spätestens bei der Aussage, dass er 18 sei und in die achte Klasse Realschule geht schrillten bei mir etwas die Alarmglocken, ich dachte mir irgendetwas stimmt hier nicht, aber ich war weiterhin freundlich und liess zu, dass er mit mir aus dem Bus ausstieg und mich bis zur Haustür begleitete. Ein komisches Gefühl war da, aber ich war zusätzlich zu meiner Naivität auch sehr schüchtern und so tauschten wir Telefonnummern aus und versprachen, bald mal zu telefonieren.

Doch dazu kam es zunächst nicht. Nur wenige Tage später kam ich nach Hause und wurde bereits an der Haustür von meinen lachenden und grinsenden Eltern mit den Worten empfangen: „Dein Freund war hier.“ Mein Gesicht muss zugegebenermaßen ein Anblick für die Göttern gewesen sein, es rechtfertigte jedoch nicht, dass sie erneut in Gelächter ausbrachen. „Wer? Mein Freund? Wer war hier? Ich habe keinen Freund.“ Nach einigem Nachbohren bekam ich dann heraus, dass wohl der A. ohne Vorankündigung bei unserer Wohnung aufgetaucht sein muss und sich meinen Eltern als mein neuer Freund vorgestellt habe und nach mir gefragt habe. Gottseidank nahmen meine Eltern es als das was es war, ein dummes Missverständnis und irgendwann konnte auch ich selber darüber lachen.

Kurze Zeit später erfuhr ich wiederum von Freunden, dass der A. vermutlich in irgendeiner Art etwas geistig behindert ist. Das erklärte dann so einiges, dennoch wollte ich nicht weiterhin noch etwas mit ihm zu tun haben. Nun ist es so, dass ich von frühester Kindheit an jede Menge Erfahrung und Kontakt mit Behinderten hatte und habe und auch durchaus mit ihnen „umgehen“ kann. Ich finde es unglaublich beachtlich, mit welcher Fröhlichkeit und Leichtigkeit viele Behinderte ihr Leben meistern. Ich kann verstehen, dass der Umgang mit Behinderten für viele Menschen eine Hemmschwelle bedeutet, hatte aber selber das Glück, dass ich als Kind mehrmals und intensiv mit (körperlich und geistig) Behinderten in Berührung gekommen bin und so weitestgehend meine Scheu davor verloren habe. Ich habe mit meinen behinderten Freundinnen gespielt wie mit jeder „normalen“ Freundin auch und bin daher sehr für integrative Schulen, solche Projekte, wo behinderte und nicht behinderte Kinder in eine Klasse gehen. Denn wenn man Kinder früh genug und ohne ein großes Theater daraus zu machen an dieses Thema heranführt, dann ist es das normalste von der Welt. Das ist meine Überzeugung.

Aber beim A. ging das alles nicht. In gewisser Weise tat er uns allen immer Leid, weil er einerseits mir und meinen Freunden immer von seiner großen, unglaublich coolen Clique vorschwärmte und aber andererseits ständig versuchte, mit uns Freundschaft zu schließen. Aber es ging nicht, alleine schon wegen diesem traurigen Dackelblick.

Nun muss ich damals wirklich furchtbar naiv, gutmütig oder einfach nur menschenfreundlich gewesen sein, denn anders kann ich mir das nicht erklären, dass die Sache noch weiterging. Kurze Zeit später rief der A. an und wollte sich mit mir verabreden. Leider – ich war wie gesagt noch nie gut darin, nein zu sagen und Menschen oder deren Hoffnungen zu enttäuschen und bin es heute noch nicht – traute ich mich wiederum nicht, ihm zu sagen, dass er sich nicht mehr melden soll, sondern schob Stress in der Schule vor und sagte ihm, dass ich keine Zeit hätte. Ich würde mich melden, wenn ich wieder Zeit hätte. Daraufhin liess er mich dann auch in Ruhe, ich sah ihn zum Glück so gut wie nie im Bus, und ich hatte meine Ruhe. Bis ein Vierteljahr später wieder das Telefon klingelte und eine fröhliche Stimme am anderen Ende drauflosplapperte, wissen wollte wie es mir geht und wann wir uns mal treffen könnten. Es war die Stimme von A. Wieder vertröstete ich ihn, wieder war Funkstille, wieder klingelte pünktlich ein Vierteljahr später das Telefon. Dieses Spiel spielten wir etwa ein Jahr, bis ich es schließlich endlich übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass ich nichts mit ihm zu tun haben wollte. Wenn wir uns zufällig auf der Straße oder im Bus trafen, sprach er  mich zu nächst noch öfters an und versuchte er noch so zu tun, als wären wir gute Freunde, das wurde aber von mir gekonnt und kategorisch ignoriert und so liess er es dann auch irgendwann, mich anzusprechen.

Seit einigen Wochen sehe ich den A. jeden Abend, wenn ich auswar, auf dem Nachhauseweg im Bus. Und jedes Mal steht er da mit seinem traurigen Gesicht und starrt mich ganz lange und durchdringend an. Wenn ich an der Haltestelle auf- und abgehe, weil es so kalt ist, läuft er mir hinterher. Wenn ich mich im Bus hinsetze, setzt er sich in meine Nähe, eine Bank vor oder hinter mir oder auf einen Sitz der gegenüberliegenden Vierergruppe. Und das sicherlich an vier Abenden innerhalb der letzten zwei Wochen, sogar gestern nacht um halb drei. Ich werd langsam paranoid komme mir vor, als hätte ich Verfolgungswahn find das ein bisschen spooky und extremst unangenehm.

Ich mag solche Situationen nicht, ausgesprochen plöd.

6 Kommentare zu „Der A.“

  1. Das würde mir echt Angst machen. Zumindest das um halb 3 nachts.

    Und ihm sagen das er dich gefälligst in Ruhe lassen soll, kommt wahrscheinlich auch blöd, wenns hinterher nur zufällig war…

    Liebe Grüße

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  2. Ohje!
    Wenn der irgendwann doch noch mal konkret ankommt, bist du heute aber hoffentlich selbstsicher genug, ihm deutlich zu sagen, das er Leine ziehen soll. Man muss auch mal Ar.schlo.ch sein, immer nur lieb und nett sein kann einem das Leben schon ganz schön schwer machen.

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  3. Ich glaube nicht, dass der konkret ankommt. Ich glaube, dafür hat er gar nicht den Mut. Mich nervt nur, dass er mich dauernd anstarrt und dass ich ihn jeden Abend im Bus treffe. Ist eh nur Zufall, aber inzwischen wird’s mir etwas zuviel Zufall.

    Aber falls doch oder falls irgendwo anders ich in so eine Situation geraten sollte, weiß ich klar, was ich zu tun habe und wie ich mich zu verteidigen habe und werde das auch tun!

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  4. hm. also so nachlaufen und so.. finde ich ja schon grenzwertig. ist das nicht grund genug ihm noch mal zu sagen, dass man sich unwohl dabei fühlt? ich würd nicht mal das ar.sc.hloc.h raushängen lassen, mehr so, man fühle sich eben unwohl. hm?

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